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2.4 Bosch: Datenarchitekturmanagement in einem diversifizierten Technologiekonzern

2.4.1 Unternehmensüberblick

Bosch ist ein weltweit führendes Technologieunternehmen mit einem Jahresumsatz von über 45 Mrd. EUR und mehr als 280.000 Mitarbeitern

[1]. Die Bosch-Gruppe besteht aus der Robert Bosch GmbH und etwa 360 Tochterund Regionalgesellschaften in rund 50 Ländern. Die vier Geschäftsbereiche von Bosch sind Kraftfahrzeugtechnik, Industrietechnik, Gebrauchsgüter und Energieund Gebäudetechnik (Tab. 2.10). Diese Geschäftsbereiche umfassen insgesamt 16 Divisionen, die in mehr als hundert Ländern auf der Welt aktiv sind (siehe Abb. 2.17).

Tab. 2.10 Kurzprofil Bosch

Robert Bosch GmbH

Gründung

1886

Branche

Mischkonzern: Technologie, Maschinenbau, Dienstleistungen

Unternehmenssitz

Gerlingen, Deutschland

Rechtsform

GmbH

Homepage

bosch.de

Umsatz (2013)

46,07 Mrd. EUR

Gewinn (2013)

1,25 Mrd. EUR

Mitarbeiter (2013)

281.381

Abb. 2.17 Geschäftsbereiche der Bosch-Gruppe. (nach Bosch 2013, S. 21)

2.4.2 Ausgangssituation und Handlungsdruck

Bosch hat in den einzelnen Sparten und Geschäftsbereichen über viele Jahre hinweg Erfahrungen mit dem Datenmanagement gesammelt. Allerdings gab es vor 2006 keine unternehmensweite Initiative für das Stammdatenmanagement bzw. das Datenqualitätsmanagement. Die Vielzahl an bestehenden Aktivitäten verlief unkoordiniert, folgte keinen unternehmensweiten Vorgaben und war von redundanten Aufgaben gekennzeichnet.

Steigende Komplexität in Produkten und Prozessen, kürzere Lebenszyklen, voranschreitende Globalisierung sowie die zunehmende Vernetzung der einzelnen Sparten untereinander erhöhen die Bedeutung der Daten für den Unternehmenserfolg. Das Unternehmen verabschiedete deshalb 2006 eine Konzernrichtlinie für das unternehmensweite Stammdatenmanagement. Die Konzernrichtlinie regelt die folgenden Punkte:

• Gemeinsame Ziele im Stammdatenmanagement

• Gemeinsamer Ordnungsrahmen für das Stammdatenmanagement (Funktionen und Rollen)

• Definition unternehmensweit relevanter Stammdatenklassen (u. a. Daten zu Kontenplänen, Lieferanten, Kunden, Mitarbeitern, Materialien, Kundenhierarchien)

Die Richtlinie regelt zudem den Aufbau eines unternehmensweiten Stammdatenmanagements mit folgenden Zielen (Hatz 2008):

• Eindeutige, verbindliche Zuständigkeiten bei der Ordnungsfunktion für eine Stammdatenklasse (insbesondere bei der Datenpflege) durch eine Stammdatenowner-Organisation

• Einheitliches und konsistentes Datenmodell (z. B. hinsichtlich Struktur und Inhalt) als Basis für effiziente Prozessgestaltung und -abwicklung

• Bereitstellung und Nutzung von IT-Tools zur Stammdatenpflege, -harmonisierung,

-konsolidierung und -verteilung

• Einheitliche Methodik für die Bearbeitung von stammdatenrelevanten Aufgaben (z. B. die Erstellung von Konzepten, Umsetzung von IT-Projekten, Ausübung der Ordnungsfunktion) und Prozessen

Die Konzernrichtlinie beschreibt zudem den Ordnungsrahmen für das Stammdatenmanagement bei Bosch. Es unterteilt die Stammdatenaktivitäten in organisatorische/funktionale Aktivitäten (hellgrau gefärbt in Abb. 2.18) und technische Aktivitäten (dunkelgrau gefärbt). Erstere liegen in der Verantwortung der sogenannten Data Owner (Master Data Owner, MDO), letztere in der Verantwortung der zentralen IT-Abteilung. Data Owner können über Anforderungen, Definitionen und Nutzung ihrer jeweiligen Datenklasse bestimmen.

Abb. 2.18 Ordnungsrahmen des Stammdatenmanagements bei Bosch. (Otto 2012a, S. 11)

Boschs Ordnungsrahmen für das Stammdatenmanagement unterscheidet zudem vier Teilfunktionen (siehe Abb. 2.18):

• Das Führungssystem (Governance) legt die Richtlinien für die Bewirtschaftung jeder Stammdatenklasse fest und überwacht die Umsetzung und den Erfolg des Datenmanagements für diese Datenklassen.

• Die Datenbereitstellung (Provisioning) hat mehrere Funktionen: Sie entwirft erstens die Organisation des Datenmanagements (inkl. der Rollenzuordnung) und zweitens die Datenerfassungsund Datenpflegeprozesse. Drittens ist sie für die Entwicklung eines konzeptionellen Stammdatenmodells zuständig und definiert viertens die Anwendungssysteme, in denen die Daten führend bewirtschaftet werden.

• Die Datennutzung umfasst die Verwendung der Daten in den Geschäftsprozessen. Aufgrund der Komplexität der Aufbauorganisation und der Vernetzung der Sparten nutzen verschiedene Geschäftsprozesse in unterschiedlichen Sparten dieselben Daten.

• Die Funktion „Konzepte und Projekte“ ist für die Weiterentwicklung des Datenmanagements sowie die Anpassung der Daten über ihren Lebenszyklus hinweg verantwortlich. Da sich die Geschäftsprozesse ändern, wandeln sich auch die Anforderungen an die Daten. Beispielsweise wird die Handelsregisternummer im Lieferantenstamm aufgrund gesetzlicher Vorgaben von einem Kannzu einem Muss-Feld.

Die Stammdatenarchitektur (im Folgenden kurz Datenarchitektur genannt) regelt den Zugriff, die Verteilung und den Fluss der Stammdaten mit dem Ziel, hohe Datenqualität sicherzustellen (DAMA 2009). Sie umfasst auch ein konzeptionelles Stammdatenmodell und die Applikationslandschaft. Der Entwurf einer angemessenen Datenarchitektur war somit eine der wichtigsten Gestaltungsaufgaben bei Bosch, um die erwähnte Konzernrichtlinie umzusetzen. Die Anforderungen an diese Aufgabe und die erwogenen Gestaltungsmöglichkeiten stehen im Mittelpunkt dieser Fallstudie.

Aufgrund des wachsenden Vernetzungsgrads des Unternehmens und der daraus resultierenden Vielzahl an Beziehungen zwischen Datenbereitstellung und Datennutzung stand Bosch vor einer Art „Quadratur des Kreises“ beim Entwurf der Datenarchitekturen für die einzelnen Stammdatenklassen. Zwar verfolgte das Unternehmen grundsätzlich das Ziel, seine Architekturen zu standardisieren, andererseits mussten aber spartenspezifische Anforderungen berücksichtigt werden, die keine vollständige Standardisierung erlaubten. Exemplarische Herausforderungen waren:

• Die Migration auf eine einzige Standardarchitektur wäre in vielen Fällen zu kostspielig und zu riskant – auch aufgrund unterschiedlicher Anwendungssysteme in den einzelnen Sparten.

• Der Harmonisierungsbedarf der Daten unterscheidet sich von Stammdatenklasse zu Stammdatenklasse. So ist er z. B. bei Mitarbeiterdaten vergleichsweise hoch, bei Lieferantendaten jedoch gering.

• Der Reifegrad im Stammdatenmanagement war über das Unternehmen hinweg uneinheitlich.

Abb. 2.19 Entwurfsprinzip für die Datenarchitektur bei Bosch. (Otto 2012a, S. 8)

Bosch entschied, dass diese Faktoren einem Einheits-Architekturansatz („one size fits all“) widersprechen. Infolgedessen beschloss das Unternehmen, mehrere Datenarchitekturmuster zu entwickeln, um sowohl einige Vorteile einer Standardisierung erreichen als auch gleichzeitig individuell auf Anforderungen aus den Sparten eingehen zu können.

  • [1] Diese Fallstudie basiert auf der im CC CDQ durchgeführten und unter Otto (2012a) publizierten

    Fallstudie

 
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