Öffentlichkeitsstrategien

In Anerkennung der wahrgenommenen höheren Effektivität der Elitestrategien, aber auch mit Referenz auf die fehlende europäische Öffentlichkeit, die quasi nicht-existenten gesamteuropäischen Medien und daraus resultierender Schwierigkeiten europaweiter Kampagnen, adressiert weniger als die Hälfte der NGOs (je zwei PG2 und PG4 sowie fünf PG3) – und dies auch nur selten – die Öffentlichkeit zum Zweck der Einflussnahme, vier mithilfe von Mitgliedern und Massenmedien. Nur für 40% sind die Massenmedien Adressaten der Interessenvermittlung, dabei steigt der Anteil mit dem Professionalisierungsgrad. Obgleich ihnen deren begrenzte Reichweite bewusst ist, handelt es sich vornehmlich um brüsselbasierte EU-Medien bzw. Brüsseler Tageszeitungen; den Versuch, nationale Medien zu instrumentalisieren sehen die NGOs als Aufgabe der Mitglieder.

„Die Reichweite der EU-Medien ist begrenzt, man kann keine breite Öffentlichkeit erreichen, es ist beschränkt auf die Brüsseler Blase.“ (28 P13# NGO13)

Keine NGO verfolgt vorzugsweise Öffentlichkeitsstrategien, um die Zahl derer, die ihre Forderungen unterstützen, zu maximieren, öffentlichen Druck zu generieren oder auf eine breite Basis verweisen zu können. Derartige Strategien werden lediglich in Ausnahmefällen und ergänzend zu Lobbying-Bemühungen eingesetzt. Wenn sie diesen indirekten Weg der Interessenvermittlung gehen, versuchen 60% enge Kontakte zu Medienvertretern aufzubauen und ihnen Informationen zukommen zu lassen. Weitere 20% streben nicht nach engem Kontakt, versuchen aber dennoch, ihre Positionen durch das Bereitstellen von Material in Gestalt von PMs oder Artikeln publik zu machen. Diese werden direkt an relevante Medien gesandt oder Journalisten auf der Website zugänglich gemacht. Medienstrategie und UV sind statistisch signifikant positiv korreliert (rs = ,660; Sig. (1-stg) ,001).

Trotz der relativ hohen Prozentsätze stützen die Aussagen der Interviewpartner die Ausführungen zum geringen Stellenwert des öffentlichkeitsbasierten Vorgehens.

„The journalists that cover our topics tend to make them as their specialization and therefore, we would also categorize them as sort of elite decision makers. Because the politicians and the civil servants we hope to influence will read these specialized journalists.” (162 P7# NGO7)

Der Großteil nutzt die Medien nicht um die Öffentlichkeit, sondern, um politische Vertreter zu erreichen. Bei den für die NGOs relevanten Medien handelt es sich deshalb entweder um bereits genannte EU-Medien oder um Fachpresse, welche nur von einer begrenzten Zielgruppe u.a. Vertreter der EU-Institutionen, nicht aber von der breiten Öffentlichkeit gelesen wird. Daher sind auch die Medienstrategien eher den Elitestrategien zuzuordnen.

Daneben nutzen 13 NGOs, hauptsächlich PG3, verstärkt Social Media zur Verbreitung von Informationen über politische Sachverhalte und ihre Forderungen. Zur Koordination von (öffentlichkeitsbasierten) Aktionen werden sie nur selten genutzt. Allein zwei NGOs greifen manchmal mit Action Alerts und Petitionen auf klassische zivilgesellschaftliche Mittel der Einflussnahme zurück, die auf der Mobilisierung ihrer Unterstützer und der breiten Öffentlichkeit basieren. Keine NGO versucht, in Anerkennung der Medienlogik, mit Protestveranstaltungen mediale Aufmerksamkeit zu erlangen, nur vier (darunter keine PG2) nutzen spektakuläre Bilder, um die öffentliche Meinung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Indes muss berücksichtigt werden, dass für letztere Strategie ethischmoralische Überlegungen zum Tragen kommen, was auch den schwach positiven statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen UV und dieser Strategie (rs = ,468; Sig (1-stg) ,022) relativiert.

Für 30% sind Konferenzen ein wichtiges Mittel, ihre Anliegen voranzu-

treiben; drei NGOs organisieren ergänzend eigene Veranstaltungen und Pressekonferenzen, um die Medien zu erreichen und ihre Standpunkte publik zu machen. Weitere drei NGOs konzentrieren sich ausschließlich auf eigene Veranstaltungen. Jene Elemente werden von den Interviewten im Kontext von Öffentlichkeitsstrategien genannt; es sei jedoch angemerkt, dass es sich in erster Linie um Fachkonferenzen und bei den Adressaten eher um Experten, denn um die breite Öffentlichkeit handelt. Nichtsdestotrotz können jene als Multiplikatoren der eigenen Botschaft dienen. Gleichwohl ist auf Basis der Daten, nicht von – dem deliberativen Ideal entsprechenden – generellen Bestrebungen im öffentlichen Raum präsent zu sein, auszugehen.

Newsletter

In den Newslettern von zwölf NGOs finden sich Hinweise auf Versuche der Interessenvermittlung, bspw. in Gestalt von Kampagnen oder mit anderen NGOs veröffentlichten Joint Letters. Diese sind nicht nur Beleg für faktische Advocacy-Bemühungen, sondern untermauern die in Kapitel 6.4.1 thematisierte Bedeutung strategischer Partnerschaften. Die Newsletterinhalte dreier NGOs lassen auf die Umsetzung beider Strategietypen schließen. Zehn NGOs weisen zudem auf die Veröffentlichung von Positionspapieren hin bzw. machen sie sogar per integriertem Hyperlink zugänglich. Der Anteil der Dokumente mit Inhalten, die auf Interessenvertretungsbemühungen schließen lassen, steigt mit dem Professionalisierungsgrad. Auffällig ist die im Vergleich geringe Präsenz solcher Inhalte in den Newslettern der PG2, wobei diesem Ergebnis anläßlich der Tatsache, dass nur je zwei Exemplare inhaltsanalytisch untersucht wurden, keine zu große Bedeutung beizumessen ist.

Kaum beeinflusst von der UV ist für 70% der Interviewten die Suche nach Alliierten und die Pflege von Partnerschaften elementare Komponente ihrer Interessenvermittlungsstrategie. Bei neun dieser 14 NGOs finden sich in den Newslettern Hinweise auf gemeinsame Versuche der Interessenvertretung, welche die Aussagen der NGO-Vertreter stützen. Darüber hinaus umfassen die publizierten Exemplare dreier weiterer NGOs derartige Inhalte, obwohl diese jenes Vorgehen nicht zu ihrem typischen Ansatz zählen. Insgesamt nimmt mit dem Professionalisierungsgrad, der Anteil an NGOs, in deren Newsletter entsprechende Inhalte zur Bedeutung von Partnern vorhanden sind, zu.

 
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