Responsivität

Offene Strukturen die Meinung kundzutun sind das Eine, deren Berücksichtigung das Andere. Die Existenz von Mechanismen nur um ihrer selbst willen ist, mit Referenz auf die formulierten demokratischen Standards, als unzureichend zu werten, eine angemessene Berücksichtigung in der Positionsfindung bzw. die Umsetzung der Interessen muss gewährleistet sein.

Eine gewisse Repräsentation der Mitglieder und demzufolge auch der Basis ist durch die formalen Entscheidungsfindungsstrukturen der befragten NGOs garantiert. So ist die Mitgliedervollversammlung in allen (verfügbaren) Statuten bzw. auf den Websites als ultimatives Entscheidungsorgan festgelegt. Des Weiteren setzt sich der Vorstand der Organisationen aus Mitgliedervertretern genauer gesagt aus durch die Vollversammlung gewählten Repräsentanten zusammen; die Delegationsmechanismen, in Gestalt von Wahlen der Repräsentationsund Entscheidungsorgane, sind formal festgelegt.

Zugleich messen die NGOs der Mitgliedermeinung große Bedeutung bei, wogegen nur zehn auch explizit auf deren Gewicht für ihre tägliche Arbeit hinweisen. Mit nur geringen Varianzen in Abhängigkeit von der UV ist für 3/4 der NGOs die Mitgliedermeinung absolut ausschlaggebend – wobei neun anmerken, dass zwar alle ihre Ansichten artikulieren dürfen, es aber letztlich darum geht, einen Kompromiss zwischen den, sich z.T. gegenseitig ausschließenden, Positionen zu finden. In 16 Interviews werden auch Beispiele für den Mitgliedereinfluss auf die strategische Ausrichtung und die nach außen artikulierte Position der NGO genannt oder ausgeführt, dass strategische Pläne, die als Richtlinie der täglichen NGO-Arbeit fungieren, gemeinsam mit den Mitgliedern erarbeitet werden. Unter diesen 16 NGOs sind alle PG3 und 80% PG4, aber nur 50% PG2. Auch räumen mit Ausnahme einer PG2, welche dies nur für wirklich wichtige Sachen gestattet, alle NGOs ihren Mitgliedern nicht nur die Möglichkeit ein, die Dokumente zu kommentieren, sondern modifizieren diese im Regelfall entsprechend und sichern damit die für authentische Interessenvertretung unabdingliche Responsivität.

„That happens only for very, very big things. Normally the decision is taken – because we have position papers on a lot of minor issues – and those decisions are taken by the director” (81 P17# NGO17).

In einigen NGOs werden die täglichen Entscheidungen hauptsächlich vom EUSekretariat getroffen, wobei diesbezüglich in der Regel trotzdem ein enger Austausch mit den Mitgliedern per E-Mail oder Telefon stattfindet. Die Einflusslogik wirkt sich in dieser Hinsicht nur in begrenztem Maße zulasten der Mitgliedschaftslogik aus.

„We develop the things that could be done, but the key decision makers are our members. We put proposals to them and they will then decide what we do. In terms of developing the advocacy messages; this is pretty much left to us, but of course we know where we stand on the issues that we work on. (…) it looks as if we were completely uncontrolled and do what we want, but of course, all of our supporters see what we do and they give us feedback if they think we are overlooking things or we are going off on the wrong tangent. So there is a control.“ (76 P18# NGO18)

Responsivität für die Interessen der Basis, ist als besonders positiv zu werten. Zwar betonen etliche Interviewpartner den Wert des Inputs der von ihrer Arbeit Begünstigten für die Themenfindung, die Meinung ihrer gesellschaftlichen Basis, in Gestalt der Mitglieder und Unterstützer ihrer Mitgliedsorganisationen, ist aber für keine der NGOs sonderlich relevant. Nur eine PG2 berücksichtigt sie in manchen Projekten. Ein NGO-Vertreter merkt an, dass alle Mitgliedsorganisationen ihre Mitglieder in die Positionsfindung einbinden, aus welchem Grund die Responsivitätskette bis an die Basis verlängert wird:

„Die Mitglieder sind alle sehr partizipative Organisationen. Der Input ihrer Mitglieder bestimmt ihre Position und die Positionen der Mitglieder beeinflussen uns.“ (68 P5# NGO5)

Auch die Tatsache, dass sechs NGOs natürliche Personen als Mitglieder haben, relativiert die negative Beurteilung der Responsivität gegenüber der Basis teilweise; wobei deren Interessen in manchen NGOs häufig hinter den Mitgliedsorganisationen zurückstehen müssen. So ist Responsivität in Bezug auf ihre Mitglieder – vor allem ihre Mitgliedsorganisationen – überwiegend gegeben, hinsichtlich der Basis aber kaum vorhanden und als stark verbesserungswürdig einzustufen.

 
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