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Der Wert menschlichen Lebens

Die Würde des Menschen spielt in der Debatte über die Sterbehilfe jedoch eine komplexe Rolle. Denn es geht hierbei nicht nur um die Entscheidungsautonomie des Menschen, deren Einschränkung als unwürdig gilt, sondern auch um die Frage, welchem Wert das menschliche Leben hat und ab welchem gesundheitlichen Zustand es nicht mehr würdig ist. Basierend auf dem christlichen Weltbild besitzt das menschliche Leben einen inhärenten Wert, welcher es nicht erlaubt, diesem vorsätzlich ein Ende zu setzen. Der Körper gilt als ein Geschenk Gottes. Auf Grund dessen besitzt der Mensch nicht das Recht, frei über den Beginn und das Ende seines Lebens zu entscheiden. Dieser Auffassung nach hat jedes menschliche Leben – unabhängig von den motorischen und geistigen Fähigkeiten sowie den physischen und psychischen Leiden – nicht nur eine Daseinsberechtigung, sondern auch einen höheren Wert als der Tod (Payk 2009).

Demgegenüber steht jedoch der Standpunkt, dass die Würde des menschlichen Lebens limitiert ist. Demnach wird ein Leben unwürdig, sobald man nicht mehr zurechnungsfähig ist und auf andere angewiesen ist. In der deutschen Debatte wurde dieses Argument durch den ehemaligen Intendanten des Mitteldeutschen Rundfunks Udo Reiter (2013) geprägt, welcher in der Öffentlichkeit bekannt gab, dass er nicht als Pflegefall enden möchte, sondern selbstbestimmt entscheiden möchte, wann sein Leben ein Ende nimmt.

Ärztlicher Heilungsauftrag

Die Auseinandersetzung zur Legalisierung der Sterbehilfe stellt darüber hinaus den ärztlichen Heilungsauftrag in Frage. Die ärztliche Ethik basiert auf dem Hippokratischen Eid, der über 2000 Jahre alt ist und der noch heute als Grundlage für das Ärztegelöbnis dient. Er definiert u. a. den Fürsorgeauftrag des Arztes, wonach er dazu verpflichtet ist, das Leben seines Patienten mit dem ihm zur Verfügung stehenden Wissen und den vorhandenen Mitteln zu erhalten, ihn zu heilen und ihn nicht vorsätzlich zu töten. Ziel des Gelöbnisses ist es, ein Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt zu ermöglichen. Dieses ist unabdingbar, da sich der Patient der medizinischen Behandlung und dem Sachverstand des behandelnden Arztes ausliefert und dabei sowohl die Scham, als auch die Schutzgrenzen überschritten werden. In der Debatte über die ärztliche Assistenz im Sterben steht dieser Fürsorgeethik das Prinzip der Patientenautonomie gegenüber, das sich erst in der Moderne etabliert hat (Kreß 2007; Bein und Graf 2012).

 
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