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3. Geschichte von Film und Kino

In diesem Kapitel liegt der Schwerpunkt auf der Geschichte des Kinos als Abspielort und Ort der Filmrezeption. Die Publikumsperspektive ermöglicht es, die Faszination von Film und Kino zu beschreiben. Die Analyse konzentriert sich auf Deutschland und reicht von den ersten laufenden Bildern vor über 100 Jahren bis zur heutigen Kinolandschaft.

Von der ersten Kinoaufführung bis zu einer blühenden Unterhaltungsindustrie vergingen nur wenige Jahre: Die Filmgeschichtsschreibung ist übereingekommen, die Aufführung der Brüder Lumière vom 28. Dezember 1895 in Paris als Geburtsstunde des Films zu bezeichnen. Zwar zeigten die Gebrüder Skladanowsky in Berlin schon einige Wochen vorher "laufende Bilder", doch ihr System setzte sich technisch

nicht durch.

Das frühe Kino

Anfangs waren Filmvorführungen auf Jahrmärkte und das fahrende Gewerbe beschränkt. Auch Varietétheater wie der Berliner "Wintergarten", in dem die Gebrüder Skladanowsky Filme wie das Boxende Känguru oder den Serpentintanz zeigten, gehörten zu den Vorführorten. Schausteller kauften Filmvorführapparate und Filme, reisten damit durch die Städte und führten ihre Filme vor. Die frühen Filme enthielten entweder Kuriositäten, wie eben das boxende Känguru, dokumentierten Alltagsleben oder Szenen um Könige, Kaiser und Adlige. Diese neue Form der Unterhaltung fand so regen Zuspruch, dass sich nur nach wenigen Jahren die ersten ortsfesten Abspielstätten etablierten.

Ab circa 1906 gehörten Kinos zum Standard einer deutschen, amerikanischen oder französischen Stadt. Das hatte Auswirkungen auf das Programm und die Anforderungen an die Filme. Kauften bis dahin die Schausteller die Filme und spielten sie so lange an verschiedenen Orten ab, bis sie zu sehr zerkratzt und damit unzeigbar waren, brauchten ortsfeste Spielstätten nun kontinuierlich neue Filme, um die Menschen immer wieder ins Kino zu locken. Daraus entwickelte sich der Filmverleih. Kinobesitzer mussten die Filme nun nicht mehr kaufen, sondern liehen sich diese aus und zeigten sie ein paar Wochen. Danach wanderte der jeweilige Film in ein anderes Kino, wahrscheinlich in eine andere Stadt. Mit der Etablierung der ortsfesten Kinos und des Filmverleihs wuchs auch der Anspruch des Publikums an die Inhalte der Filme. Kurze Episoden reichten nicht mehr aus. 1910 wurde in Deutschland der erste längere Film aufgeführt. Er dauerte 38 Minuten und erzählte eine dramatische Liebesgeschichte. Damit war der Spielfilm, wie wir ihn heute kennen, geboren. Dieser erste Spielfilm, Abgründe (1910), war auch die Geburtsstunde des ersten Leinwandstars in Deutschland: der Dänin Asta Nielsen. Mit ihren markant großen schwarzen Augen wurde sie zur Femme fatale der Stummfilmzeit. Leider sind etwa 80 % der Filme aus der frühen Stimmfilmzeit nicht mehr erhalten.

Zur Entwicklung der prosperierenden Filmindustrie gehört auch, dass der Dreh von Filmen aus den Städten auf die grüne Wiese verdrängt wurde. Filme waren damals aus hochentzündlichem und sogar selbstentzündlichem Material hergestellt, so dass Städte wie Berlin nach einigen verheerenden Bränden die Produktion von Filmen innerhalb der Stadtgrenzen verboten. Um die Jahrhundertwende waren Filmstudios oft auf den Dächern untergebracht, da man für den Filmdreh Sonnenlicht benötigte. Brach dort ein Feuer aus, war es kaum zu löschen, denn das Wasser kam nicht bis auf die Dächer.

Im Jahr 1911 wurde in Babelsberg, am Rande von Berlin, der Grundstein für das heutige Studio Babelsberg gelegt und 1912 der erste Film, Der Totentanz mit Asta Nielsen, gedreht. So entstand um die 1910er Jahre weltweit eine professionalisierte Filmindustrie: In Amerika beispielsweise siedelte sie sich in Hollywood an. Heute steht "Hollywood" synonym für Glamour, große Filmstudios und Kassenerfolge. Hollywood perfektionierte das Starsystem, wie wir es auch heute noch kennen. Die frühen Hollywoodstars hießen Mary Pickfort oder "The Biograph Girl".

Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs standen sich die USamerikanische und die europäische Filmindustrie gleichberechtigt gegenüber. Die künstlerischen Innovationen kamen aus Frankreich, die technischen aus den USA, und da beim Stummfilm die Sprache keine Rolle spielte, konnten europäische Filme innerhalb von ganz Europa gezeigt werden. Der Erste Weltkrieg zerschlug die junge europäische Filmindustrie jedoch in kürzester Zeit. Für die Herstellung von Schießpulver und Zelluloid sind die gleichen Chemikalien notwendig, und in Kriegszeiten ordneten die Regierungen selbstverständlich an, dass Waffen und nicht Filme damit hergestellt wurden. In dieser Zeit konnte sich die amerikanische Filmindustrie uneingeschränkt weiterentwickeln und möglicherweise den Grundstein für die noch heute vorherrschende Dominanz legen.

Während in Europa der Krieg tobte, erfand Hollywood das Studiosystem und die Filmherstellung am laufenden Band. Neuerungen in Erzählweisen, in Kameraführung, Slapstick und Comedy, die Liebeskomödie, das Drama, all dies entwickelte sich damals. Die großen Studios, die heute noch unser Bild von Hollywood prägen, wie MGM, Universal Picture und Warner Brothers, wurden in diesen Jahren gegründet und wuchsen zu Megakonzernen an.

Das frühe Kino wird oft mit der Annahme verbunden, dass es ein Unterschichtenund Proletariermedium war und hauptsächlich von Frauen besucht wurde. Literarische Beschreibungen wie Döblins Kleine Leute (1909) und Kracauers Ladenmädchen (1929) nährten diesen Mythos. Ansonsten ist über das frühe Publikum recht wenig bekannt. Aufgrund der Vorführorte wie Jahrmärkte und Kirmes sowie den schlecht ausgestatteten Ladenkinos gingen die meisten Wissenschaftler von einem Arbeiterpublikum aus. Diese Annahme muss aber wohl revidiert werden. Überliefert ist beispielsweise aus Frankreich, dass dort zumindest anfangs auch die Oberschicht Filmvorstellungen besuchte. So kamen 200 Bürger am 6. Mai 1897 durch die Explosion einer Ätherlampe und den anschließenden Brand eines Wohltätigkeitsbasars in Paris ums Leben. Der Legende zufolge führte dieser Vorfall, der die mögliche Lebensgefahr bei Filmvorführungen zeigte, zu der Abneigung von Kinovorstellungen bei der Oberschicht. Betrachtet man jedoch den Bau der edlen und eleganten Kinos in den Innenstädten, so spricht einiges gegen diese Abneigung. So wurde der erste Kinopalast in München 1913 in Anwesenheit von König Ludwig III. und seinem gesamten Hofstaat eröffnet. Dies ist ein Indiz dafür, dass die Kinematografie zumindest beim bayerischen Adel nicht verpönt gewesen sein konnte. Luxuriösere Kinos wären kaum entstanden, wenn es keine Nachfrage gegeben hätte.

Aus einer der wenigen Untersuchungen dieser Zeit, der Altenloh-Studie (1914), wissen wir ebenfalls, dass bereits 1912 der Kinobesuch für alle Schichten und Berufe selbstverständlich war. Demnach besuchten die jungen Männer (und nicht die Ladenmädchen) am häufigsten ein Kino.

Nicht unschuldig an der verzerrten Wahrnehmung des tatsächlichen Publikums sind sicherlich die Warnungen der Kinoreformer, die unermüdlich auf den negativen Einfluss des Kinos auf Kinder, Jugendliche und Unterschichten hinweisen. Anfänge des Kampfes gegen die "Kinoseuche" sind ab 1907 dokumentiert. Es entstehen Schriften, die auf die Gefahren des Schundfilms und die unzüchtigen Ladenkinos hinweisen. An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass es um die Jahrhundertwende nur wenige Orte gab, an denen sich Jugendliche und junge Erwachsene treffen konnten und wohin vor allem auch Frauen allein hingehen konnten. In der Fantasie der Kinoreformer konnte in der Dunkelheit zwischen unverheirateten jungen Mädchen und jungen Männern noch eine Menge mehr passieren, als nur einen Film anzusehen. Festzuhalten bleibt: Film – damals untrennbar mit Kino, dem dunklen Raum zur Vorführung, verbunden – setzte sich schnell als Massenmedium durch.

 
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