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Die Goldenen Jahre

Für die deutsche Kinoindustrie waren die 1920er Jahre die Goldenen Jahre. In dieser Zeit etablierten sich vor allem die riesigen Filmtheater, von Siegfried Kracauer als "Paläste der Zerstreuung" bezeichnet. Errichtet von Stararchitekten und mit Platzkapazitäten von circa 2 000 Sitzen waren diese Kinos vornehm ausgestattet und an den ersten Adressen in den Städten untergebracht; in Berlin war dies der Kurfürstendamm. Diese Kinos trugen wohlklingende Namen wie Titania Palast oder Mozartsaal. Filmstudios wie die UFA (Universum Film AG 1917) wurden gegründet, und ein deutscher Filmstil entwickelte sich. Zeitgenössische Beobachter, fasziniert von der Wirkung der Filmbilder, verfassten die heute noch rezipierten Analysen zur Filmtheorie, zum Beispiel Rudolf von Arnheim (1932), Béla Balázs (1924) oder Siegfried Kracauer (1929).

Die 1920er Jahre sind auch die Jahre, in denen die Leinwandgöttinnen und -helden verehrt wurden. Marlene Dietrich wurde mit dem Film Der blaue Engel (1930) über Nacht zum Kinostar. Schon damals gab es Starpostkarten und ähnliche Fansammelartikel. Wichtig scheint dabei heute wie damals zu sein, dass Filmschauspieler der realen Welt entrückt wirken und den Eindruck erwecken, ein unerreichbares Leben zu führen.

Zwar dauerte das Goldene Zeitalter der deutschen Filmwirtschaft nur bis zur Machtübernahme durch Adolf Hitler im Jahr 1933 an, aber in der kurzen Zeit wurden stilprägende Werke geschaffen. Inspiriert durch einen modernen Zeitgeist, beeinflusst von Theaterstücken und Kunst entstanden Werke wie der expressionistische Film Das Cabinet des Dr. Caligari (1919) oder, als Gegensatz dazu, der naturalistische und furchterregende Film Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (1922). Als filmhistorischer Meilenstein gilt der expressionistische Science-Fiction-Film Metropolis (1927). Alle diese Werke stehen für filmische Innovationen, was Bildsprache und Erzählweise betrifft. Kamera und Schnitt wurden so eingesetzt, dass die Bilder für sich die Geschichte erzählten und kaum Zwischentexte notwendig waren. Auch die Bühnenbilder waren Kunstwerke für sich. Die Filme waren fantastisch oder realistisch, aber künstlerisch und ästhetisch neu.

Betrachtet man aber die Publikumshits in dieser Zeit, so lassen sich als beliebteste Genres die Komödie und andere leichte Stoffe erkennen. Obwohl die 20er Jahre die filmhistorisch wichtigen expressionistischen Klassiker hervorbrachten, gehörten diese in der Regel nicht zu den Publikumsfavoriten. So findet man mit Ausnahme von Metropolis (1927) kaum Filmklassiker auf den Hitlisten. Diese Auflistungen werden angeführt von Komödien wie Die Drei von der Tankstelle (1930/31), Lustspielen wie An der schönen blauen Donau (1926/27), Frau im Mond (1929/30) oder dem amerikanischen Monumentalfilm Ben Hur (1927/28).

In den unzähligen Abhandlungen und Filmanalysen über die Filme der 20er Jahre mit ihren Zuordnungen zu verschiedenen Stilrichtungen, Regisseuren usw. spielt der Publikumsgeschmack selten eine Rolle. Meistens finden sich nicht einmal Hinweise auf die Akzeptanz der Filme beim Publikum, sondern nur Besprechungen der zeitgenössischen Filmkritiker. Dass diese in der Regel nicht mit den realen Publikumsvorlieben übereinstimmen, lässt sich auch heute noch beobachten.

An der Entwicklung des Tonfilms arbeiteten verschiedene Techniker weltweit seit Ende der 1920er Jahre gleichzeitig. Hier gilt die Aufführung von The Jazzsinger (1927) als Geburtsstunde. Zwar waren die Filmvorführungen der Stummfilmära nicht still; die Filme wurden je nach Art des Kinos von Klavieren oder, in den Filmpalästen, von ganzen Orchestern musikalisch begleitet, aber der Tonfilm brachte Sprache in den Film. Das bedeutet nicht nur, dass nun die Möglichkeit bestand, die Schauspieler sprechen zu lassen, es war auch mit einem künstlerischen Umbruch verbunden: weg von der Bildsprache, hin zum Dialog. Nicht alle Filmemacher und Schauspieler konnten diesen Wandel vollziehen. Marlene Dietrich hingegen nutzte die Chance. Der Film Der blaue Engel (1930) wurde gleichzeitig in Deutsch und parallel dazu in Englisch gedreht, damit er sowohl in Europa als auch in den USA gezeigt werden konnte, und die Dietrich wurde auch in den USA ein Star.

Die Einführung des Tonfilms erfolgte etwa zeitgleich mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise, und erstmals sanken die Kinobesucherzahlen weltweit, die bis dahin kontinuierlich gestiegen waren.

 
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