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Filmwirkungen

So alt wie das Medium Film, so alt ist auch die Debatte um jugendverderbende und Gewalt verherrlichende Filme, die einen vermeintlich negativen Einfluss auf unsere Jugend haben sollen. Zwar wissen wir aus der Forschung, dass es lineare und direkte Medienwirkungen nicht gibt, dennoch kommt immer wieder die Frage auf, ob Horrorfilme oder besonders gewalthaltige Actionfilme nicht doch das Aggressionspotenzial erhöhen. Forschung über den Einfluss von Kino auf Kinder und Jugendliche wurde vor allem bis in die 1950er Jahre betrieben. Dann wurde das Kino als Übel der Gesellschaft vom Fernsehen abgelöst, was zur Folge hat, dass es keine aktuellen Befunde zu der Frage der Wirkung von Filmen gibt. Heute beschäftigen sich die Kulturkritiker und Kulturpessimisten – ausgehend von den gleichen Prämissen – eher mit Computerspielen. Fürchtete man also zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, dass Kino eine "Schule des Verbrechens" sein könnte, so schreibt man diese Eigenschaft heute eher anderen Medien zu.

Die zahlreichen Studien aus den Anfängen der Kinogeschichte, beschäftigten sich hauptsächlich mit negativen Filmwirkungen (vor allem auf Kinder und Jugendliche). In einer Bibliografie zum Kinopublikum stellte der Publikumsforscher Bruce Austin vom Rochester Institut of Technology 1233 Titel zusammen, wobei nur Aufsätze berücksichtigt wurden. Dieter Wiedemann und Jörg Stiehler zählten im Jahre 1984 über 80 empirische Studien, die sich mit Filmkommunikation allein in der DDR befassten. Im Vordergrund standen auch hier meist die möglichen Filmwirkungen. Viele der älteren amerikanischen Untersuchungen gehören auch heute noch zu den "Meilensteinen" der kommunikationswissenschaftlichen Wirkungsforschung.

Beispielhaft sind die Payne Fund Studies oder die Untersuchungen von Carl Hoveland, die in den USA den Zusammenhang zwischen Filminhalten, Propaganda, Filmwirkungen und dem Publikum erforschten. Die Payne Fund Studies (1929–1932) spürten dem Einfluss von Kino auf Kinder und Jugendliche nach. Ausgangspunkt war die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche damals ungefähr einmal in der Woche ins Kino gingen. Untersucht wurden die Themen und Inhalte der Filme, die Informationsaufnahme des Publikums, Verhaltensund Emotionsänderungen, das Schlafverhalten der Kinder und die Gefährdung der Moral. Die Forscher fragen auch nach dem Spielverhalten, ob z. B. Stars imitiert oder Geschichten nachgespielt wurden. Vordergründig bestätigten die Ergebnisse die Ängste der Forscher: So konnten sie einen Einfluss auf die Einstellungen zu bestimmten Themen, auf das Schlafverhalten, die Spielweise und die Schulnoten ermitteln. Häufige Kinobesucher schliefen schlechter und zeigten schlechtere Leistungen in der Schule als seltene Kinobesucher. Außerdem fanden sich Filmthemen im Spielverhalten wieder, wie das Cowboy-und-Indianer-Spiel. Ob die beobachteten Verhaltensweisen jedoch tatsächlich auf die Kinofilme und ihre Inhalte oder doch eher auf soziale Bedingungen zurückzuführen sind, lässt sich leider nicht feststellen. So hatten die Payne-Fund-Forscher keine Kontrollgruppe befragt, das heißt sie konnten ihre Daten nicht mit denen von "NichtKinobesuchern" vergleichen. Außerdem hatten sie nicht nach sozialer Herkunft, Einkommen und Bildung der Eltern gefragt. Kritiker gaben zu bedenken, dass möglicherweise vor allem Kinder aus den armen Unterschichten häufig ins Kino gingen. Die schliefen vielleicht schlecht, weil sie ihr Bett mit den Geschwistern teilen mussten, und hatten schlechte Noten, weil es in einer engen Wohnung keine Ruhe und keinen Platz für Hausaufgaben gab. Das enge Zusammenleben könnte auch der Grund für eine häufige Flucht ins Kino sein. Somit ist eine negative Wirkung des Kinobesuchs auf Kinder und Jugendliche durch diese Studie nicht nachzuweisen.

Wenige Jahre später untersuchte eine Forschergruppe um Carl Hoveland, ob Propagandafilme der US-Armee die Bereitschaft der Soldaten, in den Zweiten Weltkrieg zu ziehen, stärken konnten. Mit eigens für die Armee produzierten Propagandafilmen gingen sie verschiedenen Wirkungen nach. Es stellte sich heraus, dass sich durch Filme zwar Faktenwissen verbessern lässt, tiefer liegende Einstellungen und Verhaltensweisen aber nicht. Auch in den folgenden Jahren konnte keine Studie einen negativen Effekt von Kino und Film auf Kinder und Jugendliche nachweisen; in fast allen Untersuchungen zeigte sich, dass das soziale Milieu, die Bildung und das Einkommen sowie die individuelle psychische Verfasstheit stärker auf das Verhalten wirken. Allenfalls zeitweilige Effekte, wie eine kurzzeitige Erregung, konnten nachgewiesen werden. Ab den 1950er Jahren rückten andere, damals neue Medien wie das Fernsehen ins Zentrum der Forschung.

Auch die Politiker der DDR setzten voraus, dass Kino auf die Gedanken und Einstellungen der Menschen stark einwirke; deshalb mussten Filmideen, Drehbücher und fertige Filme mehrere Kontrollinstanzen vor Drehbeginn und Veröffentlichung durchlaufen. Legendär ist das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED im Jahre 1965. Nach Beschluss dieses Plenums kamen über ein Dutzend Filme (darunter so berühmte wie Spur der Steine) gar nicht in die Kinos oder verschwanden sehr schnell vom Markt. Einige der Mitte der 1960er Jahre hergestellten DEFA-Kinofilme hatten ihre Premiere erst nach der Wende von 1989. Wissenschaftlich belegt war die Furcht der Herrschenden vor der Wirkung der Filme nicht.

Um Kino und starke Medienwirkungen ranken sich auch allerlei Mythen: So hält sich hartnäckig das Gerücht, dass in den 1950er Jahren einige Kinobetreiber Aufnahmen von Coca-Cola trinkenden Menschen in Filme hineingeschnitten hätten und daraufhin der Coca-Cola-Konsum gestiegen sei. Diese Aufnahmen sollten jeweils als einzelne, nicht wahrnehmbare Bilder – also ein Bild von den 24 Bildern, die eine Sekunde Film ausmachen – eingefügt worden sein. Es gibt keinerlei Beleg für diese Geschichte. Im Gegenteil, immer wieder konnten Forscher zeigen, dass man ein Bild, das man nicht wahrnimmt, auch nicht unbewusst wahrnehmen kann und es folglich keine Wirkung hat.

 
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