Mobilisierungsbemühungen der NGOs

In gleicher Weise offenbaren die faktisch umgesetzten Mobilisierungsaktivitäten der NGOs, vor allem für die zweite Linkage-Stufe, teils enorme Optimierungspotenziale. Wie in den Sozialisierungsbestrebungen wird hier selten zwischen Basis und Öffentlichkeit differenziert, weswegen beide Zielgruppen zusammengefasst dargestellt werden.

Fast die Hälfte verfolgt kaum Bemühungen der Mitgliedermobilisierung, da diese entweder bereits aktiviert sind oder es an personellen wie zeitlichen Ressourcen bzw. einer Strategie mangelt. Drei NGOs weisen darauf hin, dass der Zweck des Mitgliederkontakts der reziproke Informationsaustausch ist. Der Anteil derer, die kaum mobilisierend tätig sind, ist unter den PG4 am höchsten, es zeigt sich aber keine Verteilung analog der Hypothesen. Selbiges gilt für die Massenmobilisierung, d.h. die Bemühungen, in ihrer Advocacy-Arbeit auf eine breite Unterstützerbasis verweisen zu können. Obwohl 55% sie als bedeutsam erachten, sind nur zwei PG2 (beide mit Mitgliedschaftsoption für natürliche Personen) diesbezüglich auch regelmäßig aktiv. Insgesamt findet Mobilisierung, zum Zweck, die Zahl derer zu erhöhen, die hinter den eigenen Forderungen stehen, jedoch kaum statt – ein mit Bezug auf die Legitimation der Organisationen problematisches Ergebnis.

Gesamt PG2 PG3 PG4

Mobilisierungsbestrebungen N % N % N % N %

MG

Info/Material Unterstützung NGO

19

100

4

100

10

100

5

100

Info über Einflussmöglichkeiten

17

89

4

100

8

80

5

100

Initiierung transnat. Diskurse

11

58

1

25

5

50

5

100

Motivation, aktiv zu werden

13

68

2

50

7

70

4

80

B/Ö

Info/Material Unterstützung NGO

6

30

1

25

3

27

2

40

Info über Einflussmöglichkeiten

9

45

3

75

3

27

3

60

Initiierung transnat. Diskurse

8

40

2

50

4

36

2

40

Motivation, aktiv zu werden

8

40

2

50

4

36

2

40

Tabelle 12 Mobilisierungsbestrebungen

Knapp über die Hälfte der NGOs ruft die Mitglieder konkret zum Handeln auf, u.a. in dem sie diese auffordern, ihren MEPs zu schreiben, auf nationaler Ebene Advocacy zu betreiben oder an Konsultationen teilzunehmen, wobei kein signifikanter Unterschied in Abhängigkeit der UV festzustellen ist. Nur eine NGO dehnt diesen Aufruf auf Öffentlichkeit und Basis aus. In ihren Bestrebungen, die Mitglieder zu mobilisieren Willensbildung zu betreiben und so die Anliegen der NGO voranzubringen stellen alle Informationen sowie Material zur sofortigen Nutzung. Dabei handelt es sich u.a. um Vorlagen für Briefe an Politiker plus die Kontaktdaten derjenigen, die es zu adressieren gilt oder PMs – z.T. müssen diese allerdings übersetzt werden.

Ebenfalls kaum beeinflusst von der UV ist fast die Hälfte der NGOs (fünf dezentral und vier zentralistisch organisierte) in die Entwicklung der Mobilisierungsstrategie ihrer Mitglieder involviert, was als sehr positiv hervorzuheben ist, da sie so Einfluss auf die Bemühungen auf nationaler Ebene nehmen können. Dabei geben je zwei PG2 und PG3 (darunter drei zentralistisch organisierte) die Strategie vor; weitere zwei PG3 und drei PG4 entwickeln sie gemeinsam mit den Mitgliedern. Ohne relevantes Muster in Abhängigkeit der UV initiieren sieben NGOs, wiederum drei dezentral organisierte, sehr selten gemeinsame Aktionen. Folglich variiert der Involvierungsgrad, je nachdem, welche Form der Unterstützung gewünscht oder welche Strategie von den Mitgliedern gewählt wird. Ausschließlich eine der acht zentralistisch organisierten NGOs entwickelt eine abgestimmte Strategie, die von den Mitgliedern mit nur geringen, dem nationalen Kontext geschuldeten, Modifikationen umgesetzt wird. Indessen weisen sieben der in die Mobilisierungsbemühungen ihrer Mitglieder involvierten NGOs darauf hin, dass diese vorwiegend unabhängig von ihnen agieren – der Anteil der dezentral organisierten überwiegt. Die Autonomie der Mitglieder ist keinesfalls negativ zu werten, da sie die kulturellen und politischen Eigenheiten der einzelnen Länder oft besser kennen und die angemessenste Vorgehensweise wählen können. Ob die Materialien eingesetzt oder die Strategien implementiert werden, ist jedoch für die meisten NGOs nicht nachvollziehbar. Es fehlt mehrheitlich an Mechanismen, die eine Umsetzung mobilisierender Aktivitäten sicherstellen.

Weitere 53% der NGOs stellen oben beschriebene Materialien auch der Basis zur Verfügung bzw. intendieren die Weiterleitung. Es zeigt sich ein klarer Unterschied gemäß der H2. Mehrere NGO-Vertreter weisen auf die aus kulturellen Unterschieden resultierende Schwierigkeit hin, den Mitgliedsorganisationen in den verschiedenen Ländern adäquates Material zu stellen, welche sich in Bezug auf deren Mitglieder verstärkt:

„In some campaigns we absolutely go for subsidiarity principle (…) we are so broad that there are so many cultural differences. So the way you can put a poster that would work in Portugal, maybe it would not work in Bulgaria. So you have to take all those things into consideration. It is very difficult to say from Brussels for the whole EU we are going to drive this campaign as a holistic campaign. We can have the same guidelines, but then they do all their own materials if they can.” (188 P3# NGO3).

Allein 30% stellen jedem Interessierten Material. Davon gehen einzig drei PG3 ergänzend den Weg über die Mitglieder und erhöhen damit die potenzielle Reichweite der Materialien.

Obgleich bloß 14 NGOs dieses Ziel formulieren, informieren 17 die Mitglieder über politische Einflussnahmeoptionen auf EUund teils auch auf nationaler Ebene. Während 13 NGOs hier, nach eigenen Aussagen, permanenten Informationsfluss realisieren, leisten je zwei PG3 und PG4 diesen nur punktuell. Lediglich neun lassen auch Basis und Öffentlichkeit derartige Hinweise zukommen. Hingegen versuchen nur neun der 13 NGOs, die selbiges Ziel formulieren, grenzübergreifende Diskurse unter den Mitgliedern zu initiieren. Die Kongruenz von Zielformulierung und Umsetzung ist unter den PG4 am höchsten. Acht NGOs bemühen sich um Willensbildung bzw. Diskursinitiierung für einen weiter gefassten Adressatenkreis. Diese Versuche finden aber nicht nur selten, sondern auch meist ohne koordinierte Bemühungen, die (nationalen) Massenmedien zu instrumentalisieren statt. Für den Einfluss der UV sind für alle Zielgruppen nur sehr bedingt aussagekräftige Unterschiede erkennbar.

Bezogen auf ihre Mitglieder ist mit Ausnahme der Diskursinitiierung eine positive Diskrepanz zwischen Zielsetzung und realisierten Aktivitäten erkennbar; für Basis und Öffentlichkeit verhält es sich gegenteilig. Für die Quantität der Aktivitäten ergibt sich im Vergleich zu den Zielformulierungen ein anderes Bild: Nur drei PG3 und eine PG4 verfolgen alle fokussierten Mobilisierungsaspekte mit Referenz auf die Mitglieder; zwei sind in allen Aspekten mit Blick auf Basis und Öffentlichkeit aktiv. Die Werte verdeutlichen, dass der Anteil derer, die sich aktiv an jene Zielgruppen richten, welche, so von den EU-Organen erhofft, durch NGOs besonders gut erreicht werden können, eher gering ist. Es wenden sich nie mehr als 45% an Basis und Öffentlichkeit und dies zudem selten. Die Erwartungen an NGOs als Träger transnationaler Diskurse und Förderer der Partizipation müssen auf Basis dieser Daten relativiert werden.

 
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