Das Alter

Die durch unsere Bedürfnisstruktur gegebenen Dispositionen sind natürlich sehr stark vom Alter abhängig [1]. Bei Kindergartenund Grundschulkindern reicht es oft, die angeborene Neugierde nicht zu bremsen, um enorme Lernanstrengungen zu mobilisieren. In der Pubertät und weit darüber hinaus dominiert dann in aller Regel das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung. In einem Umfeld, in dem es sich nicht entfalten kann, weil Menschen sich fremdbestimmt und gleichgeschaltet fühlen, kommt es mit einiger Regelmäßigkeit zu destruktiven Reaktionen, die Lehrer bisweilen zur Verzweiflung bringen. Bei Erwachsenen sind Lernbedürfnisse je nach soziokulturellem Hintergrund sehr unterschiedlich gelagert. Bildungsprojekte müssen deshalb viel Raum lassen für biografisch orientierte Phasen.

Wann beginnt Politische Bildung eigentlich [2]? Oft wird argumentiert, mit Politischer Bildung solle man nicht zu früh beginnen. Kinder könnten von der Kompliziertheit der Materie wie auch von den Gefühlen, die manche Themen auslösen, schnell überfordert sein. Solchen Bedenken ist Dreierlei entgegenzuhalten: Erstens kriegen Kinder sehr früh sehr viel mit von dem, was in der Welt der Politik geschieht. Wie hätte man Kinder etwa vor Berichten über Fukushima oder den Bürgerkrieg in Syrien schützen können? Zweitens gilt auch für die Politische Bildung, was für viele andere Bereiche gilt: Die Lernfähigkeit des Menschen nimmt um so mehr ab, je älter er wird. Wenn ein demokratisches Gemeinwesen also auf mündige Bürger angewiesen ist, dann sollte die Mündigkeitserziehung so früh wie möglich beginnen. Und drittens kommt es bei Bildungsprozessen, die das ganze Leben begleiten, darauf an, dass die Prozesse gut aufeinander aufbauen können, dass das neu zu Lernende also jeweils an das bereits Gelernte anschlussfähig ist. Drei gute Gründe also, mit der Politischen Bildung von Anfang an zu beginnen, die kognitiven und affektiven Grenzen der Lernenden zu respektieren und ihre Möglichkeiten auszuschöpfen. Politische Bildung in einem weiteren Sinn beginnt demnach in der Familie und wird in der Kinderkrippe, im Kindergarten und in der Grundschule weitergeführt.

In den ersten Lebensjahren steht in Hinblick auf das Fernziel des mündigen Bürgers vor allem das soziale Lernen im Mittelpunkt [3]. Eine erste fundamentale Bildungsaufgabe ist die Entwicklung des Identitätsbewusstseins: die Entwicklung einer Vorstellung davon, wer ich eigentlich bin, als Voraussetzung für Selbstvertrauen, die Fähigkeit zur Selbstkritik und die Anbahnung eines freien Willens. Eine zweite nicht weniger fundamentale Bildungsaufgabe ist die Entwicklung von sozialen Kompetenzen im Umgang mit anderen Kindern. Die Öffnung hin zu einzelnen Gleichaltrigen, das Interesse, andere kennenlernen zu wollen, sie in ihrer Andersartigkeit zu respektieren und diese Andersartigkeit als persönliche Bereicherung zu begreifen. Hierher gehört auch die Fähigkeit, Konflikte friedlich auszutragen und sich, wo nötig, auch mit anderen zu solidarisieren, um sich gegen Stärkere besser wehren zu können. Eine dritte Bildungsaufgabe im Bereich des sozialen und moralischen Lernens bildet den Übergang zur Politischen Bildung in einem engeren Sinn. Hier geht es um das Verhältnis des einzelnen Kindes zu einer größeren Gemeinschaft, wie etwa die gesamte Klasse. Das Kind lernt, sich zu der Gemeinschaft zugehörig zu fühlen, sich an deren Regeln zu halten, sich gegen diese aber unter Umständen auch zur Wehr zu setzen und für deren Änderung einzutreten. Es lernt auch, Aufgaben zu übernehmen und sich zusammen mit anderen für bestimmte Ziele zu engagieren. Die Grundschulpädagogik hat eine Fülle von Methoden entwickelt, die der Umsetzung dieser Ziele des sozialen und moralischen Lernens dienen, zum Beispiel das Ich-Plakat: Kinder im Kindergarten oder in der Grundschule gestalten ein Plakat von sich selbst und stellen sich mit dessen Hilfe den anderen in der Gruppe vor.

Der Übergang vom sozialen und moralischen Lernen zum politischen Lernen erfolgt über einfachste Vorstellungen von dem, was Politik im Kern ist. Solche Vorstellungsinhalte werden oft Basiskonzepte genannt, weil sie dazu dienen, anderen, anspruchsvolleren Inhalten als Grundlage zu dienen, auf der aufgebaut werden kann. Basiskonzepte müssen exemplarisch die Lebenswelt der Lernenden mit der Objektwelt der Politik verbinden. Beispiele für solche Basiskonzepte, die in Familie, Kindergarten und Schule kennengelernt werden sollten, sind vor allem

„Rechte und Pflichten“, „Person und Amt“, „Familie und Staat“, „Streit und Einigung“ oder „Eigenwohl und Gemeinwohl“ (siehe Kap. 5.2). Diese Begriffspaare verweisen auf Unterscheidungen, die zwangsläufig nachvollzogen werden müssen, wenn man sich dem Wesen des Politischen – das allgemein Verbindliche bzw. das verbindliche Allgemeine – annähern möchte.

Beliebtes Beispiel für die Politische Bildung in der Grundschule ist das Thema Kinderrechte: die Erkenntnis, dass sich Kinder nicht alles gefallen lassen müssen, was ihnen die Erwachsenen antun, sondern dass sie als kleine Menschenwesen ganz besondere Ansprüche an die Gesellschaft haben, die als Menschenrechte allen staatlichen Rechten vorausgehen. Ein anderes Beispiel, das in die Welt der Politik einführt, ist das Amt des Klassensprechers. Jeder Schüler sollte verstehen lernen, dass es nicht reicht, wenn der Klassensprecher in derselben Straße wohnt, im selben Sportverein und auch sonst ein enger Freund ist. Der Klassensprecher muss vielmehr Verantwortung für die gesamte Klasse übernehmen, dazu unparteiisch sein und sich trauen, den Mund aufzumachen und die Anliegen der Klasse gegenüber dem Lehrer oder Direktor auch wirksam vorzutragen.

Über den Basiskonzepten türmt sich die Gesamtheit der weiteren Konzepte von Politik. Entscheidend ist, dass Basisund Aufbaukonzepte eng genug miteinander verbunden sind. Dies erfordert auf beiden Seiten ein Optimum an Anschlussfähigkeit. An das Amt des Klassensprechers kann so zum Beispiel das Amt des Gemeinderats oder des Bürgermeisters angeschlossen werden, mit dem Ziel, einige Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten. Von der Gemeinde geht der politische Erkundungsweg weiter über den Landkreis, das Bundesland, Deutschland, Europa und schließlich zur Welt. Es liegt auf der Hand, dass die räumlich weiter entfernten Ebenen des Gemeinwesens erst dann für das Bildungsgeschehen bedeutsam werden können, wenn die jeweiligen Grundlagen auf den näheren Ebenen gelegt sind. Diese Ausweitung des Horizontes schließt im Übrigen an jene Ausweitung an, die im Grunde auch schon das Leitprinzip beim sozialen und moralischen Lernen war: der Gang vom Ich über das Du zum Wir.

Möchte man den Zusammenhang zwischen Alter und Politischer Bildung, wie er sich im Lebenslauf vollzieht, prägnant zusammenfassen, so kann vielleicht von einer systematischen räumlichen und zeitlichen Horizonterweiterung des lernenden Subjekts gesprochen werden: Je älter es wird, desto mehr weitet es sein Interesse, sein Verständnis und sein Verantwortungsgefühl auf all das, was außerhalb existiert, aus. Deshalb ist es auch entscheidend, dass den Kindern von Anfang an, also bereits in der Familie und im Kindergarten, angemessene Partizipationsund Mitverantwortungsmöglichkeiten eröffnet werden.

  • [1] Z. B. Gukenbiehl/Kopp 2006
  • [2] Z. B. Richter 2007
  • [3] Henkenborg 1996
 
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