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5.1.3 Einfaches Grundmodell der Kompetenzentwicklung

Nicht nur beim Streit um Sinn und Unsinn von Kompetenzmodellen generell, sondern auch bei der Frage, wie solche Modelle konstruiert sein sollten, spielen die zugrunde liegenden Bilder vom Menschen und vom Gemeinwesen eine große Rolle. Wenn wir dem Menschen viel zutrauen und unser Gemeinwesen so organisieren, dass er viel Einfluss auf die allgemeinen Angelegenheiten hat, dann müssen die Menschen auch in die Lage versetzt werden, diesen Einfluss qualifiziert bzw. kompetent auszuüben. Wo den Menschen wenig zugetraut wird, beschränken sich die Kompetenzerwartungen mehr oder minder darauf, dass sie keine Probleme machen sollen.

Geht man davon aus, dass Mündigkeit eine kognitive, affektive und praktische Dimension hat (vgl. Kap. 3.2), ergibt sich allein daraus schon ein einfaches Kompetenzmodell. Der mündige Bürger muss erstens in Bezug auf Gesellschaft, Wirtschaft und Politik sinnlich und gedanklich aufgeschlossen sein und über entsprechende kognitive Fähigkeiten verfügen. Er darf zweitens emotional nicht gleichgültig sein, wenn fundamentale menschliche Werte wie Menschenwürde und Menschenrechte und fundamentale staatliche Strukturprinzipien wie Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Bundesund Sozialstaatlichkeit verletzt oder gefährdet sind. Und er muss drittens die Fähigkeit besitzen, aus seinem Wissen und seiner Erregung heraus auch praktische Konsequenzen zu ziehen: sich also tatsächlich einzumischen. „Sehen, beurteilen, handeln“ – dieser Titel eines der bekanntesten Schulbücher aus den 60er Jahren, das von Wolfgang Hilligen verfasst wurde, markiert ein erstes, zugegebenermaßen noch wenig elaboriertes Kompetenzmodell.

Was den Anspruch der Messung, Quantifizierung und des Vergleichs der Kompetenzen betrifft, so liegt es freilich auf der Hand, dass dieser lediglich bei den kognitiven Kompetenzen einigermaßen einlösbar sein dürfte. Der Vergleich affektiver Kompetenzen stößt bekanntlich auf erhebliche methodische Schwierigkeiten. Wie sollen Gefühle gemessen werden? Zu welchem Zeitpunkt? Wie kann der Einfluss des Mess-Arrangements, etwa die Schule als Institution, methodisch isoliert werden? Und was die Kompetenz zum Handeln betrifft, so war lange Zeit bildungspolitisch höchst umstritten, ob politisches Handeln überhaupt in einen solchen Kompetenzkatalog aufgenommen werden sollte. Konservative Praktiker und Theoretiker der Politische Bildung neigen bisweilen zu der These, dass politisches Handeln dem Privatbereich des Individuums zu überlassen sei und die Vorbereitung darauf in der Schule nichts zu suchen habe. Hier sei noch einmal an die im 3.Kapitel erwähnten Bürgerleitbilder und die zugehörigen Politikvorstellungen erinnert.

 
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