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5.1.5 Ein inhaltsorientiertes Kompetenzmodell mit gesellschaftskritischem Anspruch

Ganz anders das Kompetenzmodell von Oskar Negt[1]. Negts Ausgangspunkt ist eine gesellschaftskritische Diagnose: In unserer Gesellschaft hat sich ein enormes Wissen angesammelt, aber dieses Wissen wird nur in einem minimalen Umfang dazu genutzt, die sich ausbreitenden Krisenherde, die den sozialen Zusammenhang bedrohen, bearbeitbar zu machen. Diese Diskrepanz zwischen den Möglichkeiten und ihrer Nutzung ist für Negt „der eigentliche Skandal“. Vor diesem gesellschaftsdiagnostischen Hintergrund formuliert Negt als oberstes Lernziel das „Herstellen von Zusammenhängen“ und konkretisiert dies anhand von sechs Kompetenzen, die er auch „gesellschaftliche Schlüsselqualifikationen“ nennt.

Das Herstellen von Zusammenhängen ist für Negt die zentrale Antwort auf die Fragmentierung und Zerfaserung des Bewusstseins, die eine ganzheitliche Auffassung von der Welt immer mehr erschwert. Die Zerstörung der Zusammenhänge im Bewusstsein zeigt sich für Negt im Schulbetrieb in der Dominanz des Fachunterrichts, an den Universitäten in der Modulstruktur, in den Medien in jeder beliebigen Tagesschau. An die Stelle eines so gearteten bloß additiven Lernens sollte als „Metakompetenz“ die Fähigkeit treten, „Beziehungen zwischen den Menschen und den Verhältnissen herzustellen, orientierende Zusammenhänge zu stiften“[2]. Negt erinnert an die Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Damals galten Naturrechtslehre, Politische Ökonomie, Erkenntnistheorie und Moralphilosophie nur als verschiedene sachlich und methodisch spezifizierte Ausdrucksformen der „Wiederherstellung der wirklichen Zusammenhänge der Welt“. Erst durch diese Wiederherstellung der wirklichen Zusammenhänge wird der Mensch zum aufgeklärten Menschen und erst der aufgeklärte Mensch ist mündig.

In diesem obersten Lernziel ist zweierlei impliziert: Erstens muss die Art und Weise, wie die Welt uns erscheint, und die Art und Weise, wie sie von ihrem Wesen her wirklich ist, unterschieden werden. Wir können also von den Erscheinungen nie unmittelbar auf das Wesen schließen. Wenn z. B. von Sozialpartnerschaft zwischen Kapital und Arbeit die Rede ist, kann daraus nicht geschlossen werden, dass das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer tatsächlich partnerschaftlich ist. Und zweitens richtet sich das Herstellen der Zusammenhänge im Kern immer auch auf den Zusammenhang zwischen Mensch und Welt, zwischen den Bedürfnissen und Interessen des Subjekts einerseits und der es umgebenden Objektwelt andererseits. Wird dieser Zusammenhang aus dem Lernprozess ausgegrenzt, verliert das Lernen seine Motivationsgrundlage. Der Lernprozess wird so nämlich sowohl aus seinem Erfahrungshintergrund herausgelöst wie auch aus der Denkbewegung, durch die der Lernende diese Erfahrung erst verarbeiten und sich geistig aneignen kann. Wenn ich etwa keine Erfahrung mit Flüchtlingen mache, habe ich auch keinen Grund, über deren Alltag und deren Fluchtmotive nachzudenken. Das heißt nicht, dass immer persönliche Erfahrungen vorhanden sein müssen, wenn Lernprozesse erfolgreich sein sollen. Oft, und im schulischen Rahmen sogar meist, können Als-ob-Erfahrungen über Medien (Erlebnisberichte, Filme etc.) reale Erfahrungen ersetzen.

Das Herstellen von Zusammenhängen ist heute umso wichtiger, weil die erdrückende Menge von Einzelinformationen im immer krasseren Gegensatz zu unserer Fähigkeit steht, sie zu verarbeiten, also ihre Bedeutung für Kultur und Gesellschaft genauso wie für das eigene Leben zu erkennen. Negt spricht von einer verschärften Spannung zwischen dem „Überhang der Objektwelt“, die dem lernenden Subjekt gegenübertritt, und dem Glauben dieses Subjekts, wie sehr Freiheit und Autonomie bereits verwirklicht seien. „Diese Scheinautonomie und die entsprechenden Freiheitsillusionen aufzuheben, ist deshalb der erste und wesentliche Akt bei der Herstellung der Grundlagen für Lernprozesse, die wirklich Autonomie und Freiheit begründen.“[3] Wie erwirbt man diese Metakompetenz? Indem man sich eine kritische Grundhaltung aneignet. Und da Kritik nichts anderes als Unterscheidung bedeutet, geht es ganz konkret um die Entwicklung unseres Unterscheidungsvermögens: die Trennung des Nicht-Zusammengehörigen, die Unterscheidung zwischen Grund und Folge, die Durchbrechung des verführerischen Scheins der Unmittelbarkeit und – indem wir uns die Art der Vermittlung bewusst machen – die Neubestimmung des Zusammenhangs. Diesen sehr allgemein formulierten Anspruch konkretisiert Negt im Folgenden durch sechs Einzelkompetenzen, die auf dem Weg zum mündigen Mitglied des Gemeinwesens erworben werden müssen.

  • [1] Negt 2010, S. 207–234
  • [2] Negt 2010, S. 207
  • [3] Negt 2010, S. 216
 
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