Kategorien für die Analyse von Konflikten

Damit diese Stellungnahme nicht aus dem hohlen Bauch heraus, also rein affektiv erfolgt, sondern argumentativ unterfüttert, also kognitiv anspruchsvoll wird, müssen Konflikte gründlich analysiert werden. Anders als die praxisorientierte Problemanalyse zielt die Analyse von Konflikten zunächst nur auf das Erkennen dessen, was hinter den Konflikten steht: Sie möchte die Triebkräfte und Ursachen der Konflikte möglichst vollständig aufdecken. Dies hängt ganz zentral damit zusammen, dass die Konfliktanalyse im Unterschied zur Problemanalyse nicht einfach an irgendwie gearteten Lösungen interessiert ist, sondern auf einem Qualitätskriterium für die Bewertung von Lösungen beharrt: der Realisierung von Menschenwürde. Dahinter steht die Überzeugung der Kritischen Theorie, dass alle Verhältnisse zu überwinden seien, in denen der Mensch überflüssiger Herrschaft ausgesetzt ist. Gradmesser für die menschliche Emanzipation sind dabei weder die Verhältnisse von früher noch die Verhältnisse von anderswo. Maßstab ist allein das, was heute und hier möglich ist. Oskar Negt spricht deshalb davon, dass in einer Zeit, in der dem allseits beschworenen Realismus seine humane Zukunftsperspektive immer offensichtlicher abhanden kommt, nur mehr Utopien realistisch sind [1].

Für eine Konfliktanalyse, die sich normativ derart festlegt, schlägt Giesecke eine Liste von ganz bestimmten Kategorien vor. Sie enthält neben dem Konfliktbegriff selbst genau 10 weitere Kategorien: Konkretheit, Macht, Recht, Interesse, Solidarität, Mitbestimmung, Funktionszusammenhang, Ideologie, Geschichtlichkeit und Menschenwürde. Beim Konfliktbegriff geht es um die Aufdeckung der grundsätzlichen Gegnerschaft. Über die Kategorie Konkretheit sollen die Einzelheiten der Auseinandersetzung erschlossen werden. Die Kategorie Macht fragt nach faktischen Möglichkeiten sich durchzusetzen. Die Rechtskategorie zielt auf den formalen Rahmen, innerhalb dessen der Konflikt ausgetragen wird. Über die Kategorie Interesse sollen die Positionen und Perspektiven der Beteiligten transparent werden. Mitbestimmung führt zur Frage nach Möglichkeiten, Interessen zur Geltung zu bringen. Solidarität ist jene sozialethische Grundhaltung, die denen zur Verfügung steht, deren Interessen zu kurz kommen, wenn sie jeder für sich allein vertreten würde. Mit Funktionszusammenhang ist die Tatsache der vielfachen Vernetztheit und der Wechselwirkungen gemeint. Ideologie verweist auf Ordnungsvorstellungen, mit denen Interessen und Handlungen gerechtfertigt werden. Über die Kategorie der Geschichtlichkeit soll bewusst werden, dass jeder Konflikt seine Entstehungsgeschichte hat. Und Menschenwürde ist schließlich der übergeordnete Maßstab zur Bewertung von Konflikten und deren Lösungen.

Die Kategorie Ideologie ist für eine Politische Bildung mit kritischem Anspruch besonders wichtig (vgl. Kap. 4.2 zum Thema Milieu). Für Oskar Negt sind Ideologien hartnäckige „kognitive Bearbeitungsblöcke“, ähnlich wie Gemeinplätze und Vorurteile[2]. Alle drei Bearbeitungsblöcke widersetzen sich dem Prozess des Mündigwerdens des Menschen. Ideologien, Gemeinplätze und Vorurteile sind so hartnäckig, weil sie sowohl für das Individuum wie für die Gesellschaft eine wichtige Funktion erfüllen: Dem Individuum geben sie psychische Sicherheit, weil sie es mit klaren Orientierungen versorgen. Und der Gesellschaft geben sie inneren Halt, weil sie ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter ihren Mitgliedern erzeugen. Dieses entsteht freilich im Kern durch die künstliche Abgrenzung der Gesellschaft von anderen Gesellschaften. Am klarsten finden sich diese Funktionen bei rechtspopulistischen, rechtsradikalen und rechtsextremistischen Haltungen, die einen mehr oder minder offensiven Rassismus beinhalten und somit die Leitidee der gleichen Würde jedes Menschen im Kern ablehnen. Die Besonderheit von Ideologien gegenüber Gemeinplätzen und Vorurteilen besteht Negt zufolge darin, dass sie eine Mischung aus Wahrheit und Lüge darstellen. Diese Mischung ist auch deshalb besonders schwer zu durchschauen, weil sie sich als geschlossenes geistiges Gebilde systematisch gegenüber Kritik immunisiert.

Für die didaktische Umsetzung der Konfliktanalyse schlägt Giesecke ein fünfschrittiges Verfahren vor: Zunächst werden die Lernenden mit dem Konflikt konfrontiert. Anschließend muss der Konflikt mit Hilfe der aufgeführten Kategorien gründlich analysiert werden. Im dritten Schritt findet eine erste Stellungnahme statt. Im vierten Schritt geht es um eine Zuspitzung des Gegensatzes. Abschließend soll der Konflikt generalisiert, also auf ähnliche Fälle übertragen werden. Grundsätzlich eignen sich alle Konflikte, die strukturell angelegt sind, also ihre Grundlage nicht nur in konkreten Personen, sondern in anhaltenden sozialen, ökonomischen oder politischen Situationen haben. Von Vorteil ist eine klare Pro-Contra-Struktur, weil sie die didaktische Reduktion nicht unnötig verkompliziert. Neben Konflikten der Arbeitswelt (z. B. Entlohnung, Arbeitszeit) oder des Konsumverhaltens (z. B. soziale und ökologische Konsequenzen) eignen sich Konflikte zum Umgang mit Zeit besonders gut: zum Beispiel Konflikte um die Ladenöffnungszeiten, um die Sonntagsruhe und – im Hinblick auf die europäische Integration besonders aktuell

– um die Siesta und den ganzen mediterranen Lebensstil, der den Südeuropäern derzeit unter dem Druck der Konkurrenz mit Mittelund Nordeuropa ausgetrieben werden soll [3].

  • [1] Z. B. Negt 2010, S. 560.
  • [2] Negt 2010, S. 402–454. Die Gemeinplätze nennt Negt „Topoi“.
  • [3] Um die Zeitdimension des Politischen herauszuarbeiten (vgl. Einleitung, Fußnote 8), könnte die Kategorie des Politikzyklus hinzugefügt werden. Reheis 2009b und 2012
 
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