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6.3.6 Kritische didaktische Akzente IV: Globalität und Regionalität

Ein letzter kritischer didaktischer Akzent könnte, anders als die bisherigen Akzente, die empirisch und analytisch ausgerichtet waren, normativer Natur sein. Er mündet in eine optimistische Zukunftsvision einer wirklichen Integration Europas und der Welt durch Überwindung der Sozialen Ungleichheit und damit des Kapitalismus. Eine solche Neuausrichtung könnte sich von der durch die kapitalistische Logik programmierten Politik der Landnahme (Kontrolle über den Raum) und der Beschleunigung (Kontrolle über die Zeit) verabschieden, die seit einem halben Jahrtausend verfolgt wird. Eine solche Neuausrichtung könnte von der Erinnerung an die „lange Erzählgeschichte von Kriegen, Massenmorden und kollektiven Geisteskrankheiten“ (Negt) ausgehen und Europa als „Arbeitsprojekt“ definieren. Die Europäer müssten den Mut fassen, sich tatsächlich ihres eigenen Verstandes zu bedienen und wechselseitig anerkennen, dass sie tatsächlich durch die vielfältigen wechselseitigen Abhängigkeiten ein Gemeinwesen geworden sind und dass die Basis jedes Gemeinwesens Arbeitsteilung und Gerechtigkeit sind. Es ist, so das Fazit von Oskar Negt, ein Denken nötig, das das „in den Persönlichkeitsrechten enthaltene Emanzipationsversprechen auf das gesellschaftliche Ganze zu erweitern sucht“[1]. Und dieses Ganze ist nicht nur Europa, sondern mittlerweile die ganze Welt.

Soll dieses neue Denken konkretisiert werden, so erscheint es sinnvoll, von zwei normativen Leitlinien auszugehen: In Bezug auf das Individuum kann dies nur die universelle Anerkennung der Menschenwürde und die darauf beruhende ebenso universelle Geltung der Menschenrechte sein. In Bezug auf das Gemeinwesen muss, je weiter wir das Gemeinwesen denken, die Dringlichkeit der Zuständigkeitsfrage anerkannt werden: Wer ist eigentlich zuständig, wenn es um ein menschenwürdiges Leben in Europa und der Welt geht? Eine Antwort gibt das viel zitierte, aber selten konsequent durchdachte Subsidiaritätsprinzip. Ihm zufolge ist jeder selbst für sich verantwortlich. Sobald er aber überfordert ist, ist die nächst höhere Instanz zur Unterstützung (Familie, Gemeinde, Land usw.) verpflichtet, und diese Unterstützung muss so weit gehen, bis sich der Unterstützte wieder selbst helfen kann. Um dieses Prinzip umzusetzen, muss das Gemeinwesen in verschiedene Ebenen gegliedert sein, die teils selbständig, teils voneinander abhängig sind (Föderalprinzip). Diese Ebenen dürfen nicht zu weit auseinander und nicht zu nahe beieinander liegen, damit einerseits die Selbständigkeit, andererseits die Bereitschaft und Fähigkeit zur Unterstützung des Schwächeren möglich und wahrscheinlich ist. Der anarchistische österreichische Rechtswissenschaftler und Philosoph Leopold Kohr (1909–1994) hat einen weit reichenden Vorschlag für die Neugliederung Europas gemacht[2]. „Eurotopia“ sollte statt aus den offensichtlich zu großen Nationalstaaten aus kleineren regionalen Einheiten bestehen. Denn alles, was zu groß ist, ist Kohr zufolge schädlich: Es verselbständigt sich, lässt sich nicht mehr kontrollieren und erdrückt schließlich die Autonomie des Menschen, so wie auch im menschlichen Körper unkontrolliertes Größenwachstum immer krankhaft ist. „Small is beutiful“ – das war die Überzeugung, die er mit seinem Mitstreiter Ernst Fritz Schumacher [3] teilte, der diese Idee zur Neuordnung der Staatlichkeit auf die Wirtschaft übertrug. Damit steht aus dieser Perspektive auch der Kapitalismus selbst zur Debatte. Denn das Produzieren um der Produktion willen erzeugt zwangsläufig immer größere ökonomische und in der Folge politische Gebilde, die sich durch die Menschen immer weniger kontrollieren lassen[4].

6.3.7 Fazit

Wo liegen die Grenzen des Gemeinwesens? Ausgehend von einem weiten Politikbegriff von Gemeinwesen, der alle Arten von wechselseitigen Abhängigkeiten einschließt, kann zunächst ganz grundsätzlich festgehalten werden: Seit Beginn der Moderne haben sich die Grenzen des Gemeinwesens immer mehr von überschaubaren lokalen und regionale Einheiten in Richtung auf die kontinentale und globale Ebene verschoben. Gleichzeitig bestehen die alten Grenzen und Institutionen jedoch weiter fort. Diese Entwicklung ist mit enormen Herausforderungen für die Menschen verbunden. Es geht um Öffnung und Schließung, um Integration und Differenzierung. Dafür muss die Politische Bildung die erforderlichen Kompetenzen bereitstellen. Zentral sind dabei die historische Kompetenz und die Kompetenz zum Perspektivenwechsel. Dies ist eine Aufgabe, in der kognitive und affektive Komponenten engstens miteinander verbunden sind. Die Bewältigung dieser Aufgabe erfordert, die Ebene der Gesamtgesellschaft und der Politik, die Ebene der Welt des Alltags und die Innenwelt der Bildungssubjekte mit all ihren Hoffnungen und Ängsten gleichermaßen ernst zu nehmen. Für die kognitive Erschließung dürfte es darüber hinaus unumgänglich sein, sich auf die geschichtlichen Wurzeln der heutigen Situation einzulassen: die kollektiven Erfahrungen mit Kriegen, Ausbeutung, Asymmetrien etc. und mit den vielfältigen und teils visionären Versuchen, aus der Geschichte Lehren zu ziehen.

  • [1] Negt 2013, S. 23. Zur Vertiefung Negt 2012
  • [2] Kohr 1957
  • [3] Schumacher 1985
  • [4] Man könnte ergänzen: Auch die zeitliche Beschleunigung, die parallel zu der von den Konzernen vorangetriebenen räumlichen Landnahme der Verbesserung der Verwertungsmöglichkeiten dient, erzeugt Kontrollverlust.Vgl. Reheis 1996
 
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