< Zurück   INHALT   Weiter >

6.4 Friede und Umwelt

Der Blick in die Geschichte der letzten 500 Jahre lehrt, dass nicht nur die Gestaltung Europas, sondern zunehmend die Gestaltung der ganzen Welt mit guten Gründen als Friedensprojekt begriffen werden kann. Die gigantische Steigerung der Produktivkräfte ist in diesem Zeitraum nämlich von einer mindestens so gigantischen Steigerung der Destruktivkräfte begeleitet gewesen. Oft war die zivile Nutzung des technischen Fortschritts lediglich ein Nebenprodukt der militärischen. Seit Hiroshima und Nagasaki ist zudem offensichtlich, dass die Spezies Mensch sich erstmals in der Geschichte selbst auslöschen kann – und zwar viele Male nacheinander (Overkill-Kapazität). Die zunehmende Erschöpfung der Kräfte der natürlichen Umwelt in den letzten Jahrzehnten hat die Friedensfrage noch dringlicher gemacht.

6.4.1 Begriffliche Grundlagen

Friede wird traditionell als Abwesenheit von Krieg definiert [1]. Die Friedensund Konfliktforschung hat allerdings bereits in den 70er Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass es auch in nichtkriegerischen Zeiten ziemlich unfriedliche Verhältnisse geben kann. Wenn Menschen bedroht oder gequält werden oder durch ihre Lebensumstände vorzeitig ums Leben kommen, steigt bekanntlich auch die Wahrscheinlichkeit der offenen Gewalt. Seither unterscheidet man zwischen einem negativen und einem positiven Friedensbegriff. Der negative Friede bezeichnet lediglich den Nicht-Krieg, vom positiven Frieden sprechen wir hingegen erst dann, wenn nicht nur die Waffen schweigen, sondern Menschen darüber hinaus weitgehend von existenziellen Ängsten befreit sind und das Gefühl haben, dass es im Großen und Ganzen gerecht zugeht.

Mit dem Friedensbegriff ist auch der Gewaltbegriff angesprochen. Durch die Unterscheidung zwischen negativem und positivem Frieden muss auch ein Unterschied zwischen der Gewalt konkreter Personen und der Gewalt sozialer Strukturen gemacht werden, für die es keine konkreten personellen Verursacher gibt. Diese Form von Gewalt heißt strukturelle Gewalt. Sie liegt zum Beispiel vor, wenn die Kosten für menschengerechtes Wohnen und eine gesunde Ernährung so hoch sind, dass sie viele Menschen finanziell überfordern und so elementare Bedürfnisse unbefriedigt bleiben. Strukturelle Gewalt kann also sehr vielfältige Formen annehmen, als wissenschaftliche oder politische Kategorie ist sie deshalb hoch interpretationsbedürftig.

Auch der Umweltbegriff ist zunächst höchst unbestimmt, weil er alles zusammenfasst, was irgendwie um uns herum existiert. Wenn zwischen der sozialen und kulturellen Umwelt einerseits und der natürlichen Umwelt andererseits unterschieden wird, taucht freilich das Problem auf, dass Vieles von dem, was wir Natur nennen, in Wirklichkeit bereits kulturell und sozial geformt ist. Europäische Wälder zum Beispiel sind keine Urwälder mehr, sondern das Ergebnis eines viele Jahrhunderte dauernden Zusammenwirkens zwischen Mensch und Natur[2]. Im Zusammenhang mit dem Frieden ist der Umstand wichtig, dass die meist bereits kulturell überformte Natur den Lebensraum des Menschen abgibt. Je „freundlicher“ dieser Lebensraum dem Menschen „gesinnt“ ist, desto höher sind die Chancen für ein friedliches Miteinander. Soziale und natürliche Umwelt hängen also genauso eng zusammen wie personelle und strukturelle Gewalt. Und wie beide beschaffen sind, davon hängt es ganz entscheidend ab, ob die Menschen in Frieden miteinander leben können.

  • [1] Im Folgenden z. B. Jahn 2001
  • [2] Und auch die innere Natur des Menschen ist nur teilweise Ergebnis der biologischen Evolution, weil unsere Sinnesorgane, unsere Muskulatur und unser Immunsystem ganz stark durch die soziokulturelle Umwelt geprägt sind
 
< Zurück   INHALT   Weiter >