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1 Einleitung

1.1 Das Thema als Stiefkind der Literaturwissenschaft

Woran erkennt man, was für Informationen thematisch relevant in einem Text der fiktionalen Literatur sind? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine Teildisziplin der Literaturwissenschaft, die in der angelsächsischen Forschung als Thematics bezeichnet wird. Sie weist bekanntlich eine hybride Identität auf. In der literaturwissenschaftlichen Fachliteratur definiert man Thematics als eine undisziplinierte Disziplin. Bremond & Landy & Pavel (1995) stellen in ihrem Sammelband Thematics. New Approaches Folgendes fest: „(…) thematics is a rather undisciplined discipline, beset with subjective strategies and terminological disputes; what is needed (…) is a methodological framework, theory or set of theories (…)” (Bremond & Landy & Pavel in dens. (eds.) 1995, S. 1). Mit dieser realistischen Selbstcharakterisierung mit ironischem Unterton über den Stand dieses auf den Russischen Formalismus zurückführenden literaturwissenschaftlichen Forschungszweigs1 wird das erneut entdeckte Interesse der Literaturwissenschaftler an der Untersuchung des Themas eines literarischen Textes dokumentiert. Zugleich wird auch auf den Mangel an einer ausgewiesenen theoretischen Fundierung der Beschäftigung mit dem literarischen Thema aufmerksam gemacht.2 Meine Studie nimmt sich vor, diese Fundierung zu formulieren und Bausteine für die Entwicklung einer sich kognitiv orientierenden Themenforschung einzugrenzen. Dies wirft zuerst mehr Fragen auf als es Antworten bieten kann, wie auch im Sammelband von Bremond u. a. (1995) betont wird.3 Die Autoren der Beiträge begreifen Thematics als ein Forschungsgebiet, das sich mit der Interaktion zwischen der semantischen Struktur des literarischen Textes und dem Akt des Lesens und des subjektiven hermeneutischen Interpretierens literarischer Werke als Mittel zur Erschließung des literarischen Themas seitens des Lesers befasst. Im Sammelband von Bremond u. a. (eds.) (1995) werden die Definitionen der in der Literaturwissenschaft etablierten Begriffe von ‚Thema' und ‚Motiv'4 diskutiert, die man besonders aus der deutschen Thematologie kennt. Dabei wird die Frage in den Mittelpunkt gerückt, wie man literarische Themen und Motive auseinanderhalten kann. In den Beiträgen des Sammelbandes wird darüber hinaus gefragt, ob es stattdessen nicht ergiebiger wäre, sich damit auseinanderzusetzen, wie ein Thema identifiziert werden kann, nach welchen Kriterien die thematischen Interpretationen eines literarischen Textes erfolgen können und daher auch wie man feststellen kann, wovon ein literarischer Text handelt, anstatt nach einer abstrakten Definition des Begriffes ‚Motiv' oder auch ‚Thema' zu suchen. Ergiebig sind leider die präsentierten Ergebnisse nicht. Darauf weisen die Autoren der einzelnen Kapitel selber hin. Die Beiträge stoßen an die Grenzen des Mangels an einer etablierten Metaund Fachsprache5 und an geteilten einheitlichen Begriffsbestimmungen innerhalb des Forschungszweigs. Ein Beispiel für einen solchen Beitrag im Sammelband ist das Kapitel A Semantics for Thematics: The Case of the Double von Lubomír Doležel. Der Autor unternimmt den Versuch strukturalistischer Prägung, den Text in kleinste semantisch invariante Einheiten zu gliedern, die er Motive6 nennt. Doležel will die Analyse von Motiven von subjektiven Kriterien befreien und deutet die Terminologie thematologischer Prägung anhand eines strukturalistischen Ansatzes. Der Beitrag scheint daher nur alten Wein in neue Schläuche zu füllen.

Im Allgemeinen kann man sagen, dass das Verdienst des Sammelbandes darin besteht, dass er das „Ende eines Anathemas“7 markiert. In der Tat hat er die Diskussion über das Thema als Untersuchungsgegenstand wieder belebt. Aber statt Antworten bietet er nur individuelle Überlegungen, so dass Thematics weiterhin undiszipliniert bleibt. Das Fazit, das die Herausgeber ziehen, deutet auf die Unbestimmtheit des Teilfaches hin. Sie stellen fest, dass sich an dem Thema als Untersuchungsgegenstand interessierte Literaturwissenschaftler damit abfinden müssen, dass das Forschungsgebiet Thematics durch unbeantwortete Fragen gekennzeichnet ist, terminologische Kompromisse eingehen muss und deswegen undiszipliniert bleibt.8 Die Unbestimmtheit der Begriffe im Bereich Thematics macht aus der Disziplin eine undisziplinierte Disziplin. In der Tat versucht jeder Theoretiker im Sammelband, nach der eigenen Forschungsrichtung die Begriffe der Themenforschung zu definieren, ohne eine einheitliche Theorie für Thematics zu formulieren. Trotzdem hat der Sammelband mit Sicherheit angefangen, Fragestellungen in den Vordergrund zu rücken, die die deutsche Thematologie, deren bekannteste Vertreterin wohl Elisabeth Frenzel9 ist, eher ignoriert hat.

Bekanntlich untersucht die Thematologie als Teildisziplin der Komparatistik im diachronen und interkulturellen Vergleich die Ausprägungen, Überlieferungen und historisch bedingte Modifikationen literarischer Themen und Motive.10 Thematologischen Studien zufolge sind Motive narrative Elemente, die in diffuser Streuung in einem Text auftreten, die nach einem generativen Schema Träger von Themen sind und die formal-inhaltlich die Handlung fortbewegen.11 Aufgabe der Thematologie ist es zu beleuchten, dass sich die Einheit einer Epoche an der Prävalenz eines Motivs in einem literarischen Text erkennen lässt, und dass umgekehrt am Auftauchen und Versinken von Motiven die Ablösung einer Epoche durch eine andere und ein Wechsel in der Geisteshaltung abgelesen werden können.12

Die Terminologie thematologischer Prägung hat für Undeutlichkeit sowie für Unbestimmtheit gesorgt und ist nicht zuletzt deshalb auf Kritik gestoßen. Eine der Hauptkritiken an der Thematologie hängt mit der Frage zusammen, anhand welcher Kriterien man Motive von NichtMotiven sowie Themen von Motiven in einem Text unterscheiden kann.13 Die Antworten, die die Thematologie angeboten hat, sind nicht klar umrissen. Formulierungen wie „in texts motifs are usually recognizable as imaginative units of medium length. Although the boundaries are fluid, motifs are distinguished from smaller details, which can either serve as features of a motive (Motivzüge) or may not have any significant relationship to motifs at all, though they often lend themselves to symbolic usage in relation to abstract ideas or general themes“14, oder noch das Motiv ist konkret, das Thema (Idee, Problem, Hoffnung, Wahn, resignierendes Bekenntnis oder Verallgemeinerung einer Beobachtung, einer Erfahrung, einer Einsicht … ) ist geistig“15 führen eher dazu, dass man weiter darüber rätselt, woran man konkret erkennen könne, was das Thema eines literarischen Textes sei. Die Kriterien, nach denen es identifiziert werden könnte, bleiben unbestimmt.

Bei dem Versuch, die Grundbegriffe der Thematologie zu klären, stellt Leo Pollmann fest, dass das Motiv als das kleinste situationelle Grundelement der Literatur, das die Kraft habe, sich als stofflich abgelöst in der Überlieferung zu halten, bezeichnet werden könne.16 Damit bringt er einen der am schärfsten kritisierten theoretischen und methodologischen Aspekte der Thematologie zum Ausdruck: Das Merkmal ‚stofflich abgelöst'. Dieses kann man als die Schwachstelle im thematologischen Ansatz betrachten. In der Tat wurde die Tendenz thematologischer Beiträge in der Forschung kritisiert, das bloße architektonische Material literarischer Texte nach Kategorien zu ordnen, ohne dabei die Rolle des Lesers und der Autoren zu berücksichtigen.17 Die thematologische Vorliebe für die trockene Katalogisierung wurde abwertend als Stoffhuberei abgestempelt. Bereits 1903 lehnte Benedetto Croce einen Forschungszweig ab, der das Thema nach komparatistischen Ansätzen zum Untersuchungsgegenstand macht. Croce bezieht sich auf literaturwissenschaftliche Werke, die literarische Themen sowohl literaturhistorisch als auch komparatistisch untersuchen. Im Folgenden seine scharfe Kritik:

„These works (…) never lead to the true understanding of a work of literature; they never give the reader the occasion to participate in the living act of artistic creation. (…) Books which are limited to this sort of inquiry inevitably take on the form of catalogues or bibliographies, though this is sometimes more or less veiled by the skill and liveliness of the author. One misses – and it can not be otherwise – the study of the creative moment that characterizes the literary and artistic history.” [Übersetzung der Belegstelle ins Englische: Übersetzt von mir, A. S.]. (Croce 1903, S. 78).18

Trotz scharfer Kritik an dem bloßen Zählen und Klassifizieren von Motiven und Themen und an dem Insistieren auf der Architektonik eines literarischen Textes konnte Elisabeth Frenzel in einem 1993 in Anglia erschienenen Artikel nicht ohne stolzen Unterton vermerken, dass sich die Thematologie als eine weltweit etablierte Teildisziplin der Literaturwissenschaft betrachten könne und dass laufende Forschungsprojekte der Disziplin Zukunft versprechen.19

Gewiss hindert nichts daran, weiter Motive und Themen literarischer Texte komparatistisch nach dem Ansatz der Thematologie zu klassifizieren und zu untersuchen. Aber die sterilen Antworten der Thematologie auf die Fragen, was ein Thema sei und vor allem warum es entscheidend für die Untersuchung von Literatur sein soll, lassen eher darauf schließen, dass das Festhalten an dem thematologischen Ansatz und die Herstellung interkultureller literaturhistorisch und komparatistisch orientierter Werke über literarische Themen zur Entwicklung der Themenforschung nicht beitragen können. Als Grund dafür wird nicht zuletzt die nicht-literarische Natur des Themas betrachtet, das bekanntlich keine typische literarische Erscheinung ist.20

Während die Debatte um die Thematologie und ihre Methoden in der Forschung als abgeschlossen betrachtet werden kann, ist die Debatte darüber, wie man ein literarisches Thema definieren und identifizieren kann, noch im Gang. Dabei scheinen nach wie vor die folgenden Worte on Adam John Bisanz (1973) zu gelten: „Wer sich heute für diese Disziplin engagiert, muß zwischen der Schylla der drohenden Stoffhuberei und der Charybdis sämtlicher Vorurteile gegenüber der geisteswissenschaftlichen Verdünnung hindurch, die, wie bekannt, René Wellek und Austin Warren einst in das Schattenreich des „Außerliterarischen“ verwiesen haben“ (Bisanz 1973, S. 149). Einen Ausweg schlagen Max Louwerse und Willie van Peer in ihrem Sammelband Thematics. Interdisciplinary Studies von 2002 vor. Sie plädieren für Interdisziplinarität, die in der vorliegenden Arbeit angestrebt wird. Die Herausgeber zeigen sich im Vergleich zu Bremond & Landy & Pavel (1995) optimistischer. Sie lehnen die Kritik von Bremond & Landy & Pavel an diesem Forschungszweig ab und ersetzen die Bezeichnung „undisziplinierte Disziplin“ durch „interdisziplinäre Disziplin“.21 Beiträge aus der Kognitionspsychologie, Linguistik, interkulturellen Hermeneutik, Literaturgeschichte und Computerlinguistik über den Begriff ‚Thema' kennzeichnen den Sammelband. Trotzdem trägt dieser zur Überwindung der terminologischen Uneinigkeit auf dem Gebiet der Themenforschung nicht bei. Sie herrscht im Band weiter. Jede im Band vertretene Disziplin hat eine andere Definition oder Auffassung von ‚Thema', während auf eine eingehende Beschäftigung mit dem Begriff ‚Motiv' verzichtet wird. Die terminologische Uneinigkeit wird im Band nicht problematisiert. Sie wird als Chance auf eine Mitarbeit mehrerer Disziplinen an dem Forschungszweig betrachtet. Es bleibt aber im Sammelband meines Erachtens unklar, wo genau dieses gemeinsame Interesse mehrerer Disziplinen hinführen soll. Der Band zeigt zwar auf aufschlussreiche Art und Weise, dass das ‚Thema' bzw. ‚das literarische Thema' Untersuchungsgegenstand verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen ist und dass es aus verschiedenen und verschiedenartigen Perspektiven nach mehreren Methoden wissenschaftlich ergründet werden kann, aber auch dass jede Disziplin meistens an den anderen vorbeiforscht, dass eine Integration der Forschungsergebnisse der Disziplinen, die sich mit ‚Thema' beschäftigen, nicht deutlich angestrebt wird und dass eine gemeinsame Metasprache fehlt. Die Absicht scheint nicht zu sein zu zeigen, dass das literarische Thema durch eine Integration von Ergebnissen aus verschiedenen Disziplinen ermittelt werden kann. Der Sammelband lässt meines Erachtens eher auf Multidisziplinarität als auf Interdisziplinarität schließen. Diese Bezeichnungen beziehen sich hier auf zwei verschiedene Methoden. Rogers & Scaife & Rizzo (2003) verdeutlichen sie ihren Lesern folgendermaßen:

„Interdisciplinary approaches are assumed to derive novel concepts, methods and theoretical frameworks through the melding of concepts, methods and theoretical frameworks coming from different disciplines. (…). By contrast, multidisciplinary approaches are assumed to evolve new understanding through adapting and modifying existing concepts, methods and theoretical frameworks within a discipline and occasionally borrowing ideas from others” (Rogers u. a. 2003, S. 4f.).22

Angesichts dieser Auffassung von den beiden Begriffen scheint mir, dass der Sammelband von Louwerse und van Peer eher der Multidisziplinarität zuzuordnen ist. Wenn man aber von diesem doppeldeutigen Aspekt absieht, erkennt man, dass die Herangehensweise von Louwerse und van Peer gewisse Vorteile für die Untersuchung des Themas eines literarischen Textes bietet. Sie rückt dezidiert die kognitive Aktivität eines realen empirischen Lesers in der Interaktion mit dem literarischen Text in den Mittelpunkt der Untersuchungsarbeit. Den meisten Beiträgen ihres Sammelbandes entnimmt man, dass das literarische Thema im Prozess der Interaktion der kognitiven Vorgänge des Lesers mit dem Sprachmaterial eines literarischen Textes zu suchen ist. Somit fängt das Gebiet der Thematics an, klare Konturen anzunehmen.

In ihrem Beitrag The End of an Anathema sind sich Bremond und Pavel darauf einig, dass die Erschließung des Themas eines literarischen Textes von der subjektiven Interpretation des literarischen Werkes abhängt.23 Sie vertreten ebenfalls die Ansicht, dass das Thema im Prozess der Interaktion des Lesers mit dem literarischen Text zu suchen sei. In der Tat lassen Bremond & Pavel (1995) darauf schließen, als sie in Bezug auf zukünftige Ziele für Thematics abschließend Folgendes feststellen:

„The problem is not so much to eliminate subjective interpretations (the structuralists' fantasy) as to broaden the range of potential readings, and – so as to be as objective as possible – to evaluate the subjectivity of each.” (Bremond & Pavel in Bremond u. a. (eds.) 1995, S. 182)24

An den Überlegungen der Autoren erkennt man, dass sich die von ihnen angestrebte Objektivität auf eine Metaebene verlagern lässt. Sie sollte sich auf subjektive thematische Bedeutungszuweisungen anwenden lassen. Diese sollten objektiv ausgewertet werden.25 Es fragt sich aber, wie man die Subjektivität im Interpretationsprozess objektiv auswerten kann. Eine mögliche Antwort auf diese Frage schließt intersubjektive Patterns ein. Die Subjektivität im Interpretationsprozess kann man objektiv auswerten, indem man sie an intersubjektiven typisierten Patterns menschlicher Kognition misst, die jedem Interpretationsund Verstehensprozess die kognitive Basis liefern.26 Bevor Subjektivität in einer thematischen Bedeutungszuweisung ausgewertet werden kann, soll zuerst eine Typisierung des thematischen kognitiven Patterns im Verstehensprozess hergestellt werden. Anhand dieser können dann subjektive Variationen der thematischen Bedeutungszuweisung analysiert werden. Die Folge dieser Herangehensweise kann man in Anlehnung an Groeben (1987) mit einer Trennung von Rezeption und Interpretation identifizieren. Dies schließt die These ein, dass ein großer Teil der in der hermeneutischen Literaturwissenschaft als Interpretation bezeichneten Verstehensprozesse in Wirklichkeit persönlich-individuelle Rezeptionen des Interpreten darstellt. Diese seien als Gegenstand einer empirischen Literaturwissenschaft aufzufassen.27 Groeben (1987) macht deutlich, dass im Falle dessen, was im literaturwissenschaftlichen Interpretationsansatz als Rezeption im Sinne von der Konkretisation von Text-Bedeutungen bezeichnet werde, diese keinesfalls mit einer hermeneutischen Verstehensmethode gleichzusetzen sei. Es handele sich vielmehr um kognitive Verstehensprozesse eines Subjekts, das eine mediale Funktion übernehme.28 Nach Groeben (1987) fungiert der Leser als bewusstseinsfähiges Individuum, das sinnhafte Bedeutungsdaten des literarischen Werkes konkretisieren kann.29 Dazu ist Elrud Ibschs (1987) Beobachtung festzuhalten, dass zwischen Empirik und Hermeneutik eine schwerwiegende Inkompatibilität bezüglich der Konzeption bestünde, die das wissenschaftliche Tun bestimme.30 Nach Ibsch wird hermeneutisches Verstehen in der Literatur in der Handlung der Interpretation operationalisiert und erschöpft sich darin. Die Interpretation ist keine Erklärungsleistung, weil sich von der Interpretation des Textes her keine wenn-dann Aussage erstellen lässt.31 Mit den Worten von Ernst von Glaserfeld macht Ibsch deutlich, dass „While the scientist's interpretation of experience or experiments (…) is, in the last analysis, always an instrument for the management of further experience, the interpretation of a literary text seems to be an end in itself”.32 Hiermit macht Ibsch indirekt auch auf einen deutlichen Unterschied zwischen Texthermeneutik und philosophischer Hermeneutik aufmerksam. Im Unterschied zur philosophischen Hermeneutik ist, wie Axel Bühler (2003) deutlich macht, mit Texthermeneutik die Methodenlehre der Interpretation von Rede und Text gemeint, die das Verstehen gleichzeitigzum Ziel des Interpretierens hat und es als Methode der Interpretation anerkennt.33 Die Bestätigung oder Widerlegung von Interpretationshypothesen durch den Text und dessen Strategie und Aufbau kennzeichnet die Texthermeneutik.34 Die philosophische Hermeneutik ist dagegen der Untersuchung menschlicher Erfahrung näher. Sie zielt darauf ab, Aspekte der menschlichen Weltund Lebenserfahrung zu beschreiben, die innerhalb der Naturwissenschaften bei der Beobachtung zweiter Ordnung und daher in der Phase der Interpretation oder, genauer genommen, in der Phase der Einordnung empirischer Daten sichtbar werden. In der philosophischen Hermeneutik Martin Heideggers und Hans-Georg Gadamers, zum Beispiel, ist Verstehen mit einer besonderen Existenzweise des wahrnehmenden Menschen in der Welt verbunden.35 Gadamers Vorstellung des Menschen als einer die Welt wahrnehmenden Instanz, die unter anderem die Aufgabe hat, den historischen Horizont des Wahrgenommenen als Überlieferungsgeschehen zu berücksichtigen, hat – auf das Verstehen von Texten übertragen – zur Formulierung der ‚Dialektik von Frage und Antwort' geführt. Mit den Worten Gadamers lässt sich diese folgendermaßen wiedergeben: „Man kann einen Text nur verstehen, wenn man die Frage verstanden hat, auf die er eine Antwort ist“.36 Die Vollziehung der Verständigung eines Textes erfolgt, wie Jauß (1982) betont, im Hinblick auf die den historisch wandelnden Horizont

des Textes darstellenden wirkungsgeschichtlichen Bedingungen des Lesers eines Werkes. Dies führt dazu, dass die Antwort des Textes in dessen Wirkungsgeschichte immer neu erschlossen wird, da sich das Verhalten zum Text über die Position des Lesers bestimmt.37 Dieser Zeitabstand zwischen dem einstigen und dem aktuelleren Verständnis eines Werkes wird von Jauß (1970) als hermeneutische Differenz bezeichnet. Diese stellt die hermeneutische Interpretation vor die Aufgabe, die Frage zu rekonstruieren, auf die ein gegebener Text eine Antwort ist.38 Ohne hier die Relevanz der Aufgabe der hermeneutischen Philologie und der Wirkungsgeschichte literarischer Werke, den historisch wandelnden Horizont des Textes zu ermitteln, in Frage stellen zu wollen, soll an dieser Stelle auf den Grund hingewiesen werden, warum die Wirkungsgeschichte nicht zur Weiterentwicklung der Themenforschung beitragen kann. Die Untersuchung von Themen der Literatur aus der Sicht der Wirkungsgeschichte eines Werkes kann zur Herstellung von trockenen Katalogen von Begriffen verleiten. Anhand wirkungsgeschichtlicher Methoden kann man höchstens die Geschichte des Auftauchens und Versinkens der herausgefundenen Bedeutung von Themen literarischer Werke im Zusammenhang mit den wirkungsgeschichtlichen Bedingungen des Lesens registrieren. Das jeweilige Thema im thematologischen Sinne würde man dann als Oberbegriff zu der Frage, auf die der Text eine Antwort ist, erfassen und historisch rekonstruieren. Auf diese Weise tappt man aber in die Falle der alten methodologischen ‚Stoffhuberei' der Thematologie.

In dieser Arbeit ist mit ‚Verstehen' nicht das texthermeneutische Verstehen der philologischen Tradition gemeint. ‚Verstehen' bezieht sich hier in Anlehnung an Groeben (1987) auf intersubjektive Verstehensprozesse eines Lesers. Diese setzen kognitive Vorgänge in der Interaktion des lesenden Subjekts mit Texten der Literatur voraus. Dies hat den Vorteil, dass man Subjektivität im Interpretationsprozess objektiv auswerten kann, indem man intersubjektive typisierte Denkpatterns der Aktivierung von Wissen in der Interaktion des Lesers mit dem Text in Betracht zieht.

Der Sammelband von Louwerse & van Peer (2002) lässt einen gangbaren Weg zur Herstellung einer Typisierung kognitiver thematischer Patterns der Aktivierung von Wissen und Erfahrungen im kognitiven Verstehensprozess erkennen. Dieser gangbare Weg besteht in der Annäherung der Literaturwissenschaft an die Kognitionswissenschaften. Hieran knüpft meine Arbeit an. In Anlehnung an die sogenannte ‚cognitive revolution'39 in der Literaturwissenschaft sollen hier die alten Fragen neu beantwortet werden, wie der Leser das Thema eines literarischen Textes erkennen kann und wie man feststellen kann, was ein literarisch relevantes Thema ist. Die Ergebnisse der Kognitionswissenschaften sollen berücksichtigt werden, da sie in Hinblick auf neue Antworten auf alte Fragen der Themenforschung vielversprechend sind. Im Laufe der letzten Jahre hat sich die Literaturwissenschaft immer öfter mit den Kognitionswissenschaften beschäftigt. Da sich diese Disziplinen nicht völlig fremd gegenüber stehen, soll im Folgenden der Stand der Forschung in diesen Bereichen skizziert werden.

 
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