Gesamtbewertung Linkage

Während im vorangegangenen Teil das Abschneiden der NGOs in Hinblick auf Zielgruppen, Zielformulierungen, Strategien, kommunikative Maßnahmen und bevorzugte Kanäle dargestellt wurde, gilt es nun, die Gesamt-Linkage-Leistung der NGOs anhand des entwickelten Schemas systematisch zu bewerten.

Interessenvermittlung

4

24

22

31

18

31

29

29

28

25

24

25

29

23

29

27

30

22

25

21

Interessenaggregation

7

13

7

16

21

14

20

15

24

15

19

28

13

18

22

18

15

26

23

29

Responsivität

6

7

19

22

15

24

19

27

19

25

21

21

26

25

22

21

22

30

14

28

Sozialisierung

9

12

22

14

28

25

32

24

18

34

21

13

31

28

32

36

36

40

47

41

Mobilisierung

15

21

20

20

29

29

27

26

14

27

32

23

31

28

32

28

27

28

31

35

Accountability

12

27

32

38

34

36

36

46

43

41

38

52

43

44

39

53

38

44

57

49

Linkage MG

0

19

10

11

14

15

23

18

26

17

28

24

20

32

16

19

23

21

19

23

Linkage B/Ö

22

9

7

19

23

13

3

7

17

11

14

19

11

8

24

17

26

23

33

27

Aktualität

5

5

5

6

6

5

4

2

6

7

6

5

7

6

6

7

7

6

5

5

Gesamt

80

137

144

177

188

192

193

194

195

202

203

210

211

212

222

226

224

240

254

258

Tabelle 14 Ranking Linkage aufsteigend

NGO

11

PG2

17 8

18

19

5

6

10

PG3

12

3

4

7

14

9

20

16

PG4

13

1

2

15

Professionalisierungswert

24

25 25

26

31

32

34

35

35

36

36

36

36

36

36

40

40

41

41

41

Interessenvermittlung

25

24 18

25

4

31

28

22

22

24

25

23

29

30

21

29

27

29

31

29

Interessenaggregation

15

13 21

23

7

16

24

7

26

19

28

18

22

15

29

15

18

20

14

13

Responsivität

25

7 15

14

6

22

19

19

30

21

21

25

22

22

28

27

21

19

24

26

Sozialisierung

34

12 28

47

9

14

18

22

40

21

13

28

32

36

41

24

36

32

25

31

Mobilisierung

27

21 29

31

15

20

14

20

28

32

23

28

32

27

35

26

28

27

29

31

Accountability

41

27 34

57

12

38

43

32

44

38

52

44

39

38

49

46

53

36

36

43

Linkage MG

17

19 14

19

0

11

26

10

21

28

24

32

16

23

23

18

19

23

15

20

Linkage B/Ö

11

9 23

33

22

19

17

7

23

14

19

8

24

26

27

7

17

3

13

11

Aktualität

7

5 6

5

5

6

6

5

6

6

5

6

6

7

5

2

7

4

5

7

Gesamt

202

137 188

254

80

177

195

144

240

203

210

212

222

224

258

194

226

193

192

211

Tabelle 15 Ranking Lincage Professional isierungswert

Wie Tabelle 14 verdeutlicht, kann, wie von der Professionalisierung, nicht von der Linkage-Leistung gesprochen werden. Es gibt beträchtliche Unterschiede in der realisierten Linkage bzw. den zu deren Verwirklichung geschaffenen organisationellen Voraussetzungen. Mit 258 von 400 Punkten schneidet NGO20 am besten ab. NGO19 erzielt indessen mit nur 80 Punkten das schlechteste Resultat, was u.a. auf die fehlende Mitgliedschaftsoption zurückzuführen ist. Es entfallen sämtliche an ihre Mitglieder gerichteten Linkage-Leistungen, was sich beträchtlich in der Bewertung niederschlägt. Zudem betreibt jene NGO kaum Interessenvermittlung, als intendierte Beeinflussung des politischen Prozesses, was zu weiteren Punktabzügen führt. Gleichwohl wird sie, basierend auf der Tatsache, dass sie den Interessen ihrer Begünstigten Ausdruck verleihen kann (Halpin & McLaverty 2010; Risse 2006), nicht aus der Analyse ausgeschlossen. Tatsächlich hat die NGO effektive Mechanismen etabliert, deren Anliegen zu erfassen, in organisationsinterne Entscheidungsprozesse einfließen zu lassen und im Rahmen ihrer Projekte zu artikulieren. Ferner evaluiert sie regelmäßig all ihre Programme – inklusive systematischer Erfassung des Feedbacks der Begünstigten – und erbringt sozialisatorische sowie mobilisierende Leistungen. Da sie aber wegen der fehlenden Mitgliedschaftsoption schwerlich mit den anderen NGOs vergleichbar ist, wird im Folgenden nicht auf diese Organisation verwiesen und sie ist aus den in den anschließenden Tabellen dargestellten Werten respektive Berechnungen ausgeschlossen.

Die erhobenen Daten sind evident: Nur wenige der untersuchten NGOs agieren vorbildlich in Bezug auf die hohen Erwartungen, die an sie gestellt werden. So erreichen nur elf über 50% der Punkte und keine Organisation schneidet über alle Linkage-Dimensionen hinweg qualitativ gleichwertig ab. Die ideale NGO, deren Handlungen alle fokussierten demokratisierenden Effekte zeigen und die als Blaupause für andere NGOs, aber auch als Orientierung für die EU-Institutionen in Hinblick auf Bemühungen der Einbindung der Zivilgesellschaft in europäisches Regieren zur Minderung demokratischer und legitimatorischer Defizite fungieren könnte, gibt es – zumindest in der hier untersuchten Stichprobe – nicht. Diesbezüglich positiv hervorzuheben ist NGO18, die im Vergleich in drei Dimensionen am besten abschneidet: „Sozialisierung“, „Accountability“ und „Linkage B/Ö“. Damit ist sie abgesehen von NGO7 auch die einzige NGO, die mit 57 von 60 Punkten in „Accountability“ annähernd die Höchstpunktzahl in einer Dimension erreicht. Letztere erzielt in „Linkage MG“ 32 von 35 Punkten. Beide NGOs unterscheiden sich in zahlreichen Organisationsmerkmalen. Während es sich bei NGO18 um eine zentralistische Organisation der PG2 handelt, die auch natürlichen Personen die Mitgliedschaft gestattet; ist NGO7 durch dezentralen Aufbau, einen höheren Professionalisierungsgrad und eine Mitgliedschaftsoption nur für Organisationen charakterisiert. Lediglich was das Alter betrifft sind sie vergleichbar – beide wurden circa 1980 gegründet. Allein der Vergleich dieser beiden Organisationen lässt auf weitere Einflussfaktoren neben der UV schließen.

Der Vergleich der aggregierten Bewertungen von „Sozialisierung“, „Mobilisierung“ und „Accountability“, als den drei Dimensionen, in welchen sich die NGOs an die für Linkage besonders relevanten Zielgruppen Mitglieder, Basis und Öffentlichkeit richten, zeigt: Das Niveau der faktischen Bemühungen ist für alle drei Gruppen in der „Mobilisierung“ in einigen Aspekten höher als in der „Sozialisierung“, in anderen verhält es sich umgekehrt – eine eindeutige Aussage, in welcher Dimension die NGOs besser abschneiden, ist nicht möglich. Offenkundig ist jedoch, dass im Vergleich der Aktivitäten für die drei Gruppen die „interne Accountability“ am besten abschneidet. In der Gesamtbetrachtung erzielen die NGOs daher – trotz hoher intrakategorialer Varianz, speziell in der PG2 und PG3 – mit durchschnittlich 67% der Punkte die beste Wertung in der „Accountability“. Das Ergebnis ist primär darauf zurückzuführen, dass diese Dimension im Vergleich das geringste Gefälle zwischen den Linkage-Stufen aufweist. Die zweitbeste Durchschnittswertung erreichen die NGOs mit 62% in der

„Interessenvermittlung“, gefolgt von „Linkage MG“ mit 57% und „Mobilisierung“ mit 52% der Punkte.

Im Idealfall verlaufen die binnenkommunikativen Prozesse, wie im folgenden Zitat als das übliche Prozedere in NGO4 beschrieben:

„Most important is to inform the members about what is happening at EU level. Most of them have the possibility to follow and to have information directly on what is happening and which are the main issues at stake or under discussion in the parliament or the commission, but our role is to disseminate the information or to make them understand better some of the issues. And of course to get feedback on these issues, because it is important to contribute, to make proposals which should influence decision makers on the legislation under discussion. (…) the most important is to inform members, to gather input and so to frame and build a common position of our organisation on certain issues and then to convey our message to political decision makers so in the end to influence them.” (3 P4# NGO4)

Obschon nicht alle untersuchten NGOs derart vorbildlich agieren, zeigt die Analyse, dass sie in der ersten Linkage-Stufe wesentlich besser abschneiden als in der zweiten. Mit nur einer Ausnahme wird Interessenvermittlung, als Input-Seite der Linkage, von allen NGOs erfüllt. Das nahezu durchweg gute Abschneiden in dieser Dimension mag auf die Fallauswahl – insbesondere die Kriterien Assoziation in der CSCG und Existenz eines Büros auf EU-Ebene – zurückzuführen sein, die eine starke Ausrichtung der Organisationen auf Interessenvermittlung impliziert. Dennoch ist aufgrund der Tatsache, dass sie trotz z.T. massiver strategischer Mängel auch die kommunikative Rückkopplung mit den Mitgliedern realisieren und dies nicht nur für die Entscheidungsvermittlung, als Output-Seite der Linkage, von pauschalen Aussagen hinsichtlich negativer Auswirkungen des Fokus auf Interessenvermittlung bzw. Lobbying auf die anderen Linkage-Dimensionen abzusehen.

Für die zweite Linkage-Stufe zeigen sich indessen für alle Dimensionen teils beträchtliche Defizite. Basierend auf den vorliegenden Daten ist nicht von einer allgemeinen Linkage-Intention der NGOs in Bezug auf Basis und Öffentlichkeit auszugehen. Es offenbaren sich merkliche Unterschiede in der Mitgliederund der Basisbzw. Öffentlichkeitsorientierung der NGOs sowie der Intensität des Kontakts. Besonders deutlich werden diese für die direkte Basisansprache, vor allem den persönlichen Kontakt; hier ist das Aktivitätsniveau der NGOs – und das gilt für die gesamte Stichprobe – im Vergleich zu den Mitgliedern wesentlich geringer. Ebenso zeigt sich in fast allen Dimensionen ein starkes Gefälle zwischen erster und zweiter Linkage-Stufe sowohl in den Zielformulierungen, d.h. der Intention der NGOs, als auch in den faktischen Aktivitäten. So werden die schlechtesten Ergebnisse mit im Schnitt je 33% der Punkte in „Interessenaggregation“ und „Linkage B/Ö“ erzielt, wobei ersteres Resultat, in Bestätigung der fehlenden Linkage-Intention, in erster Linie auf einen Mangel an systematischen Prozessen die Anliegen der Basis zu erfassen bzw. fehlende Mitspracheoptionen für ebendiese zurückzuführen ist. So lassen die Durchschnittswerte zur

„Interessenaggregation“ auf eine prekäre Situation, nicht nur für die von den EU-Organen erhoffte und in diversen wissenschaftlichen Arbeiten formulierte Annahme authentischer Interessenvertretung schließen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die meisten der untersuchten NGOs den Balanceakt zwischen institutioneller Umwelt und Mitgliedern meistern und was diese anbelangt ihrer Rolle als intermediärer Akteur gerecht werden. Für die Basis gelingt der Balanceakt bei einem Großteil der NGOs indessen nicht.

Bevor die Ergebnisse in Hinblick auf die Demokratisierungspotenziale von NGOs diskutiert und in Bezug zu den Erwartungen der EU-Institutionen sowie den Resultaten anderer Studien gesetzt werden, folgt zunächst die bewertende Einschätzung des Einflusses der UV auf die Linkage-Leistung.

 
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