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1.2 Zum Stand der Forschung: Literaturund Kognitionswissenschaften

Die Kognitionswissenschaften können im letzten Jahrzehnt auf ein großes Interesse der Literaturwissenschaft an ihren Fragestellungen zurückblicken. Das Interesse der Literaturwissenschaftler an kognitiven Prozessen des menschlichen Geistes sowie an höheren kognitiven Wahrnehmungsleistungen des Gehirns hat aber zu keiner anerkannten durchstrukturierten kognitiven literaturwissenschaftlichen Theorie geführt.40

Eine etablierte über eine eigene Metasprache verfügende kognitive Literaturwissenschaft gibt es nicht. Man kann lediglich von going cognitive41 in der Literaturwissenschaft sprechen. Damit ist keine einheitliche Theorie innerhalb der Literaturwissenschaft, sondern ein Trend gemeint. Die Bezeichnung ‚kognitiv' scheint sich als ein Sammelbegriff für alle Untersuchungen in der Literaturwissenschaft etabliert zu haben, die im weitesten Sinne Interesse an mentalen Prozessen der Informationsverarbeitung im literarischen Kontext und an Mechanismen des Verstehens der Sprache literarischer Texte oder des Verstehens literarischer Texte zeigen.42 Der Begriff ‚kognitiv' in kognitionswissenschaftlichem Sinn ist nicht mit dem Begriff ‚kognitiv' aus der analytisch-philosophischen Tradition zu verwechseln. Da in der vorliegenden Studie – wenn nicht anders angegeben – ‚kognitiv' und ‚Kognition' im kognitionswissenschaftlichen Sinn verwendet werden, ist es an dieser Stelle erforderlich, den Unterschied zwischen dieser Auffassung von ‚Kognition' und dem in der analytischen Tradition verankerten Sinn von ‚Kognition' zu betonen. Die Bedeutung von ‚kognitiv', die auf die analytische Tradition zurückzuführen ist, definieren Lakoff & Johnson (1999) wie folgt: „(…) cognitive means only conceptual or propositional structure. It also includes rule-governed operations on such conceptual or propositional structures. Moreover, cognitive meaning is seen as truth-conditional meaning, that is meaning defined not internally in the mind or body, but by reference to things in the external world” (Lakoff & Johnson 1999, S. 12). Innerhalb der Kognitionswissenschaften bezieht sich der Begriff dagegen auf bewusste und unbewusste mentale Operationen oder Wissensstrukturen, die das Verhältnis zwischen Denkprozessen und Sprache bestimmen und beeinflussen. Mit den Worten von Lakoff & Johnson (1999): „This includes phonology, grammar, conceptual system, the mental lexicon, and all unconscious inferences of any sort. Mental imagery, emotions and the conception of motor operations have also been studied from such a cognitive perspective. And neural modeling of any cognitive operation is also part of cognitive science” (Lakoff & Johnson 1999, S. 11). Innerhalb der Literaturwis senschaften werden nach wie vor Erkenntnisse aus den Kognitionswissenschaften mit traditionelleren Ansätzen der Literaturwissenschaft wie Texthermeneutik, Literaturgeschichte und Rezeptionsästhetik kombiniert.43 In der Praxis führt dieses Interesse der Literaturwissenschaftler an kognitiven Mechanismen des menschlichen Geistes oft nur zu hermeneutischen Textanalysen der Darstellung kognitiver Prozesse und mentaler Vorgänge der Figuren in literarischen Texten, zur Analyse der Narrativierung mentaler Prozesse seitens des Erzählers, zur Analyse der Geschichte der Anwendung bestimmter zur Kognition zurückführender Begriffe oder auch zum Ablesen kognitiver Begriffe von literarischen Texten.44 Dies spiegelt sich, zum Beispiel, in den Arbeiten von Lisa Zunshine, Ellen Spolsky, Mary Thomas Crane oder in Cognitive Fictions (2002) von Joseph Tabbi wider. In diesen Fällen scheint die Kritik von Adler und Gross (2002) an den Arbeiten im Bereich der Literaturund Kognitionswissenschaft, dass man nur „old wine in new bottles“45 angeboten bekommt, nachvollziehbar zu sein. Adler & Gross (2002) betonen, dass oft Literaturwissenschaftler, die sich ‚kognitiv' in den eigenen Arbeiten orientieren, in einen Teufelskreis geraten. Entweder benutzen sie die Geisteswissenschaften und deren traditionelle Methoden, um die Kognitionswissenschaft an für Geisteswissenschaftler verständliche Ansätze anzupassen oder sie benutzen die Kognitionswissenschaft und deren Fachtermini metaphorisch, um Literatur oder etablierte literaturwissenschaftliche Begriffe zu erklären. In beiden Fällen leiden sowohl die Literaturwissenschaft als auch die Kognitionswissenschaft darunter.

Auf die Annäherung der Literaturwissenschaft an die Kognitionswissenschaften konzentrieren sich Craig A. Hamilton und Ralf Schneider. In ihrem 2002 mit dem Titel From Iser to Turner and Beyond: Reception Theory Meets Cognitive Criticism in Style erschienenen Aufsatz vergleichen sie Wolfgang Isers Werk über Rezeptionstheorie und Mark Turners Werk über ‚Cognitive Criticism' kritisch miteinander. Dabei stellen sie fest, dass eine Antwort auf die Frage, wie literarische Bedeutung vom Leser in der Interaktion mit dem literarischen Text konstituiert werde, nur die Annäherung der Literaturwissenschaft an die Kognitionswissenschaft und besonders an die Kognitionspsychologie liefern könne.47 Hieran erkennt man, dass sich Interdisziplinarität nicht umgehen lässt.

Nach den beiden Autoren ist Iser weit darüber hinausgegangen, sich zu fragen, was literarische Bedeutung sei. Er hat die vielversprechende Frage gestellt, wie ein Leser literarische Bedeutung48 generieren könne. Leider hat Iser dem Leser wenig Aufmerksamkeit geschenkt, da er sich hauptsächlich darauf konzentriert hat, dass relevante Elemente der Bedeutungskonstituierung im Text und nicht in den kognitiven Veranlagungen des Lesers zu suchen sind. Iser hat keine zufriedenstellende empirisch überprüfbare Antwort auf seine Frage geben können.49 Trotzdem hat Iser nach Hamilton und Schneider besonders in seinem späten Werk den Weg zum ‚Cognitive Criticism' geebnet, indem er in den Vordergrund gerückt hat, dass sich Narration auf anthropologische Universalien gründet und beim Akt des Lesens die Vorstellungskraft und die kognitiven Prozesse des Lesers in Anspruch nehmen muss.50 Obwohl Iser nicht über diese Feststellung hinausgegangen ist, stellt diese nach Hamilton & Schneider (2002) den Übergang zum ‚Cognitive Criticism' und zu Turners Werk dar. Turner hat sich mit den kognitiven Prozessen des menschlichen Geistes beschäftigt und die kognitionswissenschaftlichen Erkenntnisse vor allem aus der kognitiven Linguistik von Gilles Fauconnier auf die Analyse der Art und Weise, wie man im literarischen Kontext denkt, angewendet. Er scheint aber keine Antwort auf Isers Frage vorgeschlagen zu haben, wie der Leser literarische Bedeutung in der Interaktion mit dem Text generiere. Nach Hamilton und Schneider ignoriert Turner zu viele Aspekte der Kognitionswissenschaften, wie z. B. die Inferenztheorie, die Textverarbeitungstheorie, die Emotionstheorie, als dass er eine zufriedenstellende Antwort auf Isers Frage formulieren könnte.51 Hamilton & Schneider (2002) betonen nachdrücklich, dass für die Formulierung einer kognitiven Rezeptionstheorie nicht der Text, sondern der Leser und dessen Interaktion mit dem Text im Mittelpunkt der Untersuchung stehen sollen. Der Begriff ‚Leser' soll anders definiert werden als bei Iser, so Hamilton und Schneider. Von dem von Iser eingeführten Begriff des im Text impliziten Lesers soll man sich aus dem Grund verabschieden, dass ein solcher Leser nicht real ist und daher nicht empirisch überprüfbar ist.52 Hamilton & Schneider (2002) scheinen aber zu übersehen, dass dies die Empirische Literaturwissenschaft längst erkannt hat und reale Leser einbezogen hat, die als Publikum und gesellschaftliche Instanz im sozialen System angesehen werden, in dem ein literarisches Werk gelesen und rezipiert wird. Die Wirkung der Rezeption eines literarischen Kunstwerkes auf das soziale Leben im sozialen System durch die Leser und deren Motivationen steht hier im Mittelpunkt.53

Trotz der Bemühungen darum, Literaturund Kognitionswissenschaft miteinander zu ergänzen, ist man von diesem Ziel noch weit entfernt. Die sogenannte ‚cognitive revolution' bleibt eine in literaturwissenschaftlichen Kreisen selbsternannte kognitive Wende. Die die Kognitionswissenschaften konstituierenden Fächer und Forschungsgebiete (Neurowissenschaft, Psychologie, Philosophie des Geistes, Linguistik) haben sie kaum wahrgenommen und daher nicht anerkannt. In seinem Buch The Mind and Its Stories. Narrative Universals and Human Emotion54 von 2003 sieht Patrick Colm Hogan den Grund, warum die Literaturwissenschaft in die Kognitionswissenschaften schwer einzugliedern ist, darin, dass sich Literaturwissenschaftler lieber nur auf die Besonderheiten nationaler Literaturen konzentrieren, während die Kognitionswissenschaften nach Typisierungen bzw. nach Patterns und Schemata suchen, die zur Ermittlung der Variationen menschlicher kognitiver Handlungen dienen. Im Rahmen der kognitiven Wende in den Geisteswissenschaften ist Hogan zufolge Literatur nicht das Produkt historischer Epochen, philosophischer Strömungen oder der Ausdruck nationaler Weltanschauungen, sondern sie stellt allein das Produkt des menschlichen Geistes – sprich human mind – dar. Gerade weil Literatur für ein Produkt des menschlichen Geistes gehalten wird, ist deren Untersuchung eng mit den Aktivitäten des menschlichen Geistes verbunden, die von Hogan mit erzählten Emotionen gleichgesetzt werden.55 Von der Untersuchung der Struktur der Narrativierung menschlicher Emotionen verspricht sich Hogan zur Klassifizierung narrativer Universalien zu gelangen.56 Narrative Universalien definiert Hogan in Anlehnung an die Sprachwissenschaft. Das formale kennzeichnende Merkmal literarischer Texte, das auf eine narrative Universalie schließen lässt, besteht in einer wiederkehrenden Eigenschaft, die die narrativen Strukturen der berücksichtigten literarischen Texte miteinander gemeinsam haben. Sie kann nur dann als eine Universalie betrachtet werden, wenn sie nicht auf gemeinsame kulturelle Wurzeln der Texte selbst zurückzuführen ist. Narrative Universalien im Sinne Hogans (2003) halten sich in der Überlieferung und lassen sich auf kognitive anthropologische Erscheinungen des kulturellen Hintergrundwissens des Lesers zurückführen. Hogans Hauptthese besteht darin zu behaupten, dass die Aufdeckung typisierter narrativer Patterns über die Untersuchung von erzählten Emotionen laufe. Die emotionalen Reaktionen der Leser auf literarische Texte werden durch eine begrenzte Zahl von typisierten narrativen Grundstrukturen gesteuert. Narrative Texte gehen aus der kognitiven Struktur menschlicher Emotionen hervor. Es ist nach Hogan daher möglich, narrative kulturübergreifende Grundstrukturen aufzuspüren, die narrative Universalien darstellen, indem man die typisierte kognitive Struktur der Funktionsweise menschlicher Kognition und deren Narrativierung untersucht.57 Von der Untersuchung der Struktur der Narrativierung menschlicher Emotionen verspricht sich Hogan, zur Klassifizierung narrativer Universalien zu gelangen, denn nach Hogan gehen prototypische Narrationen von prototypischen Ausgangssituationen für die Auslösung von Emotionen hervor.58 Auf die Isolierung typisierter Patterns für die Wahrnehmung literarischer Erscheinungen geht auch die Leserforschung kognitionswissenschaftlicher neurokognitiver Prägung ein, obwohl zum Teil auch hier Skepsis angebracht ist. Norman Holland zeigt sich in einem 2002 in New Literary History erschienenen Artikel mit dem Titel Where Is a Text? A Neurological View gegenüber den Methoden der kognitiven Neurowissenschaften in der Leserforschung misstrauisch.59 Er macht darauf aufmerksam, dass man nicht leugnen könne, dass ein Text das Ergebnis von dem sei, was der Leser durch die kognitiven Funktionen seines Gehirns wahrnehme. Er betont, dass der Akt des Lesens von kognitiven Aktivitäten des Gehirns ermöglicht werde und dass das Verstehen von dem, was gelesen werde, das Ergebnis dieser kognitiven Aktivitäten darstelle. Holland stellt auch fest, dass uns die Aktivität des Gehirns in diesem Prozess nichts über individuelle Lesarten verraten könne. Nach Holland kann die kognitive Neurowissenschaft nur die neuronalen Prozesse des Lesens und des Wahrnehmens eines Textes eingrenzen. Sie forscht daher an individuellem Lesen vorbei. Hollands Beobachtung ist nicht überraschend, denn Aufgabe der Untersuchungsmethoden der kognitiven Neurowissenschaften ist die Lokalisierung von neuronalen Erregungen im Gehirn, d. h. die Lokalisierung intersubjektiver neuronaler Patterns in bestimmten Kontexten. Die funktionelle Kernspintomographie, z. B., auch fMRI genannt, dient dazu, Schwankungen im Sauerstoffgehalt des Blutes im Gehirn in Abhängigkeit von der leistungsbedingten Stoffwechselaktivität des Gehirns zu erfassen und bildlich darzustellen. Dies zeigt an, wo im Gehirn die neuronale Aktivität lokal erhöht ist.60 Eine fMRIMessung der neuronalen Aktivitäten des Gehirns beim Lesen eines literarischen Textes besagt zwar nicht, wie die individuelle Lesart des Textes aussieht, aber sie trägt dazu bei festzustellen, ob bestimmte Gehirnareale für die Rezeption von Literatur zuständig sind. Dies könnte nachweisen, dass Literatur ein eigenes neuronales Identifikationspattern im Gehirn und in dessen höheren kognitiven Aktivitäten hat. Dies könnte zur Definition der neurokognitiven Grundlagen von Literatur beitragen. fMRIStudien sowohl im Bereich der Produktion als auch im Bereich der Rezeption narrativer Texte können tatsächlich nachweisen, dass das Gehirn sowohl in der Phase kreativer Prozesse narrativer Texte als auch beim Verarbeitungsprozess eines narrativen Textes kontextbedingte Aktivierungen von Hirnarealen zeigt.61 Obwohl diese Forschungsergebnisse zweifelsohne faszinierend sind, sind sie angesichts des gegenwärtigen Standes der Forschung für die Literaturwissenschaft von zweitrangiger Bedeutung. Viel relevanter sind für Literaturwissenschaftler die philosophischen Fragen, die die kognitiven Neurowissenschaften aufwerfen. Der kartesianische Dualismus gerät durch die Neurowissenschaften ins Schwanken. Es wird angenommen, dass mentale und neuronale Aktivitäten miteinander identisch seien oder auch dass die neuronalen Aktivitäten die Basis der mentalen Prozesse seien, die wiederum auf der neuronalen Ebene Einfluss auf das weitere Geschehen nehmen könnten.62 Lakoff & Johnson (1999) haben daraus eine Lehre gezogen. Sie vertreten in ihrem Buch Philosophy in the Flesh die These, dass es keinen kartesianischen Menschen gebe. Sie stellen Folgendes fest: „Since reason is shaped by the body, it is not radically free, because the possible human conceptual systems and the possible forms of reason are limited. In addition, once we have learned a conceptual system, it is neurally instantiated in our brains and we are not free to think just anything. (…). Real human beings are not, for the most part, in conscious control of (…) their reasoning. Most of their reason, besides, is based on various kinds of prototypes, framings, and metaphors.” (Lakoff & Johnson 1999, S. 5). 2005 hat der Kognitionspsychologe Rolf A. Zwaan zusammen mit Diane Pecher einen Sammelband mit dem Titel Grounding Cognition herausgegeben, in dem davon ausgegangen wird, dass Kognition in den Wahrnehmungsleistungen des menschlichen Körpers begründet ist und dass die Bedeutung von kommunikativen Zeichen nur in Bezug auf die sensomotorische Erfahrung des wahrnehmenden Menschen festgestellt werden kann. Man kann von verkörperter Kognition sprechen.63 Diese Annahme ist nach den Herausgebern ergiebiger als die Annahme, dass sich die Bedeutung eines Zeichens in einem System in Bezug auf andere Zeichen desselben Systems feststellen lasse, ohne sich auf die Außenwelt zu beziehen. Nach der verkörperten Forschungsrichtung sind Kognition und das Verstehen von Sprache, von abstrakten Begriffen und Emotionen in verkörperten sensomotorischen Prozessen begründet. Dies bedeutet, dass keine klare Trennung zwischen wahrnehmendem Handeln und Kognition mehr anerkannt wird.64 In der philosophischen Abhandlung von Lakoff & Johnson (1999) hat dies zur Überlegung geführt, dass Sprache nur die äußere Erscheinung eines tiefer liegenden in den sensomotorischen Erfahrungen des Wahrnehmenden gespeicherten Denkpatterns darstelle. Innerhalb der Kognitionswissenschaften hat sich inzwischen in Anlehnung an die Vorstellung eines verkörperten sensomotorischen Prozesses des Wissenserwerbs eine nicht-klassische Kognitionswissenschaft herauskristallisiert, die als ‚enactive cognitive science' bekannt ist. Ihre theoretischen Voraussetzungen weisen gewisse Gemeinsamkeiten mit der hermeneutischen Auffassung von wahrnehmendem Menschen in der Welt aus der philosophischen Hermeneutik auf.65 Die Grundsätze der enactive cognitive science lassen sich mit den Worten von Steve Torrance folgendermaßen zusammenfassen:

„(a) Minds are the possessions of embodied biological organisms viewed as autonomous self-generating and self-maintaining agents. (b) In sufficiently complex organisms, these agents possess nervous systems working as organizationally closed networks, generating meaning, rather than processing information as inner representations of the external world. (c) Cognition, conceived fundamentally as meaning-generation, arises from the sensorimotor coupling between organism and environment. (d) The organism's world is 'enacted' or 'brought forth' by that organism's sensorimotor activity; with world and organism mutually codetermining one another, in ways that have been analyzed by investigators in the continental phenomenology tradition. (e) The organism's experiential awareness of its self and its world is a central feature of its lived embodiment in the world, and therefore of any science of the mind.” (Torrance 2005, S. 2) 66

Innerhalb der kognitiv orientierten Literaturwissenschaft ist die nichtklassische Kognitionswissenschaft in dieser Form noch nicht maßgebend, obwohl sich einige seiner Forschungsschwerpunkte in den theoretischen Voraussetzungen der empirischen Literaturwissenschaft von Siegfried Schmidt (1982; 1994) wiedererkennen lassen. Allerdings sind sie in der empirischen Umsetzung dann nicht mehr sichtbar oder sie stellen eben nur eine theoretische Voraussetzung dar.67 Die Ansätze kognitivistischer Prägung, die in der kognitiv orientierten Literaturwissenschaft auf eine etablierte Tradition im Rahmen der Untersuchung von ‚Literatur' zurückblicken können, behandelt Semino (1997) in ihrer Arbeit Language and World Creation. Diese sind die Diskurstheorie, die Theorie der möglichen Welten und die Schematheorie.68 Nach einem eingehenden Vergleich der drei Ansätze für die Analyse von Literatur kommt Semino (1997) zu dem Schluss, dass im Vergleich zur Diskurstheorie und zur Theorie der möglichen Welten die kognitive Schematheorie kognitionspsychologischer Prägung den Vorteil bietet, die Untersuchung des Aktivierungsprozesses des Hintergrundwissens des Lesers durch den literarischen Text und dessen Sprachmaterial zu ermöglichen. Die Schematheorie bietet nach Semino (1997) die Möglichkeit, auf die Interaktion des Lesers und dessen Wissensstrukturen mit dem Text einzugehen, die die Erwartungen des Lesers steuern.69 Semino (1997) zufolge kann man sich ausgehend von der Schematheorie anhand intersubjektiv laufender typisierter kognitiver Prozesse und Patterns mit subjektiven selbstreferentiellen Lesarten auseinandersetzen.70 Die Tatsache, dass die Anwendung der Schematheorie auf die Analyse von Literatur ermöglicht, die kognitive Rolle des Hintergrundwissens des Lesers und dessen Wissensstrukturen mit einzubeziehen, ist der in der kognitiv orientierten Literaturwissenschaft etablierte Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit der Entwicklung einer kognitiven die Interaktion des Lesers mit dem Text beleuchtenden Annäherung an Themen der Literatur. Mit den Worten von Nelli Diengott (1988): „(…) thematics should be concerned with the reader's competence. After all – pace deconstructionalists – readers/critics do not create works of art but attempt to grasp them, and theme is one of their main concerns.”71 Die in der kognitiv orientierten Literaturwissenschaft etablierte Schematheorie gehört zu den klassischen Kognitionswissenschaften, die in den letzten Jahrzehnten vor allem wegen ihrer Computer–Metapher des menschlichen Geistes und ihrer repräsentationalistischen72 Vorstellung des menschlichen Geistes in Frage gestellt worden sind.73 Während der letzten zwanzig Jahre haben die sogenannten nichtklassischen postkognitivistischen Kognitionswissenschaften74 die kognitiv orientierten Geisteswissenschaften dazu geführt, ihr Umdenken über die Beziehung zwischen Körper-Geist und Umwelt wieder zu entdecken. Durchgesetzt hat sich die umstrittene anti-dualistische antikartesianische ‚embodied mind thesis', d. h. die Annahme, dass sich Kognition, Denken, Wahrnehmung, Emotion, Erfahrung nicht als Prozesse erklären lassen, die ausschließlich dem Geist zu verdanken sind. Sie beziehen den ganzen Körper, der Kognition mit bestimmt und konstituiert, in die Interaktion mit der Umwelt mit ein (Johnson 2007; Thompson 2007). Obwohl diese These innerhalb der Kognitionswissenschaften eine neue revolutionäre Alternative zu der klassischen Computer-Metapher des menschlichen Geistes darstellt, die von Jerry Fodor, oder auch von Noam Chomsky, z. B., vertreten oder vorausgesetzt wird, kann sie in den Geisteswissenschaften auf eine längere Tradition zurückblicken. Sie kann auf den pragmatistischen amerikanischen Philosophen John Dewey (1934)75 und seine Kritik an der dualistischen Kantischen Ästhetik zurückgeführt werden, die in Vergessenheit geraten waren. Erst nach der Durchsetzung der nicht-klassischen Kognitionswissenschaften sind sie wieder entdeckt worden.

Ziel dieser Studie ist es nicht, die kognitiv orientierte Literaturwissenschaft zu revolutionieren und ihre klassischen Voraussetzungen radikal abzulehnen. Ihr Ziel ist es vielmehr, eine Brücke zwischen den klassischen und den nicht-klassischen Kognitionswissenschaften76 und der Themenforschung kognitiver Prägung zu schlagen. In dieser Studie wird die in der kognitiv orientierten Literaturwissenschaft etablierte Schematheorie als Ausgangspunkt dienen, obwohl die ‚embodied mind thesis' stärker in den Vordergrund gerückt werden soll. In dieser Arbeit soll die These der verkörperten Kognition in die sich kognitiv orientierende Literaturwissenschaft und Themenforschung mit einbezogen werden. Bevor ich meine genaue Zielsetzung formuliere, möchte ich versuchen, zwei Missverständnisse zu klären, die in den letzten Jahren nach der Begegnung der Hermeneutik mit Cognitive Poetics77 in sich kognitiv orientierenden literaturwissenschaftlichen Kreisen entstanden sind. Meines Erachtens sind sie aus der Verkennung der Zielsetzung der kognitiven Wende in den Geisteswissenschaften hervorgegangen.

 
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