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1.3 Zielsetzung: Wege und Umwege zu den Themen der Literatur

Diese Studie nimmt sich vor, kognitive Kriterien für die Abgrenzung literarisch relevanter thematischer Wissensstrukturen des Lesers zu erarbeiten. Dabei wird die Auffassung von Interdisziplinarität von Rogers & Scaife & Rizzo (2003) berücksichtigt und von Tsurs (1992) folgender Beobachtung ausgegangen: „(…) poetry exploits, for aesthetic purposes, cognitive (including linguistics) processes that were initially evolved for non-aesthetic purposes. (…)“ (Tsur 1992, S. 4).

Der Begriff ‚kognitiv' wird in dieser Studie dazu verwendet, alle Operationen zu bezeichnen, die Denken, Vorstellen, Erinnern und unter Umständen emotionale Vorgänge im Prozess der Interaktion des Lesers mit einem Text der Literatur voraussetzen.84 Angesichts der Erkenntnis, dass vorhandenes Wissen auf neue Erfahrungen angewendet werden kann, weil der Mensch – allgemein formuliert – über kognitive Kategorien der wahrgenommenen Welt verfügt,85 steht im Mittelpunkt der Arbeit die Frage, wie der Begriff ‚Thema' angesichts der Kategorisierungsprozesse, Denkmechanismen und Wissensstrukturen des wahrnehmenden Menschen als Leser in der Interaktion mit einem literarischen Text erfasst werden kann. Es wird gefragt, was für kognitive Prozesse dem Leser ermöglichen, ein Thema als ‚literarisch' zu erleben. Meine leitenden Fragen können folgendermaßen formuliert werden: 1) Wie hängen Themen und Kognition zusammen? 2) was für kognitive Prozesse des Lesers machen aus einem Thema ein Thema der Literatur?

Wenn man an der Vorstellung von Meutsch & Schmidt (1985) und Christmann & Schreier (2003) festhält, dass die literarische Bedeutungskonstituierung auf der Grundlage subjektiv-ästhetischer Bewertung erfolge und dass dies dazu führe, dass einem Thema im Rahmen des Kommunikationssystems ‚Literatur' keine intersubjektiv übereinstimmende Bedeutung zugeordnet werde, sondern Rezipienten entsprechend ihren subjektiven Bedürfnissen sowohl intraals auch interindividuell je unterschiedliche Bedeutungszuordnung vornehmen,86 kommt man zu dem Schluss, dass einem literarischen Text mehr als ein einziges Thema zugewiesen werden kann. Ziel dieser Studie ist es aber nicht zu untersuchen, was für ein Thema eine Gruppe von Lesern aufgrund ihres eigenen kulturellen Hintergrundwissens einem literarischen Text zuweisen kann oder was nach einem bestimmten Leser das Thema eines bestimmten literarischen Textes sein kann. Dies wäre Aufgabe der Empirischen Literaturwissenschaft.87 Ziel dieser Studie ist es vielmehr, die literarischästhetische Validität von Erfahrungserwerb und von für die thematische Bedeutungszuweisung literarisch entscheidenden Wissensstrukturen menschlicher Kognition in der Interaktion zwischen Text und Leser zu ermitteln. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Funktionsweise höhere kognitive Aktivitäten steuernder Mechanismen der Interaktion des Lesers mit Textwelten bei literarisch relevanter Bedeutungsgenerierung. Trotz ihres Beitrages zum Verstehen der Prozesse der Textund Informationsverarbeitung seitens des Lesers sind die kognitionswissenschaftlichen Ansätze nicht sehr hilfreich, wenn man sie einzeln auf die Untersuchung der Frage anwendet, wie der Leser literarisch relevante Bedeutung zuweist, die mit dem aus der Interaktion von Text und Leser resultierenden ästhetischen Wert literarischer Texte zusammenhängt. Die Spezifität literarischer Textverarbeitungsprozesse wird nicht berücksichtigt. In der Tat erklären die kognitiven Ansätze, die zum Beispiel in Hamilton & Schneider (2002) erwähnt werden, allein nach welchen Kriterien der Leser beim Verstehen eines Textes Entscheidungen trifft, die zum Textverstehen führen oder die zum Textverstehen beitragen. Sie tragen nicht dazu bei, die Verarbeitungsprozesse, die nötig sind, um einen Text der Literatur zu verstehen oder zu interpretieren, von den Verarbeitungsprozessen zu unterscheiden, die das Verstehen in anderen Kommunikationsbereichen ermöglichen. Mit anderen Worten: Die Verarbeitungsprozesse eines Textes der Literatur werden durch die Verwendung der einzelnen kognitiven Ansätze von den Verarbeitungsprozessen eines Textes aus einem anderen Kommunikationsbereich nicht getrennt.88 Dadurch erkennt man aber der Verarbeitung von Texten der Literatur ihr Spezifikum ab. Die Frage danach, was der Leser dazu führt, bestimmte Entscheidungen im Verarbeitungsprozess eines Textes der Literatur zu treffen, die relevant für das Verstehen und Erleben des Literarischen am literarischen Text sind, kann meines Erachtens ohne das Zusammenspiel der oben erwähnten kognitionswissenschaftlichen Ansätze und ohne die Bestimmung ihrer Rolle für die Untersuchung der Spezifität literarischer Kommunikation nicht beantwortet werden. Ich vertrete hier die Ansicht, dass ein interdisziplinärer Dialog zwischen den Kognitionswissenschaften und den Literaturwissenschaften dazu beitragen soll herauszufinden, was kognitiv-emotional dem Leser ermöglicht, eine thematische Bedeutung zu generieren, die mit literarischer ästhetischer Erfahrung zusammenhängt, wenn der Leser mit einem Text der Literatur interagiert, ihn rezipiert und Bedeutung zuweist.89

Bekanntlich ist der Begriff der ästhetischen Erfahrung in der Literaturwissenschaft eher unbestimmt oder rätselhaft. Das Werk Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik von Hans Robert Jauß (1982) stellt nach wie vor das Standardwerk für die Beschäftigung mit diesem Begriff in der Literaturwissenschaft dar. Jauß' Auffassung von den rezeptiven Aspekten ästhetischer Erfahrung90 setze ich hier mit der Absicht voraus, den Begriff ‚ästhetische Erfahrung' im Laufe dieser Studie mit jüngeren Einsichten aus der nicht-klassischen Kognitionswissenschaft in Verbindung zu bringen. Zu der Phase der Generierung literarisch relevanter Bedeutung in der Rezeption literarischer Texte gehört die Erschließung des Themas eines Textes.91 Da aber jeder Text und jede Kommunikationsform Inhalte und daher Themen hat, stellt sich die Frage, was aus einem Thema ein literarisch relevantes Thema macht, das auf den ästhetischen Wert eines Textes sowohl zurückzuführen ist als auch schließen lässt. In Hinblick auf diese offene Frage ist Pilkingtons (2000) Beobachtung besonders aufschlussreich. Er macht deutlich, dass Literatur phänomenologische Erfahrungen im Leser evoziert und aktiviert.92 Mit den phänomenologischen Erfahrungen des Subjekts beim Wahrnehmungsprozess beschäftigen sich Studien innerhalb der kognitiven Neurowissenschaften im Bereich der ästhetischen Erfahrung des Gehirns und des Bewusstseins.93 In diesem Bereich geht man von der Annahme aus, dass sich im Bewusstsein gespeicherte Spuren von phänomenologischen Erfahrungen befinden, die in der Interaktion des Subjekts mit der Umwelt reaktiviert werden. Beim Wahrnehmungsprozess ermöglichen sie den Kategorisierungsprozess.94 Auf diese Überlegungen könnte sich aus meiner Sicht die Annahme stützen, dass sich im Bewusstsein auch ästhetisch-literarisch relevante phänomenologische Erfahrungen befinden könnten, die in der Interaktion des Lesers mit einem literarischen Kunstwerk aktiviert werden können. Sie könnten dazu beitragen, den ästhetischen Wert des Textes und des Inhalts des Textes aufzudecken.95 Die Anwendung der kognitiven Ansätze in der Literaturwissenschaft, die die kognitive Aktivität des Subjekts in den Vordergrund stellen, rückt die Rolle des Lesers in den Mittelpunkt der Untersuchung. In meiner Studie wird der Leser als wahrnehmender Mensch betrachtet. So trivial diese Auffassung von ‚Leser' auf den ersten Blick erscheint, so hilfreich ist sie. Sie macht möglich, dass die theoretischen Ergebnisse dieser vorliegenden Studie über die Wechselwirkung zwischen Kognition und Emotionen des Lesers und dem Text empirisch überprüfbar bleiben.

1.3.1 Zu meiner Hauptthese

In Anlehnung an die klassischen Kognitionswissenschaften und unter Berücksichtigung ihrer postkognitivistischen Wende wird in dieser Arbeit der überlieferungsfähige und kulturübergreifende Charakter von Themen der Literatur in den kognitiven und emotionalen Aktivitäten des (empirischen) Lesers in der Interaktion mit der Umwelt verankert. Es wird davon ausgegangen, dass ein Thema im Prozess des Erwerbs von Erfahrungen bei der Interaktion mit der Umwelt entsteht und einer Wissensstruktur des Lesers als wahrnehmender Mensch entspricht. In dieser Arbeit wird die These vertreten, dass ein Thema der Literatur als kognitiv-emotionales Gebilde bei der Textverarbeitung eine Brücke zwischen der fiktionalen Textwelt und der nicht-fiktionalen Welt des Lesers schlägt.

Im Prozess des Verstehens einer Textkohärenz wird durch kognitivemotionale und stilistische Mittel zur kognitiven Informationsselektion eine literarisch relevante aus einem Hauptthema und verschiedenen Nebenthemen bestehende Themenhierarchie aufgedeckt, die sich aus der kognitiv-emotionalen Disambiguierung der Vieldeutigkeit eines Textes der Literatur bei der Interaktion mit dem Leser ergibt.

 
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