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1.4 Zum Aufbau dieser Studie

In dieser Studie werde ich eine Definition von literarisch relevantem Thema vorschlagen, die sowohl die klassische kognitive Wende in der Literaturwissenschaft und in der Themenforschung weiter entwickelt als auch die Möglichkeit bietet, in Zukunft die Themenforschung auch an die Debatte um die neuen anti-repräsentationalistischen Tendenzen in den jungen Kognitionswissenschaften anzuschließen. Jede Theorie, die das literarische Thema zum Gegenstand hat, droht schon am ersten Schritt zu scheitern, nämlich an der Definition des Begriffes ‚Thema'. Um einen Ausweg zu finden, wird diese Studie literaturwissenschaftliche und kognitionswissenschaftliche Erkenntnisse miteinander kombinieren und ergänzen.

Ausgangspunkt wird Menachem Brinkers (1995) Annahme sein, dass das Thema eine außerliterarische Natur habe.96 Er erkennt dem Thema keine literarische Spezifität zu. Es wird in dieser Arbeit auf die Annahme eingegangen, dass das Thema an der Schnittstelle zwischen der Welt der Erfahrungen des Lesers und der fiktionalen Textwelt anzusiedeln sei.97 In meiner Studie erfüllt der Überblick über die außerliterarische Natur des Themas98 zweierlei Ziele. Einerseits soll er dazu dienen zu zeigen, wie die Erkenntnis, dass Themen der Literatur außerliterarisch sind, die Themenforschung in der Literaturwissenschaft zum Stillstand gebracht hat, andererseits soll er in den Vordergrund rücken, dass der Themenforschung gerade die außerliterarische Natur der Themen erlaubt zu erklären, wie ein Thema kognitiv literarisch relevant werden kann. Im dritten Kapitel wird die Wechselbeziehung zwischen Assoziationsund Erfassungsvermögen des Lesers und Text berücksichtigt. Es wird auf die kognitiven Mechanismen eingegangen, die den Assoziationsprozess in der Interaktion mit dem Text beeinflussen. Es wird erklärt, wie sie erlebte Erfahrungen im Leser evozieren können. Das Thema soll als Wissensstruktur des Lesers definiert werden. Der Mechanismus seiner Aktivierung im Prozess der Interaktion mit Texten der Literatur wird anhand der klassischen Schematheorie erläutert, da sie in der kognitiv orientierten Literaturwissenschaft noch maßgebend ist. Allerdings werde ich den Begriff ‚Schema' anders verwenden als die klassischen Kognitionswissenschaftler. Die Schematheorie wird in dieser Studie an die Theorie der Inferenzen gekoppelt. In Anlehnung daran soll eine Formulierung der Auffassung von Thema als kognitiver Wissensstruktur des Lesers vorgeschlagen werden. Dabei soll die Schematheorie mit der ‚embodied mind' These in Verbindung gebracht werden. Im vierten Kapitel werde ich die Frage behandeln, wie sich die außerliterarische Natur von Thema mit einer möglichen Spezifität von Themen der Literatur vereinbaren lässt und was aus einem Thema als Wissensgehalt des Lesers einen literarisch relevanten thematischen Wissensgehalt macht. Wie van Peer (2002) beobachtet hat, haben sich nur bestimmte Themen zu literarisch relevanten Themen entwickelt, die sich in der Überlieferung gehalten haben. Als Beispiel gibt er ‚Liebe' und ‚Ehebruch' an. Von ‚Autounfall' kann man, zum Beispiel, nicht dasselbe behaupten. Van Peer (2002) beobachtet, dass ‚Autounfall' als Thema eines literarischen Textes nicht denkbar wäre.99 Warum? Van Peer bietet keine Antwort. Im vierten Kapitel werde ich den Begriff von angeborenen und angepassten Wissensstrukturen in Betracht ziehen, um van Peers offene Frage zu beantworten. Es soll die Rolle der angeborenen und angepassten Wissensstrukturen bei der Entstehung von für die Evolution menschlicher Kultur und menschlicher Gesellschaften ausschlaggebenden Wissensdomänen berücksichtigt werden. In Anlehnung daran soll der überlieferungsfähige Charakter literarisch relevanter Themen aus anthropologischer und evolutionspsychologischer Sicht erklärt werden.

Aufgrund ihrer evolutionspsychologischen Funktion wird in dieser Arbeit zwischen Hauptthemen und Nebenthemen unterschieden. Hauptthemen werde ich die Rolle kultureller Universalien zuerkennen. Im fünften Kapitel wird auf den Unterschied zwischen ‚Thema' und ‚thematischer Bedeutung' eingegangen. Beide Begriffe werden mit der Rolle der verkörperten Emotionen100 bei der Wahrnehmung und Kategorisierung des Wahrgenommenen verbunden. Wie und ob sich eine thematische Bedeutung und deren Formulierung mit einer ästhetischen Spezifität von Literatur in Verbindung bringen lassen, soll Gegenstand des sechsten Kapitels sein. Es wird die Annahme diskutiert, dass diese Spezifität durch die Untersuchung des Literarizitätsbegriffes ergründet werden kann. Analysiert wird der Literarizitätsbegriff von Cook (1994), Semino (1997) und Miall & Kuiken (1999). Er wird mit nicht-klassischen antidualistischen Überlegungen in Verbindung gebracht.

Auf den Begriff ‚ästhetische Erfahrung' wird im siebten Kapitel eingegangen. Das Ziel ist es, die literarische Relevanz einer thematischen Bedeutung auf deren ästhetischen Wert zu gründen, den die Leser erkennen können. Dabei wird besonders John Deweys (1934) Ästhetik und seiner Ablehnung der Ästhetik Kants Aufmerksamkeit geschenkt. In den letzten Jahrzehnten ist fächerübergreifend erkannt worden, dass Ästhetik, ästhetische Erfahrung und die Interaktion mit Kunstwerken besonders dazu geeignet sind, die emotional-kognitive Rolle des Körpers bei der Entstehung der kognitiven Aktivitäten des Menschen zu untersuchen (Savva u. a. 2012; Scarinzi 2012; Ticini u.a. 2015). Besonders die Analyse der ‚embodied' Entstehung sensomotorischer Bedeutung profitiert von der Begegnung der ‚embodied mind thesis' mit Ästhetik (Miall 2012; Scarinzi (ed.) 2015). Für die Analyse der Wahrnehmung der Umwelt und der sprachlichen Darstellung der subjektiven emotionalen Erfahrung im Umgang mit dem Wahrgenommenen ist die embodied mind thesis ausschlaggebend.

Innerhalb der Literaturwissenschaft haben auch die jungen Arbeiten des Literaturwissenschaftlers David Miall (2012; 2015) dazu beigetragen, die ‚embodied' Wechselbeziehung zwischen subjektiven Gefühlen und kognitiven Prozessen in die kognitiv orientierte Literaturwissenschaft einzuführen. Sie wird besonders bei der Untersuchung der ästhetischen Erfahrung bei der Rezeption eines literarischen Kunstwerkes berücksichtigt. Miall verweist unter anderem auf die Arbeiten des Neurowissenschaftlers Antonio Damasio.101

Bei der Berücksichtigung der Wechselbeziehung zwischen subjektiven Gefühlen und kognitiven Prozessen werde ich im siebten Kapitel versuchen, die Frage zu beantworten, was im kognitiven Prozess der thematischen Bedeutungsgenerierung aus einer thematischen Bedeutung eine literarisch relevante thematische Bedeutung machen kann.

 
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