Zur außerliterarischen Natur des Themas

Abstract. In diesem Kapitel wird auf die außerliterarische Natur des Themas eingegangen. Das Thema wird hier nicht als zur Textarchitektonik gehörendes textuelles Element betrachtet. Besprochen wird Menachem Brinkers Beitrag zur Themenforschung. Er wird der analytischen Literaturwissenschaft zugeordnet. Anhand Brinkers Arbeit wird hier die kognitiv orientierte Themenforschung von der analytischen Literaturwissenschaft abgegrenzt. In diesem Kapitel wird der Weg zur Entwicklung einer kognitiv-emotionalen postkognitivistischen Auffassung von Thema geebnet, indem das Thema als ein zur Wissensstruktur des Lesers gehöhrendes Element aufgefasst wird.

Ziel dieses einführenden Kapitels ist es, die innerhalb der Themenforschung verbreitete Beobachtung zu besprechen, dass dem Thema keine literarische Spezifität zuerkannt werden kann. Besonders Menachem Brinkers Beitrag mit dem Titel Theme and Interpretation soll berücksichtigt werden. Seine Arbeit ist der analytischen Literaturwissenschaft102 zuzuordnen.103 Meinem Vorhaben, der Themenforschung und der kognitiv orientierten Literaturwissenschaft die postkognitivistischen antidualistischen Forschungsrichtungen näherzubringen, wird das vorliegende Kapitel mit dem Ziel vorangestellt zu versuchen, die kognitiv orientierte Themenforschung von der analytischen Literaturwissenschaft bzw. im Allgemeinen von den dualistischen Einflüssen der analytischen Philosophie abzugrenzen. Brinkers Beitrag soll als Ausgangspunkt der Eingren zung kognitiver Anhaltspunkte dienen, die zur Bestimmung der Eigenschaften des Themas als Wissensstruktur und als verkörperte Wissensstruktur des Lesers beitragen können. Eine Wissensstruktur wird bei der Interaktion mit einem literarischen Text zum Zweck des Verstehens aktiviert.

Obwohl Menachem Brinkers Beitrag keine systematische und eindeutige Antwort auf die Frage liefert, wie ein Thema in der Interaktion mit einem fiktionalen Text kognitiv zu verstehen sei, bietet er eine indirekt auf kognitive Mechanismen zurückführende Definition von Thema. Brinker stellt auch Überlegungen zu den Prozessen an, die eine thematische Bedeutungszuweisung in Bezug auf das referenzielle Wissen eines Lesers in einer Lesergemeinschaft bestimmen.

Dieses einführende Kapitel nimmt sich bei der Besprechung von Brinkers Beitrag Folgendes vor:

1) Elemente der Interaktion zwischen Text und Leser mit kognitivem Potential sollen in den Vordergrund gerückt und von der analytischen Literaturwissenschaft abgegrenzt werden, auf die sich Brinker in seinem Beitrag bezieht;

2) die Erkenntnis, dass das Thema eine außerliterarische Herkunft hat, soll diskutiert werden. Es wird darauf aufmerksam gemacht, dass sie die Forschung im Bereich ‚Thema und Literatur' zum Stillstand gebracht hat.

Ich werde hier die Ansicht vertreten, dass die außerliterarische Natur des Themas zur Weiterentwicklung der Themenforschung nur dann führen kann, wenn man diese durch die Auseinandersetzung mit den klassischen Kognitionswissenschaften an die Forschungsergebnisse der jungen Ansätze der postkognitivistischen Kognitionswissenschaften anschließen kann.104 Ich werde zeigen, dass dies erst nach einer eindeutigen Abgrenzung der hilfreichen Beobachtungen Brinkers von der analytischen Literaturwissenschaft erfolgen kann.

 
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