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2.1.1 Zum dualistischen emotivistischen Ansatz

Emotivisten behaupten, dass literarische Texte emotive Bedeutung haben. Sie rufen Erfahrungen im Leser hervor, die sich durch Gefühlslagen manifestieren.125 Die hervorgerufenen Gefühlslagen weisen auf die Wirkung des Kunstwerkes hin. In Anbetracht dieser Position kann man aus meiner Sicht auch im Falle einer thematischen Bedeutungszuweisung behaupten, dass der das Verstehen und Interpretieren eines Kunstwerkes leitende Begriff – sprich Hauptthema – eine emotionale Wirkung auf die Rezipienten ausüben kann, was Brinker andeutet.

Gabriel (1975) und Winko (2003) erklären in ihren Arbeiten den emotivistischen Ansatz im Rahmen der analytischen Literaturwissenschaft. Danach besteht die Annahme, Literatur habe emotive Bedeutung, aus zwei Komponenten. Dies lässt sich an der paradigmatischen Position I.

A. Richards zeigen, der zu den prominentesten Vertretern des emotivistischen Ansatzes auf dem Gebiet der Literaturtheorie zählt. Für ihn sind literaturkritische Aussagen in deskriptiver Form nach dem Muster ‚x ist schön' elliptisch. Sie kürzen die Aussage ab, dass ein Gegenstand bestimmte Erfahrungen des Kritikers bewirke. Sie stellen keineswegs Aussagen über tatsächliche Eigenschaften des Gegenstandes dar.126 Grundlage der emotivistischen Position ist die Annahme, dass Kunstwerke Erfahrungen im Rezipienten hervorrufen, deren wichtigster Teil Einstellungen seien. Zeichen solcher Einstellungen sind in erster Linie Emotionen. Sie weisen auf die Wirkung hin, die ein Kunstwerk im Rezipienten hervorruft. Ein ästhetisches Gebilde zeichnet sich nicht durch deskriptive Bedeutung aus, sondern sein Spezifikum ist jene Vermittlung von Erfahrung, die sich in einer besonderen Gefühlslage manifestiert. Jedes Sprechen über Kunst ist daher emotiv, auch wenn es die Form referenzieller intellektueller Aussagen über Sachverhalte hat.127 Winko (2003) und Gabriel (1975) zufolge verwendet Richards den Ausdruck ‚emotiv' unter zwei Aspekten. Zum einen ist für ihn die emotive Bedeutung von Sprache Ausdruck der psychischen Einstellungen und Gefühle des Einzelnen. Dies muss aber nicht immer an der Sprachoberfläche erkennbar sein. Zum anderen bezieht Richards den Begriff auf die Wirkung eines Kunstwerkes auf den Leser, Hörer oder Betrachter. Er versteht ihn als Bezeichnung für eine Rezipienten-Reaktion.

Wie Winko (2003) deutlich macht, sind emotivistische Positionen scharf kritisiert worden. Bekanntlich haben W. K. Wimsatt und M. Beardsley emotivistischen Literaturkritikern eine Verwechselung der Dichtung mit deren Wirkungen vorgeworfen. Damit richten sie sich gegen die Rezeptionskomponenten emotiver Bedeutung. Sie erkennen an, dass diese Bedeutung subjektiv sei. Sie verbinden aber die Annahme mit der These, Emotionen seien als Wissenselemente vermittelbar. Die These, dass Literatur Erkenntnisse vermittelt, kennzeichnet ihre Position als eine kognitivistische.128 Kognitivisten stellen die deskriptive oder kognitive Bedeutung der Sprache in den Mittelpunkt und halten an einem Wahrheitsanspruch literarischer Texte fest.

Nach Tegtmeyers (2006) Abhandlung Formbezug und Weltbezug lässt sich diese Position im sogenannten ästhetischen Kognitivismus129 ansiedeln. Demgemäß wird Kunstwerken ein kognitiver Gehalt zugeschrieben. Mit kognitivem Gehalt ist propositionaler Gehalt gemeint.130 Einer der Vertreter dieser Position ist, zum Beispiel, Franz von Kutschera (1998), der ein Kunstwerk als „einen gelungene[n] Ausdruck eines bedeutsamen Gehalts“131 definiert. Nach diesem Ansatz ist der Inhalt eines Textes mit dessen Gehalt deckungsgleich. Der Gehalt ist die Aussage des Kunstwerkes, d. h. sein Inhalt + x. Das, was Kunstwerke uns zu verstehen geben, ist die Aussage der Werke. Der Gehalt eines Kunstwerkes dient dazu, aus Kunstwerken etwas Allgemeingültiges und Wichtiges zu lernen.132

Gabriel (1975) hat eine Annäherung der emotivistischen und der kognitivistischen Position vorgeschlagen. Im Rahmen des EmotivismusKognitivismus-Schemas hat Gabriel die Begriffe ‚Gefühl' und ‚Erkenntnis' einander angenähert. Winko (2003) geht darauf ein und konzentriert sich auf den Zusammenhang zwischen Sinn, dem Mitteilen von Inhalten und Bedeutung. Sie betont, dass der Leser als ganzer Mensch involviert sei, da literarische Erkenntnis nicht als vorgegebene Größe in den Texten enthalten sei, sondern sie erst in der Erfahrung der Leser vermittelt werde. Literarische Erkenntnis vollziehe sich auf eine Weise, die kognitive und emotive Aspekte einschließe. Entsprechend zeichne sich Bedeutung in der Literatur durch die Kombination zweier semantischer Funktionen aus: Zu dem Mitteilen von Inhalten trete das Aufweisen von Sinn. Demgemäß wird ein Zusammenhang mit der Realität und daher mit der Wahrhaftigkeit der Aussagen nur indirekt hergestellt, so Winko (2003).133 Trotz Gabriels Versuch, Gefühl und Erkenntnis einander anzunähern und emotive und kognitive Aspekte einzuschließen, bleibt Gabriels Position dualistischer Natur. In der Tat werden in seiner Arbeit Gefühl und Erkenntnis134 nicht voneinander abgeleitet, wie die antidualistischen Ansätze vorschlagen.135 Nach den antidualistischen Ansätzen sind Gefühl und Erkenntnis verkörpert, d. h. sie bestimmen das Wahrnehmen der Umwelt durch sensomotorische körperliche Aktivitäten. Die ‚embodied' Wechselbeziehung zwischen subjektiven Gefühlen und kognitiven Prozessen für die Untersuchung von Erkenntnis liegt den antidualistischen Ansätzen zugrunde. Gefühl und Erkenntnis werden in Gabriels Versuch dagegen als zwei voneinander unabhängige Größen behandelt, die miteinander kombiniert werden können, was auf eine dualistische grundlegende Trennung des emotionalen und kognitiven Aspekts des Lesers als ganzer Mensch schließen lässt. Diese grundlegende dualistische Trennung von Gefühl und Erkenntnis spiegelt sich aus meiner Sicht auch in Brinkers Beitrag wider.

Brinkers Beitrag lässt einige zentrale Fragen unbeantwortet, die einen dualistischen Unterton haben. Brinkers Beobachtungen lassen uns mit der unbeantworteten Frage zurück, ob thematische Identifikation allein Zuordnung einer Gruppe von Texten zu einer Referenz bedeutet oder ob der kognitive Prozess kategorialer Zuordnung auch eine emotionale Bedeutung einschließt, die die Entstehung einer thematischen Bewertung ermöglicht. Das, was aus antidualistischer Sicht in Brinkers Beitrag vermisst wird, ist das notwendige Bindeglied zwischen Thema als Referenz, das die kognitiven Vorgänge ermöglichen, und dessen Bewertung, die durch Emotionen ausgelöst wird. In einer antidualistischen Erklärung wäre dieses Bindeglied der unmittelbare Prozess der sich voneinander ableitenden kognitiven Vorgänge und Emotionen des Lesers. Er macht eine erlebte Bedeutungszuweisung möglich.136

Mit anderen Worten: Wenn ‚Untreue' als Thema gilt, wie kann die die bewertende emotionale Bedeutung transportierende Aussage ‚Untreue ist unmoralisch' in Bezug auf den Inhalt eines Textes eingestuft werden, die in der Textverarbeitungsforschung137 als ‚thematische Abstraktion',138 als Ergebnis eines Inferenzprozesses, bezeichnet wird? Brinker lässt trotz seiner dualistischen Voraussetzung einen brauchbaren Anhaltspunkt kognitiver Prägung eingrenzen. Er bringt das Korrelat des Elements, das als Thema eines Textes betrachtet wird, mit dem Wissensgehalt des Lesers in Verbindung. Er führt den Mechanismus seiner Identifikation auf das Assoziationsvermögen des Lesers zurück.139 Damit schafft er die kognitive Voraussetzung für die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen den kognitiven Aktivitäten des Lesers in der Interaktion mit einem literarischen Text und dem ‚Thema' als Wissensstruktur des Lesers, das sprachlich vergegenständlicht werden kann, aber nicht auf sprachliche Repräsentation reduziert werden soll bzw. darf. An dieser Stelle verabschiede ich mich von den analytischen Aspekten der Literaturwissenschaft, von denen Brinker inspiriert wurde.140

Im Folgenden wird Erkenntnissen aus der Empirischen Literaturwissenschaft und aus den klassischen und nicht-klassischen Kognitionswissenschaften Aufmerksamkeit geschenkt, um ‚Thema', ‚thematische Bedeutung' und deren kognitiv-emotionale Funktion beim Verstehen in der Interaktion des Lesers mit Texten der Literatur zu ergründen.

Das nächste Kapitel nimmt sich vor, den kognitiven Mechanismus zu erörtern, der möglich macht, dass der Text Wissensgehalte des Lesers über dessen referenzielle bzw. nicht-fiktionale Welt mit thematischer Funktion (re)aktivieren kann.

 
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