< Zurück   INHALT   Weiter >

3 Das Thema als Wissensstruktur mit und ohne Repräsentation

Abstract. In diesem Kapitel wird der Begriff ‚Thema' als außerliterarische Einheit präsentiert. Das Thema wird in der Wissensstruktur des Lesers verankert. Der Schematheorie gemäß wird es mit dem Hintergrundwissen des empirischen Lesers in Verbindung gebracht. Es wird behauptet, dass Themen als Wissensstrukturen empirischer Leser die Informationsverarbeitung ermöglichen und den konstruktiven Akt der Sinngebung und Bedeutungskonstruktion in der Interaktion zwischen Leser und Text bestimmen. In diesem Kapitel wird diskutiert, wie sich der Begriff ‚Thema' trotz der maßgebenden Rolle der Schematheorie mit den nicht-klassischen Kognitionswissenschaften vereinbaren lässt.

Die Funktion von repräsentationalistischen mentalen Schemata ist innerhalb der kognitiv orientierten Literaturwissenschaft (Tsur 1992; Semino 1997; Semino & Culpeper 2002; Hogan 2003a) maßgebend. In diesem Kapitel werde ich den Begriff ‚Schema' in abgeschwächter Form verwenden. Auf eine sich in den jüngsten Entwicklungen in den Kognitionswissenschaften herauskristallisierende anti-repräsentationalistische Perspektive (Varela & Thompson & Rosch 1991; Johnson 2007) soll hingewiesen werden. Diese ermöglicht, die kognitionswissenschaftliche Auffassung von literarisch relevantem Thema in der Wissensstruktur des Lesers auch an die Debatten in den nicht-klassischen Kognitionswissenschaften (Johnson 2007; Thompson 2007) anzuschließen.

Wenn man Themen der Literatur anhand des kognitionspsychologischen Begriffes ‚mentales Schema' zu erklären versucht, schließt man sich einer der Formen des in den jungen kognitionswissenschaftlichen Studien viel diskutierten Repräsentationalismus (Varela & Thompson & Rosch 1991; Johnson 2007; Chemero 2009) an. In der kognitionswissen-schaftlichen Literatur werden zwei Formen der Repräsentation141 unterschieden. Gewöhnlich spricht man von einer starken (strong) und einer schwachen (weak) Form von Repräsentation (Johnson 2007, S. 133–134). Das folgende Zitat soll diesen Unterschied veranschaulichen:

„We can begin by noting a relatively weak and uncontroversial sense of representation. This sense is purely semantic: it refers to anything that can be interpreted as being about something. This is the sense of representation as construal, since nothing is about something else without construing it as being some way. A map, for example, is about some geographical area; it represents certain features of the terrain and so construes that terrain as being in a certain way. (…) The obviousness of such an idea, however, is quickly transformed into a much stronger sense of representation that carries quite heavy ontological and epistemological commitments. This strong sense arises when (…) we assume that the world is pregiven, that its features can be specified prior to any cognitive activity. Then to explain the relation between this cognitive activity and a pre-given world, we hypothesize the existence of mental representations inside the cognitive system. (…) We then have a full-fledged theory that says that (…) the way in which we cognize this pre-given world is to represent its features and then act on the basis of these representations.” (Varela & Thompson & Rosch 1991, S. 135)

Diese doppelte Bedeutung von Repräsentation hat innerhalb der Kognitionswissenschaften eine Debatte um die Verwendung dieses Begriffes ausgelöst, die hier nicht detailliert dargestellt werden kann. Ihr ist der sogenannte Anti-Repräsentationalismus entsprungen.142 Angesichts der doppelten Bedeutung von Repräsentation soll hier präzisiert werden, dass ich mich in diesem Abschnitt an die schwache (weak) Form von Repräsentation halten werde. Für die Ziele dieses Kapitels werde ich den Begriff ‚mentales Schema' nicht mit ontologischen und epistemologischen Fragestellungen in Verbindung bringen.143 Hier wird mentales Schema als Repräsentation im schwachen Sinn mit dem Ziel verwendet, eine Definition von literarisch relevantem Thema vorzuschlagen, die eine doppelte Funktion erfüllen soll. Einerseits soll sie die kognitive Wende in der Literaturwissenschaft und in der Themenforschung weiter entwickeln, andererseits soll sie die Möglichkeit bieten, die kognitiv orientierte Literaturwissenschaft und Themenforschung an die Debatten um die anti-repräsentationalistischen Kognitionswissenschaften anzuschließen.

Die schwache Deutung von mentalem Schema ist ein bisschen anders als die Interpretation dieses Begriffes, die in der kognitiv orientierten Literaturwissenschaft vorkommt. Semino (1997), Hogan (2003a) und Tsur (1992), zum Beispiel, verweisen auf starke Repräsentationen und halten sich an die Computer-Metapher des menschlichen Geistes144, nach der ein mentales Schema eine Datenstruktur ist, die prototypisches Wissen über Begriffe und erlebte Situationen speichert. Im Gegensatz zu Semino, Hogan und Tsur werde ich in dieser Arbeit die Ansicht vertreten, dass ein mentales Schema als schwache Repräsentation eine Landkarte des die Erkundung der Welt leitenden Hintergrundwissens des Lesers darstellt. Schema wird hier als ein Organisationsraster für erworbenes Wissen und Erfahrungen aufgefasst. Es wird in dieser Arbeit das Prinzip vorausgesetzt, dass Erfahrung durch Kategorisierung zu Wissen wird: „the uniqueness of each experience is transformed into the more limited set of learned, meaningful categories to which humans and other organisms respond.“145 Ein ‚schwaches' Schema wird in der Interaktion des Lesers mit dem Sprachmaterial des Textes aktualisiert. Es trägt dazu bei, die Vernetzungen der kognitiven und kulturellen Elemente, aus denen das Wissen des Lesers über Begriffe und Situationen der referenziellen Welt besteht, explizit und sichtbar zu machen. Mit anderen Worten: Ich werde davon ausgehen, dass die kognitive Aktivität in der Aktualisierung literarisch relevanter thematischer Bedeutung von der Wissensstruktur des Lesers abhängt.

In den folgenden Abschnitten soll die Rolle der starken Form von ‚Schema' in der kognitiv orientierten Themenforschung nach den klassischen repräsentationalistischen Kognitionswissenschaften erörtert werden, um den Stand der klassischen Forschung in den Vordergrund zu stellen. Anschließend werde ich auf die Grenzen der klassischen kognitiv orientierten Themenforschung aufmerksam machen, meine Arbeit von den klassischen kognitiven Argumenten abgrenzen und eine antirepräsentationalistische sich an den jungen antidualistischen enaktiven Kognitionswissenschaften orientierende Auffassung von Thema vorschlagen.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >