Zu den thematischen Inferenzen

Das Forschungsgebiet im Bereich der Untersuchung der Bedeutungskonstituierung, das das Phänomen der Aufnahme, Transformation, Organisation, Speicherung, Reaktivierung und Reproduktion von Textinformationen untersucht, bezeichnet man als Textverarbeitung.196 Die kognitionspsychologische Textverarbeitung gliedert die Verarbeitungsprozesse in drei Ebenen auf: Die Wortebene, die Satzebene und die Textebene. Auf der Wortebene befasst man sich mit den basalen Prozessen der Buchstabenund Worterkennung; auf der Satzebene beschäftigt man sich mit der semantischen und syntaktischen Analyse von Wortfolgen; auf der Textebene setzt man sich mit dem satzübergreifenden Aufbau einer kohärenten Textstruktur auseinander.197 Das Verstehen eines Textes ist als aktiver Prozess zu betrachten, bei dem die Rezipienten über die unmittelbar vorgegebene Information hinausgehen. Der Prozess, während dessen Rezipienten ihr Weltwissen sowie ihre Kenntnisse des situativen Kontextes zum Zweck der Ermittlung der Bedeutung einer Äußerung bzw. eines Textes in den Verstehensprozess einbringen, wird als Prozess der Schlussfolgerung bzw. der Inferenzen bezeichnet.198 Die Inferenzforschung hat eine Taxonomie der Inferenzen erarbeitet, die Schlussfolgerungen nach ihrer Rolle im Verarbeitungsprozess eines Textes kategorisiert.199

Magliano und Kollegen (1996) machen darauf aufmerksam, dass für das Verstehen und Interpretieren eines Textes sogenannte wissensbasierte Inferenzen ausschlaggebend sind, da sie im Unterschied zu den sogenannten logischen Inferenzen auf die referenzielle Welt des Lesers verweisen. Sie geben das folgende Beispiel an: John sitzt zu Marys Linken; Mary sitzt zu Susies Linken (Magliano u.a. 1996, S. 202).200 Angesichts dieses Beispiels ist die Schlussfolgerung John sitzt zu Susies Linken nur aufgrund einer logischen Schlussfolgerung richtig. Aber wenn man sich auf die referenzielle Welt bezieht, in der John, Mary und Susie um einen Tisch herum sitzen, würde sich die Inferenz als falsch erweisen, da man feststellen würde, dass John zu Susies Rechten sitzen würde.201 Dieses Beispiel zeigt, dass wissensbasierte Inferenzen Weltwissen auch in Form von gespeicherten Wissensschemata zusätzlich zu basalem Wissen über die verwendete Sprache erfordern. Zu den wissensbasierten Inferenzen gehören die sogenannten thematischen Inferenzen, die in der Fachliteratur auch als cognitive inferences bekannt sind.202 In ihrer Studie über die Kategorisierung von Inferenzen unterscheiden Swinney & Osterhout (1990) zwischen cognitive inferences und perceptual inferences.203 Beide Bezeichnungen definieren die Autoren in Anlehnung an Jerry Fodors Arbeit Modularity of Mind, die inzwischen in der jüngeren kognitionswissenschaftlichen Forschung wegen Fodors Verweises auf die unplausible Computer-Metapher des menschlichen Geistes in Frage gestellt wird.

Die sogenannten perceptual inferences zeichnen sich durch die folgenden Eigenschaften aus: Sie sind von Weltwissen und jeder Pragmatik unabhängig und sie erfolgen, ohne dass sie dem Leser bewusst werden. Sie finden on-line und während des Verstehensprozesses statt. Sie erfolgen nicht nach der Verarbeitung der Informationen im Text, d. h. wenn der Leser nach der Lektüre kognitiv überprüft, ob er das Gelesene überhaupt verstanden hat.205 Die Autoren schlagen vor, dass eine mögliche Klasse von perceptual inferences die Inferenzen sind, die für das Erkennen und Prozessieren von anaphorischen Relationen beim Lesen eines Satzes oder eines Textes zuständig sind.206 Die sogenannten kognitiven Inferenzen sind dagegen diejenigen, die dem Leser bewusst werden, während sie erfolgen und gebildet werden. Sie sind unter der kognitiven Kontrolle von und abhängig von Weltwissen. Im Gegensatz zu den perceptual inferences sind ihnen die meisten Inferenzklassen zuzuordnen. Zu dieser Klasse gehören schemabasierte Inferenzen.207 Wie im Folgenden gezeigt werden soll, scheinen thematische Inferenzen aufgrund ihres schemabasierten Charakters dazu geeignet zu sein, den kognitiven Inferenzen zugeordnet zu werden.208

Genauso wie in der literaturwissenschaftlichen Forschung sind die thematischen Aspekte der textuellen Informationsverarbeitung in den letzten Jahren auch in der Inferenzforschung vernachlässigt worden, so dass eine präzise Definition von und eingehende Auseinandersetzung mit thematischen Inferenzen vermisst werden. Magliano u. a. (1996) definieren thematische Inferenzen als Inferenzen, die die Leser generieren, wenn sie die Moral oder den Hauptpunkt einer Geschichte schlussfolgern. Sie finden nicht on-line, sondern off-line209 nach dem Leseprozess statt. Sie erfolgen, wenn der Leser alle im Text enthaltenen Informationen verarbeitet hat und testen will, ob und was genau er verstanden hat. Im Rahmen der Inferenzforschung stoßen diese Überlegungen kaum auf einheitliche Untersuchungen des Prozesses der thematischen Inferenzen. Eine etwa systematischere Definition findet man bei Smith & Hancox (2001):

„Thematic inferences establish the ‚point' or the ‚moral' of a story. For example, when reading one of Aesopo's fables, a comprehender may infer the 'message' of the fable. Thematic inferences contribute to global coherence.“ (Smith & Hancox 2001, S. 309) 210

Diese Definition wirft die Frage auf, wie ‚point' und ‚moral' zu verstehen sind. Während im Folgenden deutlich gemacht werden wird, warum der thematische inferenzielle Prozess zu einem ‚point' führt, wird erst im Laufe dieser Studie die Frage danach deutlich beantwortet werden, wie das Thema mit der Moral einer Geschichte zusammenhängen kann, die die Form einer Aussage annimmt. Dass sich die Moral einer Geschichte nicht auf eine thematische Inferenz zurückführen lässt, sondern als Ergebnis einer vielfältigeren kognitiven Interaktion des Lesers mit dem eigenen Hintergrundwissen beim Lesen betrachtet wird, in der das Thema als Wissensstruktur des Lesers eine entscheidende Rolle bei der Erschließung und Formulierung der Moral einer Geschichte spielt, soll in den folgenden Kapiteln diskutiert werden.

Eine eingehendere Beschäftigung mit thematischen Inferenzen und ‚point' findet man bei Colleen Seifert (1990). Seifert versucht, die Rolle und die Eigenschaften der thematischen Inferenzen zu erklären. Sie geht von der allgemeinen Überlegung aus, dass thematische Inferenzen dazu dienen, erzählte Ereignisse miteinander zu verbinden und aufeinander zu beziehen, damit eine Textkohärenz kognitiv im Verstehensprozess gewährleistet werden könne. Da nach Seifert (1990) das Thema eines Textes in den abstrakten Verbindungen zu suchen ist, die der Leser zwischen Begriffen herstellt, und ein hohes Abstraktheitsniveau aufweist, ist eine thematische Information als unabhängig von sprachlich repräsentierten Informationen im Text zu betrachten.211 Angesichts dieser Auffassung von thematischen Informationen dient ein Thema dazu, die Informationen in einem Text einem bereits existierenden Wissensgehalt zuzuordnen, um den Text verstehen zu können.212 Sprachlich repräsentierte Informationen dienen dazu, das Pattern eines einem Wissensschema in der Wissensstruktur des Lesers entsprechenden Themas zu rekonstruieren.213 Thematische Inferenzen erfüllen die Funktion, das Ziel-und-PlanPattern der Handlungen in einer Textpassage bzw. in einem Text festzuhalten und hängen Seifert zufolge vom Verstehensprozess ab. Seifert (1990) teilt anscheinend Schanks Auffassung von Verstehen. Tatsächlich kann ein Leser nach Seifert einen Text verstehen, wenn er an den früher unmittelbar wahrgenommenen und gespeicherten Erfahrungsgehalt erinnert wird. Wenn man den Text in Bezug auf gespeicherte Erfahrungen verarbeitet, bringt dies den Vorteil mit sich, dass der Leser im Hinblick auf bereits erlebte Situationen Erwartungen darüber haben kann, was im Laufe einer Erzählung geschehen wird. Dies hat zur Folge, dass die Abweichungen von den Erwartungen des Lesers den Verstehensprozess selber auf die Interessenerregung im Leser zurückführen lassen. Auf Abweichung und Interesse werde ich in den nächsten Kapiteln zurückkommen.

Seifert (1990) gibt das folgende Beispiel an:214 „The Rev. Jones was removed from the PTM ministry after being accused of and denying improprieties. After his dismissal, the Rev. Jones donated $ 25,000 for Vice President Bush's election campaign. Pat Robertson is a member of the PTM board of directions.” Wenn man die Frage ‚Wovon handelt der Text?' zu beantworten versucht, indem man die Wortund Satzebene der Textpassage analysiert, merkt man, dass eine Antwort sich nicht formulieren lässt, weil die nötigen Elemente zur Erschließung des Themas fehlen. Anders gesagt: Um den Text zu verstehen, braucht man keine perceptual inferences. Man braucht stattdessen wissensbasierte Inferenzen. Im Fall des angegebenen Beispiels muss man über eine Kombination von Hintergrundinformationen über die Wahlkampagne von Bush und Robertson, die im Text nicht behandelt wird, und über einen Erfahrungsgehalt verfügen, in den die zu verarbeitenden Informationen einzuordnen sind. Die nötigen Hintergrundinformationen bestehen darin zu wissen, dass Bush und Robertson gegeneinander für die Nominierung bei den Republikanern ihren Wahlkampf geführt haben und dass deswegen alles, was Bush helfen konnte, Robertson dagegen schaden konnte. Außerdem musste Robertson als Mitglied der PTM für Jones' Entlassung mitverantwortlich gewesen sein. Diese Hintergrundinformationen ermöglichen die Zuordnung des Textes zum Thema Rache, das das folgende (zugespitzt formulierte) Pattern aufweist: Rev. Jones ist geschadet worden. Er hat Vergeltung geübt, indem er Bushs Wahlkampagne finanziell unterstützt hat. Rache weist in jedem Kontext dieselbe Struktur auf: Jemandem ist geschadet worden. Die Person, der geschadet wurde, hat das Ziel, Vergeltung zu üben. Hat ein Leser keinen gespeicherten Erfahrungsgehalt für Rache, so kann er den Text nicht thematisch einordnen.215 Dieser Auffassung zufolge existiert das Thema des Textes im Gedächtnis unabhängig von den im Text sprachlich repräsentierten Informationen selber. Seifert zufolge erkennt man den literarischen Charakter des Textes an der Fähigkeit des Textes selber, gespeicherte Erfahrungsgehalte des Lesers mit hohem Abstraktheitsgrad zu reaktivieren.216

Seiferts Beobachtungen zur Fähigkeit der Literatur, abstrakte Gemeinsamkeiten der Erfahrungen des Lesers zu aktivieren, soll an einem Beispiel aus dem Roman Die Blendung von Elias Canetti erläutert werden. Im Folgenden eine Textpassage aus dem erwähnten Roman:

„Als Kien den Waschwagen zum Zimmer hinausrollte, hörte er ein ungewohnt hohes „Schon auf?“. Was hatte die Person so laut zu rufen, in aller Frühe, man schlief noch beinah? Richtig, er hatte ihr ein Buch versprochen. Für sie kam bloß ein Roman in Betracht. Nur wird von Romanen kein Geist fett. Den Genuß, den sie vielleicht bieten, überzahlt man sehr. Sie zersetzen den besten Charakter. Man lernt sich in allerlei Menschen einfühlen. Am vielen Hin und Her gewinnt man Geschmack. Man löst sich in die Figuren auf, die einem gefallen. Jeder Standpunkt wird begreiflich. Willig überläßt man sich fremden Zielen und verliert für länger die eigenen aus dem Auge. Romane sind Keile, die ein schreibender Schauspieler in die geschlossene Person seiner Leser treibt. Je besser er Keil und Widerstand berechnet, umso gespaltener läßt er die Person zurück. Romane müßten von Staats wegen verboten sein“ (Canetti 2004, S. 41 – 42).

Wovon handelt die Passage? Um diese Frage zu beantworten, werde ich thematische Inferenzen und TOPs verwenden. Wie bereits erläutert wurde, halten thematische Inferenzen das goal-und-plan-Pattern bei der Rezeption eines Textes fest. Sie führen zu der Zuordnung des Inhalts des Textes zu einem Thema durch die Aktivierung eines TOP(s) aus dem Erfahrungsgehalt des Lesers. Die Gemeinsamkeit des Inhalts der zitierten Textpassage mit dem Erfahrungsgehalt eines Lesers ist durch das folgende Pattern eines Wissensschemas im Text realisiert: a) Das Subjekt ist von einer unangenehmen Person genervt; b) Das Subjekt hat das Ziel, seine Unduldsamkeit zum Ausdruck zu bringen; c) Das Subjekt hat den Plan, durch Herabsetzung der Erwartungen der ‚nervigen' Person zum Ausdruck zu bringen, dass ihm die gesamte Situation unangenehm ist. Wenn der Leser dieses Pattern nicht identifizieren kann, kann er den Hauptpunkt der Textpassage nicht verstehen. Die thematische Identifikation hängt in diesem Fall allein von dem Erfahrungsgehalt des Lesers ab. Das erwähnte Pattern weist Gemeinsamkeiten mit dem einer abstrakten Situation entsprechenden Schema ‚Unannehmlichkeit' auf, dessen Struktur der Leser erst dann wiedererkennen kann, wenn er über das thematische Schema ‚Unannehmlichkeit' in seiner eigenen Wissensstruktur verfügt, d.h. wenn er die Erfahrung ‚Unannehmlichkeit' bereits gespeichert hat. Durch die Beschreibung des Patterns, an dem sich der Aktant kognitiv orientiert, kann der Leser abstraktere Gemeinsamkeiten mit der eigenen Wissensstruktur in Verbindung bringen. Das thematische inferenzielle Pattern dient dazu, die thematische Struktur in Form von Zielen und Plänen eines Subjekts zu identifizieren. Es ermöglicht die Zuordnung des Inhalts des Textes zu einem Thema. TOPs dienen als Katalysator thematischer Inferenzen. Diese haben die Aufgabe, das goal-und-plan-Pattern der Handlungsstruktur eines Textes festzuhalten.217 Thematische Inferenzen übernehmen die Rolle, die Struktur eines einer Geschichte oder im Allgemeinen einer Textpassage unterliegenden Themas – sprich Wissensschemas des Lesers – zu identifizieren. Bei der Textverarbeitung dient das inferenzielle Pattern dazu, eine mentale Repräsentation der Relationen zu erarbeiten, die in einem Text bzw. durch einen Ausdruck oder eine Äußerung implizit oder explizit zum Ausdruck gebracht werden. Dadurch wird hier deutlich, dass Thema und sprachlich repräsentierte Informationen in einem Text nicht deckungsgleich sind. In Bezug auf thematische Inferenzen scheint die Inferenzforschung meines Erachtens den Mechanismus der Zuweisung gleichwertiger Bedeutungen nicht zu behandeln. Sie scheint nicht mit einzubeziehen, dass ein Text mehrere thematische inferenzielle Patterns aktivieren kann. Auf einen literarischen Text übertragen, bedeutet dies, dass der Leser damit rechnen muss, dass ein Text vielen gleichwertigen thematischen Bedeutungen zugewiesen werden kann. Wie Brinker (1995) in seinem Beitrag beobachtet, kann Anna Karenina den gleichwertigen Themen ‚Liebe', ‚Familie' und ‚Ehebruch' zugeordnet werden.218 Dies lässt sich mit der These der Vieldeutigkeit von Literatur und mit den damit verbundenen jüngeren Positionen darüber verknüpfen, die von Pilkington (2000) und Jannidis (2003) entwickelt wurden. Die These der Vieldeutigkeit von Literatur geht von der Annahme aus, dass sich zu literarischen Texten sehr viele Deutungen finden lassen, die einander gleichwertig seien. Sie können sich widersprechen. Sie können aber nicht hierarchisiert werden.219 Dieser Bedeutungsreichtum wird als Ambiguität oder Polyvalenz bezeichnet. Er wird oft in der Fachliteratur als unerschöpflich angesehen.220 Jannidis (2003) stellt fest, dass in literaturwissenschaftlichen Diskussionen Vieldeutigkeit bedeute, dass es zahlreiche und gleichwertige Interpretationen zu Texten gebe. Sie bedeute nicht, dass ein einzelner Leser mehrere Interpretationen eines Textes vorlegen könne.221 Die Vorstellung, dass ein einzelner Leser mehrere Interpretationen eines Textes vorlegen kann, möchte ich hier aber nicht ablehnen. Sie kann meines Erachtens angesichts kognitionswissenschaftlicher Studien,222 die im nächsten Kapitel eingeführt werden, für möglich gehalten werden. Ich möchte hier die Position vertreten, dass ein einzelner Leser einen Text mehreren Themen zuordnen kann. Dies bringt die Überlegung mit sich, dass ein einziger literarischer Text verschiedene Erfahrungsgehalte mit hohem Abstraktheitsgrad in einem einzigen Leser triggern (neudeutsches Wort nach Lenk (1998)) kann. Ein Grund für thematische Vieldeutigkeit, die von einem einzigen Leser aktualisiert oder realisiert wird, ist nicht zuletzt die Tatsache, dass mehrere thematische Patterns dieselben goals-and-plans-Patterns haben, die die Zuordnung eines Patterns zu einem Thema erschweren, wie auch László (1999) beobachtet hat. Empirische Studien weisen nach, dass Polyvalenz sowohl als Eigenschaft des Leseprozesses literarischer Texte als auch als Ergebnis kognitiver Aktivitäten des einzelnen Lesers möglich ist. In der Tat können einzelne Leser kognitiv mehrere Bedeutungen zuweisen. Sie können sie allerdings nicht alle gleichzeitig für das Textverstehen oder Textinterpretieren in Erwägung ziehen. Sie können sie aber eine nach der anderen berücksichtigen.223 Die Tatsache, dass gleichwertige Bedeutungszuweisungen erst eine nach der anderen wahrgenommen werden können, schützt den Leser vor einem möglichen Überschuss an gleichzeitig getriggerten Informationen und daher vor dem Scheitern des Informationsverarbeitungsprozesses. Bei nicht skalierbaren gleichwertigen gleichzeitig stattfindenden thematischen Deutungsmöglichkeiten könnte der Leser eine paradoxe Situation erleben. In der Tat könnte er die Struktur einzelner potentieller Themen durch thematische Inferenzen verstehen, ohne sich auf das Verstehen der globalen Textkohärenz und daher eines leitenden Hauptthemas (bzw. eines thematischen Patterns) und verschiedener Nebenthemen konzentrieren zu können und ohne sie auseinanderhalten zu können. Wenn der Leser keine kognitiven Mechanismen der skalierbaren Selektion von Informationen hätte, um mit der Vieldeutigkeit eines literarischen Kunstwerkes umzugehen, würde er einen Überschuss an getriggerten Erfahrungsgehalten und daher an thematischen Patterns mit hohem Abstraktheitsgrad erleben. In solchen Fällen könnte er paradoxerweise gar keine Informationen verarbeiten.224 Angesichts dieser Überlegungen möchte ich hier behaupten, dass kognitive Mechanismen der Selektion und der Hierarchisierung von Informationen eine Kontrollfunktion übernehmen, die gewährleistet, dass der Verstehensprozess gelingt. Ohne eine direkte Verbindung zu meiner Behauptung anzubieten, formulieren Jannidis (2003) und Pilkington (2000) in Anlehnung an die Relevanztheorie von Sperber & Wilson (1986) eine kognitive Erklärung für die sogenannte Vieldeutigkeit der Texte der Literatur. Jannidis (2003) führt die Skalierbarkeit von Informationen und somit den kognitiven Mechanismus der Selektion von Informationen ein,225 der den Verstehensprozess vor einem Überschuss an gleichwertigen Bedeutungszuweisungen schützen kann. Dies bedeutet, dass jeder Leser Informationen im Text als primär und sekundär, oder, wie es Sperber & Wilson (2005; 1986) formulieren würden, als mehr oder weniger manifest, wahrnehmen kann. Dies wirft erneut die Frage auf, wie der Leser vieldeutige Bedeutungen disambiguieren kann, um sich für ein Hauptthema bzw. um sich für ein als primär empfundenes Thema zu entscheiden. Dass sich Vieldeutigkeit anhand bestimmter Grade der Manifestness von Informationen im Text in Anlehnung an die Relevanztheorie von Sperber und Wilson (2005; 1986) erklären lassen kann, soll im Folgenden gezeigt werden.

Der Zusammenhang zwischen der Relevanztheorie und der Disambiguierung der Vieldeutigkeit wird von Jannidis (2003) folgendermaßen formuliert: „Die Generierung unendlicher Eindeutigkeiten ist auf das Vorhandensein einer endlichen Zahl von schwach manifesten Informationen zurückzuführen“ (Jannidis 2003, S. 324). Diese These geht von der Annahme aus, dass Vieldeutigkeit auf bestimmten Textmerkmalen basiere, die so verarbeitet werden, dass der Eindruck von Vieldeutigkeit entstehe.226 Damit man den Begriff manifestness von Sperber & Wilson (1986) auch auf thematische inferenzielle Patterns anwenden kann, sollen im Folgenden meine eigenen Revisionen der ursprünglichen Verwendung des Begriffes präsentiert werden.

 
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