< Zurück   INHALT   Weiter >

3.3 Thematische Skalierbarkeit und Manifestness

Sperber & Wilson sind für ihre Relevanztheorie bekannt.227 Diese verfolgt hauptsächlich das Ziel zu untersuchen, nach welchen kognitiven Mechanismen der Empfänger die Absicht eines Kommunikators erkennt.228 Sperber und Wilson nehmen an, dass dank dem angeborenen selektiven Mechanismus des Verstehens der Mensch nach relevanten Informationen229 in seiner Umgebung suche. Sperber & Wilson (2002) formulieren die folgenden Überlegungen über relevance (dt. Relevanz) aus:

„In relevance-theoretic terms, any external stimulus or internal representation which provides an input to cognitive processes may be relevant to an individual at some time. According to relevance theory, utterances raise expectations of relevance not because speakers are expected to obey a Co-operative Principle and maxims or some other specifically communicative convention, but because the search for relevance is a basic feature of human cognition, which communicators may exploit.” (Sperber & Wilson 2002, S. 251)

Obwohl in der literaturwissenschaftlichen Forschung, wie zum Beispiel in den Arbeiten von Pilkington (2000) und Jannidis (2004), im Zusammenhang mit der Relevanztheorie vor allem in Bezug auf das bekannte Kooperationsprinzip von Grice, das als Ausgangspunkt der Relevanztheorie gilt, auf den Begriff der Relevanz eingegangen wurde,230 möchte ich hier Grices Kooperationsprinzip die kognitive Fähigkeit zur selektiven Suche nach dem Relevanzgrad der Informationen vorziehen. Angesichts dessen, was in diesem Kapitel in Bezug auf den Verstehensmechanismus und auf die kognitive Rolle der Suche nach Gemeinsamkeiten zu den eigenen Wissensgehalten als den Verstehensprozess leitendem Element betont wurde, halte ich den Mechanismus der Selektion von Informationen für geeignet dafür, den Prozess der thematischen Zuordnung eines Textes zu einem Wissensgehalt zu erörtern.

Nach Sperber und Wilson (1986; 2005) ist die Relevanz einer Information durch die Erfüllung der folgenden Kriterien bestimmt:

„An assumption is relevant in a context to the extent that its contextual effects in the context are large; an assumption is relevant in a context to the extent that the effort required to process it in this context is small.” (Sperber & Wilson 2005, S. 125) 231

Die sogenannte kognitive Ökonomie, d.h. ein geringer kognitiver Aufwand bei der Erschließung einer Information, deren kommunikative Auswirkung im Kontext der Verarbeitung einen hohen kommunikativen Effekt im gegebenen Kontext hat, verleiht der Information Relevanz. Allerdings ist die Erfüllung dieser Kriterien nicht ausreichend, um die Relevanz einer Information zu ermitteln. Das, was darüber entscheidet, dass es sich lohnt, eine bestimmte Information unter mehreren zu wählen, ist nicht nur die Tatsache, dass sie im Vergleich zu anderen Informationen, auf die man gleichzeitig Zugriff hat, relevanter ist.232 Auch sogenannte positive cognitive effects tragen dazu bei, die Relevanz einer Information zu bestimmen. Sperber & Wilson (2005) führen diesen Begriff ein. Positive cognitive effects machen eine Information relevanter. Je größer der positive kognitive Effekt ist, den man bei der Verarbeitung einer Information erreicht, desto größer ist deren Relevanz. Sie geben ein Beispiel an, das ich im Folgenden wiedergebe: Die Information, dass mein Zug eine Minute Verspätung hat, ändert nicht viel an meinem Tagesablauf, während die Information, dass mein Zug eine Stunde Verspätung hat, zu einer radikalen Umorganisierung meines Tagesablaufs führen kann. Demgemäß variiert die Relevanz der beiden Informationen.233 Als eine der Folgen der Relevanz von Informationen ist nach Sperber & Wilson (1986) deren Manifestness zu betrachten. Nach den beiden Kognitionswissenschaftlern bezieht sich ‚manifest' auf den Zustand von Informationen in der kognitiven Umgebung einer Person. Dem kognitiven logischen Verarbeitungsmodus der Relevanztheorie zufolge sind Informationen dann manifest, wenn sie wahrnehmbar oder erschließbar sind.234 Jannidis (2004) betont, dass die Besonderheit des Begriffes darin bestehe, dass er skalierbar sei.

Eine Information könne ganz schwach manifest sein, oder eben so stark, dass sie zu Wissen werde.

Um dies zu veranschaulichen, wird in der Fachliteratur das folgende Beispiel angegeben: ‚Mary kam mit Peter, Joan mit Bob und Lily mit einem traurigen Lächeln auf dem Gesicht.' Es ist von einer Party die Rede.235 Auf das angegebene Beispiel werde ich jeweils die Auffassung und die These von Sperber und Wilson anwenden, dass codebasierte Kommunikation und inferenzbasierte Kommunikation miteinander kombiniert werden sollten, und dass Informationen anhand eines regelgeleiteten und logischen inferenziellen Prozesses und nach dem Prinzip der Transitivität erschlossen werden.236 Im angegebenen Beispiel äußern die ersten Aussagen, wer mit wem zur Party kam. Daher ist auch im dritten Satz zu erwarten, dass ausgedrückt wird, wer mit wem kam. Wenn kein Begleiter erwähnt wird, dann kann man annehmen, dass der Begleiter nicht erwähnt worden ist, weil er nicht dabei ist. In diesem Fall ist stark manifest die Information, dass Lily allein auf die Party gekommen ist, und somit ist dies zu Wissen geworden, während schwächer manifest die Tatsache ist, dass die Abwesenheit des Begleiters der Grund für Lilys trauriges Lächeln ist. Um auf Traurigkeit als Grund des Alleinseins schließen zu können, greift man zum eigenen Weltwissen.237 Diese Skalierbarkeit von Informationen haben Sperber & Wilson (1986) benutzt, um eine Art Kommunikationswirkung zu beschreiben, die als poetic effect(s) bezeichnet wird.238 Poetic effects bestehen darin, dass eine Äußerung wie ein Text zahlreiche Informationen in der kognitiven Umgebung des Rezipienten schwach manifest machen kann.239 Jannidis (2003) diskutiert diesbezüglich das folgende Beispiel aus Isers Akt des Lesens. Iser zitiert zwei Verse aus T. S. Eliots Prufrock:

Should I, after tea and cakes and ices, Have the strength to force the moment to its crisis? (Iser zit. nach Jannidis 2003, S. 325)

In seiner Analyse der formalen Struktur der Verse beobachtet Iser, dass durch die Reimstellung ‚ices' und ‚crisis' aufeinander bezogen werden. Diese Kombination ist Iser zufolge Bedingung ihrer semantischen Entgrenzung. Eine strukturierte Polysemie entsteht dadurch. Diese kann sowohl auf die Trivialisierung der Krise als auch auf eine Bedeutungssteigerung der Eiscreme zulaufen.240

In Bezug auf das Phänomen der Polysemie fragen sich sowohl Jannidis (2003) als auch Pilkington (2000), warum ein Bündel sich einander ergänzende Bedeutungen gleich Vieldeutigkeit bedeuten sollte bzw. warum wir das Bedürfnis haben sollten, einem Text polyvalente Bedeutung zuzuweisen.241 Der Grund dafür, den Pilkington in Anlehnung an Grice angibt, ist, dass wir mehr kommunizieren wollen als wir tatsächlich sagen oder ausdrücken.242 Aus meiner Sicht kann man aber diese Tendenz in der menschlichen Kommunikation beobachten, auch wenn man keine gleichwertigen Bedeutungen generiert. Anhand Isers Beispiels gibt Jannidis (2003) eine andere Antwort an als Pilkington (2000) und bezieht sich auf die Skalierbarkeit von Informationen. In Bezug auf die Vieldeutigkeit in Isers Zeilen erklärt er, dass der Reim zwar auf einen Bezug der gereimten Wörter aufeinander hinweise, dass er aber die Form dieses Bezuges nicht festlege. Er mache eine Kontrastierung zwischen ‚crisis' und ‚ice' deutlich. Die Wirkung dieser Kontrastierung mache den Gegensatz zwischen Außergewöhnlichem und der Banalität des Alltags manifest.243 Die Beobachtung, dass sich Informationen keinesfalls miteinander (wie in Isers Beispiel) ergänzen müssen und meine Behauptung, dass die schwach manifesten Informationen ein Nebenthema zu einem Hauptthema bilden könnten, stellen in meiner Arbeit den Übergang zur Frage dar, wie sich das Prinzip der Manifestness auf die Identifikation eines für die Gewährleistung der Textkohärenz leitenden Hauptthemas anwenden lässt. Um diese Frage zu beantworten, werde ich im Folgenden bei der Anwendung von Manifestness auf den Mechanismus der thematischen Inferenzen anfangen, denn diese sind im Gegensatz zu den Inferenzen, die Sperber und Wilson berücksichtigen, keine regelbasierten logischen Inferenzen. Diese sind wissensgeleitete bzw. schemabasierte Inferenzen. Sie sind kognitive Inferenzen, wie bereits erwähnt wurde.

Um zu zeigen, wie Manifestness auf thematische kognitive Inferenzen angewendet werden kann, werde ich mich hier wieder auf das Beispiel über Lily und ihr trauriges Lächeln beziehen. Wenn man auf die nötigen Inferenzen für das Verstehen des Beispielsatzes über Lily und das traurige Lächeln eingeht, kommt man zu dem Schluss, dass sich die logische Inferenz trotz Weltwissens über das Alleinsein als Grund für Traurigkeit als falsch erweisen würde, wenn Lily doch mit einem Begleiter gekommen wäre und unzufrieden mit ihm wäre und wenn sich ihr trauriges Lächeln dann auf ihre Unzufriedenheit mit dem Begleiter beziehen würde. Mit anderen Worten: Das Prinzip der Manifestness in Bezug auf thematische Inferenzen scheint aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden zu müssen. Aus meiner Sicht ist im Falle einer kognitiven wissensbedingten thematischen Inferenz der Grad der Manifestness einer Information von dem Grad der Abweichung derselben von dem Hintergrundwissen des Lesers abhängig. Man kann dies auf das oben erwähnte Beispiel anwenden. Im oben angegebenen Beispiel kann die Information, dass Lily allein auf die Party kam, nur dann stark manifest sein, wenn der Leser über ein Schema für PARTY MIT BEGLEITUNG im Sinne Schanks244 verfügt, anhand dessen er mit der beschriebenen Situation interagieren kann und die Traurigkeit auf die nicht erfüllte Bedingung

irgendwo im Gedächtnis (siehe dazu Strauss & Quinn 1997, S. 51f.). Vor diesem Hintergrund setzt Pilkington Schemata mit ‚assumptions' gleich. Diese sind formale Strukturen, die eine propositionale Form aufweisen. Sie haben keine eigene unmissverständliche eindeutige Bedeutung (Pilkington 2000, S. 113 – 117).

Nach Pilkington besteht der Nachteil, der den Begriff ‚Schema' im Sinne Schanks für den Begriff von Relevanz darstellt, darin, dass nach Schank Schemata als Bündel Bedeutung als Ganzes aktiviert werden. Man greift Schank zufolge zum Bündel als Ganzen, denn Schemata sind als kognitive Einheiten im Gedächtnis gespeichert. Pilkington macht darauf aufmerksam, dass man oft nicht das ganze Bündel Bedeutung benutzen wolle, das ein Schema enthalte. Aber mir scheint, dass es sich nicht um Wollen handelt. Es geht aus meiner Sicht eher darum, dass es nicht immer nötig ist, das ganze Bündel zu aktivieren, um etwas zu verstehen. Pilkington (2000) gibt das folgende Beispiel an:

(1) Jimmy sat down in a restaurant. The waiter took his order.

(2) A: Come round about eight o'clock. B: How do I find your place?

A: It's in Via delle Bone Novelle, between the garage and the restaurant.

(1) erfordert die Aktivierung des ganzen Bündels Bedeutung, das das Script ‚Restaurant' enthält. (2) erfordert dagegen nur einige von im Bündel enthaltenen Informationen, um verstehen zu können. Der gleichzeitige Zugriff auf alle Informationen aus dem Script RESTAURANT würde Pilkington zufolge einen für den situativen Kontext in (2) unnötigen Aufwand bedeuten. Allerdings hindert den Leser nichts daran, aus dem in seinem Hintergrundwissen vorhandenen Schema RESTAURANT nur die Informationen herauszupicken und zu benutzen, die er für den Kontext braucht, in dem die Kommunikation stattfindet. Für das Problem der Informationsselektion hat Schank eine Lösung bereit: Kleinere Strings von Bedeutungen, die er als MOPs (Memory Organization Packages) bezeichnet. Diese erfüllen die Funktion, eine Szenensequenz im Gedächtnis zu organisieren (vgl. Semino 1997, S.

143) und können losgelöst von dem gesamten Bündel je nach Bedarf eingesetzt werden. Dies bedeutet, dass nicht alle Szenensequenzen aus dem Script RESTAURANT gleichzeitig aktiviert werden müssen, um (2) verstehen zu können. In der Tat wird MOPs ein hoher Grad an Flexibilität zuerkannt. Mit Seminos Worten: „(…) higher level structures like MOPs (…) do not exist in a fixed form prior to processing, but are assembled along familiar paths according to processing needs” (Semino 1997, 144). Unberechtigt scheint daher aus meiner Sicht Pilkingtons Kritik, dass Schemata zu steif seien (Pilkington 2000, S. 116). Es soll hier festgehalten werden, dass Pilkington (2000) den Begriff von ‚assumptions' benutzt, um sich auf Schemata zu beziehen, die für die Analyse von Metaphern verwendet werden. Im Gegensatz zu Pilkington entscheidet sich Semino (1997) für TOPs als Schemata im Sinne Schanks, um Metapher in literarischen Texten zu erklären. Siehe dazu Semino (1997), Kap. 7 und 8 und Pilkington (2000), Kap. 4

zurückführen kann. Weniger manifest kann, zum Beispiel, die Information sein, dass Mary und Joan mit ihrer Begleitung zufrieden sind.245 Dies soll im Folgenden an einem weiteren Beispiel aus einem Text der fiktionalen Literatur deutlicher gemacht werden. Zu diesem Zweck zitiere ich im Folgenden eine Textpassage aus dem fünften Kapitel von Fontanes Effi Briest. Frau und Herr von Briest unterhalten sich über Effis Hochzeit miteinander. Das Wort ergreift Herr von Briest:

„Gefiel dir Effi? Gefiel dir die ganze Geschichte? Sie war so sonderbar, halb wie ein Kind und dann wieder sehr selbstbewußt und durchaus nicht so bescheiden, wie sie es solchem Manne gegenüber sein müßte. Das kann doch nur so zusammenhängen, daß sie noch nicht weiß, was sie an ihm hat. Oder ist es einfach, daß sie ihn nicht recht liebt? Das wäre schlimm.“ (Fontane, S. 38)

Die Tatsache, dass Effi sich nicht wie eine verliebte junge Braut verhalten hat und dass sie daher gewisse Erwartungen nicht erfüllt hat, ist nur dann erschließbar und daher manifest, wenn der Leser über die stereotypen Schemata HOCHZEIT und EHE verfügt. Angesichts der Informationen im Text ist dagegen weniger manifest die Tatsache, dass sie in ihren Mann nicht verliebt ist. Durch die Abweichungen von den Erwartungen, die die erwähnten Schemata wecken, kann man in diesem Fall vermuten, dass die Textkohärenz durch das Thema bzw. durch das thematische Pattern UNTREUE gewährleistet werden wird. HOCHZEIT und EHE können im Text daher aller Wahrscheinlichkeit nach als Nebenthemen zu UNTREUE betrachtet werden, obwohl Nebenthemen und Hauptthema in dieser Phase der Interaktion zwischen Text und Leser noch nicht erschlossen werden können. Eine bestimmte Themenhierarchie kann in dieser Phase der Interaktion nur vermutet werden.

An dieser Stelle kann man feststellen, dass sich ‚mehr oder weniger manifest' in Bezug auf durch thematische Inferenzen zu prozessierende Informationen im Zusammenhang mit vorhandenem Hintergrundwissen des Lesers ermitteln lässt. Man soll hier auch festhalten, dass aus diesem Grund die kognitive Aufmerksamkeit des Lesers nur hinsichtlich des Hintergrundwissens des Lesers selbst auf ein bestimmtes thematisches Pattern gesteuert werden kann, das die Textkohärenz gewährleistet.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >