Überlegungen zu Kognition und Themen ohne Repräsentation

Die vorigen Abschnitte dieses Kapitels haben gezeigt, dass die klassischen Kognitionswissenschaften und die sogenannte kognitive Literaturwissenschaft zur Entwicklung des repräsentationalistischen Begriffes von Thema als Wissensstruktur des Lesers beitragen. Sie haben ermöglicht, das Thema aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, so dass gezeigt werden konnte, dass ein Thema nicht ein im Textgewebe zu suchendes lexikalisches Element ist, das kategorisiert werden muss und losgelöst von der kognitiven Aktivität des Lesers existiert, wie die Thematologen glaubten.

Trotz der Anfänge der Berücksichtigung der antidualistischen Wende in der Themenforschung und der Abschwächung der analytischen und dualistisch orientierten Literaturwissenschaft in meiner Arbeit ist das Festhalten an dem Begriff der mentalen Repräsentation nach wie vor kennzeichnend für die kognitiv orientierte Literaturwissenschaft. Beim Kritisieren der Weiterverwendung des Begriffes der mentalen Repräsentation in dieser Arbeit, der auf eine dualistische Auffassung von dem menschlichen Geist zurückzuführen ist, schwäche ich nicht meine Auffassung von Thema als schwacher Repräsentation ab. Das Gegenteil ist hier der Fall, denn die Einbettung der Auffassung von Repräsentation als schwachem Organisationsraster erweist sich angesichts des Standes der Forschung in der kognitiv orientierten Literaturwissenschaft als einen nötigen Meilenstein, um den Übergang zum radikalen Antidualismus und zum Enaktivismus, die Lakoff & Johnson (1999) und vor ihnen Vare-la u. a. (1991) formuliert haben, zu erörtern und zu begründen.246

Wie könnte man den Begriff von ‚Thema' ohne den Begriff der mentalen Repräsentation, sei er schwach oder stark, erklären? Kann man den Begriff ‚Thema' als Erfahrungsgehalt und Wissensstruktur des Lesers dem Enaktivismus als der Hauptform des radikalen Antidualismus247 näherbringen?

Eine direkte Verbindung zwischen Themen und Antirepräsentationalismus scheint nach dem heutigen Stand der Forschung nicht möglich zu sein, weil sich die antidualistischen Kognitionswissenschaften hauptsächlich mit sensomotorischen körperlich bedingten Prozessen des menschlichen Wahrnehmungsverfahrens und nicht unmittelbar mit durch Sprache vollzogenen Formen menschlicher Kommunikation und situierter Kognition befasst haben.248

Die antidualistische antikartesianische ‚embodied mind thesis'249 besagt, dass sich Kognition, Denken, Wahrnehmung, Emotion, Erfahrung, Körper und Umgebung in einem Kontinuum befinden. (Johnson 2007; Thompson 2007). Besonders auf die Untersuchung der ‚embodied' Entstehung sensomotorischer Bedeutung in der Wahrnehmung der Umwelt und in der sprachlichen Darstellung der subjektiven emotionalen Erfahrung im Umgang mit dem Wahrgenommenen bei einer ästhetischen Erfahrung wirkt sich die Begegnung der ‚embodied mind thesis' mit Ästhetik (Miall 2012; Dewey 1934) aus.

Eine antidualistische und daher antirepräsentationalistische Themenforschung würde die Wechselbeziehungen zwischen Kognition, Emotion und sensomotorischen körperlich bedingten Wahrnehmungsprozessen in den Mittelpunkt der Untersuchungsarbeit stellen. Mein in dieser Arbeit angedeuteter Vorschlag, das Thema als schwache Repräsentation und daher als schwaches Schema anzusehen, das eine Landkarte des Wissens des Lesers darstellen würde, hat das Ziel, die maßgebende Schematheorie in der kognitiv orientierten Literaturwissenschaft abzuschwächen. Er soll den Weg zu einer antidualistischen Beschäftigung mit Themen in der kognitiv-emotionalen Interaktion zwischen Leser und Texten der Literatur ebnen. Die Rolle der Kontinuität zwischen Körper und Geist250 in der kognitiv-emotionalen Erschließung des Themas eines Textes der Literatur soll in den Blick genommen werden.251

Nach den anti-repräsentationalistischen Ansätzen252 stellt die Kontinuität zwischen körperlichen Prozessen der Wahrnehmung, Kognition und Emotion die Überwindung der dualistischen Kognitionswissenschaften bei der Untersuchung der Erkenntnisprozesse des Menschen dar.253

Wie im vorigen Kapitel in Anlehnung an Brinker (1995) deutlich gemacht wurde, vermittelt der Prozess der Erschließung des Themas ein erkenntnistheoretisches Problem. Die Suche nach Erklärungsmustern für die Themenforschung sollte meiner Ansicht nach auch Lösungen für die erkenntnistheoretischen Aspekte der Erschließung eines Themas berücksichtigen. Wie im zweiten Kapitel dieser Arbeit betont und erklärt wurde, sieht Brinker (1995) eine mögliche Lösung in einem repräsentationalistischen Ansatz. Er geht nicht zuletzt aufgrund der analytischen Einflüsse auf seine Gedankengänge davon aus, dass der Leser eine mentale Repräsentation des Themas aktiviert, die das Verstehen des Textes und das Erkennen eines Themas ermöglicht.

In einem Ansatz ohne Repräsentationsbegriff wäre das Thema als

‚embodied' Erkenntniselement in der Interaktion mit einer Textkohärenz in der Kontinuität zwischen körperlichen Prozessen der Wahrnehmung und Kognition und Emotion zu suchen. In den nächsten Kapiteln werde ich darauf zurückkommen.

 
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