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3.5 Fazit

In Anlehnung an die maßgebende Schematheorie in der kognitiv orientierten Themenforschung wurde ‚Thema' als eine durch ein Ziel-undPlan-Pattern gekennzeichnete Wissensstruktur des Lesers aufgefasst, die zur Orientierung in der Welt dient. Es wurde als das Ergebnis der Kategorisierung von Erfahrungen betrachtet, die zu Wissen werden. Eine literarisch relevante Wissensstruktur kennzeichnet sich durch ihren semantischen strukturellen Abstraktheitsgrad. Sie wird in der Interaktion mit Texten in Form von Wissensschemata mit hohem Abstraktheitsgrad aktiviert. Es wurde in dieser Arbeit festgestellt, dass thematische Wissensstrukturen mit hohem Abstraktheitsgrad Themen entsprechen, die sowohl stark überlieferungsfähig sind als auch als literarisch relevanter gelten können.

Ein Thema schlägt eine Brücke zwischen fiktionaler und nichtfiktionaler Welt, dient als Hintergrundwissen und wird in der Interaktion mit dem Textinhalt zum Zweck des Verstehens durch die Herstellung von Analogien zu dem in der realen Welt erlebten Erfahrungsgehalt des Lesers getriggert. Die Herstellung der Analogien ist im Informationsverarbeitungsprozess durch die idiosynkratischen subjektiven TOPs – thematische Organisationsstrukturen – gesteuert. Für den Prozess der Zuordnung des Inhalts des Textes zu einem Thema sind die sogenannten thematischen Inferenzen zuständig. Bei der Textverarbeitung dient das inferenzielle Pattern dazu, eine mentale Repräsentation der Relationen, die in einem Text bzw. in einem Ausdruck implizit oder explizit vorkommen, zu erarbeiten. TOPs dienen als Katalysatoren thematischer Inferenzen.

Die Frage danach, wie der Leser einen thematischen Wissensgehalt identifizieren kann, der als leitend für das Verstehen einer Textkohärenz gelten kann, wurde anhand einer leichten Revision der Bedingungen des Prinzips der Manifestness von Sperber und Wilson beantwortet. Der Grad der Manifestness einer Information wurde an die Bedingung gebunden, dass der Leser ein leitendes Thema nur dann als solches durch einen thematischen inferenziellen Prozess erkennen kann, wenn er über die nötigen Wissensstrukturen verfügt. Diese versetzen ihn in die Lage, manifeste und weniger manifeste Informationen im Text aufgrund der eigenen durch den Text aktivierten Wissensschemata zu erkennen und daher Nebenthemen von einem die Textkohärenz gewährleistenden Hauptthema zu unterscheiden.

Abschließend wurde darauf aufmerksam gemacht, dass in einem antidualistischen Ansatz ohne Repräsentationsbegriff das Thema als ‚embodied' Ergebnis eines Erkenntnisprozesses in der Kontinuität zwischen körperlichen Prozessen der Wahrnehmung und Kognition und Emotion des Lesers anzusiedeln wäre.

 
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