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4 Themen, anthropologische Konstanten, Außergewöhnliches

Abstract. Dieses Kapitel nimmt sich vor, in Anlehnung an Studien aus der kognitiven Evolutionspsychologie und aus den Kognitionswissenschaften eine Antwort auf die Frage vorzuschlagen, warum sich nur bestimmte Themen der Literatur dadurch auszeichnen, dass sie überlieferungsfähig und kulturübergreifend sind. In diesem Kapitel werden diese Eigenschaften Hauptthemen der Literatur zuerkannt. Es wird behauptet, dass diese eine evolutionspsychologische adaptive Funktion übernommen haben, die sie nicht mehr kulturspezifisch macht. Hier werden eine kulturell bedingte Spezifität transportierende Themen dagegen als Nebenthemen betrachtet. Es wird behauptet, dass diese im thematischen Lesen eines Textes der fiktionalen Literatur Hauptthemen aktualisieren lassen.

Wie das vorige Kapitel gezeigt hat, kann ein literarischer Text das Thema als thematisches Pattern im Erfahrungsgehalt des Lesers aktivieren. ‚Literarisch' kann nicht für eine Eigenschaft von Themen gehalten werden. Eine literarische Spezifität, die traditionsgemäß innerhalb der Literaturwissenschaft mit Literarizität oder literarischer Ästhetik identifiziert wird, lässt sich nicht am Pattern erkennen, das zur Zuordnung des Textes zu einem bestimmten Thema führt. Aus diesem Grund wird hier auf die Bezeichnung ‚literarisches Thema' verzichtet, obwohl sie in den relativ jungen Arbeiten über Thematics abwechselnd mit ‚Thema eines literarischen Textes' benutzt wird.254 Hier wird allein ‚Thema der Literatur' verwendet. Um deutlich zu machen, worauf sich diese Bezeichnung bezieht, lässt sich an dieser Stelle eine Definition von ‚Literatur' und deren kultureller und kommunikativer Funktion nicht umgehen. Trotz der laufenden und nicht abgeschlossenen Debatten und trotz der offenen Fragen darüber, was Literatur sei,255 soll und kann hier kein Beitrag zur Debatte darum geleistet werden. Ich entscheide mich stattdessen für eine Minimallösung und übernehme für die Ziele dieser Arbeit die Eigenschaften, die van Peer (1992) als kennzeichnend für ‚Literatur' vorschlägt: 1.„Literature is a specific form of acting linguistically; 2. (…) Literature is (…) constituted when addresser and addressee cooperate in each other's absence; 3. The form of acting linguistically in which literature manifests itself is that of the text. Typical for texts is their transferability: the text is transmitted through time and space; (…); 4. Literary texts generally belong to the homiletic text type. (…). Their primary aim is to induce various forms of delight.”256 (van Peer 1992, S. 138).

Für die Ziele dieses Kapitels ist der letzte Punkt aus dieser Definition von Literatur besonders ausschlaggebend, denn er fasst die Funktion von Literatur als Kunstform zusammen. Dementsprechend kann man feststellen, dass Literatur und ihre Texte die primäre kulturelle Funktion übernehmen, zu unterhalten und Vergnügen zu bereiten. In diesem Kapitel gehe ich davon aus, dass literarische Texte als Kunstwerke Erfahrungsgehalte und daher thematische Wissensstrukturen des Lesers aktivieren können, die die Unterhaltungsfunktion als kennzeichnende Funktion fiktionaler Literatur gewährleisten können. Mit ‚Thema der Literatur' meine ich daher eine durch einen Text der Literatur aktivierte Wissensstruktur des Lesers, die aus kognitiven und emotionalen Gründen in der Interaktion zwischen Text und Leser besonders dafür geeignet ist, dem Leser das Erleben der Unterhaltungsfunktion der Texte der Literatur zu ermöglichen.

Studien aus der Evolutionspsychologie und aus der kognitiven Anthropologie weisen darauf hin, dass sich die Unterhaltungsfunktion von Literatur in der Evolutionsgeschichte der Menschheit verankern lässt. Sie ist mit dem sogenannten Prinzip des Seltsammachens verbunden. Dieses wird von Karl Eibl257 in seinem Werk Animal Poeta (2004) in den Blick genommen. In Anlehnung an Ellen Dissanayake macht Eibl darauf aufmerksam, dass sich Kunst und Kunstformen in der Evolutionsgeschichte der Menschheit durch das sogenannte ‚making special' bzw. Seltsammachen kennzeichnen. Dieses ist eine elementare menschliche Technik bei der Kartierung der Welt, bei der Außergewöhnliches von Gewöhnlichem unterschieden wird.258 Literarische Kunstwerke können durch Außergewöhnliches und daher durch eine Abweichung von den Erwartungen des Lesers die kognitive Aufmerksamkeit des Lesers erwecken und der Unterhaltungsfunktion von Literatur gerecht werden.

Wie lässt sich dies auf thematische Wissensschemata übertragen? Wie im vorigen Kapitel festgestellt wurde, stellt ein Thema als Wissensstruktur des Lesers dem Leser vertraute Erfahrungen dar. Es dient daher zur Orientierung im Verstehensprozess. Aus diesem Grund behaupte ich, dass das so aufgefasste Thema nicht durch das Außergewöhnliche transportiert werden kann. In der Tat besteht die Funktion des Außergewöhnlichen lediglich darin, einen Effekt der Abweichung von dem Vertrauten, von Erwartungen und von gespeichertem Wissen zu schaffen. Dieser erweckt Interesse und dient als Trigger für die Aktivierung eines gespeicherten vertrauten thematischen Wissensgehalts.260 Dieser Mechanismus setzt voraus, dass typisierte kulturelle Patterns aus bestimmten Wissensdomänen gewisse Erfahrungsund Wissensgehalte des Lesers vermitteln, die in literarischen Kunstwerken wiederkehren.261 In Texten der Literatur werden typisierte Patterns eines thematischen Wissensgehalts durch das Außergewöhnliche hervorgehoben. Durch Abweichung wird der Prozess der Identifikation eines thematischen Patterns durch die Bewusstwerdung gespeicherter vertrauter Wissensgehalte ermöglicht.262 In Anlehnung an die evolutionspsychologischen Studien von Carroll (1999), Carroll (2002), Carroll (2007), Scalise Sugiyama (2001) und Eibl (2004) lässt sich annehmen, dass die vertrauten kulturellen Patterns aus für die Evolutionsgeschichte der Menschheit ausschlaggebenden Informationsdomänen stammen könnten. Diese sind gesellschaftlicher Status, Eheschließung, Sex, Fortpflanzung, Blutverwandtschaft. Dieser Ansicht liegt die Überzeugung zugrunde, dass die Aneignung von Informationen einzig und allein dem Überleben der Spezies diene. Narration sei als Probehandeln für alle Situationen zu betrachten, in denen Anpassung für das Überleben der Spezies und der Lebensraum der menschlichen Spezies simuliert werden. Mit Scalise Sugiyamas Worten: „Narrative can be seen as a means of simulating certain goals and obstacles of day-to-day human existence and providing local information necessary to pursue and/or surmount them.” (Scalise Sugiyama 2001, S. 239). Narration trägt dazu bei, die Verbindung zu der realen Welt des Lesers zu gewährleisten. An dieser Stelle und vor diesem Hintergrund kann das Ziel dieses Kapitels formuliert werden. Dieses Kapitel beschäftigt sich mit der Frage danach, welche genauen evolutionär und kulturell relevanten Eigenschaften zusätzlich zu ihrem semantischen strukturellen Abstraktheitsgrad literarisch relevante Themen vermitteln müssen, um dem Leser zu ermöglichen, die Unterhaltungsfunktion durch das Probehandeln für adaptiv wichtige Situationen zu erleben. Diese Frage soll in Anlehnung an evolutionspsychologische, anthropologische und kognitionspsychologische Studien über die evolutionäre und kulturelle Funktion von Literatur in der menschlichen Evolutionsgeschichte beantwortet werden. Es soll auf den evolutionstheoretischen und evolutionspsychologischen Begriff von kulturellen Universalien und dessen Bedeutung für die Evolutionsgeschichte des Menschen263 bzw. des Lesers eingegangen werden. Es soll der psychologische Begriff von kulturellen Schemata als kulturell bedingten Variationen menschlicher Handlungen beleuchtet werden.264

In Anlehnung an evolutionspsychologische Studien soll ein Kriterium vorgeschlagen werden, anhand dessen im Verarbeitungsprozess eines Textes der Literatur bei der Berücksichtigung der Unterhaltungsfunktion und der adaptiven Funktion von Literatur Hauptthemen von Nebenthemen unterschieden werden können. Ein solches Kriterium soll den überlieferungsfähigen Charakter der Themen der Literatur mit einbeziehen können. Bei der Erarbeitung dieses Kriteriums werde ich argumentieren, dass erworbene Informationen, die für das Überleben der Spezies relevanter sind, auch thematisch überlieferungsfähig sein können. Ich werde behaupten, dass die durch literarische Texte aktivierten thematischen Wissensgehalte im Hintergrundwissen des Lesers hinsichtlich ihrer evolutionspsychologischen Rolle als literarisch relevanter eingestuft werden können. Anschließend werde ich darauf eingehen, wie die kognitive Fähigkeit des Menschen, bei der Kartierung der Welt Außergewöhnliches von Gewöhnlichem zu unterscheiden, bei der Verarbeitung eines Textes der Literatur mit der Aktivierung einer Themenhierarchie zusammenhängt, die sich durch ein qualitatives Verhältnis zwischen Hauptthemen und Nebenthemen auszeichnet.

 
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