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4.1.2 Hauptthemen, Nebenthemen und situativer Bestimmungsfaktor

Wie interagieren die für die Verarbeitung von Texten der Literatur kennzeichnende Funktion des Probehandelns, kulturelle Schemata und kulturelle Universalien miteinander, um zu ermöglichen, Hauptthemen von Nebenthemen zu unterscheiden? Im Folgenden werde ich meine eigene Antwort auf diese Frage angesichts der Beobachtungen von Carroll, Hogan, Scalise Sugiyama und Strauss und Quinn entwickeln. Ich gehe davon aus, dass das Probehandeln eine zentrale Rolle hat. Durch die Aktivierung des Wissens über die basalen Verhaltenssysteme des Menschen im Leser, die aufgrund ihrer Natur von jedem Leser wiedererkennbar sind, bietet Literatur die Möglichkeit zum Probehandeln. Das Probehandeln bietet jedem Leser wiederum die Möglichkeit, sich in eine erzählte auf ein evolutionsbedingtes basales Verhaltenssystem des Menschen zurückführende Situation hineinzuversetzen. Diese stammt wiederum aus einer adaptiv relevanten Wissensdomäne.314 Die Aktivierung von kulturellen Schemata in der Interaktion mit literarischen Texten dient als Mittel zum Zweck. Durch ein erzähltes One-Night-Stand sowie durch einen erzählten Autounfall kann das Probehandeln in einer auf ein evolutionsbedingtes basales Verhaltenssystem des Menschen zurückführenden Situation wie LIEBE oder UNTREUE geübt werden. Ein Autounfall und ein One-Night-Stand können dagegen als kulturelle Schemata fungieren. Sie können selber keine kulturellen Universalien sein. Der Unterschied zwischen kulturellen Schemata und kulturellen Universalien besteht in ihrer kognitiven Funktion bei der Interaktion des Lesers mit einem Text der Literatur, obwohl sie beide aus derselben adaptiv relevanten Wissensdomäne stammen können. Kulturelle Schemata können in der Handlung literarischer Texte vorkommen. Sie können durch analogisches Mapping zur Aktivierung eines Wissensgehalts mit hohem Abstraktheitsgrad führen. Sie können selber keine biologische Disposition des Menschen vermitteln, obwohl sie auf diese zurückgeführt werden können. An dieser Stelle ist es erforderlich, durch ein Beispiel zu erklären, warum ich One-Night-Stand als ein Nebenthema zu Liebe betrachte, und wie es möglich ist, dass Autounfall ein Nebenthema zu Untreue sein kann. Als Beispiele sollen Le Avventure di Giacomo Casanova [dt. Geschichte meines Lebens] von Casanova selbst und The Great Gatsby von Francis Scott Fitzgerald dienen. Es soll bei Geschichte meines Lebens angefangen werden. Die verschiedenen und verschiedenartigen Affären mit allen möglichen Damen und die Kunst der Verführung der Frau aktivieren im gegenwärtigen Leser den Casanova fremden Begriff des ‚One-Night-Stand' als kulturelles Schema. Dieses als Trigger verweist auf die verallgemeinernde kulturelle Universalie ‚Liebe', die eine wiedererkennbare evolutionspsychologische auf das Überleben der Spezies zurückführende Kulturdisposition des Menschen enthält. Das Gleiche kann man von ‚Autounfall' in Fitzgeralds The Great Gatsby behaupten. Als Daisy am Steuer des Autos ihres Geliebten Gatsby einen Unfall verursacht, bei dem Myrtle Wilson, die Geliebte von ihrem Ehemann Tom, stirbt, will Gatsby aus Liebe die Schuld auf sich nehmen. Tom gibt Myrtles verzweifeltem Ehemann George Wilson, den Hinweis, dass Gatsby das Auto besitzt. Daraus schließt Wilson, dass Gatsby den Unfall verursacht habe. Daraufhin erschießt Wilson Gatsby und anschließend sich selbst. Toms Rache wegen der Untreue seiner Frau vollzieht sich. Die fiktive Situation bietet dem Leser das Probehandeln für Rache als Konsequenz der Untreue und daher das Probehandeln für die Konsequenz von Untreue. Sowohl /Rache/ als auch /Untreue/ werden kognitiv von dem kulturellen Schema ‚Autounfall' ausgelöst, das in diesem Fall ein Nebenthema zu Rache oder Untreue wird. Um die Funktion von kulturellen Schemata besser zu veranschaulichen, soll im Folgenden der Begriff situational determinant315 aus Hogan (2003) verwendet werden. In der Tat können kulturelle Schemata als Nebenthemen die Funktion der sogenannten situational determinants übernehmen.316 Eine genaue Definition des Begriffes situational determinant gibt Hogan (2003) in seinem Buch nicht an. Er gibt aber ein Beispiel an, das verstehen hilft, was er mit situational determinant meint. Hogan betrachtet die Wiedervereinigung zweier sich liebender Menschen als eine kulturübergreifende immer wiederkehrende und daher prototypische Situation, die als situational determinant für Glück in einem erzählten Ereignis, d. h. als Auslöser für die Aktivierung des Wissensgehalts GLÜCK, gelten kann. Ein situational determinant kann aufgrund des prototypischen Hintergrundwissens und der prototypischen Erwartungen des Lesers einen bestimmten Wissensgehalt durch assoziatives Mapping im Leser hervorrufen.317 ‚Ehebruch' als situational determinant kann den abstrakteren Wissensgehalt /Untreue/ aktivieren und diesem als kultureller Universalie in Form von kulturellem Schema untergeordnet werden. Ein Autounfall, ein One-Night-Stand oder auch der Wissensgehalt ‚Unannehmlichkeit' im Falle der Textpassage aus dem Roman Die Blendung, die im vorigen Kapitel zitiert wurde, können dagegen eine Situation evozieren, die ein Leser einem Wissensgehalt mit kulturell bedingter Variation zuweisen kann. Situational determinants lassen sich nicht unmittelbar mit biologischen Kulturdispositionen des Menschen assoziieren. Sie verfügen selber nicht über den überlieferungsfähigen kulturübergreifenden adaptiv relevanten Charakter, der einen thematischen Wissensgehalt als Hauptthema nach meiner Auffassung literarisch relevant macht. Als Beispiel dafür soll hier auch Fontanes Effi Briest in Betracht gezogen werden. Als Effi Ehebruch begeht, schafft dieses abweichende Ereignis den situativen Bestimmungsfaktor für die Aktivierung des Wissensgehalts /Untreue/ im Leser. Ohne die Aktivierung des prototypischen Wissensgehalts/Ehebruch/ wäre die Zuordnung zu einem abstrakteren thematischen Wissensgehalt wie der kulturellen Universalie /Liebe/ oder /Untreue/ durch inferenzielle Prozesse nicht möglich. Vor diesem Hintergrund kann man hier für sehr wahrscheinlich halten, dass nur die kulturellen Universalien, die über einen verallgemeinernden Abstraktheitsgrad verfügen, als kulturübergreifende Hauptthemen der fiktionalen Literatur auf der Makroebene der Texte literarischer Kommunikation zu betrachten sind. Man kann hier abschließend feststellen, dass sich in diesem Abschnitt das erste Kriterium für die kognitive Aktivierung eines literarisch relevanten thematischen Wissensgehalts in Bezug auf die Funktion eines Hauptthemas abzeichnet. Es kann wie folgt zusammengefasst werden: Über die kognitive Verarbeitung eines prototypischen Patterns eines die Funktion eines situational determinant erfüllenden kulturellen Schemas wird ein Wissensgehalt aktiviert, der zusätzlich zu seinem Abstraktheitsgrad eine evolutionspsychologische und biologische Kulturdisposition des Menschen vermittelt. Er bietet die Möglichkeit zum Probehandeln in adaptiv relevanten Situationen.

Während in diesem Abschnitt die Frage danach beantwortet werden konnte, was für Angelegenheiten von menschlichem Interesse kulturübergreifend thematisch relevant sein können und daher in Texten der Literatur als Hauptthemen fungieren könnten, ist die Frage noch unbeachtet geblieben, was für eine Rolle das Außergewöhnliche (bzw. NichtRoutinemäßiges) bei der Aktivierung von literarisch relevanten thematischen Wissensgehalten spielt. Der nächste Abschnitt handelt davon.

 
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