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4.2 Interessenerregung und Bedeutungsmaximierung

Es wurde bereits deutlich gemacht, dass thematische Wissensstrukturen sowohl in Form von kulturellen Schemata als auch in Form von kulturellen Universalien beim Verstehen zur kognitiven Orientierung des Lesers dienen. Thematische Wissensstrukturen können deswegen nicht vom Wissen des Lesers über ihren eigenen Gehalt abweichen. Sie können meines Erachtens aus diesem Grund keine Träger von Außergewöhnlichem sein. Das Außergewöhnliche, worauf sich van Peer (2002) bezieht, muss woanders liegen. In diesem Abschnitt behaupte ich, dass es in der Art liegt, wie Wissensschemata miteinander kombiniert werden, und daher in der Reihenfolge, in der sie erzählt werden. Auf diese Weise kommen im Text nicht-routinemäßige außergewöhnliche Episoden vor, die im Verstehensprozess die kognitive Funktion übernehmen, die Aufmerksamkeit des Lesers zu steuern. Ich werde behaupten, dass sie damit eine kognitive Kontrollfunktion im Prozess der Zuordnung des Textinhalts zu einem Hauptthema erfüllen.318 Wie man Schank (1979) und van Peer (1992) entnehmen kann, wird beim Textverstehen die kognitive Kontrollfunktion auf zweierlei Ebenen erfüllt. Sie erfolgt sowohl auf kognitiver als auch auf textueller stilistischer Ebene. Auf der kognitiven Ebene wird sie durch das Hintergrundwissen des Lesers bestimmt. Dieses trägt dazu bei, dass der Leser vertrautes Wissen von nichtroutinemäßigen Ereignissen unterscheiden kann. Es ermöglicht daher, das Außergewöhnliche zu erkennen und zu verarbeiten. Auf textueller stilistischer Ebene wird die kognitive Kontrollfunktion durch foregrounding erfüllt.319 Diesbezüglich weist van Peer (1992) darauf hin, dass sich foregrounding darauf beziehe, dass literarische Texte besonders semantische und stilistische Mittel benutzen, um die Aufmerksamkeit des Lesers zu beeinflussen. Einige Aspekte des Textes werden zu diesem Zweck in den Vordergrund gestellt. Den hervorgehobenen textuellen Elementen wird im Rezeptionsprozess mehr Bedeutung beigemessen und sie übernehmen im Prozess des Verstehens eine kognitiv-emotional leitende Rolle.320 Im Folgenden soll die kognitive und emotionale Kontrollfunktion des Außergewöhnlichen und des foregrounding im Prozess der Identifikation und Aktualisierung eines thematischen Patterns besprochen werden. Angefangen wird beim Außergewöhnlichen.

Bei der Zuordnung eines Textes der Literatur zu einem Thema erkennt van Peer (2002) dem Außergewöhnlichen im Text die Rolle zu, den Leser zur Bedeutungsmaximierung zu führen. Diese Leserreaktion wird von van Peer als meaning maximizing bezeichnet. Diesen Begriff definiert van Peer folgendermaßen: „The tendency of literary themes to be linked to concerns that most readers will recognize as of significant importance to the persons involved.” (van Peer in Louwerse & van Peer (eds.) 2002, S. 255).321 Als Beispiel gibt er Kafkas Die Verwandlung an. Als sich Gregor Samsa in einen Käfer verwandelt, erkennt der Leser, dass dieses außergewöhnliche Ereignis im Leben Samsas eine entscheidende Rolle haben wird. Infolgedessen tendiert der Leser dazu, die Bedeutung der Verwandlung in Bezug auf kommende Ereignisse in der Erzählung zu maximieren. Man darf hier betonen, dass das Schema VERWANDLUNG an sich kein außergewöhnliches Element enthält. Es wird erst dann als außergewöhnlich empfunden, wenn es auf die Verwandlung eines Menschen in ein Tier bezogen wird. Die Bedeutung von welchem erzählten Ereignis maximiert wird, hängt von einer subjektiven, kulturell bedingten Lesart des Textes ab.322 Es stellt sich an dieser Stelle die Frage, wie und warum kognitiv die Bedeutungsmaximierung erfolgt. Meaning maximizing kann zwar als eine bedeutungsvolle emotionsgeladene Phase innerhalb des Erschließungsprozesses des thematischen Patterns betrachtet werden, aber wie diese Phase mit der Zuordnung des Textes zu einem Thema zusammenhängt, bleibt unklar. Anders gesagt: Die Episode von Samsas Verwandlung kann nicht als das Thema von Kafkas Werk betrachtet werden. So trivial diese Bemerkung erscheint, so aufschlussreich ist sie. Sie führt zu einer weiteren schärferen Überlegung. Van Peer (2002) erkennt das Merkmal ‚emotionsgeladen' als kennzeichnend für Themen der Literatur. Aber in Bezug auf das Nicht-Routinemäßige scheint das Merkmal ‚emotionsgeladen' kein Merkmal eines thematischen Wissensgehalts, sondern vielmehr eine der möglichen Folgen der Bedeutungsmaximierung seitens des Lesers zu sein. Aus diesem Grund behaupte ich, dass ‚emotionsgeladen' sich nicht auf das Thema selber beziehen kann, sondern dessen Bewertung seitens des Lesers charakterisiert. Damit werde ich mich besonders in den nächsten Kapiteln befassen.

Dem Außergewöhnlichen erkennt Schank (1979) die Rolle eines Triggers im inferenziellen Prozess zu. Er geht davon aus, dass der inferenzielle Prozess des Lesers ein Kontrollelement braucht, um einen ungezielten Inferenzprozess zu vermeiden, der einen Überschuss an Inferenzen verursachen kann. Das Problem der Kontrolle des Inferenzprozesses nennt Schank (1979) das ‚Muhammad Ali Problem'.323 Er gibt das folgende Beispiel an:

1) John was walking down the street when he spotted Mary. He walked over and hit her.

Beim Verarbeitungsprozess des Satzes 1) könnte man anfangen, über Marys Gesundheitszustand sowie über Johns Beweggründe zu spekulieren. Das ‚Muhammad Ali Problem' wird deutlich, wenn man im Satz

‚Mary' durch ‚Muhammad Ali' ersetzt, wie im folgenden Beispiel:

2) John was walking down the street when he spotted Muhammad Ali. He walked over and hit him.

Schank nimmt an, dass die meisten Leser des Satzes 2) die verschiedensten Schlussfolgerungen machen würden, nur keine über den Gesundheitszustand von Muhammad Ali. Das ‚Muhammad Ali Problem' rückt in den Vordergrund, dass Menschen einen kognitiven Mechanismus für die Kontrolle von Inferenzen besitzen, der möglich macht, dass wir uns hauptsächlich auf von der Routine des Alltags abweichende Ereignisse konzentrieren.324 Dass Muhammad Ali verletzt sein könnte, wird kein Leser vermuten, da ein Boxer nicht mit der Opfer-Rolle identifiziert wird. Diese Überlegungen benutzt Schank (1979), um die kognitive Kontrolle von „goals and plans“ eines Aktanten bei der Verarbeitung einer Geschichte zu erklären.325 Was meint man damit? Schank (1979) erklärt es anhand des folgenden Beispiels: „A small twin engine airplane carrying federal marshals and a convicted murderer who was being transported to Leavenworth crashed during an emergency landing at O'Hare Airport yesterday” (Schank 1979, S. 276). Wenn man sich zum Ziel nehmen würde, alle „goals and plans“ aller Aktanten im Text zu schlussfolgern, würde dies bedeuten, für ‚federal marshal(s)', ‚murderer', und ‚the pilot of the plane' das schematische „goal and plan pattern“ zu schlussfolgern. Das Ergebnis bestünde in zahlreichen inferenziellen Prozessen, die wir nicht zielgerichtet für das Verstehen der Textkohärenz einsetzen und kontrollieren können.326 Da wir nur die Inferenzen brauchen, die die Textkohärenz im Verstehensprozess gewährleisten, müssen wir einen Mechanismus haben, der uns vor einem Überschuss an möglichen, aber unnötigen Inferenzen schützt. Aber nach welchen Kriterien entscheiden wir, welche Inferenzen wir brauchen, um die Textkohärenz beim Verstehen zu gewährleisten? Was hilft einem Leser, diese Entscheidung zu treffen? Schanks Antwort ist simpel. Er schlägt Interessenerregung bzw. Interestingness als Mechanismus der Inferenzkontrolle vor.

Nach Schank wird ein inferenzieller Prozess dann ausgelöst, wenn der Leser etwas wahrnimmt, was für ihn interessant ist.327 Als potenziell interessant gilt alles, was außergewöhnlich ist. Außergewöhnliche Elemente, die in bestimmten Situationen wiederkehren, werden im Gedächtnis als interessant eingestuft und gespeichert.328 Schank macht darauf aufmerksam, dass der Leser Elemente im Text als interessant anerkennt, die er in Anbetracht seiner eigenen Wissensschemata und deren Verbindungen miteinander und zueinander als außergewöhnlich empfindet. Den Inferenzprozess fängt der Leser zur Verfolgung des Elements an, das er als außergewöhnlich empfunden hat. Unbeantwortet bleibt die Frage bei Schank, wann und unter welchen Bedingungen der Grad der Abweichung von Wissensschemata und deren Verbindungen miteinander als so hoch empfunden wird, dass der Leser das Außergewöhnliche als fremd und blockierend erlebt und es einfach ablehnt.329 Ohne weiter auf Schanks Arbeit einzugehen, soll hier sein Prinzip von Interestingness mit seiner Auffassung von ‚Verstehen' und mit van Peers meaning maximizing in Verbindung gebracht werden.330 Schanks Annahme, dass Verstehen erfolge, wenn der Leser an frühere Erfahrungsgehalte erinnert werde,331 lässt meines Erachtens darauf schließen, dass analogisches Denken die Basis des Verstehens und Erkennens darstelle. Gerade dies ermöglicht meines Erachtens die Maximierung von Bedeutung bzw. meaning maximizing. Ich bin der Ansicht, dass diese nur dann stattfinden kann, wenn die folgenden Bedingungen erfüllt sind: Der Leser soll ein erzähltes Ereignis als bekannt und als vertraut empfinden und anerkennen; er soll erst eine Analogie zu seinen Wissensschemata herstellen und das erzählte Außergewöhnliche als die Abweichung von den ihm vertrauten Inhalten empfinden können. Auf diese Weise kann Abweichung als Auslöser der Erregung von Interesse wirken.332 Interesse wird in der Fachliteratur den Emotionen zugeordnet. Tan (1994) betrachtet Interesse als eine antizipatorische Emotion und weist darauf hin, dass Interesse dazu führe, eine emotionsgeladene Antizipation im Laufe der Erzählung in die Endinterpretation des Textes mit einzubeziehen. Auf Tans (1994) Arbeit kann sich meine Behauptung stützen, dass die Erfahrung der Abweichung emotionsgeladen333 ist, gerade weil sie Interesse auslöst.

An dieser Stelle möchte ich dies auf das thematische Pattern übertragen und behaupten, dass man damit rechnen kann, dass Interesse auslösende Elemente eine größere Wahrscheinlichkeit haben, das thematische inferenzielle Pattern zu bestimmen, als Elemente, die als vertraut empfunden werden.334 Interesse als antizipatorische Emotion trägt dazu bei, die Reaktion auf die durch das Außergewöhnliche von Erzähltem abweichenden Erwartungen so zu beeinflussen, dass sie zur Bedeutungszuweisung beitragen kann. Auf Tans Arbeit beruht meine Behauptung, dass lediglich eine thematische Bewertung und nicht das Thema selber emotionsgeladen sein kann. Ich möchte an dieser Stelle auch feststellen, dass van Peers Bedeutungsmaximierung einer enttäuschten Erwartung entspricht, die Interesse auslöst. Sie ist als Reaktion des Lesers auf eine Abweichung von einer Erwartung zu betrachten. Aus meiner Sicht und in Anbetracht der Arbeit Tans stellt sie im Verstehensprozess den Punkt dar, wo der thematische Inferenzprozess ausgelöst und gesteuert wird, während der Leser versucht, eine Themenhierarchie im Text zu erkennen bzw. aufzudecken.335

Abweichung von Erwartungen ist das Prinzip, das stilistisch foregrounding zugrunde liegt.336 Die kognitive Funktion des foregrounding besteht darin, durch stilistische Mittel Verfremdung (ostranie; making strange) zu erreichen. Dem Leser vertraute Objekte und Sachverhalte bzw. vertraute und bekannte Schemata werden durch Sprache auf eine dem Leser fremde Art und Weise dargestellt bzw. beschrieben, so dass die Wahrnehmungsund Verstehensprozesse des Lesers zum Zweck des ästhetischen Genusses verlangsamt werden.337 Mukafovský (1964) fasst die kognitive Funktion von foregrounding folgendermaßen zusammen:

„Foregrounding is the opposite of automatization, that is, the deautomatization of an act; the more an act is automatized, the less it is consciously executed; the more it is foregrounded, the more completely conscious does it become. Objectively speaking: automatization schematizes an event; foregrounding means the violation of the scheme” (Mukafovský 1964, S. 19)

Wie van Peer (1986) zeigt, übernehmen stilistische Mittel zum foregrounding die Funktion, das Interesse der Leser zu erwecken.338 Da Interessenerregung die Aktivierung von thematisch relevanten Wissensgehalten beeinflusst, kann foregrounding dazu dienen, stilistisch die Kontrolle des thematischen Patterns zu übernehmen, indem bestimmte Patterns (diejenigen, die der Leser als Themen anerkennen kann oder wird) im Laufe der Erzählung durch Foregroundingtechniken mit einer gewissen Konstanz im Vordergrund bleiben. Allerdings scheinen die Meinungen zur Rolle von foregrounding im Prozess der thematischen Verarbeitung auseinanderzugehen. Sie sind auch noch (oder nach wie vor) zu unsystematisch, als dass sie fundierte theoretische Überlegungen in Bezug auf thematische Patterns und stilistische Mittel des foregrounding darstellen können. Es fragt sich auch, ob Foregroundingtechniken von den Lesern als Trigger von Emotionen empfunden werden können.339 Ich werde im Folgenden jeweils auf den Standpunkt von van Peer (2002) und von Emmott (2002) über foregrounding eingehen, um zu betonen, wie die Meinungen über diese stilistische Technik differieren.

Nach van Peer (2002)340 sollte sich Abweichung, die Verfremdung auslöst, nicht nur auf Abweichung von standardisiertem Sprachgebrauch, sondern auch auf Abweichung von etablierten kulturellen Wissensschemata beziehen.341 Anders gesagt: Van Peer (2002) schlägt eine Weiterentwicklung des Prinzips des foregrounding durch eine Revision des Fokus des Abweichungskriteriums vor, um dem Prozess der Erschließung des thematischen Patterns gerecht zu werden. Und in der Tat lässt sich seinBeispiel (die Verwandlung eines Menschen in einen Käfer) aus Kafkas Erzählung Die Verwandlung eher auf eine Abweichung von etablierten Wissensschemata zurückführen. Auf welcher kognitiven Ebene des Interaktionsprozesses mit dem Text die zwei Formen der Abweichung im thematischen Pattern zum Zweck des Verstehens vom Leser miteinander kombiniert werden sollen, bleibt bei van Peer unklar. Dass die eine die andere nicht ausschließt ist aber eindeutig. Van Peers Vorschlag scheint aus meiner Sicht auf Isers342 Kritik am Abweichungsbegriff als Bedingung der Poetizität zurückzugehen.343 In seinem Werk Der Akt des Lesens macht Iser (1976) deutlich, dass die durch Abweichung erzeugte poetische Qualität eines literarischen Kunstwerkes dadurch einen Funktionswert gewinnen kann, der auf die Mobilisierung der Aufmerksamkeit des Lesers hinausläuft, dass mit Abweichung nicht ausschließlich Abweichung von einer Sprachnorm, sondern Abweichung von den sozio-kulturellen Erwartungsnormen des Lesers344 gemeint ist, so dass deren Verletzung sich nicht in der bloßen Erzeugung eines semantischen Potentials erschöpft. Die Abweichung von den sozio-kulturellen Erwartungsnormen verletzt die Habitualisierung und die Dispositionen des Lesers.

Im Gegensatz zu van Peer (2002) verteidigt Emmott (2002) die traditionellere Deutung der Anwendung der foregrounding theory. Sie befasst sich mit der Funktion der Verwendung stilistischer Mittel des foregrounding. Dabei geht sie davon aus, dass stilistische Mittel das Thema eines fiktionalen Textes vermitteln können. Sie können aber erst dann diese Funktion erfüllen, wenn sie eine emotionsgeladene Reaktion des Lesers auslösen können, so Emmott.345 Sie betont, dass foregrounding nur dann thematische Relevanz bestimmen und bewirken könne, wenn es dem Leser durch foregrounding gelingen würde, sich empathisch in die erzählte Situation hineinzuversetzen.346 Emmott gibt die folgende Textpassage aus Jane Gardams Stone Trees als Beispiel an:

So now that he is dead so now that he is dead I am to spend the day with them. The Robertsons.

On the Isle of Wight. Train journey train journey from London. There and back in a day.

So now that he is dead-

They were at the funeral. Not their children. Too little. So good so good they were to me. She Anna – she cried a lot. Tom held my arm tight. Strong. I liked it. In the place even the place where your coffin was, I liked it, his strong arm. Never having liked Tom that much, I liked his strong arm. And they stayed over. Slept at the house a night or two. Did the telephone. Some gran or someone was with their children. Thank God we had no children. Think of Tom/Anna dying and those two children left – So now that you are dead –

It's nice of them isn't it now that you are dead? Well, you'd have expected it. You aren't surprised by it. After all there has to be somewhere to go. All clean all clean at home. Back work soon someday.” (Zit. nach Emmott in Louwerse & van Peer (eds.) 2002, S. 94 – 95)347

Anhand dieser Textpassage macht Emmott deutlich, dass stilistische Mittel an sich wie Wiederholungen, das Weglassen der Zeichensetzung, kataphorische Strukturen beim Verweis auf die Familie ‚Robertson' zuerst durch ein Pronomen und dann durch die Erwähnung des Namen weder eine emotionale Reaktion des Lesers noch die Zuordnung zu einem thematischen Wissensgehalt triggern können. Erst die Tatsache, dass der Leser über ein Trauerfall-Schema verfügt, macht nach Emmott möglich, dass der Leser die stilistischen Sprachmittel mit dem psychischen Zustand des Erzählers und assoziativ mit dem thematischen Wissensgehalt für TRAUERFALL in Verbindung bringen kann.348 Daraus folgt, dass stilistische Mittel zur Zuordnung zu einem vertrauten thematischen Wissensschema beitragen. Gleichzeitig sorgen sie auch dafür, dass Interessenerregung durch abweichende stilistische Mittel bzw. durch Foregroundigtechniken beibehalten bleibt und emotionsgeladen wird. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche von den beiden Auffassungen von der Rolle des Begriffes ‚foregrounding' ausschlaggebender bei der Identifikation eines thematischen Patterns ist. Emmotts Beispiel zeigt, dass stilistische Foregroundingtechniken durch formale Abweichungen zu der Zuordnung zu einem vertrauten Wissensgehalt führen. Die formale Abweichung wird als kennzeichnend dafür betrachtet, vertrautes Wissen zum Ausdruck zu bringen. Die Dehabitualisierung bleibt in diesem Fall eine ‚Scheinabweichung', gerade weil sie nur auf formal-stilistischer Ebene stattfindet. Emmotts Beispiel zeigt in der Tat, dass Verwirrung, die durch einen außergewöhnlichen Stil zum Ausdruck gebracht wird, im Falle eines Trauerfalles bzw. eines emotional verwirrenden Zustandes normal ist. Van Peers Vorschlag setzt dagegen auf eine radikalere kognitive Dehabitualisierung, auf eine Abweichung von kulturellen Wissensschemata. Dass sich ein Mensch in einen Käfer verwandelt, erfüllt in van Peers Beispiel die Funktion jeweils der kognitiven Abweichung von vertrautem Wissen und der Interessenerregung durch Außergewöhnliches. Das Ergebnis des kognitiven Prozesses dieser tiefer gehenden Dehabitualisierung könnte sich bei der Identifikation eines thematischen Patterns als ausschlaggebender erweisen. Die Dehabitualisierung wäre emotionsgeladener. Weder van Peer (2002) noch Emmott (2002) ziehen aber in Betracht, dass Dehabitualisierung bzw. Abweichung sowohl auf der formal-textuellen Ebene als auch auf der kognitiven Ebene Vieldeutigkeit und daher das Problem der Disambiguierung potentieller thematischer Wissensgehalte mit sich bringen kann.

Ein passendes, wahrscheinlich ein wenig naives, dafür aber sehr anschauliches Beispiel, das besonders semantische visuelle Vieldeutigkeit und Dehabitualisierung sichtbar macht, ist der Anfang der Erzählung Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry:

„Als ich sechs Jahre alt war, sah ich einmal in einem Buch über den Urwald, das „Erlebte Geschichten“ hieß, ein prächtiges Bild. Es stellte eine Riesenschlange dar, wie sie ein Wildtier verschlang. Hier ist eine Kopie der Zeichnung.

In diesem Buch hieß es: „Die Boas verschlingen ihre Beute als Ganzes, ohne sie zu zerbeißen. Daraufhin können sie sich nicht mehr rühren und schlafen sechs Monate, um zu verdauen.“ Ich habe damals viel über die Abenteuer des Dschungels nachgedacht und ich vollendete mit einem Farbstift meine erste Zeichnung. Meine Zeichnung Nr. 1. So sah sie aus:

Ich habe den großen Leuten mein Meisterwerk gezeigt und sie gefragt, ob ihnen meine Zeichnung nicht Angst mache. Sie haben mir geantwortet: „Warum sollen wir vor einem Hut Angst haben?“ Meine Zeichnung stellte aber keinen Hut dar. Sie stellte eine Riesenschlange dar, die einen Elefanten verdaut. Ich habe dann das Innere der Boa gezeichnet, um es den großen Leuten deutlich zu machen. Sie brauchen ja immer Erklärungen. Hier meine Zeichnung Nr. 2:

Die großen Leute haben mir geraten, mit den Zeichnungen von offenen und geschlossenen Riesenschlangen aufzuhören und mich mehr für Geografie, Geschichte, Rechnen und Grammatik zu interessieren. So kam es, dass ich eine großartige Laufbahn, die eines Malers nämlich, bereits im Alter von sechs Jahren aufgab. Der Mißerfolg meiner Zeichnung Nr. 1 und meiner Zeichnung Nr. 2 hatte mir den Mut genommen. Die großen Leute verstehen nie etwas von selbst, und für die Kinder ist es zu anstrengend, ihnen immer und immer wieder erklären zu müssen.“ (Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz )

Was bestimmt die semantische Disambiguierung der vieldeutigen Figur im oben wiedergegebenen illustrierten Text? In Bezug auf die Zuordnung zu einem thematischen Wissensgehalt stellt sich heraus, dass trotz der Vieldeutigkeit der Figur das Hintergrundwissen des Betrachters bzw. des Lesers und die verschiedenen Grade der emotionalen Bewertung der Figur die Disambiguierung bestimmen.349 Das Beispiel aus D[em] kleinen Prinz zeigt, dass der Beobachter bzw. der Leser erkennen kann, welche von den Disambiguierungsmöglichkeiten hierarchisch für ihn primär und welche sekundär hinsichtlich des eigenen Hintergrundwissens sein kann, obwohl die Zeichnung semantisch vieldeutig ist. Tatsächlich kann sie sowohl als ein Hut als auch als eine Boa, die einen Elefanten verdaut, gedeutet werden.350 Aus relevanztheoretischer Sicht (zu meiner Anwendung der Relevanztheorie auf Themen siehe das dritte Kapitel dieser Arbeit) würde dies bedeuten, dass in Anbetracht der eigenen Wissensgehalte ein Erwachsener wenig kognitiven Aufwand braucht, um die Figur als einen Hut zu prozessieren und um sie somit schneller in ein bestimmtes Wissensschema einzuordnen. Aus diesem Grund scheint die Figur als Hut für einen Erwachsenen relevanter zu sein.

Die kognitiven Folgen der Aktivierung von Wissensschemata durch Dehabitualisierungen werden in der kognitiv orientierten Literaturwissenschaft traditionsgemäß im Zusammenhang mit dem Literarizitätsbegriff diskutiert, der in dieser Arbeit Gegenstand der kommenden Kapitel sein wird.

 
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