Thematische Bedeutung, Emotionen, moralische Bewertung

Abstract. Dieses Kapitel nimmt sich vor, den Begriff ‚thematische Bedeutung' zu definieren. Thematische Bedeutung werde ich hier sowohl anhand kognitiver evolutionspsychologischer Ansätze als auch anhand antidualistischer Positionen bestimmen. Es wird hier die These vertreten, dass thematische Bedeutung die Form einer thematischen Abstraktion annimmt, die während des Probehandelns bei der Verarbeitung eines Textes der fiktionalen Literatur hervorgebracht wird. Es wird gezeigt, dass eine thematische Abstraktion auf die reale Welt des Lesers bezogen und übertragen werden kann. Es wird behauptet, dass das Thema eines Textes der Literatur als kognitiv-emotionales Gebilde bei der Informationsselektion und -verarbeitung den Übergang von der fiktionalen Welt des Textes zur nichtfiktionalen Welt des Lesers gewährleistet.

Ziel dieses Kapitels ist es, ‚Thema' von dem Begriff ‚thematische Bedeutung' abzugrenzen, diesen zu klären und zu definieren. Es soll das Verhältnis zwischen Thema als Wissensgehalt des Lesers und thematischer Bedeutung erhellt werden.

Die Bezeichnung ‚thematische Bedeutung' wird in den Beiträgen aus dem Band von Bremond u. a. (eds.) (1995) sowie im Sammelband von Louwerse & van Peer (eds.) (2002) unbestimmt benutzt und ziemlich unsystematisch mit der literaturkritischen Aktivität in Bezug auf die Interpretation des allgemeinen Inhalts eines Textes in Verbindung gebracht. Auf eine Definition des Begriffes und dessen Abgrenzung von ähnlichen Begriffen wird nicht eingegangen. Dies ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass sich die thematische Literaturkritik nie durch erregte Debatten von anderen literaturwissenschaftlichen Richtungen abgehoben hat, wie Cryle (1995) in seinem Beitrag Thematic Criticism betont. Eine Leitposition und eine Gegenposition lassen sich im Rahmen der thematischen Literaturkritik nicht erkennen, weil sich keine spezifi sche literaturwissenschaftliche Thementheorie erkennen lässt, die verteidigt oder abgelehnt werden kann, so Cryle (1995).351

In diesem Kapitel wird der folgenden Frage Aufmerksamkeit geschenkt: Wenn ‚Untreue' als Thema gilt, wie kann die die bewertende emotionale Bedeutung transportierende Aussage ‚Untreue ist unmoralisch' eingestuft werden? Eine solche Aussage wird in der Textverarbeitungsforschung als thematische Abstraktion bezeichnet und als Ergebnis eines Textverarbeitungsprozesses betrachtet. In diesem Kapitel wird die Annahme diskutiert, dass einer thematischen Bedeutung eine eine bewertende emotionale Bedeutung transportierende Aussage entspreche. Eine thematische Bedeutung enthalte eine emotionale Bewertung des Themas selbst.352 Dies lässt Aspekte emotionaler Erfahrungen des Lesers bei der Textverarbeitung in den Vordergrund rücken. Im Folgenden soll die Rolle der emotionalen Erfahrung des Lesers bei der Textverarbeitung und bei der Formulierung thematischer Bedeutung diskutiert werden.

Die semiotische Auffassung von Bedeutung als ‚Beziehungen eines sprachlichen Zeichens auf sprachliche und außersprachliche Sachverhalte' wird mit Johnsons (1987) Auffassung von Bedeutung353 ergänzt. Johnson definiert ‚Bedeutung' folgendermaßen:

„(…) meaning is always meaning for some persons or community. Words do not have meaning in themselves; (…). An event becomes meaningful by pointing beyond itself to prior event structures in experience or toward possible future structures. (…). A word or sentence is meaningful because it calls to mind a set of related structures of understanding that are directed either to some set of structures in experience, or else to other symbols. (…) Meaning always involves human understanding and intentionality. It is never merely an objective relation between symbolic representations and the world, just because there can be no such relation without human understanding to establish and mediate it.“ (Johnson 1987, S. 177f.)354

Um Johnsons Auffassung von Bedeutung auf thematische Bedeutung übertragen zu können und um diese mit der emotionalen Bewertung der Themen bzw. des Themas eines Textes der fiktionalen Literatur in Verbindung zu bringen, soll im Folgenden das Textverarbeitungsmodell von Zwaan u. a. (2002) berücksichtigt werden. Nach Zwaan u. a. (2002) nimmt die thematische Abstraktion die Form einer Moral an. Obwohl sie sie nicht deutlich definieren, kann man annehmen, dass mit Moral eine emotionsgeladene Aussage gemeint sei.355

Die Tatsache, dass ein Zusammenhang zwischen der thematischen Abstraktion eines fiktionalen Textes und Moral als emotionsgeladener Aussage erkennbar ist, lässt auch darauf schließen, dass eine thematische Abstraktion aus der fiktionalen Welt eines Textes der Literatur auf die nicht-fiktionale Welt der Erfahrungen des Lesers anwendbar ist, weil sie eben eine Moral vermittelt. Darauf geht dieses Kapitel ein. Es wird, genauer genommen, das Verhältnis zwischen fiktionalen und nichtfiktionalen Informationen in Hinblick auf die emotionalen Aspekte der thematischen Abstraktion erhellt. Die emotionalen Vorgänge des Lesers werden ebenfalls in den Blick genommen. Es soll im Folgenden sowohl auf den kognitiven evolutionspsychologischen Mechanismus der Abschottung fiktionaler Informationen bei der Textverarbeitung als auch auf die Verkörperung thematischer emotionsgeladener Bedeutung eingegangen werden. Im Anschluss daran soll ‚thematische Bedeutung' aus der Sicht der nicht-klassischen Kognitionswissenschaft und besonders des sogenannten Enaktivismus und der verkörperten Kognition betrachtet werden.356

 
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