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5.1 Zum Begriff ‚thematische Bedeutung fiktionaler Texte'

Die reine Zuordnung eines Textes bzw. einer Textpassage zu einem thematischen Wissensgehalt bringt die Gefahr der trockenen Katalogisierung von literarisch relevanten Wissensstrukturen und daher einer neuen Stoffhuberei mit sich, die nicht mehr die Textarchitektonik, wie im Falle der Thematologie, sondern die Struktur der kognitiven Architektur des Lesers in den Mittelpunkt stellt. Viel sinnvoller ist das Unternehmen nicht. Trotzdem bieten die in dieser Arbeit erarbeiteten Kriterien für die Eingrenzung literarisch relevanter thematischer Wissensgehalte die Möglichkeit, einer Wissensstruktur und daher einem Thema einen Text bzw. den Textinhalt zuzuordnen.357 Obwohl Schemata als Bündel Bedeutung angesehen werden, denen Bezeichnungen wie EHE und LIEBE verliehen werden,358 können sie längst nicht als das Endergebnis des kognitiven thematischen Verstehensprozesses angesehen werden. Zu dem kognitiven thematischen Verstehensprozess gehört die kognitive schemageleitete thematische Inferenz, die aber nur dazu beitragen kann, den Text mit einem thematischen Wissensgehalt zu verknüpfen und einen den Interpretationsprozess steuernden Begriff, das Thema eben, zu aktivieren.359 Der thematische Inferenzprozess ist für die Zuordnung der im Text beschriebenen Handlung zu einer literarisch relevanten thematischen Wissensstruktur zuständig, die wiederum den kognitiven Verstehensprozess eines Textes einleitet.360 Trotz unbeantworteter Fragen auch in der kognitionspsychologischen Forschung schlagen Zwaan & Radvansky & Whitten (2002) vor, den thematischen Verstehensprozess als einen zweistufigen Prozess zu betrachten, der aus zwei aufeinander folgenden sich ergänzenden Phasen der Informationsselektion und -verarbeitung besteht. Die erste Phase sieht die Aktivierung einer thematischen Wissensstruktur vor, die im Gedächtnis des Lesers gespeichert ist. Zwaan & Radvansky & Whitten (2002) bezeichnen sie als „theme-concept“. Die Autoren bringen sie aber nicht mit einer literarischen Spezifität in Verbindung. Die zweite Phase besteht in der Formulierung einer sogenannten ‚thematischen Abstraktion'. Im WordNet®, dem Database des Cognitive Laboratory an der Princeton University, wird sie als „theme-motif“ bezeichnet.361 Eine thematische Abstraktion nimmt Textverarbeitungsforschungsstudien zufolge die Form einer Moral nach dem Muster ‚Untreue ist unmoralisch' oder ‚romantische Vorstellungen sind im wirklichen Leben unangebracht' an. Sie ist ohne die Aktivierung eines thematischen Wissensgehalts in Form eines im Gedächtnis gespeicherten Begriffes nicht möglich.362 Zwaan u. a. (2002) machen in ihrem Beitrag Situation Models and Themes darauf aufmerksam, dass eine solche thematische Abstraktion nur als das Endergebnis des Verarbeitungsprozesses der im Text beschriebenen Situation zustande kommen könne.363 Sie haben die kognitiven Phasen eingegrenzt, aus denen der Erschließungsprozess einer thematischen Struktur besteht. Im Folgenden werden sie wiedergegeben: 1) creating a copy of the causal and motivational structure. This copy is needed because the reader will have mental representations of both the situation described in the text and the abstract theme; 2) deleting the temporal and spatial framework information; 3) eliminating all the temporal, spatial, and protagonist information that is not directly connected to the casual-motivational structure. (Zwaan u. a. in Louwerse & van Peer (eds.) 2002, S. 50). Dies bedeutet, dass allein die mentale Repräsentation der kausal-motivationalen Struktur einer im Text beschriebenen Situation die thematische Abstraktion in Form einer eine Moral vermittelnden Aussage ermöglicht. Die Autoren erläutern dies am Beispiel des Märchens The Farmer and The Eagle:

1. On day out in the field, a farm laborer happened upon an Eagle

2. that was struggling to free his wings which were caught in a barbered wire fence.

3. The farmer laborer was struck with the beauty of the bird. So he decided to let it go free.

4. He took out his knife and cut the bird loose.

5. Back at the farm, the next day, the eagle spotted the farm laborer

6. who was resting in the shade of an old wall that was crumbling.

7. The eagle flew up and snatched in its talons the head band that he was wearing.

8. The man jumped up and pursued it.

9. The eagle then dropped the band and the man picked it up.

10. On returning he found how wonderfully the bird had repaid his kindness.

11. The wall has collapsed just where he had been sitting. (Zwaan u. a. in Louwerse & van Peer (eds.) 2002, S. 39) 364

Angesichts der nötigen kognitiven Schritte, die die Autoren eingegrenzt haben, um die thematische Abstraktion zu erschließen, ist im Falle des angegebenen Beispiels die fiktive Information, dass ein Adler und ein Bauer die Hauptfiguren sind, informativ irrelevant. Ebenso irrelevant ist die Tatsache, dass sich ein Adler verfangen hat. Diese Sorte von Informationen wird von den Autoren als sekundär bezeichnet. Das Einzige, was nach ihrem Modell thematisch relevant ist, ist die Tatsache, dass eine der Figuren einer anderen hilft, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Die kognitive Voraussetzung dafür ist die Aktivierung des Schemas HILFSBEREITSCHAFT. In der kausal-motivationalen mentalen Repräsentation der beschriebenen Situation verursacht die Hilfsbereitschaft der als Erste handelnden Figur die Hilfsbereitschaft der zweiten Figur. Dies verhilft dem Leser zu der auf analogischem Denken basierenden thematischen Abstraktion. Im Fall des angegebenen Beispiels kann diese folgendermaßen formuliert werden: „if you help someone without expecting something in turn, the favor might actually be returned when you least expect it” (dt. „selbstlose Hilfsbereitschaft macht sich bezahlt“).365 Ist diese Erkenntnis für die kognitiv orientierte Literaturwissenschaft und Themenforschung von Belang? Obwohl auffallend an der thematischen Struktur die Tatsache ist, dass die fiktionalen Informationen, die der Text vermittelt, als irrelevant empfunden werden, soll an dieser Stelle nicht darauf eingegangen werden. Wie man bei der kognitiven Textverarbeitung mit Fiktion umgeht, soll im nächsten Abschnitt gezeigt werden. Hier soll allein betont werden, dass die kognitionspsychologischen Erkenntnisse bestätigen, dass sich eine spezifische Wirkung der Texte fiktionaler Literatur im Rezeptionsprozess nicht an dem Pattern der kognitiven Informationsverarbeitung erkennen lassen kann. Anhand eines Beispiels aus dem Roman Der Zauberberg von Thomas Mann werde ich im Folgenden zeigen, dass die nicht kausal-motivationalen Informationen, die ich als sekundäre Informationen betrachten werde, im kognitiven Rezeptionsprozess des Lesers nicht zum Zweck der thematischen Abstraktion im Gedächtnis haften bleiben. Ich möchte hier dem Erzähler des Zauberbergs das Wort geben:

„Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen. Er fuhr auf Besuch für drei Wochen. Von Hamburg bis dort hinauf, das ist aber eine weite Reise; zu weit eigentlich im Verhältnis zu einem so kurzen Aufenthalt. (…)“ (Mann, S. 11)

Obwohl der Anfang366 von Thomas Manns Roman Der Zauberberg thematische Wissensstrukturen im Leser im Sinne Schanks aktivieren kann, ist er für die Formulierung einer thematischen Abstraktion und daher einer thematischen Bedeutung des Romans im Informationsverarbeitungsprozess nicht von Belang. Ausgehend von den Beobachtungen von Zwaan u. a. (2002) kann man hier sagen, dass dieser Romananfang Informationen vermittelt, die bei der Aufdeckung der thematischen Struktur beim Textverarbeitungsprozess kognitiv vom Leser gelöscht werden, weil sie als sekundäre Informationen eingestuft werden, obwohl der zitierte Romananfang einem Wissensgehalt bzw. einer Wissensdomäne zugeordnet werden könnte. Diese Erkenntnis wirft die Frage auf, wo dann die literarische Spezifität einer thematischen Abstraktion im Verarbeitungsprozess eines Textes fiktionaler Literatur liegt, wenn das thematisch Relevante allein die kausal-motivationale Struktur einer beschriebenen oder dargestellten Situation zu sein scheint. Alle anderen Informationen werden aus der thematischen Struktur ausgeschlossen. Darauf soll zum Teil im nächsten Abschnitt und im nächsten Kapitel im Zusammenhang mit dem Begriff der Literarizität eingegangen werden. In ihrem Beitrag gehen Zwaan & Radvansky & Whitten (2002) nicht über die wissensbedingten kognitiven Operationen und über die Form hinaus, die eine thematische Abstraktion annimmt. Trotzdem lässt ihr Vorschlag darauf schließen, dass eine eine Moral transportierende Aussage das Ergebnis eines wissensbasierten schemageleiteten Textverarbeitungsprozesses darstellt. Er lässt auch darauf schließen, dass sie aufgrund der moralischen Bewertung des thematischen Wissensgehalts eine emotionale Reaktion des Lesers mit einschließt. Zu dieser Annahme veranlassen mich die Ergebnisse empirischer Studien in der neurokognitiven Forschung, die Jesse Prinz (2005) in Betracht zieht. Im Unterschied zu neutralen Aussagen aktivieren die eine Moral vermittelnden Aussagen Gehirnareale des lesenden Subjekts, die für emotionale Zustände zuständig sind.367 Prinz (2005) betont Folgendes: „Morally relevant events cause emotional responses in us. We recognize that some event is morally significant by emotionally reacting to it in a particular way or by recognizing that it is similar to events that have stirred our emotions on other occasions. (…) To recognize the moral value of an event is, thus, to perceive the perturbation that it causes.” (Prinz in Pecher & Zwaan (eds.) 2005, S. 99) 368

In diesem Kapitel soll die Annahme geprüft werden, dass die thematische Bedeutung eines literarischen Textes Gefühlslagen des Lesers vermittle. Menachem Brinkers Ansicht, dass ohne die Identifikation des Themas keine emotionale Reaktion des Lesers auf das literarische Werk ausgelöst werden könne, soll als Anstoß dienen.369 Demzufolge kann nur ein auf ein Werk emotional reagierender Leser eine bewertende Aussage über das durch den Text aktivierte Thema zum Ausdruck bringen. Aus diesem Grund kann die thematische Bedeutung eines Textes der fiktionalen Literatur als eine deskriptive bewertende Aussage über das aktivierte Thema folgendermaßen formuliert werden: ‚Untreue ist unmoralisch'.370 Dies erfolgt durch die Aufdeckung des Themas ‚UNTREUE', durch die Eingrenzung einer kausal-motivationalen Struktur der im Text beschriebenen Situation oder Handlung, in der das Thema verankert ist, und durch die dadurch hervorgerufenen Emotionen. Nach meinem Vorschlag steht ‚thematische Bedeutung eines Textes der fiktionalen Literatur' für die Verbalisierung der im Text durch den Leser evozierten emotionalen Bewertung des aktivierten Wissensgehalts, dem ein Text von dem Leser zugeordnet wird. Hiermit möchte ich betonen, dass die thematische Bedeutung eines Textes der fiktionalen Literatur den kognitiven Gebrauch von Emotionen mit einschließt.371

Zusammenfassend können an dieser Stelle die noch offenen Fragen dieses Abschnittes formuliert werden, die in den folgenden Abschnitten dieses Kapitels beantwortet werden sollen. Die erste offene Frage betrifft die Abschottung und Verarbeitung fiktionaler Informationen im berücksichtigten Textverarbeitungsmodell von Zwaan u. a. (2002): 1) Wie kann man sich erklären, dass eine eine Moral transportierende Aussage, die in der Verarbeitung von Fiktion ihren Ursprung hat, keine fiktiven Informationen übermittelt? Es bleibt weiterhin unbeantwortet, wie es möglich ist, dass Fiktion referentiell plausible Informationen in einem Grundgerüst von fiktiven bzw. fiktionalen Propositionen übermittelt.372

Die kognitive Rolle fiktiver Informationen im Textverarbeitungsprozess soll im folgenden Abschnitt in Anlehnung an die evolutionspsychologischen Studien von Tooby & Cosmides (2006) vertieft werden.

Anschließend soll die zweite offene Frage dieses Abschnittes beantwortet werden: 2) Wie hängen Emotion und Kognition bei der thematischen Verarbeitung eines Textes der Literatur und bei der Entstehung thematischer Bedeutung zusammen?

 
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