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5.2 Zur kognitiven Abschottung fiktionaler Informationen

Um den Prozess des Umgangs des Lesers mit fiktionalen Informationen zu erklären, gehen Tooby & Cosmides (2006) auf die neurokognitive Adaptation des menschlichen Geistes ein. Sie machen darauf aufmerksam, dass die meisten Leute, wenn man ihnen die Wahl lässt, Romanen und Filme statt Lehrbücher und Dokumentationen bevorzugen. Sie ziehen die Schilderung fiktiver imaginärer Ereignisse vor.373 Obwohl erfolgreiches Handeln von der Verfügbarkeit zutreffender Informationen über die Welt abhängt, erregen fiktive Informationen Interesse sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen. Um das Phänomen zu erklären, grenzen Tooby & Cosmides (2006) ihre Arbeit von der analytischphilosophischen Auffassung der Begriffe ‚Wahrheit' und ‚Referenz' deutlich ab.374 Nach Tooby & Cosmides (2006) bestehen Fiktionen aus einem Set von Propositionen, die zusammengebunden sind, eher aufeinander als auf die Welt bezogen sind und sowohl die Proliferation von fiktiven375 Informationen als auch die Verschmelzung mit wahren Propositionen verhindern, weil das ganze Bündel kognitiv abgeschottet ist. Seine einzelnen Bestandteile können nicht einfach in unsere sonstigen Wissensbestände hinüberwandern und diese durcheinanderbringen. Diese Abschottung ist dank der Beschaffenheit des kognitiven Systems des Menschen möglich. Tooby & Cosmides (2006) betonen, dass der Mensch über zwei kognitive Fähigkeiten verfüge, die dafür zuständig seien, mit Informationen und deren kontextuellen Welten umzugehen. Die kognitiven Fähigkeiten, auf die sie sich beziehen, sind Bereichssyntax (scope syntax) und Entkoppeln (Decoupling).376 Die Bereichssyntax ist eine Markierungssprache für Bereichsspezifik und steckt die Gültigkeitsgrenzen ab.377 Sie bestimmt die Bedingungen, unter denen Informationen für Handlungen und Schlüsse verwendet werden. Zu den Elementen dieser Syntax gehört die kognitive Operation des Entkoppelns.378 Diese besteht darin zu vermeiden, dass die einzelnen Sets von Wissensstrukturen und Repräsentationen ohne Rücksicht auf ihre Bereichsgrenze unkontrolliert in Kontakt treten.379 Diese kognitive Operation schützt die Menschen davor, fiktive Informationen mit zutreffenden zu verwechseln. Die Eingabe fiktionaler Informationen als eine Form simulierter oder imaginierter Erfahrung bietet Reizkonstellationen, die Wert-Informationen für Systeme der Vorsorge, Planung und Empathie verfügbar machen. Dies bedeutet, dass fiktionale Informationen das Probehandeln ermöglichen. Das Probehandeln, das nach Tooby & Cosmides (2006) zum ästhetischen Verhalten beiträgt, spielt eine Rolle bei der Entwicklung des neurokognitiven Systems des Menschen. Die beiden Evolutionstheoretiker gehen auf die adaptive Rolle von Fiktion ein. Sie betonen, dass wir adaptionsgemäß etwas empfinden, was wir gar nicht tatsächlich erfahren haben, wenn Fiktionen unsere Reaktionen gegenüber möglichen Leben und Welten auslösen. Dies erlaubt uns, unseren eigenen Weg zu adaptiv besseren Entscheidungen vorausschauend zu ertasten.380 Dies bedeutet, dass Wissensstrukturen oder Schemata wie ESSEN, JAGD, BETRUG in fiktive Situationen eingebunden werden, die dazu beitragen, diese Wissensbestände vielfältig situativ zu organisieren und durch fiktives Probehandeln weiter zu entwickeln. Tooby & Cosmides (2006), deren theoretische Voraussetzungen inzwischen in der kognitionswissenschaftlichen und philosophischen Forschung in Frage gestellt werden, weil sie sich auf die kontroverse Modularitätstheorie381 stützen, argumentieren folgendermaßen:

„(…) der menschliche Geist hat aus der Evolution einen umfangreichen Bestand von dem geerbt, was wir ebenso eingeborene Ideen wie Emotionsprogramme nennen können, ferner weitere psychische Programme (…). Das heißt, Vieles von unserem geistigen Gehalt ist nicht aus Erfahrung abgeleitet, sondern nur durch sie aktiviert. Dieses evolvierte geistige Erbe erscheint fremdartig, denn es ist ebenso gehaltvoll wie abstrakt: Der menschliche Geist mag während seiner ontogenetischen Entfaltung eingeborene Begriffe wie Essen, Mutter, Lebewesen (…) zur Verfügung haben – aber das kognitive Erbe gewährt nicht sehr viel Information über sie, oder darüber, wie sie sich zueinander oder zur Welt verhalten.“ (Tooby & Cosmides 2006, S. 239)

Um das Gehirn aufzubauen und es funktionsfähig zu machen, muss das Individuum zum Erwerb von Erfahrungen motiviert werden, die eine Situation in eine adaptive Richtung verändern. Nach Tooby & Cosmides (2006) ist der Erwerb von Erfahrungen durch fiktive Informationen mit ästhetischer Belohnung verbunden. Menschen haben Systeme ästhetischer Bevorzugung oder ästhetischer Motivation entwickelt, die jene Art von Erfahrungen durch fiktive Informationen belohnen, die für unsere Vorfahren adaptiv gewesen sind. Ästhetische Motivation und ästhetisch motiviertes Verhalten dienen dazu, eine adaptive innere Änderung vorzunehmen, ohne dass sie unmittelbar Einfluss auf unseren Alltag ausüben würde.382 Daher können die Täuschungen der Kunst Wahrheit übermitteln, nicht weil sie als Propositionen mit Wahrheitswert verarbeitet werden, sondern weil sie sich auf unsere Erfahrungen auswirken.

Nach Tooby & Cosmides (2006) besteht die Wahrheit in dem, was die Erfahrung in uns herstellt. Die beiden Autoren stellen Folgendes fest:

„(…) Fiktionen bestehen aus Repräsentationen, (…) denen deshalb Aufmerksamkeit geschenkt wird, Wert zugesprochen, die deshalb aufbewahrt und überliefert werden, weil der Geist spürt, dass solche Bündel Repräsentationen einen starken organisierenden Effekt auf unsere neurokognitive Adaptation ausüben, auch wenn diese Repräsentationen nicht in einem wörtlichen Sinne wahr sind.“ (Tooby & Cosmides 2006, S. 237)

Mit Repräsentation ist in diesem Fall die Vergegenständlichung von Gedanken und Wahrnehmungen durch sprachliche Fixierung gemeint.383 Vor diesem Hintergrund werde ich Emotion und Kognition miteinander kombinieren. Dies soll dazu beitragen, den Wahrheitswert einer Erfahrung für den Leser zu bestimmen. Es soll außerdem erklären, z. B., warum der subjektive Erfahrungswert und daher der Wahrheitswert der thematischen Abstraktion ‚Untreue ist unmoralisch' davon abhängen, was diese emotional und kognitiv im Leser herstellt und hervorruft.

Im Folgenden soll darauf eingegangen werden, wie Emotion und Kognition bei der thematischen Verarbeitung eines Textes der Literatur zusammenhängen und wie sie zur Entstehung thematischer Bedeutung beitragen. Sowohl die klassische Auffassung von Emotion als auch die nicht-klassische und enaktive Auffassung von Emotion sollen behandelt werden.

Ich werde im Folgenden bevorzugen, die Rolle der Emotionen bei der thematischen Bedeutung nach der nicht-klassischen Kognitionswissenschaft zu verdeutlichen und werde besonders die enaktive bzw. die enaktivistische Annäherung an Emotionen, die von Giovanna Colombetti (2007) erarbeitet und entwickelt wurde, einbeziehen.

 
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