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5.4 Emotionen bei der thematischen Bewertung

Die Berücksichtigung des phänomenologischen Tons von Emotionen wird innerhalb der Literaturwissenschaft besonders von Hogan (2003; 2003a) und Pilkington (2000) befürwortet. In Anlehnung an Keith Oatleys Studien aus der kognitiven Psychologie verwendet Hogan (2003a) die folgende Definition von Emotionen: „emotions are part of a solution to problems of organizing knowledge and action in a world that is imperfectly known and in which we have limited resources.“398 Daraus folgt, dass „emotions are elicited not by events, but by evaluations of events relevant to goals.”399 Wenn man Hogans Definition von Emotionen berücksichtigt und diese auf Themen der Literatur zu übertragen versucht, merkt man, dass sie auch eine Erklärung für van Peers Feststellung bietet, dass Themen emotionsgeladen seien.400 Dies lässt sich als Ergebnis einer Bewertung des Themas selbst erklären. Nach Oatley und JohnsonLaird zeichnen sich Emotionen durch die folgenden Handlungsphasen aus:

„Eliciting conditions. These are the circumstances that give rise to an emotion (e.g.: an attacking lion is an eliciting condition for fear)

Action readiness. It is one's orientation to engage in the particular sort of action that fits a given emotion. The action for anger is aggression or attack.

Conscious preoccupation. When we feel an emotion, we think about it and about things relevant to it. When angry, we think angry thoughts, focusing in particular on the eliciting conditions for our anger.

Expression. Expression is one's spontaneous manifestation of the emotion externally in sounds, gesture.

Bodily Disturbance. This is the spontaneous manifestation of the emotion internally in physiological changes, such as respiratory rate. Phenomenological Tone. This is the experiential feeling associated with the emotion.” (Hogan 2003a, S. 145 f.)

Die Auffassung von Emotionen und von deren Funktionen, die Oatley vertritt und an die Hogan anknüpft, geht von der einfachen Alltagserfahrung aus, dass Menschen im Leben Ziele haben. Um die eigenen Ziele erreichen zu können, muss jeder Mensch auch Pläne haben. Emotionen werden mit der Funktion aktiviert, die eigenen Pläne in die Tat umzusetzen. In Anlehnung an Oatley teilt Hogan (2003) die durch literarische Texte evozierten Emotionen in zwei Gruppen auf, die er jeweils als junctural emotions und als outcome emotions bezeichnet.401 Die ersteren sind zeitlich begrenzte emotionale Zustände, während den letzteren dauerhafte Emotionen entsprechen, die prototypisch als die Ausgangssituation für junctural emotions aufzufassen sind. Ein Beispiel dafür ist GLÜCK. Es kann die Ausgangssituation für Angst oder Ärger sein. Hogan (2003) macht darauf aufmerksam, dass wir Angst, zum Beispiel, nur im Zusammenhang mit Glück oder Leid erleben. Angst ist Angst vor etwas, was Glück verhindern könnte oder was zum Leid führen könnte.402 Keith Oatley und Philip Johnson-Laird haben betont, dass „emotion is the product of an agent's evaluation of his/her success or failure in achieving particular goals within what is, in effect, narrative structure.”403 Was bedeutet dies in Hinblick auf den Prozess der thematischen Bedeutungszuweisung bei der Interaktion eines Lesers mit einem Text der Literatur? Hogan (2003) betont, dass Oatleys und Johnson-Lairds Bedingungen für den Prozess der Aktivierung von Emotionen in der Rezeption von fiktionaler Literatur nur dann erfüllt werden können, wenn der Leser Empathie erlebe.404 Hogan (2003a) erklärt den empathischen Prozess, den Oatley berücksichtigt, mit Oatleys Worten folgendermaßen:

„People can mentally simulate the plans of others and understand their emotions, just as they can run simulations of their own plans and test their own emotional reaction in advance. In understanding narrative a subject may identify with a protagonist of a plan, and the simulation can have many of the properties of real plans, including the property of eliciting emotions appropriately to the junctures that the plan reaches. (…) We need to postulate that a person can identify with a protagonist taking on goals and plans as if they were his or her own as a narrative unfolds.” (Oatley zit. nach Hogan 2003a, S. 148)

Hogan (2003a) hält den empathischen Prozess für geeignet dafür, die emotionale Reaktion der Leser auf literarische Texte zu erklären. Der Prozess, den van Peer (2002) als meaning maximizing405 bezeichnet, zum Beispiel, kann ohne den empathischen Prozess, den Oatley beschreibt, nicht erfolgen. Wie lässt sich der empathische Prozess mit der Formulierung thematischer Bedeutung vereinbaren? Wie bereits erwähnt, lässt der Satz ‚Untreue ist unmoralisch' angesichts Prinz' (2005) Studie über eine Moral transportierende Sätze darauf schließen, dass er einen emotionalen Zustand bzw. ein messbares Erregungsniveau des Rezipienten bei der Textverarbeitung vermittelt, der bzw. das an der Sprachoberfläche nicht erkennbar ist. Der emotionale Zustand kann daher nicht allein durch Sprachanalyse ergründet werden. Das kennzeichnende Merkmal eines eine Moral transportierenden Satzes gehört zum nicht-propositionalen Wissen des Lesers. Es fällt in die Kategorie der empathischen emotionalen Wirkung eines Kunstwerkes auf den Leser. Es entspricht der empathischen Erfahrung, die der Leser durch das Werk macht.406 Wie Hogan (2003a) betont, zeichnen sich literarische Texte gerade dadurch aus, dass sie in der Lage sind, intensive langfristige emotionale Zustände zu triggern:

„One difference between literature and the world of daily experience is that in literature the memory triggers are fairly consistent and continuous for particular primed items. Thus a love story will continually prime memories of romance. This is important because priming effects decay rapidly. In daily life (…) a memory will be primed once, but then it will fade, replaced by other primed memories in rapid succession (…). The suggestion of literary works keeps the emotion-laden memories primed for long stretches of time. Thus their cumulative effect may be very strong.“ (Hogan 2003a, S. 158)

Hogan bezieht sich in dieser Textpassage auf nicht-propositionales Wissen, das Literatur vermittelt. Sperber & Wilson (1986; 2002; 2005) benutzen Bezeichnungen wie impressions, images, affects, um sich auf das zu beziehen, was nicht-propositional durch Literatur vermittelt werden kann. In seinem Werk How To Do Theory verweist auch Wolfgang Iser (2006) auf das nicht-propositionale Wissen, an das Literatur appelliert. Bei der Darstellung der Zielsetzungen der meisten Literaturtheorien fragt sich Iser (2006), warum sich innerhalb der Literaturwissenschaft die Tendenz verbreitet habe, Literatur mit Kognition in Verbindung bringen zu wollen, obwohl bekanntlich Literatur Kognition überschreite.407 Iser nennt zwei Gründe dafür. Einerseits will man das Phänomen der Erfahrung bei der Auseinandersetzung und Interaktion mit einem literarischen Kunstwerk ergründen, andererseits will man untersuchen, was in einem Kunstwerk die Grenzen der Sprache und der Referenzialisierbarkeit überschreitet und wodurch dies erreicht wird.408 Mit Isers Worten: „In both cases theory confronts us with the paradoxical urge to capture in cognitive terms something which by nature eludes cognition.”409 Das Verhältnis zwischen Kognition-Emotion, fiktiver Welt des Textes und nicht-fiktiver Welt des Lesers bei der Untersuchung von Themen der Literatur soll in diesem Abschnitt erhellt werden. Dieses Verhältnis zu erörtern ist insofern wichtig, als es dazu beiträgt zu verstehen, wie Themen der Literatur dazu beitragen, den Übergang von der fiktionalen Welt des Textes zur nicht-fiktionalen Welt des Lesers zu gewährleisten.410 Ich behaupte hier, dass Texte der fiktionalen Literatur durch ihre Überschreitung der Referenzialisierbarkeit das nicht-propositionale Wissen des Lesers aktivieren, aus dem das emergierende Merkmal einer eine Moral transportierenden thematischen Abstraktion als phenomenological tone hervorgeht. Bei der Erläuterung meiner Behauptung werde ich Isers Arbeit berücksichtigen. Bereits im Aufsatz Akte des Fingierens hatte sich Iser mit der Überschreitung der Referenzialisierbarkeit als Eigenschaft eines literarischen Textes auseinandergesetzt, allerdings ohne sich mit der Frage zu beschäftigen, wie nicht-propositionales Wissen des Lesers und Kognition miteinander zusammenhängen.411 Die Überschreitung der Referenzialisierbarkeit wird in seinem Aufsatz mit der Funktion des Fiktiven und des durch das Fiktive zustande kommenden Imaginären identifiziert. Dass sich fiktionale Texte auf Wirklichkeit beziehen, ohne sich in deren Bezeichnungen zu erschöpfen, ist Isers Ausgangspunkt. Iser ist der Ansicht, dass auf die Opposition von Fiktion und Wirklichkeit verzichtet werden könne.412 Er kommt zu diesem Schluss, indem er die Triade Reales, Fiktives und Imaginäres analysiert. Die Wirklichkeiten, die im literarischen Text auftauchen, erfüllen nach Iser durch ihre Wiederholung im Text die Funktion des Fingierens. Das Fingieren bewirkt die Wiederholung lebensweltlicher Realität, die wiederum das Imaginäre ermöglicht. Dieses erscheint ohne Objektreferenzen und verfügt über Unbestimmtheit. Das Fingieren überführt das Imaginäre in die Gestalt von, zum Beispiel, Idealisationen oder Projektionen, so dass es in unsere Erfahrung treten kann.413 Nach Iser (1983) schafft der Akt des Fingierens als die Irrealisierung von dem Realen und das Realwerden von dem Imaginären die Voraussetzungen dafür, die Umformulierung formulierter Welt abzugeben, die Verstehbarkeit einer umformulierten Welt zu ermöglichen und die Erfahrbarkeit eines solchen Ereignisses zu eröffnen.414 Trotz des Verweises auf das Hineintreten des Imaginären in die Erfahrung des Lesers konzentriert sich Iser nicht auf diese, sondern auf den Text und auf dessen Realitätselemente, die nicht an die semantische und systematische Strukturiertheit der Umweltsysteme gebunden sind, denen sie von dem Autor entnommen wurden. Durch ihre neue Kontextualisierung im Text werden sie Gegenstand der Wahrnehmung. Durch den Akt des Fingierens werden die Bezugsfelder des Textes mit dem Ziel markiert, diese zu überschreiten. Somit konstituiert sich eine Textintentionalität, die als eine Übergangsgestalt zwischen dem Realen und dem Imaginären erscheint, die als das Wirksamwerden des Imaginären im Bereich des Realen betrachtet werden kann.415 Im Folgenden werde ich davon ausgehen, dass Texte der Literatur die Überschreitung der Referenzialisierbarkeit vermitteln, indem sie das nicht-propositionale Wissen des Lesers aktivieren. Ich werde in Anlehnung an Pilkington (2000) erklären, wie das durch Texte der Literatur aktivierte nicht-propositionale Wissen des Lesers das emergierende Merkmal eines eine Moral transportierenden Satzes bei der thematischen Abstraktion als phenomenological tone zum Ausdruck bringen kann.416 Um dies zu erörtern, entscheide ich mich hier für eine Abschweifung. Im Folgenden werde ich mich damit befassen, wie die Qualität einer Erfahrung bzw. Qualia das emergierende Merkmal einer eine Moral transportierenden thematischen Abstraktion bestimmen kann bzw. können.

In seiner Studie stellt Pilkington (2000) fest, dass kennzeichnend für literarische Kommunikation das Auslösen einer affektiven Reaktion des Lesers beim Rezeptionsprozess eines literarischen Textes sei. Diese Reaktion sei mit der Kommunikation phänomenologischer Erfahrung verbunden. Pilkington (2000) macht deutlich, dass das Hauptanliegen eines Autors darin besteht, durch Worte Gefühle zu erwecken.417 Der Leser erlebt durch Empathie die Gefühle, die der Autor durch den Text vermitteln will. Wie Hogan (2003) deutlich macht, setzt Empathie voraus, dass man schlussfolgert, was ein anderer fühlt. Wenn man eine Emotion erlebt, aktiviert man nach Hogan einen Ausdruck aus dem eigenen mentalen Lexikon,418 indem man einige phänomenale Wahrnehmungen, zum Beispiel, mit dem mentalen Eintrag für Angst oder Ekel in Verbindung bringt.419 Diese Einträge implizieren einen Zusammenhang mit dem phänomenologischen Ton einer Emotion, d. h. zum Beispiel wie es ist, Angst oder Ekel zu verspüren. Sowohl nach Pilkington (2000) als auch nach Hogan (2003) kann dieser Aspekt emotionaler Erfahrungen bei der Rezeption eines literarischen Werkes nicht vernachlässigt werden. Er stellt den subjektiven Aspekt des Umgangs mit literarischen Kunstwerken dar. Hogan und Pilkington schlagen zwei verschiedene Wege vor, um mit dem Phänomen umzugehen. Hogan (2003) führt das Erleben des phänomenologischen Tons einer Emotion auf die Anwesenheit von sogenannten Spuren phänomenaler Erfahrung im Gedächtnis zurück. Der Frage nach dem sprachlichen Ausdruck wird nicht gezielt nachgegangen. Pilkington (2000) bringt dagegen den phänomenologischen Ton einer emotionalen Erfahrung bei der Rezeption eines literarischen Werkes mit den sogenannten Qualia in Verbindung. Er führt den Begriff von ästhetischen Qualia ein.420

Obwohl in der Philosophie des Geistes die Frage, ob Qualia existieren oder nicht, eifrig diskutiert wird und ein Endergebnis der Debatte nicht in Sicht ist,421 werde ich hier in Anlehnung an Pilkington (2000) und Edelman (2005) davon ausgehen, dass Qualia als Qualitäten von Erfahrungen vorhanden sind.422 Edelman (2005) definiert Qualia folgendermaßen: „Der Begriff Qualia meint, dass eine spezifische Eigenschaft erlebt wird – zum Beispiel das Grünsein eines grünen Objekts, Wärme oder die Schmerzhaftigkeit von Schmerzen. (…) Qualia sind Unterscheidungen höherer Ordnung, die das Bewusstsein konstituieren.“ (Edelman 2005, S. 24f.). Im neurologischen Sinn helfen Qualia dem Gehirn, Informationen zu verarbeiten. Koch (2004) macht darauf aufmerksam. Nach Koch (2004) ist jedes wahrgenommene Objekt, wie z. B. das Gesicht eines Freundes, mit einer gewissen Menge von Informationen verbunden, seiner Bedeutung eben. Um, zum Beispiel, die Fragen zu beantworten, wie mein Freund aussah, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe und was ich über seine Persönlichkeit weiß, muss sich das Gehirn diese Informationen durch mentale Repräsentationen vorstellen können. Dies ermöglichen Qualia.423 Das Gefühl der Qualia ist die Summe der Gemeinsamkeiten in verschiedenen Bereichen. Nach Koch (2004) ist das, was man fühlt, wenn man die Farbe ‚rot' sieht (oder auch wenn man ‚rot sieht' … ), das Ergebnis der Assoziationen mit anderen roten Objekten, wie zum Beispiel das Ergebnis der Assoziationen zwischen dem roten Gewand des römischen Imperiums und einem Amethyst. Die Assoziationen rufen die Wahrnehmung der Farbe ‚rot' in einem Subjekt hervor.424 Noë (2004) teilt diese Ansicht. Er weist darauf hin, dass die verschiedenen Qualitäten in einer Erfahrung als Möglichkeiten eines zu verfolgenden Patterns zu betrachten seien. Das Subjekt entscheide sich für ein Pattern und daher für eine bestimmte Qualität bzw. für bestimmte Qualia.425 Das zentrale Problem, auf das Edelman (2005) hinweist, ist die Frage, wie sich fassen lässt, was das Subjekt empfindet, wenn es beispielsweise das Grünsein eines Objekts, Wärme oder Schmerz erlebt.426 Um dies zu erklären, entwickelt Edelman ein Modell des Bewusstseins. Edelmans neurobiologischer Konstruktivismus geht von der Annahme aus, dass Bewusstsein aus holistischen neuronalen Vorgängen im Gehirn entstehe.427 Edelman (2005) unterscheidet zwischen primärem Bewusstsein und Bewusstsein höherer Ordnung. Das primäre Bewusstsein dient dazu, komplexe Szenen zu konstruieren. Es bildet zwischen den verschiedenen Bestandteilen durch Unterscheidungen eine Szene. Die Entstehung des primären Bewusstseins ermöglicht eine reziproke Koppelung zwischen Hirnregionen, in denen Wahrnehmungskategorisierungen erfolgen. Diese sind für das Werte-Kategorien-Gedächtnis, d. h. für ein zentrales Gedächtnissystem und für frühere Wahrnehmungskategorisierungen, zuständig. Eine bewusste Szene aufzubauen, bedeutet nach Edelman, eine erinnerte Gegenwart zu konstruieren.428 Das Bewusstsein höherer Ordnung versetzt uns dagegen in die Lage, die Zukunft mental vorwegzunehmen und explizite Erinnerungen an die Vergangenheit zu bilden. Es sorgt dafür, dass wir uns unseres Bewusstseins bewusst werden. Über Bewusstsein höherer Ordnung verfügen nur Spezies mit semantischer oder linguistischer Fähigkeit. Beim Menschen bilden sich ein benennbares Selbst und ein Bewusstsein höherer Ordnung erst heraus, wenn sich semantische und linguistische Fähigkeiten sowie zwischenmenschliche Interaktionen entfalten. Das Bewusstsein höherer Ordnung versetzt uns in die Lage, Qualia zu benennen und explizite Unterscheidungen zu treffen.429 Trotz der Betonung der Tatsache, dass sich über die Sprache ein sozial definiertes Selbst herausbildet und dass dieses, wie das Erleben von Qualia, das Bewusstsein höherer Ordnung kennzeichnet, verfehlt Edelman (2005) meines Erachtens eine genaue Erklärung dafür, wie das phänomenale Erleben und Sprache zusammenhängen bzw. wie erlebte Qualia sprachlich zum Ausdruck gebracht werden können, wenn überhaupt. Die Frage, die in Bezug auf die Spezifität von Literatur gestellt werden kann, ist es, was für Qualia eine ästhetische phänomenale Erfahrung kennzeichnen. Die Antwort auf diese Frage hat meines Erachtens den Begriff ‚emotionale Qualia' als Ausgangspunkt. Diese sind von Rey (1980) eingeführt worden, um Emotionen bzw. das Gefühl oder die Affekte, die eine Emotion auslöst, zu bezeichnen. Nach Rey (1980) sind emotionale Qualia phänomenale Aspekte aller emotionalen Zustände. Ohne Rey zu widersprechen, erkennt Pilkington (2000), dass eine der Funktionen von Literatur es ist, phänomenale Aspekte von Erfahrungen auszudrücken und zu kommunizieren. Um dies zu erreichen, sind emotionale Qualia zwar notwendig, aber nicht ausreichend. Pilkington (2000) entscheidet sich für die Einführung des Begriffes der ‚ästhetischen Qualia'. Sein Ziel ist es, emotionale Qualia mit der Rolle der erlebten emotionalen Steigerungen der spezifischen Erfahrung der Interaktion mit literarischen Kunstwerken zu ergänzen. Ästhetische Qualia definiert er folgendermaßen:

„Aesthetic qualia refer to the phenomenal aspects of more complex experiences associated with the exploration of extended contexts. (…) Aesthetic qualia differ from emotional qualia in general, then, in two crucial ways: they are more intense; they are more discriminative/precise. (…). Aesthetic qualia refer to phenomenal experiences that are raised to a higher power and that may be expressed in terms of innumerable fine shades of differences.” (Pilkington 2000, S. 177)

Dies soll am Beispiel der folgenden Textpassage aus Madame Bovary erklärt werden:

„Emma, for her part, never questioned herself to find out whether she was in love with him. Love, she believed, must come suddenly, with thunder and lightning, a hurricane from on high that swoops down into your life and turns it topsy-turvy, snatches away your will-power like a leaf, hurls your heart and soul into the abyss” (Madame Bovary, zit. nach van Peer 1992).

Pilkington zufolge versucht der Erzähler hier, durch die Begriffe THUNDER und LIGHTNING zu bewirken, dass der Leser sich wie Emma fühlt. Es wird versucht, durch die Hervorrufung von kognitiven Assoziationen bzw. durch metaphorisches Mapping im Leser bestimmte Qualia hervorzurufen. Pilkington (2000) zufolge müssen Erinnerungen an phänomenale Erfahrungen evoziert werden, um den Kontext im Verstehensprozess kognitiv bestimmen zu können. Je breiter die hervorgerufenen Assoziationsfelder sind, desto verschärfter kann der phänomenologische Ton der kommunizierten Erfahrung sein. Die Frage, wie die Intensität einer solchen Erfahrung gemessen oder analysiert werden kann, bleibt bei Pilkington unbeantwortet. Wie individuelle Erfahrungen und emotionale Reaktionen auf ein literarisches Kunstwerk zusammenwirken, um literarische Kommunikation zu ermöglichen, haben besonders Miall & Kuiken (1999) in ihrer Studie über Literarizität betont.430 Pilkingtons Ansichten über die Rolle des phänomenologischen Tons der ästhetischen Qualia lassen aus meiner Sicht darauf schließen, dass eine Verallgemeinerung der Formulierung einer thematischen Abstraktion in Form einer Moral nur dann möglich ist, wenn die thematische Struktur assoziativ und metaphorisch eine möglichst kontextübergreifende phänomenale Erfahrung im Leser hervorruft oder hervorrufen kann. Je intensiver die Erfahrung der Erinnerung ist, desto ausgeprägter ist der phänomenologische Ton der thematischen Abstraktion.431 Daraus möchte ich schließen, dass die kennzeichnende intensive phänomenale Erfahrung der thematischen Abstraktion im Prozess der thematischen Abstraktion selber und in den während dieses Prozesses hervorgerufenen Emotionen liegt. Sie soll daher nicht in der sprachlichen Formulierung selbst gesucht werden. Sie liegt meines Erachtens vielmehr in den emotionalen Vorgängen begründet, die sich in der Formulierung thematischer Abstraktionen widerspiegeln. Aus diesem Grund möchte ich die kennzeichnende intensive phänomenale Erfahrung als ein Element betrachten, das den Übergang zur nicht-fiktionalen Welt des Lesers fördert.

 
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