Über die poetische Funktion der Sprache hinaus: Literarizität und Kognition

Abstract. Gegenstand dieses Kapitels ist die Frage, ob sich eine thematische Abstraktion eines Textes der fiktionalen Literatur mit dem Literarizitätsbegriff in Verbindung bringen lässt. In Bezug auf die Erschließung einer thematischen Abstraktion wird die Rolle der folgenden Prozesse in den Blick genommen: Foregrounding, Verfremdung und die durch die erweckten Emotionen ausgelöste Schemaänderung in der Wissensstruktur des Lesers. Das autonom-ästhetische Prinzip als Textverarbeitungsmodus wird in Frage gestellt. Es wird gefragt, ob und wie eine thematische Abstraktion im Prozess der Erfahrung der Literarizität entsteht. Es wird diskutiert, woran man ihre literarische Spezifität erkennen könnte.

In den vorigen Kapiteln wurde zusammenfassend Folgendes behauptet: Themen als Wissensstrukturen des Lesers mit textuellen Korrelaten sind literarisch relevant immer dann, wenn (1) sie sich durch einen semantischen Abstraktheitsgrad als überlieferungsfähig erweisen; (2) sie im Textverarbeitungsprozess bei der thematischen Bedeutungszuweisung als das Ergebnis des Probehandelns in adaptiv relevanten Situationen betrachtet werden können; und (3) sie sich daher als adaptiv relevant erweisen. Eine thematische Abstraktion erreicht dagegen ihre literarische Relevanz dadurch, dass sie durch das Erwecken der Qualia einen starken emotionalen phänomenologischen Ton vermittelt.

Gegen meine dargelegte Auffassung von Thema und thematischer Bedeutung literarischer Texte kann man hier den Einwand erheben, dass der seit der Prager Schule und dem Russischen Formalismus etablierte Begriff der literarischen Ästhetik,442 zum Beispiel in Form einer literarischen Spezifität des Themas und der thematischen Bedeutung, nicht in Betracht gezogen wird. Dabei erweckt man den Eindruck, dass autonomästhetische und formal-ästhetische Eigenschaften, die traditionsgemäß kennzeichnend für den Begriff ‚literarisch'443 sind, eine untergeordnete Rolle spielen. Ziel dieses Kapitels ist es, die Frage zu beantworten, woran sich die literarisch-ästhetische Spezifität einer thematischen Abstraktion erkennen lässt. Bevor darauf eingegangen wird, sollen im Folgenden die Begriffe ‚autonom-ästhetisch' und ‚formal-ästhetisch' vor dem Hintergrund der verschiedenen Positionen dazu innerhalb der sich kognitiv orientierenden Literaturwissenschaft erläutert werden.

 
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