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6.1 Texte, formale Eigenschaften und kognitive Prozesse

In Anlehnung an die analytische Literaturwissenschaft machen von Heydebrand & Winko (1996) darauf aufmerksam, dass ‚autonomästhetisch' einen Verarbeitungsmodus bezeichnet, nach dem Texte in dem Sinn als ‚autonom' gelten, dass er sie nicht unmittelbar auf Wirklichkeit, Zwecke und Handlungszusammenhänge bezieht.444 Das autonom-ästhetische Prinzip bezieht sich auf die Überzeugung, dass Texte der Literatur anders rezipiert werden als nicht-literarische Texte: Ihren einzelnen Aussagen wird kein Wahrheitsanspruch zuerkannt, sie werden nicht unvermittelt auf die Realität bezogen, sie werden für keine nichtliterarischen Zwecke funktionalisiert.445 Der Begriff ‚formal-ästhetisch' bezeichnet dagegen die formale Eigenschaft von Texten, durch eine besondere Sprache, Stil, rhetorische Mittel und Aufbau überstrukturiert zu sein.446 Diese Eigenschaft der Texte der Literatur wird oft als Bedingung für das autonom-ästhetische Prinzip betrachtet.447 Von dieser Voraussetzung als ästhetischer Eigenschaft des Verarbeitungsmodus der Texte der Literatur geht Tsur (1992) in seinem Werk Towards a Theory of Cognitive Poetics (1992) aus.448 Tsur unternimmt den Versuch, eine Theorie zu erarbeiten, die erklären kann, wie die Interaktion zwischen sprachlicher Form eines Textes der Literatur und den kognitiven Prozessen des Menschen erfolgt. Die Untersuchung der Wahrnehmung poetischer Effekte steht im Mittelpunkt von Tsurs Arbeit. In Anlehnung an den Russischen Formalismus bemüht sich Tsur darum, die Besonderheit der kognitiven Prozesse zu betonen, die bei der Interaktion mit Texten der Literatur durch textuelle formale Eigenschaften aktiviert werden. Tsur stellt die Abweichung solcher Prozesse von den kognitiven Prozessen im Alltag in den Vordergrund. Mit seinen Worten:

„The reading of poetry involves the modification (or sometimes, the deformation) of cognitive processes, and their adaptation for purposes for which they were not originally “devised”. In certain extreme but central cases, this modification may become “organized violence against cognitive processes”, to paraphrase the famous slogan of Russian Formalism.” (Tsur 1992, S. 4) 449

Tsur (1992) macht darauf aufmerksam, dass die kognitiven Korrelate poetischer Prozesse in Anbetracht dreier Aspekte menschlicher kognitiver Handlung bzw. Aktivität betrachtet werden müssen. Diese sind die alltäglichen kognitiven Prozesse, ihre Veränderungen und ihre Rekategorisierung nach bestimmten Kriterien und Prinzipien.450 Bei seinem Versuch zu erklären, was in Anbetracht kognitiver Prozesse die Russischen Formalisten451 mit „organized violence against cognitive processes“ meinen, gibt er einen Witz als Beispiel an. Die Verarbeitung des von Tsur angegebenen Witzes löst Tsur zufolge ästhetische Effekte und daher ästhetischen Genuss aus: 452 Mum, is dad not ready to eat yet? Shut up, I've just told you, he's not tender enough yet. Tsur beobachtet, dass die Verarbeitung dieses Witzes die Projektion von einem Script wie ‚Kannibalismus' in eine fremde und unvertraute Situation erfordere. Dies bringe mit sich, dass die mentale Verlagerung von im Script enthaltenem Wissen in eine ungewohnte Situation die groteske und witzige Seite des Witzes selbst hervorheben, wahrnehmen und erkennen lasse. Das Beispiel verdeutlicht gleich auch, was mit „organized violence against cognitive processes“ gemeint ist.453 Vieles, was Tsur anhand seines Beispiels beobachtet, ist meines Erachtens angesichts kognitiver Forschungsergebnisse nachvollziehbar. Allerdings lassen aus meiner Sicht Tsurs Beispiel und seine Schlussfolgerungen einige Unklarheiten an Tsurs Arbeit erkennen. Ich bin der Meinung, dass sich Tsurs Verwendung des Begriffes von ‚kognitive[n] Prozesse[n]' als verwirrend erweist. Der Unterschied zwischen den Veränderungen alltäglicher kognitiver Prozesse und deren Rekategorisierung nach bestimmten Prinzipien, den Tsur betont, kann auch irreführend sein. Ein Grund dafür liegt darin, dass Tsur die Veränderung und Rekategorisierung eines ‚Scripts' wie das Script ‚Kannibalismus', zum Beispiel, und eines in einer bestimmten Situation eingebetteten Wissensgehalts des Lesers mit einer Änderung eines ganzen kognitiven Prozesses zu verwechseln scheint. Geändert oder rekategorisiert wird meines Erachtens nicht der kognitive Mechanismus der Aktivierung und Projektion des Scripts von einer vertrauten in eine unvertraute und fremde Situation, sondern nur das Script selbst als Folge einer Abweichung von einer durch das Schema ‚Kannibalismus' kulturell bedingten transportierten Erwartung. Ein weiterer Grund dafür, dass Tsurs Beobachtungen als irreführend empfunden werden können, liegt darin, dass Tsur versucht, alltägliche kognitive Prozesse von ästhetischen Prozessen zu unterscheiden. Hier liegt eine weitere Verwechselung vor. Verwechselt werden aus meiner Sicht kognitive Prozesse, die angesichts kognitionswissenschaftlicher Ergebnisse keine ästhetische Spezifität haben können, mit der Art, wie sie aktiviert werden. Diese kann durch die formal-ästhetischen Eigenschaften eines Textes der fiktionalen Literatur durchaus eine ästhetische Spezifität in Form von kognitiven Effekten aufweisen und auslösen oder auch einfach erkennen lassen. Eine literarische bzw. ästhetische Spezifität der kognitiven Operationen selbst, die man vollzieht, um ein Kunstwerk wahrzunehmen und zu verstehen, lässt sich beim Verstehen eines Textes der Literatur nicht erkennen.454 Emotionale Patterns, kausal-motivationale kognitive Denkpatterns und empathische Leserreaktionen, zum Beispiel, ermöglicht die kognitive Architektur des Menschen unabhängig davon, was für ein Text verarbeitet wird. Ich möchte daher die Besonderheit literarischer Kommunikation auf die Art gründen, wie kognitive Prozesse durch stilistische Mittel aktiviert bzw. gesteuert werden.

Eine ähnliche Position vertritt auch Mark Turner (1996) in seinem Werk The Literary Mind. Turner geht von der Annahme von Schank und Abelson aus, dass menschliches Denken, Erinnern und Verstehen durch die fundamentale kognitive Aktivität des Menschen erfolgen, Geschichten zu erzählen.455 Nach Turner (1996) sind die Operationen, die der menschliche Geist vollzieht, um Literatur zu verstehen, in der Kategorie des Alltags anzusiedeln. Mit seinen Worten: „Although literary texts may be special, the instruments of thought used to invent and interpret them are basic to everyday thought.”456 Zwischen kognitiven Patterns und der Art, wie sie aktiviert werden, wird, zum Beispiel, in den Arbeiten kognitionspsychologischer Prägung von David Miall unterschieden. Es wurde beobachtet, dass literarische Texte nach einer Reihe von durch den Russischen Formalismus inspirierten Studien durch ihren sprachlichen Stil auf eine spezifische Art und Weise kognitive Prozesse im Leser triggern können, die nicht-literarische Texte dagegen nicht auf dieselbe Art und Weise aktivieren können. Auf die Art, wie der sprachliche Stil eines literarischen Textes und das Mittel des foregrounding besonders emotionsgeladene Reaktionen des Lesers auslösen, geht Miall (1995) ein.457

Wie man den vorigen Kapiteln dieser Arbeit entnehmen kann, lässt sich leicht in Frage stellen, dass die Verarbeitung eines Textes der Literatur die Verwendung bzw. die Auslösung anderer kognitiver Operationen verlangt als die Verarbeitung nicht-fiktionaler Texte. Ebenfalls lässt sich das autonom-ästhetische Prinzip leicht relativieren, wie die Arbeit von Tooby & Cosmides (2006) zeigt. Allerdings kann kaum bestritten werden, dass Texte der Literatur formal-ästhetische Eigenschaften aufweisen, die die Natur eines Textes bestimmen. Sie grenzen die literarischen Textsorten sowohl formal als auch ontologisch von anderen Textsorten ab. Auf die Wirkung formal-ästhetischer Eigenschaften der Texte der Literatur geht die kognitive Stilistik ein. Ihre Hauptvertreter im angelsächsischen Sprachraum, wie zum Beispiel Mick Short, Elena Semino, Jonathan Culpeper und Margaret Freeman, machen darauf aufmerksam, dass sich die formal-ästhetischen Eigenschaften literarischer Texte auf die Wahrnehmungsprozesse des Lesers auswirken.458 Sie können das Bild der Welt ändern, das jeder Leser in Form von Wissensstrukturen bzw. von kulturellen Schemata besitzt. Es wird die Art der Aktivierung kognitiver Prozesse als Träger der Spezifität der Rezeption literarischer Texte betrachtet. Allerdings soll auch berücksichtigt werden, dass, wie Hakemulder (2004) zu Recht betont, zu wenige Studien untersuchen, ob auch andere Textsorten als literarische dieselben Effekte, wie Empathie, zum Beispiel, im Leser auslösen oder nicht. Aus diesem Grund lässt sich nur schwer sagen, was aus kognitiver Sicht ausschließlich kennzeichnend für die kognitive Verarbeitung der Texte fiktionaler Literatur ist und was nicht.459 In Anbetracht des formal-ästhetischen Prinzips, der kognitionswissenschaftlichen Studien über menschliche Verstehensprozesse und der kognitiven Stilistik tendiere ich dazu, die Spezifität des Rezeptionsprozesses eines Textes der Literatur nicht im kognitiven Denkpattern selbst anzusiedeln, sondern auf die Art dessen Aktivierung zu gründen. Diese ist für bestimmte Wirkungen auf die Wissensstrukturen des Lesers verantwortlich, die als kennzeichnend für die Effekte literarischer Texte auf die Leser betrachtet werden können.460

Ich möchte hier die folgende Ansicht vertreten: Ein Text der Literatur kann kognitiv und emotional anders rezipiert werden als andere Textsorten, denn die Art der Aktivierung bestimmter Denkpatterns durch die Interaktion mit den stilistischen Mitteln eines Textes der Literatur ist anders als in der Alltagskommunikation. Die Art, wie Denkpatterns aktiviert werden, könnte sich als kennzeichnend für die kognitiven Effekte formal-ästhetischer Texteigenschaften erweisen.461

 
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