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6.1.1 Zur Erweiterung des etablierten Literarizitätsbegriffes

Die kognitive Stilistik hat hauptsächlich den Umgang mit einem etablierten Begriff der Literaturwissenschaft geändert, der für kennzeichnend für die Textsorten der fiktionalen Literatur gehalten wird. Es handelt sich um den Begriff der Literarizität.

In seiner traditionellen Form ist der Begriff der Literarizität von Roman Jakobson im Zusammenhang mit der poetischen Funktion der Sprache eingeführt worden.462 Jakobson betrachtet Literarizität bzw. Poetizität als ein linguistisches Phänomen, das speziell auf die Eigenwertigkeit des Textes als Zeichen gerichtet ist. Literarizität macht einen Text erst zu einem literarischen. Die poetische Funktion der Sprache hebt das Zeichenhafte des Textzeichens hervor, sie ist damit aber zugleich weiter gefasst als die Ausrichtung auf den Ausdruck.463 Literarizität aktiviert die Wahrnehmbarkeit der Zeichen der Aussage. Sie ist aber grundsätzlich in Bezug auf den Gegenstand indifferent.464 Wie von Heydebrand & Winko (1996) deutlich machen, bewirkt die Dominanz der poetischen Sprachfunktion die Heraushebung des Werkes aus alltäglichen Zweckzusammenhängen. Sie lenkt das Interesse auf die sprachliche Machart des Textes selbst und macht die Texte vieldeutig, weil sie nicht mehr auf einen bestimmten Kommunikationszusammenhang bezogen werden müssen.465

Einer der führenden Kritiker der poetischen Sprachfunktion von Jakobson ist Siegfried Schmidt (1980), obwohl er den Aspekt der Vieldeutigkeit bzw. der Polyvalenz literarischer Texte anerkennt. Er betrachtet ihn nur aus einem anderen Blickwinkel.466 Gegen Jakobsons These ist nach Schmidt einzuwenden, dass man wohl von unterschiedlichen Möglichkeiten der Verwendung sprachlicher Mittel, nicht aber von sprachinhärenten Funktionen sprechen kann. So kann man die Möglichkeit benutzen, die Sprache referenziell oder emotionsweckend zu gebrauchen.467 Schmidt lehnt die Vorstellung ab, dass ‚literarisch' eine Eigenschaft ist, die an der Textoberfläche zu suchen ist bzw. erkannt werden kann. Er argumentiert in Hinblick auf das autonom-ästhetische Prinzip,468 dass literarisch-ästhetische Eigenschaften als ästhetische Konventionen literarischer Kommunikation betrachtet werden sollen, nach denen sich Produzenten und Rezipienten richten müssen, damit die Kommunikation auch erfolgen kann.469 Entweder haben die Teilnehmer an ästhetischer Kommunikation die ästhetischen Konventionen in ihrer Sozialisationsgeschichte erfahren und gelernt oder sie erkennen sie durch Befolgen de facto an.470 Damit betont Schmidt die intersubjektiven Bedingungen literarischer kommunikativer Handlungen. Schmidt distanziert sich von der sogenannten „ontological fallacy“,471 d. h. von der aus seiner Sicht zu engen Vorstellung, dass allein Textmerkmale an der Textoberfläche die Literarizität eines Textes bestimmen. Er argumentiert, dass Textmerkmale in der literarischen Kommunikation zwar eine Rolle spielen, aber nur wenn die realen bzw. empirischen Leser sie auch als eine Grundlage literarischer Kommunikation anerkennen können.472 Schmidt schließt nicht aus, dass sie von Rezipienten als polyvalent realisierbare und als literarisch relevant gewertete Organisationsformen auf allen Ebenen der Textkonstitution lokalisierbar sein dürften.473

Schmidts Position ist von Miall & Kuiken (1994a) mit der Begründung heftig kritisiert worden, dass stilistische Sprachmittel zum foregrounding, die im Sinne Jakobsons einem Text und dessen Sprache ihre Literarizität verleihen, sehr wohl im literarischen Text zu suchen und zu finden seien. Dies belegen empirische Studien. In der Tat zeigen sie, dass der Leser eines literarischen Textes auf die sprachlichen Stilmittel selber reagiert. Seine Reaktion ist unabhängig davon, ob er literarische Vorkenntnisse hat oder nicht, wie die Studie von van Peer (1986) deutlich gezeigt hat.474 Allerdings ist damit die Frage nach der literarischen Spezifität als Eigenschaft des Textes und deren Zusammenhang mit Foregroundigtechniken keineswegs gelöst worden. Einerseits sprechen diese empirischen Ergebnisse meines Erachtens sehr wohl gegen Schmidts These, dass stilistische Sprachmittel hauptsächlich in dem Hintergrundwissen des Lesers anzusiedeln und verankert seien, andererseits sind sie auch kein eindeutiger Nachweis für einen gewissen Mangel an Plausibilität von Schmidts Position. Genauer genommen zeigen die von Miall & Kuiken genannten Studien, dass Foregroundingtechniken nicht allein als Konvention literarischer Kommunikation im Hintergrundwissen des Lesers betrachtet werden können. Sie können allerdings auch nicht ausschließen, dass alle Leser eines Textes darauf reagieren, weil sie Wissen über Foregroundingtechniken in ihrer Sozialisationsgeschichte auch unbewusst erworben bzw. übernommen haben und sie sie in Texten der Literatur wiedererkennen können.

Vor diesem Hintergrund scheint mir, dass die Position von Schmidt und die Position von Miall und Kuiken zwei verschiedene Aspekte der Analyse literarischer Kommunikation berücksichtigen, die sich miteinander ergänzen lassen. Sie scheinen zwei Seiten derselben Medaille zu sein. Dies veranlasst mich zur Bemerkung, dass die Kriterien für die Einordnung der stilistischen Eigenschaften eines Textes der Literatur revidiert werden sollten. Ich gehe in dieser Arbeit davon aus, dass diese sowohl im Hintergrundwissen des Lesers als auch in Form von das stilistische Sprachmaterial transportierendem Korrelat im Text angesiedelt werden können. Dies möchte ich hier als die nötige Bedingung betrachten, damit gewisse Sprachmittel in der Interaktion zwischen einem Text und seinem Leser vom Leser als Literatur stiftend überhaupt erkannt werden können. Die Hervorhebung der Interaktionsprozesse bei der Untersuchung von literarischer Kommunikation hat den Vorteil, dass der Text nicht allein auf eine „Form konventioneller Übertragung der Kommunikate“475 reduziert wird bzw. werden kann.

Der Literarizitätsbegriff von Jakobson ist im Laufe der Zeit vor allem nach der kognitiven Wende in der Literaturwissenschaft erweitert worden und mit Kriterien ergänzt worden, die die Interaktion der kognitiven Prozesse mit den stilistischen Sprachmitteln eines Textes der Literatur und die daraus resultierende Bedeutungsgenerierung einschließen. Die Änderungen der Wissensstruktur und der Wissensschemata des Lesers sind dezidiert in den Vordergrund gerückt worden. David Miall bringt es auf den Punkt:

„In the present conception, literariness is considered an interactive process: a reader encounters literary devices during reading (…), finds them striking (…), and often experiences a distinctive feeling as a result.” (Miall 2006, S. 145).476

Cook (1994), Semino (1997) und Miall & Kuiken (1994; 1999) haben in ihren verschiedenen aktualisierteren Formulierungen des Literarizitätsbegriffes die poetische Funktion der Sprache in den Hintergrund gestellt. Sie haben ihre Relevanz für die Erfahrung der Literarizität stark an die kognitiven Vorgänge des Lesers gebunden. Sie haben vorgezogen, die Aufmerksamkeit auf die Art von kognitiver und emotionaler Erfahrung zu lenken, die der Leser als Ergebnis der eigenen Reaktion auf die stilistischen Sprachmittel eines Textes der Literatur erlebt.477

Für die Ziele und Zielsetzungen dieser Arbeit stellt sich hier die Frage, wie sich eine thematische Abstraktion eines Textes der Literatur mit den jungen Auffassungen von dem Literarizitätsbegriff in Verbindung bringen lässt. Es fragt sich, ob und inwiefern sich eine literarische Spezifität einer thematischen Abstraktion erkennen lassen kann. Kann sie in der Erfahrung der Literarizität begründet liegen? Um diese Fragen zu beantworten, wird im Folgenden der kognitive Literarizitätsbegriff von Cook (1994), Semino (1997) und Miall & Kuiken (1999) diskutiert. Diese Autoren gehen von schematheoretischen und emotionstheoretischen Voraussetzungen aus. Sie erkennen das Probehandeln als kennzeichnend für eine interaktive Literarizität an, das dem Leser ermöglicht, verschiedene Handlungen in gedanklicher Antizipation auf ihre Konsequenzen hin zu erproben.

Nach dem Prinzip des Probehandelns bietet ein Text der Literatur dem Leser die Möglichkeit, kognitive Handlungen zu vollziehen, die sich nicht in der Interaktion mit dem Text erschöpfen. Sie können sich auf die Wissensstruktur des Lesers auswirken. Sie können auch in anderen Lebensbereichen des Lesers Gültigkeit erlangen, was das autonomästhetische Prinzip als Textverarbeitungsmodus als endgültig abgeschwächt bzw. relativiert erscheinen lässt.478

Im Folgenden verdeutlicht die vorliegende Arbeit ihren Lesern, wie eine sogenannte interaktive Literarizität mit der kognitiven Entwicklung der Themenforschung zusammenhängen kann.

 
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