Zu einem dreistufigen Modell der Literarizität

„Literariness is constituted when stylistic or narrative variations strikingly defamiliarize conventionally understood referents and prompt reinterpretative transformations of a conventional concept or feeling.” (Miall & Kuiken 1999)

Diese Definition von Literarizität schlagen Miall & Kuiken (1999) in ihrer interdisziplinären empirisch orientierten Studie mit dem Titel What is literariness? Three components of literary readings vor. Sie distanzieren sich sowohl von den postmodernen Literaturtheorien als auch von den kognitiven psychologischen Ansätzen. Die ersteren vertreten die These, dass literarische Texte keine besonderen Merkmale im Vergleich zu nichtliterarischen Texten aufweisen, während die letzteren die These vertreten, dass die Verarbeitung literarischer Texte in eine allgemeine Theorie der Diskursverarbeitung eingeordnet werden kann.511 Miall & Kuiken (1999) zufolge werden dem Literarizitätsbegriff weder die ersteren noch die letzteren gerecht. Die Ergebnisse der empirischen Studie von Miall & Kuiken (1999) scheinen nachzuweisen, dass Literarizität aus drei Faktoren bestehe, die die formal-ästhetischen Eigenschaften eines literarischen Textes mit einschließen. Sie kennzeichnen die Leserreaktionen auf einen Text der Literatur. Diese Faktoren sind die Funktion des foregrounding erfüllende formal-ästhetische Eigenschaften, eine Leserreaktion der Verfremdung und die darauf folgende Änderung von subjektiven Begriffsauffassungen oder Emotionen. In ihrer empirischen Studie benutzen die Autoren den Text von T. S. Coleridge The Nightingale. Er wird den Befragten (Probanden) vorgelegt. Als die Befragten erklären mussten, warum sie eine bestimmte Textpassage als auffallend empfinden, erwähnten sie die Elemente, die sich den Autoren zufolge als kennzeichnend für die Erfahrung der Literarizität erweisen. Diese sind der sprachliche Stil, die ausgelöste Reaktionen der Verfremdung und als Folge davon die Änderung einer Begriffsauffassung oder der Interpretation einer erlebten Emotion. Die Interaktion dieser Elemente miteinander und mit den Lesern ist nach Miall & Kuiken (1999) der Schlüssel zur Literarizität. Während die Autoren den Literarizitätsbegriff von Jakobson als zu einseitig betrachten und ihn deswegen ablehnen, entwickeln sie in ihren Studien Cooks Literarizitätsbegriff weiter. Die Verarbeitung eines Textes der Literatur, die die Änderung der Auffassung von einem Begriff in der Wissensstruktur des Lesers als Ergebnis hat und auf die sich Miall & Kuiken (1999) beziehen, ist mit Cooks schema refreshment als Leserreaktion auf die Verarbeitung literarischer Texte gleichzusetzen.

In seiner Arbeit zieht Cook die Rolle von Emotionen nicht in Betracht. Gerade in der Rolle, die ihnen Miall und Kuiken bei der Verarbeitung literarischer Texte zuerkennen, besteht der Unterschied zwischen Cooks Literarizitätsbegriff und der von Miall und Kuiken entwickelten Auffassung von Literarizität. Die Rolle, die sie Gefühlen und Emotionen zuerkennen, ist in ihrer Definition des Begriffes entscheidend.512 Um dies zu verdeutlichen, zitiere ich im Folgenden Miall und Kuiken:

„But for literary readers attention is captured and held, and, for a moment, familiar and conventionally understood referents seem less familiar, as though there is something “more” to them that can be immediately grasped (defamiliarization). In response, as readers reflect on the implications of a defamiliarizing expression, their reinterpretive effort modifies or transforms their conventional concepts or feelings. Such reinterpretation usually follows an interval during which readers search (not necessarily consciously) for an appropriate context within which to locate or generate such new understanding. Our empirical studies indicate that feeling is the primary vehicle for this search.” (Miall & Kuiken 1999). 513

Es fragt sich auch bei Miall und Kuiken genauso wie bei Cook und Semino, wie man empirisch nachweisen kann, in welcher Hinsicht eine Referenz durch die Verarbeitung eines literarischen Textes in der Wissensstruktur des Lesers geändert wird und ob die Änderung so dauerhaft ist, dass sie tatsächlich als Änderung (und nicht als vorübergehende Abweichung) angesehen werden kann. Eine Lösung zu finden scheint an der Tatsache nicht vorbeizukommen, dass es nötig ist, dieselbe Gruppe von Lesern langfristig zu beobachten. Allerdings sollte man auch eine Methode anwenden, um feststellen zu können, ob langfristig die Änderung der Auffassung von einem Schema oder einer Referenz tatsächlich auf die Interaktion mit Literatur zurückzuführen ist oder ob im Laufe der Zeit auch andere Faktoren im Alltag des Lesers bzw. in den Erfahrungen des Lesers dazu beigetragen haben. Es fragt sich auch, wie man diese Einflüsse von den eigentlichen Einflüssen der Texte der fiktionalen Literatur unterscheiden kann.

Dass die Verarbeitung eines Textes die kulturell bedingte Auffassung von Referenten in der Wissensstruktur des Lesers beeinflussen kann, zeigen z. B. die Ergebnisse eines bescheidenen quantitativen empirischen Experiments von van Peer & Theodoridou (2000).514 In ihrer Studie wird einer Gruppe von Lesern das folgende Gedicht von Aras Ören gezeigt:

Made in Germany

I love you I love you I love you

You do not love me

I need you I need you I need you

You need me too

I want you I want you I want you

You want me too515

Der Titel des Gedichtes, der Name des Autors und der Kontext der Entstehung, d. h. die Tatsache, dass sich Aras Ören als Gastarbeiter an sein Gastland wendet und eine Art Hass-Liebe Beziehung zum Ausdruck bringt, wurden weggelassen. Die Teilnehmer an dem Experiment wurde gefragt, wovon das Gedicht handle. 78% der Teilnehmer gaben an, dass das Gedicht von einer Liebesgeschichte handle. Auf die Frage, wer wen liebe, antworteten 41% der Teilnehmer, dass ein Mann eine Frau liebe, während 20% der Teilnehmer der Meinung waren, dass eine Frau einen Mann liebe. Einerseits scheint das Experiment die Rolle von stereotypem kulturell bedingtem schemaorientiertem Hintergrundwissen der Leser bei der Identifikation bzw. bei der Aktivierung des Themas eines Textes zu bestätigen,516 andererseits zeigt das Beispiel, wie die sehr leichte Verletzung der Textkonventionen durch das Weglassen des Titels und der darin enthaltenen Informationen eine bestimmte Auffassung von ‚Liebe' triggert.517 Die Verarbeitung des Textes mit dem eigenen Titel hätte aller Wahrscheinlichkeit nach eine andere Auffassung von dem Begriff hervorgebracht, nicht zuletzt beeinflusst auch durch das Hintergrundwissen des Lesers über die literarische Gattung und den Autor.

In Hinblick auf das Phänomen der Neukontextualisierung entwickeln Miall & Kuiken (1999) ihren Standpunkt in Anlehnung an Bartlett (1932). Aus ihrer Sicht können Emotionen einen Prozess der Neukontextualisierung alter Schemata auslösen.518 Sie können die Leser zu neuen Ansichten bzw. zum schema refreshment und zur Änderung subjektiv zugewiesener Bedeutung führen. Emotionen und Gefühle gewährleisten eine individuelle subjektive Reaktion eines Lesers auf literarische Texte. Die Autoren stellen fest, dass

„Feeling appears to implicate the reader's self-concept and to provide a route to specific issues relating to the self, as well as to experiences or memories that may provide a new interpretive context following the moment of defamiliarization. Thus, while all readers appear to be sensitive to foregrounding in literary texts, their construals of its meaning often differ widely (…).” (Miall & Kuiken 1999)

Diese durch individuelle Emotionen oder Gefühle herausgefilterte Leserreaktion auf literarische Texte wurde von Miall & Kuiken (1999) empirisch überprüft. Sie bezeichnen die Folge des durch Gefühle gesteuerten Lesens für die Erfahrungen des Lesers selbst als enactment.519 Nach Miall und Kuiken bedeutet enactment, dass der Leser mit dem Text interagiert und anhand seiner eigenen Wissensstruktur und seines kognitiven und emotionalen Systems aktiv und subjektiv an der Bedeutungsgenerierung mitwirkt. Das Ergebnis dieses Prozesses zeichnet sich dadurch aus, dass der Leser zu einem bestimmten subjektiven Erlebnis als Folge der durch die Textverarbeitung aktivierten Schemata und Erfahrungen kommt. In diesem Prozess erfolgt dies durch die aktive Interaktion des Lesers mit dem literarischen Text. Daraus resultiert die Hervorbringung einer bestimmten Bedeutung für den einzelnen Leser, die eine subjektive in den Erfahrungen des einzelnen Lesers verankerte Interpretation des Textes darstellt.520 Der Leser erzählt in der ersten Person, wie der Text auf ihn wirkt und wie er ihn daher aufgrund der durch den Text aktivierten Erfahrungen interpretiert. Der Prozess des enactment hat nach Miall & Kuiken (1999) zur Folge, dass foregrounding und die darauf folgende Verfremdung eine bestimmte emotionale Erfahrung im Leser auslösen.521 In diesem Prozess der emotionalen Erfahrung durch Verfremdung erfolgen die empathische Identifikation des Lesers mit dem Erzähler und die Schemaänderung. Obwohl ohne eine empirische Studie das Modell von Miall und Kuiken am Beispiel eines Textes auf die Analyse der Art, wie ein Text gelesen wird, sich schwer anwenden lässt, werde ich im Folgenden am Beispiel eines selbstreferenziellen kleinen Leseexperiments, wo ich selber der Leser bin, eine Textpassage aus Özdamers Roman Das Leben ist eine Karawanserei auf Literarizität überprüfen, indem ich die drei Stufen der Literarizität im Sinne von Miall und Kuiken berücksichtigen werde. Ein Beispiel für eine Textpassage aus Özdamers Roman, die ich besonders auffallend finde, ist die folgende:

„Die arabischen Gebete kamen aus ihrem Mund, ich sah all diese Wörter als Vögel zwischen zementierten Wänden, sah ihre Köpfe an die Wände stoßen, hin und her fliegen. Ich wiederholte ihre Gebete, die Vögel werden mehr und mehr, alle fliegen über mir, vor mir, hinter mir, vor meinen Füssen. Großmutter gab mir ihre rechte Hand zum Beißen. Ich biß in ihre Hand, die Vögel gingen weg, ich zog meine Zähne aus ihrer Hand zurück, die Vögel kamen wieder.“ (Emine Sevgi Özdamer, Das Leben ist eine Karawanserei, S. 113)

Die drei Bestandteile der Erfahrung der Literarizität aus der Sicht eines Lesers beschreibe ich selbstreferenziell nach den Kriterien von Miall & Kuiken (1999) folgendermaßen:

1) Die Textpassage ist für mich auffallend, weil sie sich durch eine starke metaphorische Sprache kennzeichnet. Wörter werden als Vögel bezeichnet. Diese Metapher erzeugt Verfremdung.

2) Der Verfremdung-Effekt besteht darin, dass das Schema VÖGEL für das Schema WÖRTER steht. Dies wird als außergewöhnlich empfunden und stellt eine Abweichung von den Erwartungen des Lesenden dar. Das Schema VÖGEL muss im Rezeptionsprozess anders gedeutet werden, um die Textpassage zu verstehen.

3) Diese von den Erwartungen des Lesers abweichende Anwendung des Schemas VÖGEL, das auf WÖRTER bezogen wird, führt zu einer außergewöhnlichen Verbindung zwischen den zwei Schemata und daher zu einem schema refreshment. Die Identifikation des Lesers mit der Erzählerin erfolgt durch subjektive Gefühle.

Die metaphorische Beschreibung von Wörtern als fliegenden Vögeln erweckt das Gefühl der Bedrängnis und der Hilflosigkeit gegenüber den schnell gesprochenen Gebeten. Die Erzählerin kann diese nur passiv über sich ergehen lassen. Die in einem kleinen Käfig fliegenden Vögel leiden unter der Enge und lassen sich nicht bremsen, genauso wenig wie die schnell gesprochenen Gebete der Großmutter am Bett ihrer Enkelin. Diese evozierten Gefühle tragen zum schema refreshment des Schemas WÖRTER bei. Dadurch, dass die im Text verwendete metaphorische Sprache durch die Mitarbeit des Lesers am Text interpretiert werden muss, entsteht auch die Erfahrung der Literarizität.

In der Arbeit von Miall und Kuiken wirft diese letzte Phase der Erfahrung der Literarizität aus meiner Sicht einige Fragen auf. In ihrer Studie betonen die Autoren, dass gerade die Mühe, die sich die Leser im Interview für die empirische Untersuchung geben, um die richtigen Worte zu finden und der Versuch, die Textpassage zu interpretieren, bedeutende und entscheidende Zeichen für eine Schemaänderung als Bestandteil der Auswirkungen der Literarizität seien. Es ist auffallend, dass Miall und Kuiken in ihrer Arbeit die Frage nicht behandeln, warum gerade Emotionen oder Gefühle eine Schemaänderung vorantreiben können. Es wird nicht darauf eingegangen, wie sich kognitiv ein Zusammenhang zwischen Schemaänderungen und Emotionen herstellen lässt.522 Trotz der Erkenntnis, dass Literarizität eine subjektive emotionale Reaktion des Lesers mit einschließt, sorgen die Mittel, durch die diese Subjektivität analysiert wird oder gemessen werden sollte, nämlich das Interview oder die Befragung in einer empirischen Untersuchung, für eher vage Antworten. Wie kann man die Auffassung von Literarizität von Miall & Kuiken (1999) anwenden, um festzustellen, ob eine thematische Abstraktion Literarizität aufweist? Ich möchte mich hier wieder auf das Beispiel über die Hilfsbereitschaft (siehe Kapitel 5 dieser Arbeit) beziehen. Wie in Bezug auf Cooks Arbeit betont wurde, besitzt die thematische Abstraktion ‚selbstlose Hilfsbereitschaft macht sich bezahlt' an sich keine Literarizität.

Durch eine empirische Untersuchung mit der Methode der Leserbefragung sollten bzw. könnten die folgenden Schritte zu einer Antwort führen: a) Der Text soll formal-ästhetische Eigenschaften aufweisen. Es soll herausgefunden werden, welche Textpassagen der Leser im Sinne der Theorie des foregrounding als auffallend empfindet; b) es soll herausgefunden werden, was der Leser als Abweichung von den eigenen kulturell bedingten Erwartungen erlebt; c) der Leser soll deutlich machen, was für Emotionen oder Gefühle beim Lesen in ihm erweckt werden; d) eine Schemaänderung im Sinne von schema refreshment nach Cook soll über das Auslösen von einem emotionalen Pattern erfolgen und dieses soll empirisch überprüft werden können; e) die propositionale Formulierung der thematischen Abstraktion soll eine durch die Verarbeitung des Textes erfolgte Schemaänderung mit moralischer Bewertung zum Ausdruck bringen können.

Trotz der Berücksichtigung der Emotionen als Auslöser der Schemaänderung im Prozess der Erfahrung der Literarizität und der Beobachtung, dass emotionale Reaktionen im Rezeptionsprozess literarischer Texte als Ausdruck von Subjektivität gelten, bleibt die angewendete Methode meines Erachtens unzureichend, um feststellen zu können, wie und inwiefern die ausgelösten Emotionen zu einer Schemaänderung beitragen können. Die Methode der Befragung bringt mit sich, dass die von dem Leser beschriebenen Emotionen dann wieder von den Befragenden interpretiert werden müssen.523 Das Ergebnis ist aus meiner Sicht zu vage, als dass es das Phänomen des Verhältnisses zwischen Subjektivität und Emotionen im Prozess der Schemaänderung erklären kann. Trotzdem bieten Miall und Kuiken durch ihren Begriff des enactment im Unterschied zu Cooks Arbeit meines Erachtens Anhaltspunkte für kognitive Studien über die Natur der Schemaänderung im Prozess der Erfahrung der Literarizität an. Sie bringen sie mit den Emotionen und daher mit den psychobiologischen Dispositionen des Menschen in Verbindung. Sie konzentrieren sich stärker darauf, dass der Leser als ganzer Mensch kognitiv und emotional im Akt des Lesens, des Verstehens und des Interpretierens literarischer Texte involviert ist. Miall und Kuiken haben sich hauptsächlich mit den interaktiven Aspekten der Literarizität beschäftigt. Die Entwicklungsmöglichkeiten der kognitiven Anhaltspunkte, die sie bieten, ermöglichen es, den Literarizitätsbegriff nicht nur als ‚interaktiv', sondern auch als verkörpert und ‚enaktiv' zu betrachten. Auf diesen Perspektivenwechsel (von interaktiv zu verkörpert-enaktiv) soll im Folgenden eingegangen werden.

 
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