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6.4 Literarizität und verkörperte Kognition

„But we believe that future empirical study is likely to show that these interaction components of literary response are not only distinctive, but also rest on a unique configuration of psychological and somatic responses. This, in the last analysis, is what gives literary response its enduring power in human cultural evolution.” (Miall & Kuiken 1999)

Die Grenzen ihrer Studien sind Miall und Kuiken bewusst. Den psychologischen und somatischen Reaktionen des Lesers auf literarische Texte erkennen sie die Rolle zu, als Ergebnis der Interaktion der drei Elemente der Erfahrung der Literarizität dauerhaft zur menschlichen kulturellen Entwicklung beizutragen. Meines Erachtens lässt dies darauf schließen, dass ihr dreistufiges Modell vor allem aufgrund der subjektiven Rolle der Emotionen und der damit verbundenen Bedeutungskonstituierung an den Begriff des verkörperten Wissens524 gekoppelt werden kann. In seiner Studie über die neuropsychologischen Grundlagen der Reaktion der Leser auf die stilistischen Mittel literarischer Texte führt Miall (1995) tatsächlich diese Schlussfolgerung ein. In seiner Argumentation verweist er auf die Rolle von Damasios somatischen bzw. affektiven Markern. Affektive Marker sind im allgemeinsten Sinne viszerale und nichtviszerale Wahrnehmungen. Sie sind Warnsignale für den menschlichen Körper, die die Empfindungen betreffen.525 Ein somatischer Marker lenkt die Aufmerksamkeit auf das Ergebnis, das eine bestimmte Handlungsweise nach sich ziehen kann. Auf die Aktivierung somatischer Marker folgt ein logischer Denkprozess, der für eine Selektion der Handlungsmöglichkeiten des Individuums im Entscheidungsprozess zuständig ist. Damasio (1998) macht darauf aufmerksam, dass somatische Marker wahrscheinlich die Genauigkeit von Entscheidungsprozessen erhöhen, die abnehmen, wenn die somatischen Marker fehlen.526 Die sogenannte ‚Hypothese der somatischen Marker' besagt, dass von den wahrgenommenen Empfindungen des Körpers durch Lernen eine Verbindung zur Vorhersage künftiger Ergebnisse bestimmter Szenarien hergestellt wird. Wenn sich ein negativer somatischer Marker in Juxtaposition zu einem bestimmten künftigen Ergebnis befindet, wirkt diese Zusammenstellung wie eine Alarmglocke. Befindet sich dagegen ein positiver somatischer Marker in Juxtaposition, so wird er zu einem Startsignal. Damasio (1998) betont nachdrücklich in seiner Arbeit auch, dass die Hypothese nichts über die logischen Schritte aussage, die auf die Intervention eines somatischen Markers folgen.527 Im Beitrag von Miall (1995) wird deutlich gemacht, dass im Akt des Lesens somatische Marker eine Kontrollund Orientierungsfunktion übernehmen. Sie helfen dem Leser die subjektiven Emotionen als Reaktion auf die stilistischen Mittel im Text kontrollieren. Die Bedeutung der somatischen Marker ist in den erlebten subjektiven Erfahrungen eines jeden Lesers verankert. Im Akt des Lesens werden sie hervorgerufen. Nach Miall (1995) verleiht gerade die Aktivierung dieser subjektiven erlebten Emotionen dem Akt des Lesens eine individuelle persönliche Bedeutung.528 Die Schwierigkeit, das Verhältnis zwischen psychobiologischen Reaktionen des Lesers und ihrer Vergegenständlichung durch Sprache zu erhellen, bleibt meines Erachtens aber bestehen. Die Forschungsrichtung innerhalb der kognitiven Linguistik, die davon ausgeht, dass linguistische Zeichen bzw. Wörter oder syntaktische Gebilde nur dadurch ihre Bedeutung erlangen, dass sie Erfahrungen der sensomotorischen Wahrnehmung des Subjekts in Erinnerung bringen, könnte dazu beitragen, dieses Verhältnis zu ergründen. Empirische Forschungsergebnisse aus der Kognitionspsychologie und aus der kognitiven Linguistik ordnen, zum Beispiel, die Rolle von Codewissen im Verstehensprozess der Rolle der Erfahrungen der Rezipienten mit einer Referenz unter. Glenberg u. a. (in Pecher & Zwaan (eds.) 2005) verweisen, zum Beispiel, auf eine empirische Studie von Stanfield & Zwaan, in der der Verstehensprozess des Satzes The pencil is in a cup untersucht wird. Die Studie zeigt, dass der Verstehensprozess nicht durch das Wissen über das Signifikat der Zeichen gesteuert wird, sondern er durch die Erfahrungen bestimmt ist, die der Satz im Leser hervorruft. Genauer genommen sind nicht die Wörter selbst, sondern die durch Wörter evozierten Erfahrungen im Rezipienten, die zur Identifikation einer Referenz führen. Im Allgemeinen kommen Glenberg und Kollegen zu dem Schluss, dass Menschen an Referenzen denken, bevor sie ein Signifikat zum Zweck des Verstehens verarbeiten können. Dies bedeutet, dass der Satz Der Bleistift ist in einem Krug, zum Beispiel, verstanden werden kann, weil der Leser Erinnerungen an seine eigenen Erfahrungen mit einem Bleistift in einem Krug oder im Allgemeinen mit dem CONTAINERSchema im Sinne der kognitiven Metapherntheorie hat.529 Obwohl sich die empirischen Forschungsarbeiten über das Verhältnis zwischen kognitiven und sprachlichen Aktivitäten und Verkörperung eher in der Anfangsphase zu befinden scheinen und daher die Studien auf keine sehr konsolidierten Ergebnisse zurückblicken können, betonen Zwaan & Madden (2005), dass man ausgehend von der wechselseitigen Beziehung zwischen Sprache und Verkörperung von ‚embodied language', d. h. von sich aus den sensomotorischen Wahrnehmungen des Menschen erklärender Sprache sprechen könne.530 Nach der verkörperten Auffassung von Kognition und Sprache ist eine Wissensrepräsentation keine einfache Abbildung der Realität, sondern die Repräsentation einer Erfahrung mit der Welt oder mit der eigenen Umwelt.531 Zwaan und Madden stellen Folgendes fest:

„Within the category of experiential representations, we distinguish between referent representations and linguistic representations. Referent representations are traces laid down in memory during perceptions of and interactions with the environment. These traces are multimodal, combining multiple senses. Because of attentional limitations, these traces are schematic. The second subcategory of experiential traces consists of linguistic traces. These traces are laid down, as linguistic information is being received or produced. For example, these are perceptual traces of hearing, reading, seeing, and feeling linguistic constructions.” (Zwaan & Madden, in Pecher & Zwaan (eds.) 2005, S. 227)

Die Spuren der Erfahrungen sind dieser Forschungsrichtung zufolge im Langzeitgedächtnis gespeichert. Da das Kriterium für den Zusammenhang zwischen den verschiedenen eine Erfahrung konstituierenden Kategorien im Wiederkehren bestimmter Eigenschaften (dt.: Ko-Okkurrenz; engl.: co-occurrence)532 innerhalb einer Repräsentation besteht, werden wiederkehrende Eigenschaften gleichzeitig zu wichtigen Bestandteilen der Repräsentation mehrerer Erfahrungen. Zum Beispiel weisen sowohl die Repräsentation von HUND als auch die Repräsentation von LEINE die Spur der Erfahrung von HUND auf.533 Angesichts der Theorie der Metapher von Lakoff und Johnson ist nach Zwaan & Madden (2005) die Repräsentation abstrakter Begriffe aufgrund gespeicherter Spuren von Erfahrungen nach denselben Kriterien möglich, die die Theorie der Metapher vorsieht. Diese Auffassung von der Bedeutungskonstituierung stellt die traditionelle Auffassung von Sprache und Bedeutung in Frage, die an der Vorstellung festhält, dass das Verstehen von Sprache durch die Aktivierung von semantischen Gebilden erfolgt, die in Form von Propositionen im Gedächtnis vorhanden sind.534 Das verkörperte und repräsentationalistische Verhältnis zwischen Sprache und Kognition wird folgendermaßen geschildert: „(…) cognition in general and language comprehension in particular involve the activation and the integration of experiential traces in the construal of a situation. These traces are activated by linguistic constructs, which are experiential representations in their own right. Language can be viewed as a sequence of cues modulating the comprehender's attention to a referential world, which is simulated by integrated experiential traces.” (Zwaan & Madden, in Pecher & Zwaan (eds.) 2005, S. 241) 535

Empirische Studien über die ‚verkörperte' Auffassung von Sprache haben nachgewiesen, dass das Verstehen von Sprache die Aktivierung sensomotorischer Programme mit einschließen kann. Es wird vermutet, dass die Aktivierung von Neuronen im präfrontalen Cortex zum Verstehen von Sprache beitrage.536 Die skizzierten Vorschläge der Vertreter der verkörperten Ansätze innerhalb der Kognitionswissenschaften erlauben es, die Frage nach der Rolle von Emotionen bei der Erfahrung der Literarizität von Miall und Kuiken umzuformulieren bzw. zu ergänzen. An dieser Stelle möchte ich darauf eingehen. Die Schwierigkeit, die Phase der durch die Interaktion des Lesers mit dem Text evozierten Emotionen in ihrem Modell zu analysieren, ist meines Erachtens darauf zurückzuführen, dass die beiden Autoren die Untersuchung des Verhältnisses zwischen formal-ästhetischen sprachlichen Eigenschaften eines literarischen Textes und der Aktivierung von Emotionen vernachlässigen. Daher bleibt auch der Grund unklar, warum durch Sprache aktivierte Emotionen schema refreshment bewirken können. Die sich auf die zugleich verkörperte und repräsentationalistische Kognitionswissenschaft stützende Auffassung von Wissen ermöglicht die Erkenntnis, dass Wissen und Repräsentation durch die sensomotorischen Erfahrungen des Lesers bestimmt werden und dass das Verstehen von Sprache durch gespeicherte sensomotorische Erfahrungen erfolgt. Man soll sich meines Erachtens mit der Natur der Interaktion zwischen Leser und im Text benutzter Sprache unter einem für die (empirische) Literaturwissenschaft und Themenforschung neuen Gesichtspunkt auseinandersetzen. Um erklären zu können, warum die emotionalen Komponenten der Erfahrung der Literarizität einen schema refreshment-Effekt bewirken können, der möglicherweise bewusst wahrgenommen wird, soll davon ausgegangen werden, dass Emotionen durch verkörpertes Wissen über sensomotorische Erfahrungen erlebt werden. Darum können sie sich auf die auf den sensomotorischen Erfahrungen basierten Wissensrepräsentationen auswirken und daher aufgrund des sensomotorischen Aspekts Änderungen dieser Repräsentationen bewirken und bestimmen. In diesem Fall würde die Erfahrung der Literarizität durch die Verarbeitung abstrakter Begriffe wie Themen (Hauptthemen) die sensomotorischen Wahrnehmungsstrukturen des Lesers beeinflussen. Sie würde nach dem Mechanismus des assoziativen und emotionalen Denkens und des Mappings durch Wissensdomänen Änderungen ermöglichen, deren Effekte auch körperlich messbar sein könnten. Sie wäre daher in der psychobiologischen Beschaffenheit der Wahrnehmungsstrukturen des Menschen begründet. Nach dem aktuellen Stand der Forschung bin ich der Meinung, dass dieser Möglichkeit nicht zufriedenstellend nachgegangen werden kann.537 Man könnte aber der Frage nachgehen, ob und wie Literarizität eine verkörperte Erfahrung darstellt, die durch eine psychobiologische und somatische Konfiguration im Sinne der Arbeit von Miall und Kuiken hervorgebracht werden könnte. Eine Neuformulierung der Bestandteile der Erfahrung der Literarizität bzw. der thematischen Bedeutung eines Textes der Literatur nach Ansätzen, die menschliche Kognition im Körper ansiedeln, sieht keine dezidierte Ablehnung des Repräsentationsbegriffes vor, der innerhalb der nicht-klassischen enaktiven Kognitionswissenschaften dagegen in Frage gestellt wird.538 Eine enaktive ästhetisch-literarische Validität des Themas ohne Repräsentation ist aber möglich und würde auch die Möglichkeit bieten, die Entwicklung der Themenforschung an die Entwicklung der Kognitionswissenschaften anzuschließen. Im Folgenden soll der Begriff von ‚Thema' ohne Repräsentation diskutiert werden.

 
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