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6.4.1 Enaktive Themen: Was für ein Ansatz für Thematics?

Innerhalb der sich kognitiv orientierenden Literaturwissenschaft und Themenforschung ist die Theorie der mentalen Schemata maßgebend (Semino, 1997; Tsur, 1992; Louwerse & van Peer (eds.) 2002). Diese hat die kognitive Wende in der Literaturwissenschaft beeinflusst und bestimmt. Die Schematheorie ist zwar hilfreich bei der Erklärung gewisser kognitiver Vorgänge des Lesers, sie leidet aber darunter, dass sie stark repräsentationalistisch und dualistisch orientiert ist und dass sie daher mit den jüngsten Entwicklungen in den naturalistischen Ansätzen menschlicher Kognition539 nicht vereinbar ist. Dies bringt mit sich, dass die kognitive schematheoretisch orientierte Literaturwissenschaft nicht zur Entwicklung der Studien menschlicher Kognition beitragen kann und in den jüngsten Debatten um die Entstehung menschlicher Erfahrung und Kognition kaum wahrgenommen wird. Der Grund dafür ist nicht zuletzt, dass sie nach wie vor an älteren kognitivistischen Ansätzen festhält. Literaturwissenschaftler, die sich kognitiv orientieren, leihen lediglich Erklärungsmuster von den Kognitionswissenschaften aus, ohne diese in Frage zu stellen. Louwerse & van Peer (2009), zum Beispiel, reduzieren den Dialog zwischen Literaturund Kognitionswissenschaften darauf, dass Literaturwissenschaftler aus den kognitionswissenschaftlichen Ansätzen Elemente selektieren bzw. auswählen können, die für literaturwissenschaftliche Studien und Fragestellungen von Nutzen sind, ohne sie zu hinterfragen.540 Dies trägt leider dazu bei, dass die kognitive Wende in der Literaturwissenschaft von den Kognitionswissenschaften stark abhängig ist und kaum wahrgenommen wird. Literaturwissenschaftler können sich an den Entwicklungen der Debatten um die Untersuchung des menschlichen Geistes nicht aktiv beteiligen, weil die Literaturwissenschaft sich als eine Art Nebenprodukt der kognitiven Forschung zu verstehen scheint.541 In diesem Abschnitt ist mein Ziel, darauf aufmerksam zu machen, dass die Einführung naturalistischer Ansätze in die Forschung über Themen der Literatur dazu beitragen kann, die kognitive Wende in der Literaturwissenschaft an die Debatten in den jungen Kognitionswissenschaften anzuschließen. Seit Mark Turner 1996 sein Buch The Literary Mind veröffentlicht hat, hat sich das sogenannte Prinzip der Kontinuität zwischen Kognition und Produktion und Rezeption von Kunst in der kognitiven Untersuchung von Literatur durchgesetzt (Stockwell 2009).542 Nach Turner sind die kognitiven Operationen, die der menschliche Geist vollzieht, um Literatur zu verstehen, in der Kategorie des Alltags anzusiedeln. Diese naturalistische Sicht der Beziehung zwischen Kognition und Literatur passt zu der kognitiven und adaptiven Untersuchung eines Phänomens wie das Thema in der Literaturwissenschaft, das wie Menachem Brinker (in Bremond, Landy, and Pavel 1995) nachdrücklich betont, kein literaturwissenschaftliches Phänomen sei, obwohl literarischer Diskurs wie jede andere Kommunikationsform ohne Themen undenkbar wäre.543 Innerhalb der kognitiv orientierten Literaturwissenschaft wird Schema als starke Repräsentation aufgefasst. Autoren wie Semino und Tsur halten sich an die Computer-Metapher des menschlichen Geistes,544 nach der ein mentales Schema im Gedächtnis kategorisiertes Wissen, Gattungsbegriffe oder Erlebnisgehalte speichert. Ein mentales Schema als schwache Repräsentation entspricht dagegen einfach einer Landkarte des die Erkundung der Welt leitenden Hintergrundwissens des Lesers, die in der Interaktion des Lesers mit dem Sprachmaterial des Textes aktualisiert wird und die ermöglicht, die Vernetzung der kognitiven und kulturellen Elemente, aus der das Wissen des Lesers über Begriffe und Situationen der referenziellen Welt besteht, explizit und sichtbar zu machen. Anders gesagt: Die schwache Form von Repräsentation ermöglicht es, das Thema für ein unmittelbar erlebbares Phänomen zu erklären. Es wird nicht als Aktivierung von gespeicherten Strukturen angesehen, sondern als Hervorrufung von erlebten verkörperten Erfahrungen betrachtet, die zu erlebtem Wissen geworden sind.545 Die starke Form von Repräsentation wird von den nicht-klassischen Kognitionswissenschaften abgelehnt, weil nach empirischen Studien eine mentale Repräsentation bzw. die kognitive Architektur des Menschen im Körper nicht lokalisierbar ist. Kirchhoff (2011) formuliert die zwei Hauptargumente gegen mentale Repräsentationen folgendermaßen:

„The first of these arguments, the threat from nontrivial causal spread, occurs whenever the material vehicles of cognitive architecture are causally spread beyond the brain and nontrivially involved in the completion of cognitive tasks. The second of these arguments, the threat from continuous reciprocal causation, occurs whenever the causal contributions made by components of a system partially determines and is partially determined by causal contributions of other systemic components, thereby making it impossible to assign a specific subtask to an identifiable subsystem within a larger system.” (Kirchhoff 2011, S. 2)

Lehnt man die Existenz von Repräsentationen und daher von Wahrnehmungen als Wahrnehmungen einer vorgegebenen Welt ab, so muss man auch eine Erklärung dafür finden, was dann Wahrnehmungen sind. Es liegt auf der Hand, dass sie nach antidualistischen Ansätzen durch keinen Prozess der Aktivierung von Wissen bestimmt sein können. Sie werden eher als Patterns von Erfahrungen und Interaktionen zwischen Umwelt und Menschen mit kognitiv-emotionalen Wahrnehmungsfähigkeiten betrachtet. Dies bedeutet, dass Erfahrungen in einem Prozess der Interaktion und der interaktiven Kontinuität und Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist hervorgebracht werden.546 Aus meiner Sicht kann innerhalb eines antidualistischen Ansatzes für Thematics die Entstehung von Themen der Literatur in einem Prozess der Hervorbringung statt Aktivierung von Inhalten angesiedelt werden. Die Themenforschung sollte meiner Meinung nach Antworten auf die folgenden Fragen entwickeln, um eine enaktive ästhetisch-literarische Validität des Themas ohne Repräsentation547 vorlegen zu können: 1) Was für kognitiv-emotionale erlebte Erfahrungen eines Subjekts bringen literarisch relevante Themen hervor?; 2) nach welchen Vorgängen bestimmt die Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist die ästhetisch-literarische Validität eines Themas?; 3) wie lässt sich der Prozess des meaning maximizing, den ich als wegbereitend für die thematische Bedeutungszuweisung bezeichnet habe, mit der kognitiv-emotionalen Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist bei der kognitiven Funktion des foregrounding vereinbaren? Die Entwicklung enaktiver anti-repräsentationalistischer und antidualistischer Antworten auf diese Fragen kann die Themenforschung den Debatten in den Kognitionswissenschaften näherbringen, ohne vorgefertigte Erklärungsmuster aus den Kognitionswissenschaften unkritisch übernehmen zu müssen.548

 
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