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7.1 Deweys ästhetische Erfahrung und Verkörperung

Die Berücksichtigung von John Deweys Theorie der ästhetischen Erfahrung,569 die mit Jauß' und Isers Interpretation von Deweys Ansichten ergänzt werden soll, soll hier dazu dienen, den Prozess der ästhetischen und literarischen Erfahrung in einem (empirischen) Leser als einem wahrnehmenden mit seiner Umwelt interagierenden Menschen zu verankern. John Deweys Theorie enthält eine instrumentalistisch orientierte Auffassung von Erfahrung und von ästhetischer Erfahrung, die mit einem biologistischen Unterton die Rolle des wahrnehmenden menschlichen Körpers mit berücksichtigt.570 Jauß571 (1982) betrachtet John Deweys Arbeit Art as Experience als eine Pionierarbeit auf dem Gebiet der ästhetischen Erfahrung. In der Entfaltung des menschlichen Lebens nimmt das Ästhetische nach Dewey die Stelle der Basiserfahrung für alle höheren Funktionen der Erfahrung ein. Dewey ist der Ansicht, dass ästhetische Qualitäten nicht erst das Verhalten zur Kunst als hervorbringende, aufnehmende und vermittelnde Tätigkeit kennzeichnen, sondern es in gewissen Erscheinungen enthalten sei, wie zum Beispiel in dem Vorbeirasen einer Dampflokomotive. Der Künstler mache es nur sichtbar. Nach Dewey intensiviert und idealisiert die Kunst das, was in bestimmten Lebensvorgängen selbst schon angelegt ist.572 Bevor Dewey ‚ästhetische Erfahrung' definiert und um diese bestimmen zu können, schlägt er zuerst eine Definition des Begriffes ‚Erfahrung' vor. Wie Iser (2006) in How to Do Theory betont, erkennt Dewey dem Prozess der Interaktion die Rolle der Basis einer Erfahrung zu.573 In Folgendem Deweys Definition von Erfahrung: „EXPERIENCE occurs continuously, because the interaction of live creature and environing conditions is involved in the very process of living.” (Dewey 1934, S. 35). Deweys Hauptanliegen ist es zu betonen, dass Erfahrungen, die verschiedenartig sind, gemeinsame Patterns haben. Diese entsprechen bestimmten Bedingungen, die erfüllt werden müssen, damit eine Erfahrung entstehen kann. Das gemeinsame Pattern besteht darin, dass jede Erfahrung als das Ergebnis der Interaktion zwischen einem lebenden Wesen und einigen Aspekten der Umwelt, in der es lebt, betrachtet werden kann.574 Eine Erfahrung in der Umwelt ist nicht nur von den Handlungen des Subjekts bestimmt, sondern auch durch die durch Handlungen bestimmten Wahrnehmungen gesteuert. Es sind die Wahrnehmungen, die einer Erfahrung Inhalt verleihen.575 Aus diesem Grund hat Erfahrung Grenzen. Diese bestehen in allen Erscheinungen in der Umwelt, die die Wahrnehmung hindern oder beeinträchtigen können. Deweys Ziel ist es, auf die instrumentalistische Potentialität des menschlichen Körpers bei der Wahrnehmung der Umwelt bzw. der Außenwelt aufmerksam zu machen, die erst ermöglicht, mit der Umgebung bzw. mit der Außenwelt zu interagieren.576 Diese Voraussetzungen führen zur Überlegung, dass eine ästhetische Erfahrung jeder Erfahrung innewohnend ist.577 Es stellt sich aber zugleich auch die Frage, was einer ästhetischen Erfahrung ihre Besonderheit verleiht. Nach Dewey wird ihr ihre Besonderheit durch die Bedingungen der Interaktion mit der Umwelt verliehen, unter denen sie entsteht.578 Daher muss man die Bedingungen eingrenzen, die im Prozess der Interaktion mit der Umwelt einer Erfahrung ihren ästhetischen Charakter verleihen bzw. verleihen können. In Bezug auf Deweys Arbeit macht Iser deutlich, dass die kennzeichnenden Bedingungen durch das bestimmt sind, womit man interagiert. Verankert man ästhetische Erfahrung im Prozess der Interaktion, so spielt das Kunstwerk als Träger der Eigenschaften, die eine ästhetische Erfahrung mit bestimmen können, eine wichtige Rolle. Das Kunstwerk ist durch Formen gekennzeichnet, die die gewöhnliche Umwelt nicht besitzt oder nicht zeigt. Sie gestalten die Eigenschaften, die einer Erfahrung ihren ästhetischen Charakter verleihen.579 Da Dewey Kunst in dem Kontinuum menschlicher Erfahrung ansiedelt, aus dem sie im Zuge ihrer Autonomisierung herausgelöst wurde, erfasst er das Ästhetische,580 ohne auf ein transzendentes Prinzip zurückzugreifen. Er bestimmt es als Qualität von Lebenserfahrungen besonderer Erfülltheit.581 Deweys Blick auf das Ästhetische außerhalb der Kunst veranlasst zur Annahme, dass sich der Bereich der Kunst unbegrenzt erweitern lasse. Jauß (1982) sieht Deweys Verdienst darin, dass er die traditionellen Prädikate des Kunstschönen auf die Seite der naturhaften Erscheinungen gebracht hat. Dewey hat sie als lebensweltliche Quellen ästhetischer Erfahrung betrachtet und somit unvermerkt klassizistische Bestimmungen des Kunstschönen wie Ordnung, Form, Harmonie zu Eigenschaften einer ästhetisierenden Dingwelt gemacht.582 Nach Jauß besteht der Mangel an Deweys Theorie darin, dass sie die Illusion des objektiv Schönen aufrechterhält, ohne die ästhetische Qualität der Erscheinung der Lebenswelt wieder auf die Einstellung des Betrachters zurückzuführen.583 Erst damit wird es aber nach Jauß möglich, Deweys Begriff der ästhetischen Erfahrung gegenüber anderen Funktionen der Lebenspraxis abzugrenzen.584 In den folgenden Zeilen bringt Dewey zum Ausdruck, wie sich die ästhetische Erfahrung von der Alltagserfahrung unterscheidet: „The work of art (…), unlike the machine, is not the outcome of the imagination, but operates imaginatively rather than in the realm of physical existence. What it does is to concentrate and enlarge an immediate experience. The formed matter of aesthetic experience directly expresses, in other words, the meanings that are imaginatively evoked (…). And yet the meanings imaginatively summoned, assembled, and integrated are embodied in material existence that here and now interacts with the self. The work of art is thus a challenge to the performance of a life act of evocation and organization, through imagination, on the part of the one who experiences it.” (Dewey 1934, S. 273f.) Dewey macht deutlich, dass ein Produkt der Kunst nicht das Kunstwerk selber sei. In Deweys Auffassung von Kunst ist diese nicht ‚das andere', sondern eine Steigerung gewöhnlicher Erfahrungen,585 die, wie Hinz (2002) betont, nicht in Routine und mechanischer Reaktion erstarren.586 Eine ästhetische Erfahrung zeichnet sich nicht durch eine besondere Eigenschaft, sondern durch einen holistischen Charakter, durch eine Integration aller Elemente einer gewöhnlichen Erfahrung aus, die Vollständigkeit erreichen.587 Das Kunstwerk wird nur dann aktualisiert und realisiert, wenn ein Mensch mit ihm kooperiert und interagiert, denn Kunstwerke existieren nur in dynamischen erlebten Erfahrungen.588 Nach Iser (2006) hat Deweys Arbeit genau diesen Aspekt mit den Theorien phänomenologischer Prägung gemeinsam.589 In Deweys Theorie der ästhetischen Erfahrung ist das Kunstwerk die Quelle der Hervorbringung der ästhetischen Erfahrung. Diese ermöglicht uns zu verstehen, woraus das Werk besteht,590 nämlich aus unterschiedlichen Erfahrungen, die im Kunstwerk kulminieren.591 Diese Zirkularität qualifiziert nach Iser (2006) Deweys Auffassung von ästhetischer Erfahrung als eine pragmatistische. Sie verankert die ästhetische Erfahrung im Kunstwerk, in dem die Erfahrungen des Künstlers enthalten sein sollen. Diese interagieren mit dem Leser durch und über das Kunstwerk und dringen in die Erfahrungsstrukturen des Lesers hinein. Sie werden zu einer ästhetischen Erfahrung, wenn sie auf das Kunstwerk zurückgeführt werden. Isers Meinung nach kennzeichnet gerade diese Dynamik Deweys Begriff von ästhetischer Erfahrung. Mit Deweys Worten: „The essential thing esthetically is our own mental activity of starting, travelling, returning to a starting point, holding on to the past, carrying it along; the movement of attention backwards and forwards, as these acts are executed by the mechanism of motor imagery. The resulting relations define shape and shape is wholly a matter of relation” (Dewey 1934, S. 102). Eine ästhetische Erfahrung beginnt da, wo das Wissen über aus der Interaktion mit der Umwelt stammende Erfahrungen aktiviert wird.592 Eine Steigerung des Alltäglichen führt zum Effekt des Außergewöhnlichen.593 An dieser Stelle soll man sich fragen, wie Deweys Auffassung von ästhetischer Erfahrung auf eine thematische Abstraktion übertragen werden kann. Die Übertragung kann erfolgen, wenn die thematische Abstraktion eine Steigerung gewöhnlicher Erfahrungen in Form einer emotionsgeladenen Moral transportiert, die aus der Interaktion mit den Sprachmitteln im Text resultiert. Die emotionsgeladene Moral kann wiederum kognitiv und emotional auf die Welt der Erfahrungen des Lesers angewendet werden.

An dieser Stelle scheint eine Ergänzung erforderlich zu sein. Man muss hier auch erwähnen, dass die ästhetischen Emotionen die Steigerung bestimmen und auslösen.594 Mit Deweys Worten: „ (…) art is not nature, but is nature transformed by entering into new relationships where it evokes a new emotional response.”595 Auf die Rolle der Emotionen bei der ästhetischen Erfahrung in der Interaktion mit einem literarischen Kunstwerk sind Miall & Kuiken & Sikora (2004) eingegangen. Nach den Kriterien der empirischen Literaturwissenschaft596 haben sie in Anlehnung an Mikel Dufrennes Arbeit Phénoménologie de l'expérience esthétique ihren eigenen Standpunkt entwickelt. Im Folgenden werde ich insbesondere die Interaktion des Lesers mit dem literarischen Kunstwerk aus der Sicht von Miall u. a. (2004) in den Blick nehmen.

 
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