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7.2 Expressive enactment und verkörperte ästhetische Erfahrung

In Anlehnung an Mikel Dufrennes Arbeit La phénoménologie de l'expérience esthétique betonen Miall & Kuiken & Sikora (2004) die zentrale Rolle der Gefühle, insbesondere der ästhetischen Gefühle. Diese werden durch die gesteigerte Interessenerregung durch Textstrategien der Verfremdung ausgelöst, denn Kunst wird die folgende Fähigkeit zuerkannt:

„To exile and uproot us from those habits which are the embodiment of the superficial self and to bring us face with a new world, which demands a new outlook.” (Dufrenne 1973, 408). Feeling is the vehicle of this exile and since feeling is “a mode of being in the subject which corresponds to a mode of being in the aesthetic object” (Dufrenne, 1973, 376-377), reading puts the depth of a reader's sense of self directly into question.” (Kuiken & Miall & Sikora 2004, S. 173)597

Miall u. a. (2004) knüpfen an den Begriff der Verfremdung der Russischen Formalisten an. Sowohl Cook (1994) als auch Miall & Kuiken (1999) erkennen Verfremdung als Haupteigenschaft des interaktiven Prozesses der Literarizität an. Sie wird in Dufrennes Überlegung als Bedingung für eine ästhetische Erfahrung angesehen.598

In ihrem Beitrag kommen Miall u. a. (2004) zu dem Schluss, dass die Interaktion des Lesers mit einem Text der Literatur Gefühle im Leser aktiviert, die dazu dienen, einerseits das Gelesene besser zu behalten, andererseits persönliche Erfahrungen ins Gedächtnis zu rufen. Dies hat zur Folge, dass der Leser als ganzes Subjekt involviert ist.599 Den Autoren zufolge kann das emotionale Involviertsein zur Transformation der Ansichten des Lesers über die evozierten Begriffe führen. Dieser Aspekt ist ein entscheidender Teil ihrer Auffassung von Literarizität. Allerdings reichen die Transformation von Ansichten durch das emotionale Involviertsein des Selbst und Verfremdung nicht aus, um eine ästhetische Erfahrung zu erleben, obwohl sie diese generieren können.600 Man bedarf eines weiteren Elements. Um zur Transformation der von der Interaktion mit dem literarischen Text abhängigen Ansichten des Subjekts als Selbst zu gelangen, ist es nach Miall u. a. (2004) nötig, den Prozess der Reflexion in Betracht zu ziehen, von dem Immanuel Kant in seiner Kritik der Urteilskraft spricht. Reflexion ist ein subjektiver Prozess der Feststellung der Bedingungen, unter denen man durch reinen Verstand oder sinnliche Anschauung zu Begriffen gelangen kann. Reflexion ist generativ: Sie generiert ästhetisches Gefühl und infolgedessen ästhetische Erfahrung.601

Die Hypothese, die Miall u. a. (2004) formulieren und anhand empirischer Untersuchungen belegen und bestätigen, ist, dass die generierende Funktion der ästhetischen Reflexion eine Herausforderung für die Auffassung von Selbst darstellt, über die der Leser verfügt. Die ästhetische Reflexion kann bewirken, dass der Leser die Auffassung von Selbst in einem Prozess der Defamiliarization-Refamiliarization auf die Probe stellt.602 Mit Defamiliarization-Refamiliarization ist der Prozess gemeint, während dessen der Leser nach der Erfahrung der Verfremdung versucht, den verfremdeten Begriff oder die verfremdete Ansicht neu zu interpretieren.603 Er erfolgt in der Interaktion zwischen Lesern und stilistischem Sprachmaterial des Textes, die in die letzte Phase des Prozesses der Erfahrung der Literarizität gehört.604 Die Leseerfahrung, die den Prozess der Defamiliarization-Refamiliarization in die Wege leitet, wird als expressive enactment bezeichnet.605 Nach Miall u. a. (2004) lassen sich die folgenden Phasen eingrenzen, die expressive enactment als Leserreaktion kennzeichnen:

„(1) the emergence of aesthetic feelings as well as explicit description of feelings in response to situations and events in the poem; (2) blurred boundaries between self and other, suggestive of metaphors of personal identification; and (3) active and iteractive modification of an emergent affective theme.” (Kuiken u. a. 2004, S. 186)

Mit Thema (theme) meinen die Autoren ein Bild, das der Text innerhalb einer Wissensdomäne in der Interaktion des Lesers evoziert, so dass es domänenübergreifend mit Qualitäten aus den aus dem Leben des Lesers stammenden aktivierten emotionsgeladenen persönlichen Erfahrungen des Lesers besetzt ist. Auf eine nähere Bestimmung des Begriffes von ‚Thema' in der Literatur gehen die Autoren nicht ein.606 Ihnen zufolge stellen die evozierten Gefühle den Moment dar, in dem der Akt des Lesens eines Textes der Literatur in das Leben des Lesers eindringt.607

Der Prozess des expressive enactment kann eine ästhetisch besetzte Erfahrung auslösen, weil er eine bestimmte kognitiv-emotionale Fähigkeit des Lesers voraussetzt. Er kann erlebte Erfahrungen mit einem emotionalen Ton aus der individuellen persönlichen Vergangenheit des Lesers aktivieren, um sie dann wieder im Text zu verankern. Der Leser kann sie dann als Resultat seiner eigenen Interaktion mit dem Text neu interpretieren. Expressive enactment608 ist nach den Autoren insofern ästhetisch, als es durch Reflexion zu Gefühlen führt, die Änderungen der eigenen Ansichten bewirken.609

Trotz der wichtigeren Rolle der Aktivierung von emotionsgeladenen Erfahrungsgehalten und subjektiven attributiven Qualitäten einer durch den Text evozierten Erfahrung scheint der Begriff von ‚ästhetischer Erfahrung', den Miall u. a. (2004) vorschlagen, mit dem Begriff der interaktiven Literarizität von Miall & Kuiken (1999) deckungsgleich zu sein. Auf die thematische Abstraktion übertragen, die in dieser Arbeit definiert wurde, stellen die durch das Kunstwerk evozierten Gefühle den Moment dar, in dem ein literarisches Kunstwerk durch die evozierten Erfahrungen aus all den möglichen bereits erlebten Erfahrungen aus all den möglichen Lebensbereichen des Lesers in das Leben des Lesers eindringt.

Trotz Bemühungen bleibt der Begriff der literarischen ästhetischen Erfahrung bei Miall & Kuiken & Sikora (2004) meines Erachtens eher unscharf. Er kann sich nicht deutlich von dem kognitiv-emotionalen Begriff der Literarizität abheben. Trotzdem kann man vorschlagen, expressive enactment als eine der Phasen der Neukontextualisierung einer Referenz im Prozess der ästhetischen Erfahrung anzusiedeln und Literarizität allein dem Sprachmaterial mit Foregroundingfunktion und dessen Verfremdungseffekt auf den Leser zuzuordnen. Im Folgenden werde ich einige antidualistische Überlegungen zum Ausdruck bringen, die expressive enactment mit verkörperter Kognition und verkörperter ästhetischer Erfahrung in Verbindung bringen. Das Festhalten von Miall & Kuiken (1999) an dem Begriff von Schemata in ihrem Literarizitätsbegriff soll in Frage gestellt werden.

 
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