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7.2.1 Einige antidualistische Überlegungen

Angesichts der jüngsten antidualistischen Entwicklungen in den Kognitionswissenschaften und in Ästhetik als der Disziplin, die einen verkörperten Bedeutungsgenerierungsprozess untersucht,610 in dem Begriffe wie enactment oder enaction611 in Bezug auf ästhetische Erfahrung benutzt werden und immer öfter vorkommen, sollen hier einige antidualistische Überlegungen im Zusammenhang mit dem Begriff von expressive enactment eingeführt werden, der nicht auf die kognitionswissenschaftlichen Entwicklungen verweist.612 In ihrer Studie definieren Miall & Kuiken (1999) expressive enactment als den phänomenologischen Zustand des Erlebens einer besonderen Erfahrung, die auf den Akt des Lesens folgt. Es ist der Versuch des Lesers, Textpassagen zu verstehen und zu interpretieren, die als auffallend und als besonders emotionsgeladen empfunden werden. Miall & Kuiken (1999) benutzen den folgenden Text, um expressive enactment zu erläutern:

Like one, that on a lonesome road Doth walk in fear and dread,

And having once turned round walks on, And turns no more his head;

Because he knows, a frightful fiend Doth close behind him tread.

(Coleridge, The Rime of the Ancient Mariner, ll. 446-451)

Nach Miall & Kuiken (1999) erfolgt expressive enactment beim Lesen dieses Gedichtes, nachdem der Leser das im Text beschriebene Gefühl der Einsamkeit erlebt hat. Expressive enactment besteht aus drei Phasen: 1. Bewusstwerdung eines Gefühlszustands, den der Leser auf sich selber beziehen kann; 2. der Leser verwendet diesen Gefühlszustand, um dem Text Bedeutungen zuzuweisen; 3. der Leser überträgt die Bedeutung, die er zugewiesen hat, auf den von ihm herausgelesenen Zustand der Hauptfigur. Der Leser fühlt empathisch mit der Hauptfigur mit, indem er die emotionale und kognitive Grenze zwischen fiktionaler und nichtfiktionaler Welt nicht mehr wahrnimmt. Die Autoren benutzen das Wort enactment, ohne sich auf die antidualistische nicht-klassische Kognitionswissenschaft zu beziehen. In ihrer Studie über Literarizität als interaktiven Prozess verwenden die Autoren enactment als Bezeichnung für einen Prozess, der zur neuen Interpretation (refamiliarization) eines verfremdeten (defamiliarized) Schemas oder Begriffes beitragen kann (muss aber nicht). Expressive enactment ist zwar eine mögliche, aber keine einzige Lesart, um die Erfahrung der interaktiven Literarizität zu machen oder um sie bewusst wahrzunehmen. Gefühle und das empathische Fühlen im interaktiven Literizitätsbegriff von Miall & Kuiken (1999) stellen aus meiner Sicht den Übergang zur Entwicklung einer enaktiven bzw. antidualistischen Auffassung von Literarizität dar. In der Tat beleuchten die beiden Autoren das Wechselspiel zwischen kognitiver Interaktion (mind/Geist) und emotionaler (body–mind/Körper-Geist) Interaktion des Lesers mit dem Text bei der kognitiven und emotionalen Bedeutungsgenerierung. Aber die Arbeit von Miall & Kuiken (1999) ist stark von dem Begriff der mentalen Schemata abhängig, den die Autoren verwenden und nicht hinterfragen. Wie die Entwicklungen innerhalb der antidualistischen Kognitionswissenschaften zeigen, werden mentale Schemata abgelehnt, weil sie auf eine fragwürdige Computer-Metapher des menschlichen Geistes verweisen, die sowohl die Philosophie des Geistes als auch die Neurowissenschaften für unplausibel erklärt haben.613 Lehnt man mentale Schemata ab, so muss man die Frage beantworten, was genau im Prozess der Erfahrung der Literarizität nach einer antidualistischen Annäherung an den Literarizitätsbegriff verfremdet und dann neu interpretiert wird. Wie ich woanders614 erklärt habe, kann einer verkörperten antidualistischen Auffassung von kognitiv-emotionalen Prozessen zufolge das viszerale Pattern von erfahrungsbezogenen Interaktionen verfremdet und neu interpretiert werden, aus denen die bedeutungsreiche verkörperte konzeptuelle Struktur615 von, zum Beispiel, ESSEN, LIEBE oder HASS hervorgeht. Um dieses Verhältnis zwischen viszeralen Patterns von erfahrungsbezogenen Interaktionen und Bedeutung zu erhellen, wird meistens George Lakoffs Erklärung für die Entstehung von Bedeutung in der Fachliteratur über nicht-klassische Kognitionswissenschaften und Embodiment in Betracht gezogen. Obwohl ich sie in dieser Studie im Zusammenhang mit Carrolls Beobachtungen bereits zitiert habe, möchte ich sie im Folgenden nochmals wiedergeben, nicht weil ich mich beim Argumentieren in Wiederholungen zu verstricken pflege, sondern um zu zeigen, wie vielfältig in der Fachliteratur die facettenreichen Erklärungsmuster verwendet werden können, die sich auf die antikartesianische These gründen: „Meaningful conceptual structures arise from two sources: (1) from the structural nature of bodily and social experience and (2) from our innate capacity to imaginatively project from certain well-structured aspects of bodily and interactional experience to abstract conceptual structures. (…)” (Lakoff 1988, S. 119 – 154). Varela u. a. (1991) betrachten Lakoffs Auffassung von bedeutungsvollen verkörperten Strukturen als vereinbar mit den antidualistischen und antirepräsentationalistischen Kognitionswissenschaften, die Geist und Körper als ein Kontinuum ansehen.616 Mein Vorschlag kann am folgenden Beispiel von Tsur (1992) verdeutlicht werden: Mum, is dad not ready to eat yet? Shut up, I have just told you, he's not tender enough yet. Wenn man auf den Begriff ‚Schema' verzichtet, muss man sich den Prozess der Verfremdung anhand anderer Faktoren erklären können. In dem angegebenen Beispiel kann nicht das Schema EAT verfremdet und dann in einem ungewöhnlichen Verwendungskontext neu interpretiert werden. Das, was nach meinem Vorschlag verfremdet wird, ist das viszerale Pattern von erfahrungsbezogenen Interaktionen, aus dem die bedeutungsreiche verkörperte konzeptuelle Struktur von ESSEN hervorgeht. Diese ist verstreut über Körper, Gehirn und Umwelt und wird durch die Aktivierung von kognitiv-emotionalen Erfahrungen in einem ungewöhnlichen Kontext der Verwendung neu interpretiert.617 Die Ablehnung des Begriffes von mentalem Schema und die Anwendung antidualistischer Ansätze können dazu beitragen, den interaktiven Literarizitätsbegriff von Miall & Kuiken (1999) von einer dualistischen kognitiv-emotionalen StimulusReaktion Dynamik in eine verkörperte enaktive618 Dynamik zu verwandeln, die an die junge anti-repräsentationalistische Kognitionswissenschaft anknüpfen könnte.619

 
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