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▶ Y. Problematischen Argumenten begegnen

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, auf unfaire Argumente zu reagieren, beispielsweise durch Schlagfertigkeit. Diese birgt jedoch die Gefahr in sich, dass die Kommunikation nicht nur vorübergehend gestört ist, sondern abbricht.

„Harte Schlagfertigkeit“ ist nur zu empfehlen, wenn einem die Beziehung zum Gesprächspartner gleichgültig ist und man nicht auf eine weitere Zusammenarbeit angewiesen ist (vgl. Thiele 2006, S. 123 ff.). In anderen Fällen ist es ratsam, Argumentationstechniken zu kennen, die die Aufmerksamkeit auf die sachliche Ebene zurücklenken und es erlauben, die Kommunikation fortzuführen.

Formuliere zu der folgenden unfairen Aussage ein Gegenargument, das die Kommunikation abbricht, und ein Gegenargument, das die Kommunikation aufrechterhält:

„Rio de Janeiro und Sidney, das sind Städte, verstehst du, nicht so Provinzorte wie München. Das muss man halt mal erlebt haben.“

▶ Z. Analyse von problematischen Argumentationen

Lies das folgende innerfamiliäre Streitgespräch durch und bearbeite anschließend

die folgenden Aufgaben:

1. Charakterisiere die unterschiedlichen Standpunkte der Familienmitglieder!

2. Identifiziere problematische Argumente der verschiedenen Gesprächspartner und fertige eine Aufstellung an, in der die entsprechenden Aussagen der Familienmitglieder problematischen Gesprächstaktiken zugeordnet werden!

Julia, 16 Jahre, streitet sich mit ihren Eltern darüber, ob sie mit ihren Freundinnen in die Disco gehen darf. Ihr 18jähriger Bruder sitzt ebenso am Tisch. Es ergibt sich folgender Dialog:

Julia: Warum darf ich nicht ausgehen? Timo durfte mit 16 auch schon feiern gehen. Vater: Weißt du nicht mehr, was passiert ist? Ich musste ihn stockbesoffen von der Straße aufsammeln. Ihr Jugendlichen sauft doch immer mehr. Ich habe erst letztens in der Zeitung gelesen, dass nur noch Flatrate-Saufen ins Koma angesagt ist. Das lasse ich ganz bestimmt nicht zu.

Timo: So besoffen war ich gar nicht. Außerdem hast du mich bei meinem Kumpel abgeholt und nicht an irgendeiner Straßenecke. Wo wollt ihr überhaupt hin?

Julia: Wir wollen ins Nachtwerk, die Disco im Zentrum. Da haben wir freien Eintritt und Elenas Vater bringt uns sogar dahin und holt uns um drei Uhr wieder ab. Ich kann euch auch seine Telefonnummer da lassen.

Mutter: Ich mache mir trotzdem Sorgen um dich. Du weißt nicht was da für Leute sind, weil du vorher noch nie da warst. Nachher gerätst du an irgendwelche Drogendealer, die weiß Gott was mit dir anstellen. Du bist ein Mädchen. Das macht einen großen Unterschied.

Timo: In die Absteige? Du willst dich doch nur volllaufen lassen und Typen abschleppen.

Julia: Spinnen jetzt eigentlich alle hier?! Ich muss jetzt für deinen Fehler büßen? Es ist doch nicht meine Schuld, dass du mit 16 noch nicht aus der Pubertät warst und dich nicht unter Kontrolle hattest. Und ihr, liebe Eltern, ihr wisst doch überhaupt nicht, wie es läuft. Flatrate-Saufen ins Koma? Nur weil man jetzt günstiger Alkohol bekommt als noch vor tausenden Jahren, als ihr mal jung wart, heißt es nicht zwangsläufig, dass man sich ins Koma säuft. Timo durfte das Wochenende danach sogar schon wieder weg. Was soll denn das heißen, „Ich bin ein Mädchen“, warum darf ich nicht dieselben Erfahrungen machen wie Timo? Das ist unfair!

Vater: Nun hör' aber auf. Deine Mutter und ich sind uns einig. Wir trauen Elenas Vater genauso wenig wie dir. Wer weiß, was das für einer ist. Über den redet doch die ganze Stadt. Du bleibst jetzt hier, keine Widerrede!

Lies den folgenden Dialog (nach Ennis 1996, S. 352) aufmerksam durch und bear-

beite anschließend die beiden Aufgaben:

1. Wie rechtfertigt Miriam, dass sie sich an der Schlange vorgedrängelt hat? Welche Taktik problematischen Argumentierens kann man erkennen?

2. Ergänze den Dialog und formuliere eine überzeugende Reaktion aus der Sicht von Jonas, die Miriams Standpunkt widerlegt!

Dialog:

Jonas: Das war egoistisch, als du dich in die Schlange zum Mittagsbuffet gedrängelt hast!

Miriam: Ja und? Ich hab nur gemacht, was jeder getan hätte.

Jonas: Das ist nicht wahr und selbst wenn … Es ist egal, was andere getan hätten. Es war egoistisch.

Miriam: Lass uns unsere Standpunkte definieren. Egoismus bedeutet, dass man immer nach seinen eigenen Wünschen handelt. Richtig?

Jonas: Hmm? Ich bin mir nicht sicher.

Miriam: Das ist aber eine einleuchtende Definition von Egoismus. Sie liefert eine sachliche Beschreibung dafür, wenn jemand egoistisch ist. Menschen haben Wünsche. Handeln sie nach ihren Wünschen, sind sie egoistisch. Es ist einfach so. Diese Definition vermeidet subjektive Vorstellungen, die manche Menschen mit dem Begriff Egoismus verbinden. Von daher handelt es sich um eine sehr gute Definition.

Jonas: Soweit vermag ich dir zu folgen. Fahre fort.

Miriam: Gut. Nun solltest du verstehen, dass alles, was wir Menschen machen, wirklich egoistisch ist. Das liegt daran, dass wir Menschen stets in Übereinstimmung mit unseren Wünschen handeln. Wenn wir nicht wünschten, was wir tun, würden wir es nicht tun.

Jonas: So?

Die nachfolgend dargestellten Karikaturen sollen analysiert werden, indem ihnen jeweils eine problematische Argumentationstaktik zugeordnet wird. Begründe außerdem die Entscheidung!

Karikatur 1

Quelle: Ruede-Wissmann 1998, S. 198

Karikatur 2

Quelle: Ruede-Wissmann 1998, S. 144

Hintergrund:

Am 6. Juni 2013 informierte der britische „Guardian“ und die amerikanische „Washington Post“ über ein weitgefächertes Abhörnetz des amerikanischen Geheimdienstes NSA (National Security Agency), das in die Rechner von Internetfirmen eindringt und so Videos, Fotos, E-Mails und Kontaktdaten überwacht. Daten von Telefonanbietern werden tausendfach gespeichert. Die Informationen stammten von Edward Snowden, der zuvor für die NSA über externe Unternehmen tätig war. Nach seiner Flucht aus den USA, wo gegen ihn Anklage wegen Spionage und Diebstahl erhoben wurde, gelangten weitere Details über das Ausmaß des Spähprojektes in die Öffentlichkeit. Auch in Deutschland werden jeden Monat eine halbe Milliarde Telefonate, E-Mails und SMS überwacht. Diese Praktik greift in die Grundrechte der deutschen Bürger ein und veranlasste eine Debatte über Persönlichkeitsrechte und ihre Relativierung im Dienste nationaler Sicherheit.

Aufgabe 1:

Lucas, Helen, Ben und Sarah stehen während der 20minütigen Mittagspause gemeinsam auf dem Schulhof. Sarah nutzt die Gelegenheit um ihre Facebook-Nachrichten zu lesen. Lucas schreibt diverse SMS. Es kommt zu folgendem Gespräch.

Ben: Lucas, was schreibst du da?

Lucas: Geht dich nix an!

Ben: Mach nicht so ein Geheimnis daraus, die NSA liest eh' mit.

Lucas: Blödsinn. Die lesen nur mit, wenn ich ein Terrorist wäre.

Helen: Bist du ja vielleicht. Um das herauszufinden, lesen die deine Nachrichten. Ben: Und deshalb kannst du mir doch sagen, was du da schreibst, und vor allem, wem.

Sarah unterbricht: Habt ihr gehört, dem Snowden droht in Amerika eine Gefängnisstrafe, dafür, dass er die Wahrheit gesagt hat.

Helen: So ganz stimmt das nicht! Er hat Geheimnisse herausgegeben und musste sicherlich dafür unterschreiben, dass er das nicht macht. Und besonders hilfreich ist das nicht gewesen. Jetzt wissen die Terroristen auch davon und können sich neue Strategien einfallen lassen.

Sarah: Wie? Findest du das etwa richtig, dass da jemand ins Gefängnis muss, weil er die Wahrheit gesagt hat? Und willst du etwa, dass die deine Nachrichten abfangen und lesen?

Helen: Das habe ich nicht gesagt. Ich will nur nicht irgendwann in die Luft gesprengt werden, weil irgendwo ein Terrorist eine Bombe platziert hat. Wenn das verhindert werden kann, warum nicht?

Ben: Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten! Und deswegen Lucas, solltest du mir sagen, wem du da schreibst. Nicht, dass Helen demnächst Angst haben muss in die Luft zu gehen.

Lucas: Ben, du bist schon echt eine Bombe. Die sollen doch die Terroristen ausspionieren, doch mich sollen die in Ruhe lassen.

Ben: Wie sollen die wissen, ob du nun ein Terrorist bist oder nicht? Dafür müssen die deine Nachrichten erst lesen! Hast du etwa eine Neue am Start? Oder schreibst du etwa deiner Mama?

Lucas: Ich schreib gleich deiner Mama! Seit wann bist du so nervig neugierig? Studien haben gezeigt, dass Neugierige eine kürzere Lebenszeit haben. Also überleg dir, ob du nicht lieber länger leben willst.

Ben: Was soll das denn für eine Studie sein? Du darfst nicht alles glauben, was die in den Medien bringen. Das kam bestimmt nur von Terroristen, die nicht mehr wollten, dass man sie ausspioniert.

Sarah: Ben, ist das für dich kein Problem, dass da irgendwelche Leute deine Nachrichten abfangen?

Ben: Nein!

Sarah: Also wäre das für dich überhaupt kein Problem, wenn ich zu dir nach Hause fahre und mich an deinen Rechner setze, alle Festplatten durchsuche, all deine E-Mails lese, du mir dein Handy gibst und ich auch deine SMS lese?

Ben: Nein!

Sarah: Dann gib mir dein Handy

[Ben überreicht sein ausgeschaltetes Handy]

Sarah: Kannst du es einschalten?

Ben: Nein! Ich hab schon kapiert, worauf du hinaus willst.

Wähle zwei Charaktere aus und untersuche deren Argumentationslinie nach problematischen Argumenten. Notiere das jeweilige problematische Argument mit Textbeleg.

Aufgabe 2:

„Wer Verbrechen und Terror – koste es, was es wolle – vorbeugen will, der weiß nie genug!“ Dieser Satz entstammt einem Zeitungsartikel, mit der Überschrift: „Überwachung im Namen der Sicherheit“ (Sueddeutsche.de, vom 11. 07. 2013).

Am Abend betritt Ben sein Zimmer und sieht, wie sein großer Bruder ungefragt an seinem PC sitzt und in seinen Bildern umher klickt.

Greife den Zeitungssatz auf und bringe dessen Kerngedanken in einen von dir verfassten Dialog zwischen Ben und seinem großen Bruder unter!

(Anmerkung: Der Zeitungssatz soll hierbei nicht wortwörtlich widergegeben werden)

 
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