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1. Gefährdungen der europäischen und innerstaatlichen Solidarität: Zur Ausrichtung des Sammelbandes

Wolfgang Aschauer und Julia Hofmann

Die Finanzund Wirtschaftskrise zieht Europa weiterhin in ihren Bann; trotz einzelner positiver Anzeichen aus einigen Ländern scheint die Krise noch lange nicht vorüber. Das vorherrschende Klima der Verunsicherung (jüngst Bude 2014) bewirkt in vielen Mitgliedstaaten eine verstärkte Sehnsucht nach nationaler Abgrenzung; die eigenen Errungenschaften sollen zuungunsten eines europäischen Gemeinwohls abgesichert werden. Zudem sind soziale Ungleichheiten in vielen europäischen Ländern im Steigen begriffen (z. B. Fredriksen 2012) und neue sozioökonomische und soziokulturelle Spaltungslinien innerhalb der Staaten werden deutlich. Die Soziologie ist dringend gefordert, die aktuellen Krisenzustände der Solidarität einerseits konzeptuell zu fassen und andererseits empirisch zu beleuchten. Mit dem Sammelband „Solidaritätsbrüche in Europa“ wollen wir einen Schritt in diese Richtung setzen und gegenwärtige Tendenzen der Entsolidarisierung aufgreifen. Der Untertitel des Buches „Konzeptuelle Überlegungen und empirische Befunde“ verweist auf den übergeordneten Fokus der Beiträge. Die Dynamik der Solidaritätsbrüche soll als generelles Phänomen am Beispiel der aktuellen Situation in Europa grundlegend aufgearbeitet werden.

Insgesamt bildet die Analyse aktueller Brüche der sozialen Ordnung innerhalb der jeweiligen Staaten den Kern der theoretischen und empirischen Auseinandersetzung. Wenn eine der Schlüsselfragen der Soziologie – nämlich diejenige nach den Bedingungen sozialer Ordnung (vgl. Rosa et al. 2007, S. 13) und den weitreichenden Konsequenzen von Ordnungsbrüchen – adressiert wird, nimmt der Begriff der Sozialintegration (z. B. Lockwood 1971; Habermas 1981; Giddens 1990) zwangsläufig eine prominente Position ein. Die EU-BürgerInnen erscheinen zunehmend verwundbar, nicht nur auf der breit diskutierten strukturellen Ebene, wo hohe Arbeitslosenraten (z. B. Heidenreich 2014b), prekäre Beschäftigungsverhältnisse (z. B. im Überblick Castel und Dörre 2009) und Abstiegsängste (z. B. im Überblick Burzan und Berger 2010) in zahlreichen Gesellschaften der Europäischen Union allgegenwärtig sind, sondern auch auf der politischen Ebene (z. B. Crouch 2008; Blühdorn 2013), wo eine Ohnmacht in Bezug auf politische Entscheidungsdynamiken spürbar wird, die sich in hoher Politikverdrossenheit und geringer gesellschaftlicher Partizipation ausdrückt. Die gegenwärtigen Umbrüche in Europa sind Signale eines potentiellen Versagens der spätmodernen gesellschaftlichen Ordnung auf europäischer Ebene. Die BürgerInnen sind verstärkt Widersprüchen ausgesetzt, mit der Deutung der als instabil wahrgenommenen Welt überfordert und in der Bewältigung der entstehenden Ambivalenzen oft auf sich allein gestellt. Ob mittels der bloßen Berufung auf Solidarität die Brüche in der europäischen Integration aufgefangen werden können, ist mehr als fraglich. Schließlich merkte Zygmunt Bauman bereits 1995 an: „Die Postmoderne ist eine Chance der Moderne. Toleranz ist eine Chance der Postmoderne. Solidarität ist die Chance der Toleranz“ (Bauman 1995, S. 313). Da die derzeitige Wirtschaftskrise jedoch mit zunehmenden gesellschaftlichen Spaltungstendenzen einhergeht, muss offen bleiben, ob europäische Identifikationsprozesse fortschreiten (z. B. Münch 2008; Gerhards und Lengfeld 2013), oder ob Krisenerscheinungen (verbunden mit Entsolidarisierung) (z. B. im Überblick Heidenreich 2014a) an Boden gewinnen. Entsolidarisierungstendenzen, die aus dem kurz angesprochenen, mehrdimensionalen und diffusen Unbehagen abgeleitet werden können, verdeutlichen wesentliche kulturelle Folgewirkungen der gegenwärtigen europäischen Konstellation und könnten sich im Zuge der andauernden Krise weiter verschärfen.

Wenn wir uns einer soziologischen Konzeption der Solidarität begriffsgeschichtlich annähern, weist Solidarität stets auf ein Bewusstsein von Zusammengehörigkeit hin, das aus unterschiedlichen Gründen entstehen kann und sich im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen ständig neu ausformt. Solidarität ist ein „vergängliches Band“ (Hondrich und Koch-Arzberger 1992, S. 24); sie kann aktiviert, aber nicht vorausgesetzt werden. Zur Erklärung der gegenwärtigen Solidaritätspotentiale bleiben soziologische Tiefenerklärungen (z. B. Coleman 1991; Esser 1993) maßgeblich, denn es sind die jeweiligen ökonomischen und institutionellen Kontexte, die Solidarität anregen oder erschweren.

Zahlreiche KlassikerInnen der Soziologie haben das Konzept der Solidarität in den einzelnen gesellschaftstheoretischen Perspektiven prominent behandelt und mit unterschiedlichen Bedeutungen versehen. Für Karl Marx stellt die Solidarität in seiner materialistischen Gesellschaftstheorie eine notwendige Bedingung, aber auch eine Folge des Klassenkampfes dar. Die ArbeiterInnenklasse sollte durch Bewusstseinsbildung ihre problematische Lage erkennen und danach trachten, die bestehenden Herrschaftsverhältnisse im Kapitalismus zu überwinden. Durch gemeinsame Erfahrungen des Klassenkampfes würden bestehende Gefühle des Klassenbewusstseins und der Solidarität weiter verstärkt (vgl. Marx und Engels 1959, S. 493). In einer modernisierungstheoretischen Perspektive analysierten Tönnies (1988) und Durkheim (1977) den Wandel von Gemeinschaft zu Gesellschaft im Zuge der Industrialisierung. Besonders Durkheim sieht Solidarität als Garant der Sozialintegration und beschreibt mit seinem bekannten Gegensatzpaar der mechanischen und organischen Solidarität den Übergang von der segmentierten zur arbeitsteiligen Gesellschaft. Je stärker der „Kult des Individuums“ (Durkheim 1977, S. 222) voranschreitet, desto eher sind die Individuen von ihren produzierten Leistungen abhängig. Ein differenziertes Regelwerk wird schließlich im Rechtssystem verwirklicht, um die Funktionsfähigkeit der einzelnen gesellschaftlichen Teilbereiche sicherzustellen und geteilte Normen und Werte zu erreichen.

Wie Durkheim (1983) schon prophezeite, kann das soziale Band im Zuge massiver gesellschaftlicher Wandlungsprozesse Risse erhalten und anomische Zustände der Regellosigkeit bewirken. Mit der Renaissance anomietheoretischer Ansätze in den 1990er Jahren (z. B. Bohle et al. 1997) rückte die Frage, ob hochindividualisierte und ethnisch-kulturell vielfältige Gesellschaften noch „integrierbar“ seien, wieder verstärkt ins Blickfeld der Forschung (z. B. im Überblick Beck und Sopp 1997; Heitmeyer 1997a, b). Der Prozess der Individualisierung sei in den 1980er Jahren von den Individuen selbst initiiert worden (Beck 1983). Diese wären nun aber einem paradoxen Zwang zur Autonomie (vgl. Schroer 2000, S. 36) ausgesetzt. Solidarität, so konstatiert vor allem die Individualisierungsforschung, kann sich also gesamtgesellschaftlich nur noch „durch das Nadelöhr der autonomen Entscheidungen der Subjekte“ (Meyer 1997, S. 316) entfalten, während die Ansätze der Gesellschaftsbildung, die auf klassische Formen der Solidarität abzielen, an Relevanz zu verlieren scheinen. Die politisch-emanzipatorische Konzeption von Solidarität erscheint praktisch schwierig durchsetzbar, da kollektives Handeln aufgrund gemeinsamer Interessen einem Bedeutungsverlust unterliegt (vgl. Billmann und Held 2013, S. 22). Der klassische Begriff der ArbeiterInnensolidarität (also das solidarische Eintreten für gemeinsame Ziele und die Durchsetzung politischer und wirtschaftlicher Interessen) erreicht im Zuge der Vielfalt der gesellschaftlichen Milieus weniger Durchsetzungskraft. Auch die integrationstheoretische Konzeption der Solidarität nach Durkheim (1983) (geteilte Werte und Normen als Hort der Sozialintegration) ist aufgrund der gesellschaftlichen Fragmentierung in der Forschung umstritten. Weil die Zivilgesellschaft durch ein Regime des Pluralismus (z. B. Münch 2010) gekennzeichnet werden kann, scheint sich die Wirkkraft verbindender Werthaltungen abzuschwächen. In einer Zeit des rapiden sozialen Wandels können sich einerseits Prozesse der Solidaritätsbildung durch neue Medien ungeahnt rasch entfalten, während andererseits klassische Organisationen (wie etwa Gewerkschaften) enorme Ressourcen zur Mobilisierung ihrer Mitglieder verwenden und bestehende Bündnisse stets diskursiv erneuern müssen. Das Leben in der Spätmoderne bedeutet folglich, dass allgemeingültige Werte und Ressourcen zur Ausformung einer stabilen Identität einer Destabilisierung unterliegen und die BürgerInnen sich vielfach mit offenen und ambivalenten Kategorien der gesellschaftlichen Einbettung begnügen müssen. Solidaritätsbestrebungen bleiben somit in der Spätmoderne instabil und die Wirkkraft der Solidarität für die soziale Integration bescheiden. Solidarisches Handeln dürfte im Zuge der gegenwärtigen Krisenstimmung eine schwindende Ressource der Sozialintegration (vgl. Aschauer in diesem Band) darstellen. Deshalb ist es in der Analyse der gegenwärtigen gesellschaftlichen Wandlungsprozesse entscheidend, vorhandene Entfaltungsund Einschränkungspotentiale umfassend zu analysieren und Solidaritätsbekundungen auf verschiedenen Ebenen (z. B. Denz 2003, S. 323) zu verorten.

Auf der Mikroebene können sich solidarische Handlungen auf die Familie, Freundschaften und den nachbarschaftlichen Zusammenhalt beziehen. Solidarität kann unter diesem Blickwinkel als „voraussehbar reziprokes Verhalten“ gedeutet werden. Die Vorannahme, dass der/die Eine für den/die Andere/n einsteht, dient als wertvolle Vertrauensbasis im zwischenmenschlichen Bereich. Auf der Mikroebene des sozialen Zusammenhalts steht Solidarität folglich für ein Gefühl von Verbundenheit und bildet quasi den letzten Hort gemeinschaftlicher Kohäsion in einer individualisierten Welt. In den Restbeständen an gemeinschaftlicher Bindung (z. B. innerhalb der Familie) bestehen somit oft „ethische Verpflichtungen“. Sie sind durch superrogative Ansprüche gekennzeichnet, die über rein moralische Verpflichtungen des/der Einzelnen hinausgehen (vgl. Habermas 2013, S. 102 ff.). Gleichzeitig beeinflussen auch auf der Mikroebene gesamtgesellschaftliche Machtund Herrschaftsverhältnisse (z. B. Geschlechterverhältnisse) das solidarische Handeln. Reduziert man das Moment der Solidarität rein auf die netzwerkartigen Verbindungen innerhalb einzelner Gruppierungen, so wird übersehen, dass derartige Formen der Binnensolidarität oft mit deutlichen Ingroup-Outgroup-Differenzierungen und somit mit ausgrenzenden Ideologien einhergehen können. Zu Recht wird in der aktuellen Sozialkapitalforschung zwischen Bridging und Bonding (z. B. Putnam und Goss 2001) unterschieden, wobei vor allem die verdichteten Netzwerke innerhalb einzelner Gruppen auf zunehmende Abgrenzungen hindeuten und als unvorteilhaft für die gesellschaftliche Integration gedeutet werden. Im Zuge einer zunehmenden Abgrenzung von Milieus (z. B. Lessenich und Nullmeier 2006) und daraus resultierender Bonding-Prozesse müssen gesellschaftliche Gruppen mit einer hohen Binnensolidarität noch lange nicht bereit sein, Solidarität zwischen gesellschaftlichen Gruppen zu praktizieren (Mesosolidarität) bzw. offene Haltungen gegenüber kultureller Vielfalt (Makrosolidarität) einzunehmen.

Während die Mikrosolidarität primär durch den Begriff der Verbundenheit gefasst werden kann, deutet Mesosolidarität stärker auf das Gemeinwohl hin. Mesosolidarität wird über die Etablierung von weak ties (z. B. Granovetter 1973) sichtbar und bedingt eine diskursive Verständigung zwischen Gruppen. Ein derartiges Verständnis der Sozialintegration kommt dem Modell der „deliberativen Demokratie“ von Jürgen Habermas (1992) durchaus nahe. Habermas fokussiert auf die Ressourcen der öffentlichen Konsensbildung und vertraut auf die mündigen BürgerInnen, die mit ihren jeweiligen sozialen, kulturellen und ökonomischen Interessen in der Lage sind, einen konstruktiven Diskurs zu entfachen. Aspekte der Mesosolidarität beziehen sich damit nicht mehr auf ein (ethisch) vorausgesetztes Band, sondern auf politisch zu gestaltende Lebenszusammenhänge (vgl. Habermas 2013, S. 106 ff.). Als Lösungsweg der derzeitigen Tendenzen der Entkoppelung der BürgerInnen und im Kampf gegen die bestehende Politikverdrossenheit und Unzufriedenheit mit gesellschaftlichen Entwicklungen wird sehr häufig auf die Zauberformel der Stärkung der Zivilgesellschaft verwiesen. Die euphorische Betrachtung des zivilgesellschaftlichen Engagements, das aus der Sicht Putnams (2000) als Rettungsanker der Demokratie fungieren könnte, ist durch die Vielzahl neuer Forschungsergebnisse einer differenzierten Betrachtung der Lichtund Schattenseiten netzwerkartiger Verbindungen gewichen (vgl. Geißel 2004, S. 103). Die Lebenswelt steht unter dem Einfluss der Sozialstruktur und ist von einem starken Machtund Partizipationsgefälle durchzogen (vgl. hierzu auch Selke in diesem Band). Sie ist – in Anlehnung an Bourdieu (1987) – auf der Ebene des sozialen Handelns wie auf Systemebene – durch einen ständigen Machtkampf um Ressourcen gekennzeichnet. AkteurInnen, die ein gezieltes Interesse an der Erhaltung des Systems aufweisen, stehen sowohl progressiven als auch reaktionären Kräften gegenüber. Konflikttheoretische Zugänge (z. B. Dubiel 1997) erscheinen im Zuge der gegenwärtigen Ordnungsproblematik deshalb eher zeitgemäß als integrationstheoretische Konzepte. Es geht in vielen öffentlichen Auseinandersetzungen sichtlich weniger um das Erzielen von Konsens, als um das produktive Aushandeln von Konflikten; um eine gleichberechtigte Repräsentation verschiedener Interessen in einem öffentlichen Diskursraum. Deliberative Verfahren beziehen jedoch in der Regel nur jene ein, die aktiv sind. Sie entfalten auch nur für die aktiven Kräfte potentiell produktive Wirkungen, während die Interessen der sozialen Gruppen am Rande der Gesellschaft missachtet werden. Somit ist das Modell von Habermas (1992) in einer Zeit sich verschärfender sozialer Polarisierungen nur bedingt tragfähig. Es erscheint derzeit kaum vorstellbar, dass alle Interessensgruppen an den bestimmenden öffentlichen Diskursen der Gegenwart gleichberechtigt beteiligt sein können und somit die Interessen des Gemeinwohls gefördert werden.

Makrosolidarität kann am ehesten als Form der Überwindung eigener Interessen gefasst werden. Durch Makrosolidarität werden Vorstellungen des Gemeinwohls verallgemeinert und etwa über die Grenze der Nationalstaaten hinaus ausgedehnt. Im Unterschied zur innergesellschaftlichen Solidarität geht es um universalistische Werthaltungen, die im Sinne einer kosmopolitischen Ethik gelebt werden. In Hinblick auf eine Solidarität zwischen den EU-Ländern würde dies bedeuten, dass eine Politik des fairen Ausgleichs unter Berücksichtigung der Vorund Nachteile der einzelnen Mitgliedsländer von den Bevölkerungen getragen und legitimiert sein müsste. Münch (2010) bezeichnet den Pluralismus und den Individualismus –in Anlehnung an Durkheim – als die beiden wichtigsten Pfeiler der europäischen „Zivilreligion der Moderne“. Die „Glaubenssätze“, die gesellschaftliche Ordnung legitimieren, liegen in den staatlich garantierten BürgerInnenund Menschenrechten, die in der EU-Grundrechtecharta festgeschrieben sind (vgl. König 2002). Die Prozesse der Pluralisierung und Individualisierung betreffen alle Mitgliedstaaten und zwar umso intensiver, je stärker diese in den grenzüberschreitenden Prozess der Globalisierung und Europäisierung eingebunden sind. Äußere Angleichung und interne Pluralisierung sind nach Münch „zwei Seiten ein und derselben Medaille“ (Münch 2010, S. 8). Sie führen in einer optimistischen Sichtweise zur Herausbildung transnationaler Solidarität (z. B. Faist 2000). In einer rein horizontalen Betrachtung der europäischen Integration mögen diese Prozesse Spill-over-Effekte der ökonomisch-politisch-rechtlich forcierten Integration auf die kulturelle Ebene markieren. Sie betreffen jedoch nicht alle gesellschaftlichen Gruppen und können aus der vertikalen Perspektive konkurrierender Nationalstaaten innerhalb Europas und fragmentierter Schichten innerhalb der Länder bei weitem nicht so optimistisch gedeutet werden. Denn neben einer vertikalen Differenzierung der Zivilgesellschaft gewinnen die horizontalen Abgrenzungsmechanismen (z. B. nach Interessensgemeinschaften, Milieuzugehörigkeiten und Herkunft) verstärkt an Bedeutung. Die vertikalen gesellschaftlichen Spaltungen werden durch die Überbetonung (scheinbar) kultureller Spannungen überlagert. Der Verlust der (nationalstaatlichen) Homogenität bewirkt eine Art kollektive Identitätsverunsicherung, die sich durch die Erfahrungen zunehmender kultureller Diversität häufig in negativer Form gegen Außengruppen richtet. Es stellt sich somit die Frage, ob sich der in Europa etablierte individualistische Pluralismus zugunsten eines verstärkten Gruppenpartikularismus wieder zurückbilden könnte.

Während sich die EU-BürgerInnen in den 1970er und 1980er Jahren zunehmend als autonome Subjekte definierten und die zivilgesellschaftliche Selbstbestimmung und Selbstorganisation vehement einforderten, ist die Individualisierung mittlerweile zur Zumutung (Schroer 2010) geworden. Es scheint sich in Europa zunehmend eine „neoliberale Kultur“ (Hall 2011) auszuformen, die das freie Individuum, das für sich selbst verantwortlich ist und sich selbst vermarktet, protegiert. Die Vermarktung der eigenen Arbeitskraft (vgl. Sennett 1998; Voß und Pongratz 1998; Bröckling 2007) und das Management des privaten Lebens erfordern Flexibilität, Vielseitigkeit und Innovationsbereitschaft. Solange die Kraft zur eigenen Inszenierung anhält und die eigene Identitätsstärke erfolgreich nach außen getragen werden kann, ist das Individuum im Spiel der kapitalistischen Leistungslogik integriert. Ein komplexes und fluides Selbst ist in der flüchtigen Moderne (Bauman 2003) zur neuen Referenznorm geworden, wodurch es für Institutionen immer schwieriger wird, die vielfältigen und sich dynamisch wandelnden Lebenswelten anzusprechen. Im Zuge einer „zweiten Emanzipation“ (Blühdorn 2013) delegieren die BürgerInnen deshalb ihre gesellschaftliche Verantwortung an professionelle DienstleisterInnen, um sich selbst (aufgrund des erhöhten Leistungsdrucks) von der persönlichen Gemeinwohlverpflichtung zu befreien. Insofern wird – provokant gesprochen – der aktuell häufig beobachtete Rückgang des zivilgesellschaftlichen Engagements von der Mehrheit der Bevölkerung nicht als Verlust empfunden, sondern als Befreiung von Verpflichtungen (vgl. Wolin 2001, S. 567).

Die angesprochenen Verunsicherungstendenzen, die weit in die gesellschaftliche Mitte hineinreichen (z. B. Lengfeld und Hirschle 2010) bewirken, dass die Individuen stark auf sich selbst fokussiert sind und der Blick auf die Gesellschaft bestenfalls noch neidisch nach oben, konkurrierend seitwärts und abgrenzend nach unten gerichtet wird. Es sind also auch jene Bevölkerungsgruppen, die mit dem Modernisierungsdruck Schritt zu halten versuchen, in einer egozentrischen Handlungslogik verstrickt, wobei diese weniger durch souveräne Selbstdurchsetzung, sondern durch eine Anpassung an den gesellschaftlichen Leistungsethos verbunden mit Abgrenzungsstrategien gegenüber dem Scheitern und dem scheinbar „Anderen“ zu kennzeichnen ist (Koppetsch 2013). Ansprüche auf ökonomische und kulturelle Teilnahme sollen nur für jene Mitglieder der Gesellschaft bestehen, die einen erkennbaren Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung leisten. Randgruppen der Gesellschaft und insbesondere ethnischen Gruppen wird vorgeworfen, dem Leistungsethos der Gesellschaften nicht gerecht zu werden und sich Vorteile auf Kosten der Gemeinschaft der „Leistungswilligen“ zu erschleichen (vgl. Dörre et al. 2006). Nicht nur in der bedrohten Mitte, sondern auch in den oberen Segmenten der Gesellschaft können Abgrenzungsstrategien von ethnozentrischen Haltungen begleitet sein (Heitmeyer 2012).

Die defensiven Bewältigungsstile der gesellschaftlichen Transformationen können für mittlere und untere soziale Schichten aus Ohnmachtsgefühlen abgeleitet werden. Aus der Vorgabe der ständigen Anpassung an eine Welt, die in sich sehr instabil und unvorhersehbar geworden ist, entsteht das Gefühl einer fehlenden Einflussmöglichkeit und einer fehlenden Bestimmbarkeit des eigenen Handelns. Diese weitreichenden Exklusions und Verunsicherungsempfindungen (Bude und Lantermann 2006) lösen notgedrungen Anerkennungsdefizite aus. Nationale Identitäten dienen in diesem Sinne als Deutungsmuster. Sie bieten überschaubare Sinnzusammenhänge und ziehen klare Grenzen der Zugehörigkeit. Die starke Abschottung etwa gegenüber MigrantInnen birgt jedoch gewaltigen Zündstoff in sich. Denn die Gruppe der Verunsicherten, Vulnerablen und Exkludierten konkurriert zunehmend direkt mit MigrantInnen, die ihrerseits Prekarisierungserfahrungen ausgesetzt sind. Neben Verteilungskonflikten könnten sich also auch Identitätskonflikte zu einer Gefahr für die gesellschaftliche Kohäsion in der EU entwickeln. Die Krise in Europa und die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich bewirken also mehrere Gefahren für die Solidarität. Unter der Maxime der „bindungslosen Flexibilität“ wandeln sich zwischenmenschliche Ressourcen gesellschaftlicher Kohäsion, durch die „rohe Bürgerlichkeit“ (Heitmeyer 2012, S. 35) verbunden mit Abgrenzungsmechanismen sinkt die Bereitschaft für sozialen Ausgleich einzutreten (innerstaatliche Mesosolidarität) und durch weit verbreitete Vorurteile (vgl. Zick et al. 2010), werden die Werte der Gleichberechtigung und Toleranz (vgl. Meyer 2009) (interkulturelle Makrosolidarität) untergraben.

Im vorliegenden Buch wollen wir diese unterschiedlichen Ebenen sowohl in konzeptueller Hinsicht bearbeiten als auch mit differenzierten empirischen Fallstudien beleuchten. Um die Ausrichtung der Beiträge näher zu verdeutlichen, soll der folgende Abschnitt eine erste Übersicht über die jeweiligen Kernaussagen der Beiträge geben.

Ausgehend von der Ukraine-Krise argumentiert Max Haller in seinem Beitrag Die drei Europas. Wie die Integration zu neuen Spaltungen in Europa führte und wie man diese durch abgestufte Integration verhindern könnte, dass die Prozesse der Vertiefung und der Erweiterung im Rahmen des europäischen Integrationsprozesses zu schnell und zu unkoordiniert erfolgten. Nicht eine weitergehende institutionelle Vertiefung wäre die Lösung der europäischen Probleme, sondern eine Rückbesinnung auf die Ziele der Integration. Im historischen Rückblick (am Beispiel des Beitritts Großbritanniens, Griechenlands, Bulgariens/Rumäniens sowie der Einführung des Euro) zeigt der Autor, dass der EU-Integrationsprozess in wirtschaftswie sozialpolitischer Hinsicht problembehaftet vollzogen wurde. Die schnelle, marktliberale Integration habe auch entscheidend zum Ausbruch der gegenwärtigen Wirtschaftskrise beigetragen. Mit Blick auf die Zukunft Europas argumentiert Haller daher für eine abgestufte Integration, für ein „Europa der drei Geschwindigkeiten“. In diesem neuen Europa müssten auch die Grenzen neu überdacht werden. Russland wie Nordafrika könnten in diesem Zusammenhang auch als Teil eines umfassenden europäischen Wirtschaftsund Sozialraumes verstanden werden. Diese Form der Neuorientierung in der Integrationspolitik könnte – so das Argument des Autors – auch dazu führen, dass Frieden, Sicherheit und Prosperität – auch in Krisenregionen wie dem Nahen Osten oder der Ukraine –besser gesichert werden können.

Stefan Immerfall stellt sich in seinem Beitrag die Frage, ob Mehr Solidarität durch mehr Europa erreicht werden kann. In diesem Zusammenhang überprüft er die von vielen EuropaforscherInnen vorgebrachte These, dass zunehmende grenzüberschreitende Verflechtungen und Interaktionen (vgl. Gerhards und Lengfeld 2013; Heidenreich et al. 2012) die Herausbildung einer transnationalen Solidarität begünstigen. Immerfall widerlegt diese These mit Verweisen auf einschlägige empirische Untersuchungen: Die zunehmenden (v. a. wirtschaftlichen) grenzüberschreitenden Austauschprozesse in der EU hätten keineswegs zu einem Mehr an Sozialintegration geführt. Der Autor erklärt dies mit Verweis auf den Prozess der europäischen Integration: Im Zuge der institutionellen Europäisierung wären nationale Solidargemeinschaften geschwächt, ohne dass gleichzeitig eine europäische Sozialintegration vorangetrieben worden wäre. Um dieses strukturelle Ungleichgewicht aufzuheben, schließt Immerfall seine Ausführungen mit einem Plädoyer für eine Stärkung des Subsidiaritätsgedankens und der Frage nach den Potentialen einer Renationalisierung einzelner Instrumente der makropolitischen EU-Politik.

Der fehlenden Sozialintegration Europas und ihren kulturellen Folgen widmet sich auch Wolfgang Aschauer in seinem konzeptionellen Beitrag Solidarität als schwindende Ressource der Sozialintegration? Eine Annäherung an Entkopplungstendenzen der EU-BürgerInnen. Unter Rückgriff auf die Theorien von Jürgen Habermas argumentiert Aschauer für die Notwendigkeit einer getrennten Analyse systemischer und lebensweltlicher Integrationsdynamiken. Durch die zunehmende Verselbständigung von gesellschaftlichen Subsystemen in der EU hat sich die Lebenswelt der BürgerInnen immer mehr von diesen entkoppelt. Die im Zuge der Kolonisierung der Lebenswelt vorangetriebene marktgetriebene Individualisierung forciere individuelle Verunsicherungen. Diesen entgegnen die einzelnen Bevölkerungsschichten – abhängig von den ihnen zur Verfügung stehenden Kapitalien – entweder offensiv-egozentrisch oder defensiv-ethnozentrisch. Beide Handlungsmodi bergen, wie Aschauer argumentiert, eine große gesellschaftliche Sprengkraft. Während etwa Jürgen Habermas dennoch große Zukunftshoffnungen in das Projekt der europäischen Integration setzt, zieht Aschauer in seinem Beitrag ein überwiegend negatives Fazit: Solange die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen nicht im Rahmen „gehegter Konflikte“ stattfinden, werden die Entsolidarisierungstendenzen in Europa weiter zunehmen. Die empirischen Beiträge dieses Sammelbandes beginnen mit einem Artikel von Elisabeth Donat, der den Titel Solidarität – eine einfache Gleichung? Gerechtigkeitsvorstellungen von ÖsterreicherInnen in Zeiten einer europäischen Krise trägt. Ausgangspunkt von Donats empirischer Analyse ist die Frage nach der Erklärung der schwindenden Solidarität insbesondere gegenüber dem Süden Europas seit Ausbruch der Krise. Unter Rückgriff auf Debatten aus der aktuellen Ungleichheitsforschung geht die Autorin davon aus, dass individuelle Biographien und die darin entstehenden Handlungsstrategien einen Einfluss auf die Einstellungen gegenüber den Entwicklungen auf europäischer Ebene haben. Anhand von 18 in Österreich durchführten, narrativen Interviews zeigt Donat die enge Verknüpfung von biographischen und europapolitischen Deutungsmustern und Strategien auf. Den von ihr identifizierten drei zentralen Handlungsmodi auf individueller Ebene (Kämpfen, Berechnen, Kommunizieren) entsprechen drei Einstellungstypen auf europäischer Ebene (Verunsicherte, PerformerInnen, Unkonventionelle). Donat schließt ihre empirischen Ausführungen mit dem überraschenden Befund, dass keiner dieser Typen als genuin EU-feindlich zu charakterisieren wäre. Die Fähigkeit, tatsächlich Solidarität in Krisenzeiten bekunden zu können, hängt aus ihrer Sicht stark von individuellen, biographischen Erfahrungen und Strategien ab. Stefan Selke nähert sich in seinem Beitrag Solidarität in moralischen Unternehmen. Grenzverschiebungen im System und Sozialraum derTafeln“ dem veränderten Umgang mit Armut am Beispiel der (deutschen) Armutstafeln, wobei das Ziel dieser Freiwilligenorganisationen ist, verzehrfähige Lebensmittel an Bedürftige zu verteilen. Selke ortet in der Tafelbewegung einen doppelten Solidaritätsbruch: Einerseits können Tafeln als eine Form der De-Institutionalisierung von Solidarität (etwa im Rahmen von universalistischen Sozialpolitiken) angesehen werden. Für ihn sind sie eine Form der „inszenierten Solidarität“ und sollten als Zeichen der Entpolitisierung der Armutsdebatte verstanden werden. Andererseits zeigt eine genauere Betrachtung der Tafelpraxis, dass Solidarität hier nur mehr in komprimierter Form zugelassen wird. Der Autor argumentiert, dass im Rahmen der „Vertafelung“ der Gesellschaft Solidarität zu einer „opaken Leerformel“ werde und von den Betroffenen als „gebrochen“ erlebt wird.

Die Einführung von Hartz 4 in Deutschland wurde politisch wie medial kontrovers diskutiert; auch von Solidaritätsbrüchen gegenüber den vulnerabelsten Gruppen der Gesellschaft war die Rede. Sonja Fehr prüft in ihrem Beitrag Gefan- gen in Arbeitslosigkeit? (Des)Integrationsprozesse im Zuge der Hartz-Reformen in Deutschland, ob sich das zentrale Ziel der Hartz-Reformen – die Dynamisierung von Phasen der Arbeitslosigkeit durch erhöhten Erwerbsdruck – erfüllt hat. Mit Hilfe der Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) weist sie zwar nach, dass sich ein hoher Erwerbsdruck tatsächlich „positiv“ auf die Abgangschancen aus der Arbeitslosigkeit auswirkt. Schnelle Austritte aus der Arbeitslosigkeit lassen sich sowohl vor als auch nach der Einführung von Hartz 4 beobachten. Gleichzeitig konnte Hartz 4 auch nicht dazu beitragen, soziale Exklusionsprozesse zu verhindern: So befinden sich weiterhin knapp sieben Prozent der Arbeitslosen in Deutschland in verfestigten Armutslagen.

Auch in der Schweiz hat sich der Sozialstaat in den letzten Jahrzehnten stark transformiert. Benedikt Hassler zeigt in seinem Beitrag Arbeitsmarktfähigkeit unter Beobachtung.Scheininvaliditätin der Schweiz am Beispiel der Veränderungen in der Invalidenversicherung zweierlei: 1) wie sich diese Transformation konkret vollzogen hat und 2) welche Auswirkungen diese Veränderungen auf den Umgang mit sozial schwachen Gruppen im Land haben. Der Autor argumentiert, dass nicht nur Leistungen gekürzt und an aktivierende Elemente gekoppelt wurden. Gleichzeitig begann auch eine Auseinandersetzung um scheinbar „ungerechtfertigte Ansprüche“: Die Scheininvalidität wurde zu einem sozialen Problem hochstilisiert und Personen, die Invalidenrente beziehen, unter Generalverdacht gestellt. Im Zuge dessen wurden die rechtlichen Möglichkeiten zur Beschattung und Observierung dieser Personen ausgeweitet. Hassler zufolge ist die Debatte rund um die sogenannte Scheininvalidität ein Ausdruck einer sich mindernden Solidarität gegenüber sozial Schwachen im Land.

Der neoliberalen Umgestaltung von Gesellschaften und ihren sozialen Folgen widmet sich auch Mathias Wagner am Beispiel der osteuropäischen, kapitalistischen Transformation. In seinem Beitrag Zwischen Individualismus und sozialer Verantwortung. Polens eigenwilliger Weg des gesellschaftlichen Wandels zeigt der Autor, dass sich im Zuge der Systemtransformation kulturelle Werte wie Selbständigkeit und persönlicher Erfolg auch in Polen durchsetzen. Jedoch sind diese Flexibilisierungstendenzen am Arbeitsmarkt nicht mit der sozialen Struktur (hohe Arbeitslosigkeit, zunehmende soziale Ungleichheit) in peripheren Regionen vereinbar. Da unter dem Einfluss des Neoliberalismus traditionelle Solidarbeziehungen zerstört wurden, wichen und weichen vor allem untere soziale Schichten in den Bereich der Informalität aus, um die an sie gestellten Ansprüche zu erfüllen und nicht als „Verlierer“ der Gesellschaft zu gelten. Schwarzarbeit und Schmuggel werden in Polen als „normale Wege“ der Überlebenssicherung angesehen und von staatlicher Seite nicht bekämpft. Diese Akzeptanz des informellen Sektors bringt jedoch eine massive soziale Unsicherheit der Betroffenen und eine zunehmende soziale Spaltung im Land mit sich.

Unter Rückgriff auf Analysen aus den 1930er Jahren (Geiger) und der frühen Nachkriegszeit (Lipset, Kritische Theorie) zeigen Oliver Decker, Johannes Kiess und Elmar Brähler, dass Solidaritätsbrüche und antidemokratische Tendenzen (wie der Rechtextremismus) von der gesellschaftlichen Mitte getragen werden. In ihrem Beitrag „Gesegneter Boden ideologischer Verwirrung(Geiger)? Der Extremismus der Mitte argumentieren die Autoren, dass der Wohlstand in den „goldenen Zeiten“ nach dem 2.Weltkrieg als „narzisstische Plombe“ gewirkt habe; die Mittelschicht hätte in dieser Phase die Demokratie akzeptiert, da Aufstiegsund Konsumversprechen eingehalten werden konnten. Die Plombenfunktion kapitalistischer Gesellschaften wäre jedoch in Zeiten wirtschaftlicher Krisen zunehmend in Gefahr; autoritäre Reaktionen würden auf Phasen der zunehmenden sozialen Unsicherheit und der Deprivation folgen. Am Beispiel eigener empirischer Erhebungen zeigen die Autoren, dass Deutschland derzeit, auf Grund seiner guten ökonomischen Lage, seine Mitte zwar stabilisieren könnte; in Ostdeutschland wäre das Wegbrechen der Plombenfunktion jedoch offensichtlich.

Zu guter Letzt beschäftigt sich Julia Hofmann in ihrem Beitrag Abstiegsangst und Tritt nach unten? Die Verbreitung von Vorurteilen und die Rolle sozialer Unsicherheit bei der Entstehung dieser am Beispiel Österreichs mit der Verbreitung von Vorurteilen gegenüber marginalisierten sozialen Gruppen. Die Autorin interpretiert die Zunahme sozialer Vorurteile als Indikator für soziale Spaltungen und zeigt am Beispiel Österreichs, dass diese sehr weit verbreitet und im Ansteigen begriffen sind. Des Weiteren prüft sie anhand eigener Daten den Zusammenhang zwischen sozialer Unsicherheit und der Annahme von Vorurteilen. Hofmann kommt zu dem Schluss, dass Vorurteile zwar als Vehikel materieller Auseinandersetzungen dienen. Diese sind jedoch weniger als unmittelbare Verteilungskämpfe zwischen benachteiligten Gruppen zu interpretieren, sondern mehr als eine Form des Umgangs mit Abstiegsängsten und sozialen Verunsicherungen zu sehen. Des Weiteren weist die Autorin daraufhin, dass nicht alle Vorurteile gleichermaßen wirken und somit stets auf die Heterogenität und Mehrdimensionalität des Problems verwiesen werden muss.

Zusammenfassend stehen also in drei konzeptuell orientierten Beiträgen einerseits systemische Krisendynamiken ( Haller und Immerfall in diesem Band) als auch soziale Krisenfolgen ( Aschauer in diesem Band) im Zentrum der Analyse. Weitere Beiträge setzen stärker auf der institutionellen Ebene an und befassen sich mit der veränderten Wirkkraft sozialpolitischer Steuerungsinstrumente und ehrenamtlicher Praktiken, die für benachteiligte Gruppen „neuartige Flugbahnen negativer Individualisierung“ (Koppetsch 2010, S. 226) und somit Autonomieverluste bewirken (z. B. Hassler und Selke in diesem Band). Die weiteren fünf Beiträge illustrieren die auftretenden Solidaritätsbrüche aus verschiedenen empirischen Blickwinkeln unter Verwendung ethnographischer Analysen sowie qualitativer und quantitativer Daten. Sie legen den Fokus auf die veränderten Lebenswelten und Einstellungsspektren der Mittelschicht (z. B. Donat in diesem Band) oder befassen sich mit Abgrenzungsmechanismen und sozialen Schließungsprozessen, die vorrangig die Entkoppelten am Rande der Gesellschaft treffen (z. B. Wagner und Fehr in diesem Band). Die beiden letzten Beiträge liefern schließlich auf Basis aktuell durchgeführter repräsentativer Umfragen in Deutschland und Österreich neuartige Erklärungsmuster, warum Vorurteile zunehmend salonfähig werden (Decker et al. in diesem Band) bzw. wie das Recycling diffuser Ängste zu spezifischen Vorurteilen und Gruppenantagonismen einzuschätzen ist ( Hofmann in diesem Band). Die empirischen Beiträge beschränken sich im vorliegenden Sammelband noch überwiegend auf den deutschsprachigen Raum. Sie beleuchten (mit der Ausnahme eines Beitrags zu Polen, siehe Matthias Wagner in diesem Band) primär das gegenwärtige Klima in einzelnen westeuropäischen Staaten, die von der Krise weitgehend verschont geblieben sind (Österreich, Deutschland und Schweiz).

Das vorliegende Buch soll deshalb primär als Initialzündung einer überfälligen soziologischen Debatte zu Entsolidarisierungstendenzen in Europa verstanden werden. Es bleibt zu hoffen, dass die vorliegenden Arbeiten durch internationale Fallstudien aus mehreren EU-Ländern ergänzt werden, um die Dynamik des Solidaritätsbruchs im gesamteuropäischen Vergleich angemessen bestimmen zu können.

 
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