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3.2 Mechanismen transnationaler Gesellschaftsintegration

Schon die parallele Entwicklung von grenzüberschreitenden Transaktionen einerseits und gestiegenem EU-Skeptizismus andererseits weckt erste Zweifel an der Transaktionsthese. Auf der anderen Seite gibt es durchaus Hinweise für deren Gültigkeit auf individueller Ebene: Personen, die im europäischen Ausland leben oder lebten, zeigen stärkeres Vertrauen in das europäische Projekt (Mau und Büttner 2002; Rother und Nebe 2009; Wilke 2012; Braun und Müller 2012). Um diesen Widerspruch zwischen der individuellen und der Aggregatebene aufzulösen, ist ein genauer Blick auf die Mechanismen nötig, die den Zusammenhang von Interaktionsdichte und Europäisierung vermitteln sollen. Sodann ist zu fragen, ob deren Anwendungsbedingungen gegeben sind.

Eine erste Überlegung folgt der Transaktionsthese, wie sie von Karl W. Deutsch entwickelt wurde. Für Deutsch ist die Zunahme grenzüberschreitender Transaktionen nur Teil eines umfassenderen Prozess, den er „soziale Mobilisierung“ genannt hat (Deutsch 1972). In ihr sah er die zentrale Voraussetzung erfolgreicher Nationalstaatsbildung. Zu dichten, grenzüberschreitenden Interaktionen gehören Bildungsanstieg und wachsende Massenkommunikation. Zusammen genommen führen diese Prozesse zu einer Loslösung von alten Lebensformen. Gerade das Aufbrechen sozialer, wirtschaftlicher und psychologischer Bindungen macht die Menschen für das Eingehen neuer Formen der Vergesellschaftung und des Verhaltens aufgeschlossen (Deutsch 1979, S. 330). Für die erfolgreiche Zusammenführung („amalgamation“) schon bestehender Staaten zu überstaatlichen Verbünden sind auch kompatible Werte zu beachten (Deutsch et al. 1957, S. 58).

Während Deutsch die Wirkungen von Sprache, Kultur und Lebensgewohnheiten hervorhebt, sind – wie Jan Delhey (2012) herausgearbeitet hat die transnationalen Interaktionen in der EU überwiegend wirtschaftlicher Natur. Ein Mehr an funktionalen Interaktionen – Banktransaktionen, Telefonate, Flugbewegungen, geschäftliche Verhandlungen – muss somit nicht unbedingt zu solidargesellschaftlichen Formen von Gegenseitigkeit führen. Und selbst persönliche Interaktion mit Mitgliedern fremder Gruppen reduzieren Vorurteile nur dann, wenn diese Kontakte als angenehm und gleichberechtigt empfunden werden (Pettigrew 1998). Die Interpretationen der internationalen Kontakte durch die Beteiligten hängen wiederum stark von nationalen Kontexten ab (Wilterdink 1992; Duchesne et al. 2013). Die Art der grenzüberschreitenden Kontakte muss also genauer präzisiert werden (Recchi 2014), will man sich nicht einem individualistischen Fehlschluss aussetzen, also von Befunden auf der Mikroebene umstandslos auf die Ebene von Staaten schließen.

Ferner ist daran zu erinnern, dass sich nach Deutsch die grenzüberschreitenden Kommunikationsbeziehungen auf alle Gesellschaftsschichten erstrecken müssten. Dieter Senghaas (2003, S. 10 und 14) erinnert, wie sehr Deutschs persönliche Erfahrungen seinen Ansatz geprägt haben. Als 1912 in Prag geborener Sudentendeutscher hat Deutsch das Zerbrechen der Habsburger Doppelmonarchie noch als Zeitgenosse erlebt. Ein Grund für ihre Desintegration sei ihr „Schichtkuchen-Muster“ (Deutsch 1972, S. 27) gewesen: oben, zwischen den Mitgliedern der herrschenden Klassen in den verschiedenen Teilen des Reiches, sei eine leidlich intensive soziale Kommunikation zu beobachten gewesen, nicht aber zwischen den Mitgliedern der unteren Klassen. Solche defizitär integrierten, imperialen Gebilde seien daher nicht nur gegenüber Angriffen von außen, sondern auch gegenüber Zersetzungsprozessen von innen anfällig. Nicht nur weil die EU schon mehrfach als nicht-militärisches Imperium bezeichnet wurde (Zielonka 2006; Marks 2012), lassen sich hier möglicherweise Parallelen ziehen.

Neben den Inhalten und den Kontexten transnationaler Interaktionen müssen auch die TrägerInnen solcher Interaktionen betrachtet werden: Wie groß ist der Anteil, der regelmäßig grenzüberschreitend tätig ist und wie lassen sich diese Personen sozial beschreiben? Die Ergebnisse von Recchi und Favell (2009), Kuhn (2011) oder Mau und Mewes (2012) deuten erstens darauf, dass trotz allem und weiterhin transnationale Interaktionen ein Minderheitenphänomen sind, dass zweitens ihre Dichte je nach Mitgliedsländer stark variiert und dass sie drittens sozial stark stratifiziert sind. Sie gehen überwiegend einher mit höherem Bildungsund Berufsstatus. Kuhn ist aus diesem Grund skeptisch, dass sich über mehr grenzüberschreitende Transaktionen der Gemeinschaftssinn zwischen den Völkern Europas stärken ließe: „Thus, for Deutsch's theory to become reality in the EU today, it is not that the total amount of transactions needs to be increased, but rather that a broader share of the population ought to be involved“ (Kuhn 2011, S. 828).

Aber könnte gerade die soziale Engführung der Austauschbeziehungen nicht zu transnationalen Gruppenbildungen führen? Mit der sich vertiefenden EU-Integration könnte eine neue, Nationen übergreifende, gesellschaftliche, politische und soziale Streitfrage entstehen (Hooghe und Marks 2012; Milward 1997). In diesen Interessenkonstellationen könnten dann die hochmobilen Schichten auf der einen Seite als Integrationsbefürworter stehen und die weniger mobilen Bevölkerungsschichten auf der anderen als Integrationsgegner. Obgleich für die Zukunft diese Entwicklung nicht ausgeschlossen werden kann und gerade vor dem Hintergrund der kommen Europawahlen die Polarisierung zwischen IntegrationsbefürworterInnen und -skeptikerInnen zunimmt, spricht derzeit viel dafür, dass die EUGegnerInnen in ihrer sozialen Zusammensetzung und politischen Ausrichtung in einem Maße heterogen sind, das ihre politische Schlagkraft beeinträchtigen könnte (Immerfall et al. 2010b; Gerhards und Lengfeld 2013; auch Díez Medrano 2008). Aber auch die von Favell (2008) untersuchten Euro-Stars [1], jene gut ausgebildete Professionelle, die in anderen europäischen Ländern leben, dürften umgekehrt kaum eine wahlsoziologisch ausprägte Unterstützungskoalitionen darstellen. Oft begründen sie ihre Entscheidung ins Ausland zu gehen nicht rational ökonomisch und nicht selten stoßen sie bei eventueller Rückkehr auf nationale Vorbehalte.

  • [1] Davon zu unterscheiden sind die politischen, wirtschaftlichen und bürokratischen Eliten im engeren Sinne, die direkt vom Integrationsprozess profitieren (Haller 2008). Aber selbst für diesen zahlenmäßig sehr kleinen Teil lassen sich die nationalen Wurzeln in Habitus, Ausbildungsund Karrierewege weiterhin deutlich nachweisbar vorhanden sind (Hartmann 2010)
 
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