Distanzierung von NGO-Spitze und Mitgliedern?

Das Demokratisierungspotenzial von NGOs ist in hohem Maße von den Beziehungen zu ihren Stakeholdern abhängig. Sudbery (2003) kommt zu dem Fazit, dass NGOs den Fokus eher auf erfolgreiche Interessenvertretung richten und der kommunikativen Rückkopplung mit den Mitgliedern einen geringen Stellenwert einräumen. Die in diesem Punkt von den Organisationen benannten Gründe sind vielfältig: die schlechte personelle Ausstattung, das Erfordernis schneller Handlungsfähigkeit oder schlicht fehlendes Interesse der Mitglieder. Ebenso schlussfolgern Kohler-Koch und Buth (2011: 204) auf ein sichtliches Gefälle in der Intensität der Kommunikation mit Partnern und Entscheidungsträgern in Brüssel, bestimmt durch persönlichen Kontakt und regelmäßige Treffen, und der Interaktion mit den Mitgliedern, die abgesehen von Vollversammlungen und Seminaren überwiegend elektronisch abläuft.

Zwar verläuft die Kommunikation im Alltag de facto vornehmlich per EMail oder Telefon, trotz allem können die angeführten Resultate anderer Studien durch die vorliegenden Daten nicht gestützt werden. Zwar wirken die Faktoren „Nähe zu Entscheidungsträgern und -prozessen“ und „Politische Gelegenheitsstruktur“ auf die untersuchten NGOs und äußern sich in einer starken Orientierung an politischen Autoritäten sowie dem Fokus auf Elitestrategien und Lobbying, aber ohne negative Folgen, in Gestalt der Vernachlässigung der kommunikativen Rückkopplung mit den Mitgliedern. Trotz des teils sehr intensiven Kontakts zu Vertretern der EU-Institutionen, ist nicht zu erkennen, dass die Organisationen aufgrund der unverkennbaren Vorteile für effektive Interessenvermittlung und der räumlichen Nähe, bedeutend mehr Kapazitäten in die Interaktion mit Entscheidungsträgern und Partnern, als in die Mitgliederkommunikation setzen. Auch zeigt sich, dass Kontakte der NGO-Mitarbeiter in das Brüsseler Milieu, in Bestätigung der Ergebnisse von Kohler-Koch und Buth (2011: 200), zwar als essenziell, aber von den meisten untersuchten NGOs nicht als grundsätzlich wertvoller erachtet werden, als Basiserfahrung.

Nahezu alle NGOs messen der Beziehung zu den Mitgliedern große Bedeutung bei. Obgleich in Hybridorganisationen der Kontakt zu den Mitgliedsorganisationen häufig intensiver als mit den individuellen Mitgliedern ist, lässt sich festhalten, dass fast alle ein enges Verhältnis zu ihren Mitgliedern pflegen (siehe auch Kristan 2007). Insgesamt 2/3 der NGOs weisen darüber hinaus auf die Relevanz und Realisierung persönlichen Kontakts hin – wobei es sich allerdings oft nur um die Repräsentanten der Mitglieder handelt. Dabei ist es keinesfalls so, dass die Kommunikation primär top-down geprägt ist. Die Ergebnisse der Analyse stehen in dieser Hinsicht im Einklang mit den Resultaten von Steffek et al. (2010). Es handelt sich um beidseitige Kommunikation zu den unterschiedlichsten Zwecken, d.h. es werden auch die Meinungen der Mitglieder eingefordert und bottom-up geprägte Prozesse tatsächlich realisiert. Eine Distanzierung von NGO-Spitze und Mitgliedern, wie sie mit Referenz auf Parteien im Zuge der Professionalisierung vermutet wird, ist nicht zu erkennen.

In der Intensität und Frequenz des Mitgliederkontakts spielen Professionalisierungsgrad, aber auch Organisationsstruktur und Mitgliedschaftsoption eine geringere bzw. anders gelagerte Rolle als vermutet, was neben technischen Innovationen nach weiteren Einflussfaktoren suchen lässt. Kohler-Koch (2005: 15) nennt, mit Bezug auf Fallstudien, drei Bedingungen für verstärkte Kommunikation und Kooperation über die Organisationsebenen hinweg: (1) das EU-Sekretariat bedarf der Expertise der Mitglieder, (2) erfolgreiche Interessenvertretung hängt von der abgestimmten Aktion auf EUund nationaler Ebene ab oder (3) die Einflussnahmestrategie der Wahl ist eine Kombination von eliteund öffentlichkeitsbasierten Maßnahmen. Solange die NGO-Spitze nicht auf gemeinsames Handeln oder Expertise angewiesen ist, bleibt die Verbindung zu den Mitgliedern, laut Rek (2007: 165), auf niedrigem Niveau.

Zwei dieser förderlichen Faktoren scheinen bei den untersuchten NGOs mehrheitlich realisiert: 3/4 sieht die Mitglieder als integralen Teil der Interessenvermittlungsstrategie und nahezu alle weisen auf die große Bedeutung deren Expertise hin. Während im EU-Sekretariat, dank fachlicher Kenntnisse und des Wissens um den Ablauf politischer Prozesse auf EU-Ebene, die Kompetenz, in Bezug auf die Interessenvermittlung in Brüssel zu verorten ist, sind die Mitglieder Experten für die nationale und lokale Ebene, fungieren als Beobachtungssystem und liefern der NGO Informationen für deren Advocacy-Arbeit. Ferner betonen die Organisationen die zentrale Funktion der Mitglieder für den Kontakt und die Arbeit mit den Begünstigten sowie die Interessenvertretung auf nationaler Ebene; in sieben NGOs sind sie direkt an den Bestrebungen der Organisation beteiligt.

Unverkennbar wird den Mitgliedern für zahlreiche substanzielle Aspekte der NGO-Arbeit große Bedeutung beigemessen. Organisatorische Linkage hat, wie bereits in Kapitel 14.5 dargelegt, nicht an Relevanz verloren. Inwieweit sie faktisch verwirklicht wird, kann in Hinblick auf Interessenaggregation und die Funktion des Beobachtungssystems nur basierend auf den Aussagen der NGOVertreter eingeschätzt werden. Deren Ausführungen sprechen jedoch dafür, dass sie für beide Aspekte auch realisiert wird.

Eine der Entwicklung in Parteien vergleichbare Entfremdung von Mitgliedern und NGO-Spitze ist nicht erkennbar und für Linkage vorteilhafte Strukturen bzw. Prozesse sind in vielen NGOs etabliert. Rek (2007: 165f) beschreibt das Idealbild der Entscheidungsfindung in einer transnationalen NGO wie folgt: Die Mitglieder beteiligen sich engagiert an der Diskussion, um diese im Sinne ihrer Interessen zu beeinflussen, aber auch um Kompromisse zu ermöglichen. Prämisse ist, dass allen Mitgliedern Details über den jeweiligen Sachverhalt verfügbar sind. Diese Bedingung wird von allen untersuchten NGOs, die ihre Mitglieder in die Entscheidungsfindung involvieren, realisiert; von manchen jedoch nur für wirklich wichtige Sachverhalte. Dagegen wird der nächste Schritt, die breite Mitgliederbeteiligung, oft defizitär umgesetzt, da es laut der Interviewpartner häufig schwer ist, eine Reaktion zu bekommen oder die Organisationsrealität sich so gestaltet, dass einige Mitglieder stetig sehr aktiv sind, während andere sich kaum beteiligen. Ein ähnliches Bild zeigen Steffek et al. (2010: 16) auf.

Ferner weisen die NGO-Vertreter darauf hin, dass die Ausgestaltung des Kontakts in erster Linie vom Willen ihrer Mitglieder abhängt, aus welchem Grund Kontaktfrequenz und -intensität je nach Mitglied stark variieren können. Dabei gibt es diverse Faktoren, welche die Kommunikation seitens der Mitglieder hemmen, u.a. deren Arbeitspensum und damit verbunden Ressourcenmangel. Ferner legen andere Studien (etwa Steffek et al. 2010: 28; Warleigh 2001: 623) die Schlussfolgerung nahe, dass nicht allen daran gelegen ist, sich intensiv in die Organisationsprozesse einzubringen und sie zufrieden mit der arbeitsteiligen Struktur sind. Die unter den Mitgliedern vorherrschende Auffassung der Arbeitsteilung zwischen Mitgliedern als zuständig für die Arbeit vor Ort und EUSekretariat, das als Advokat ihrer bzw. der Interessen ihrer Mitglieder oder Begünstigten fungiert, wird auch von mehreren Interviewten explizit geäußert: Die Mitglieder sehen beim Sekretariat die Zuständigkeit für das Lobbying in Brüssel, vertrauen auf dessen Kompetenzen und sehen demnach keinen Grund, sich einzubringen.

Zudem wird von etlichen NGO-Vertretern die Autonomie der Mitglieder – sowohl in Projekten, als auch in den Mobilisierungsund Sozialisierungsbestrebungen – betont, eine Zentralisierung der Macht und der Entscheidungskompetenz sowie hierarchische Steuerungsprozesse sind nur sehr bedingt sichtbar. In dieser Hinsicht ist eine gewisse Distanzierung von Mitgliedern und Organisationsspitze, nicht von der Hand zu weisen, aber nicht in der Art des ehernen Gesetzes der Oligarchie. Michels These (1989 [1911]) bildet die Organisationsrealität der auf EU-Ebene ansässigen NGOs nicht adäquat ab. Bei diesen handelt es sich häufig um Dachverbände oder Netzwerke bestehend aus nationalen Organisationen – diese Struktur wirkt den von Michels aufgezeigten Prozessen entgegen. Viel eher stützen die Aussagen zur Autonomie der Mitglieder das von Saurugger (2009) beschriebene Professionalisierungsparadox, welches impliziert, dass die Mitglieder die Relevanz der Interessenvertretung auf EU-Ebene und die Chancen einer koordinierten Aktion nicht erkennen, weshalb Interaktion und Kooperation schwach ausgeprägt sind (Rek 2007: 166). Allerdings scheint das ohne wahrgenommene negative Effekte bzw. ein Gefühl unzureichender Repräsentation auf Mitgliederseite vonstatten zu gehen, da wie oben angeführt, die Entscheidung hinsichtlich der Kontaktintensität im Wesentlichen bei den Mitgliedern liegt.

In diesem Kontext führen Kohler-Koch und Buth (2011: 194ff) aus, dass die Intensivierung der Mitgliederbeziehung für viele auf EU-Ebene ansässige NGOs ein bedeutsames Thema ist. So haben diverse Organisationen der zweiten Ebene der CSCG, in Anerkennung der Herausforderungen ihrer Rolle als Linkage-Agenten und der Kommunikation zwischen EUund nationaler Ebene, ihre Organisationsabläufe modifiziert, um die Mitgliederbeteiligung und deren Kommunikation untereinander zu verbessern [1]. Die Interviewaussagen verdeutlichen,

dass sich wenigstens ein Teil der untersuchten NGOs ebenfalls dieser Problematik bewusst ist und, weitaus wichtiger, was das angeht auch aktiv ist bzw. plant aktiv zu werden. Mehrere NGO-Vertreter berichten von Plänen, die Beteiligung der Mitglieder und deren Kommunikation untereinander mittels Social Media fördern zu wollen. Eine NGO will Ansprechpartner für spezifische Themen in allen Mitgliedsorganisationen etablieren, um den Austausch zu verbessern sowie sicherzugehen, dass die Inhalte zur Kenntnis genommen und weiterverarbeitet werden. Zugleich wollen diverse NGOs das Problem der geringen Reaktion seitens der Mitglieder adressieren, etwa durch die Maximierung der Kontaktpunkte oder den Einsatz von Social Media und Online-Umfragen, welche die Beteiligung erleichtern sollen.

Die Implementation solcher Mechanismen in Kombination mit weiterführenden sensibilisierenden Aktivitäten, die den Mitgliedern die Relevanz von auf EU-Ebene getroffenen Entscheidungen für ihre Arbeit und folglich auch die Bedeutung des EU-Büros verdeutlichen, scheinen vielversprechend in Bezug auf verstärkte Interaktion und die Auflösung des Professionalisierungsparadoxes. In diesem Kontext sind persönliche Kontaktoptionen in ihrer Bedeutung kaum zu unterschätzen, gestatten sie doch ein Erlebnis vor Ort und die persönliche Erfahrung des EU-Systems. Ansätze in diese Richtung sind aber zum jetzigen Zeitpunkt nur in wenigen NGOs vorhanden.

Insgesamt lässt sich für bisherige Bemühungen der Auflösung des Paradoxes daher nur ein bedingt positiver Schluss ziehen. Zwar versucht die Mehrheit der NGOs, den Mitgliedern ihre Tätigkeiten und die Relevanz des EU-Büros nahezubringen sowie – wenn auch nur punktuell – die Funktionsweise des EUSystems und dessen Bedeutung für deren tägliches Handeln auf nationaler Ebene zu verdeutlichen, der Vermittlung der Bedeutung gemeinsamer Aktionen und der Partizipation der Mitglieder wird aber meist kaum Bedeutung beigemessen.

Für die Basis, als die Organisationsebenen unter den direkten Mitgliedern, lassen sich auf Grundlage der Daten nur bedingt Aussagen treffen. Angesichts der Verlängerung der Repräsentationsketten über die nationale bis zur EU-Ebene sehen Steffek et al. (2010: 30) die Gefahr, dass sich in NGOs mit mehreren Organisationsebenen die gleiche Entfremdung einstellt, wie sie dem EU-System oder politischen Parteien diagnostiziert wird. Jun (2010: 14) beschreibt die Situation diesbezüglich wie folgt:

„Der Ortsverband gilt als wichtigster Ort des Mitgliederengagements, mit der Folge, dass für den Großteil der Mitglieder die Interaktionsbeziehungen zur übrigen Partei an der Grenze des Ortsverbandes enden.“

Die Ausführungen der Interviewpartner, dass sie selten von der Basis kontaktiert werden und die Subsektionen bzw. Mitglieder ihrer Mitgliedsorganisationen oft nicht wissen mit welcher EU-NGO diese assoziiert sind, lassen in einigen der untersuchten NGOs auf eine vergleichbare Situation schließen. Ungeachtet dieser Tatsache ist nicht nur aufgrund der divergierenden Organisationsstrukturen der NGOs, vor pauschalen Schlussfolgerungen zu warnen. Eine Antwort auf die Frage, inwieweit man, mit Verweis auf Parteien, von einem strukturellen „Doppelgesicht“ (Wiesendahl 2001: 615) der Organisation sprechen kann, ist jedoch nur mithilfe weiterer Feldforschung auf Mitglieder-Ebene bzw. den darunter liegenden Organisationsebenen möglich.

  • [1] In einer jüngeren Publikation argumentiert Kohler-Koch (2012: 71) indes, dass obwohl sich europäische Organisationen zunehmend ihres demokratischen Defizits bewusst sind, sie bisher kaum Bestrebungen verfolgen, ihre innerorganisatorische Demokratie und Verantwortlichkeit zu verbessern
 
< Zurück   INHALT   Weiter >