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4.5 Die Triebkräfte schwindender Solidarität: Egozentrismus und Ethnozentrismus

Die vorangegangenen Abschnitte haben gezeigt, dass in westlichen Gesellschaften das Ideal einer selbstbestimmten Lebensführung dominiert. Dieses wird jedoch für benachteiligte Gruppen durch die institutionelle Forderung nach Eigenverant-wortung oft in sein Gegenteil verkehrt. Deswegen verfolgen sowohl die Gewinner und Verlierer der aktuellen Transformationsprozesse unterschiedliche Anpassungsstrategien. In fast allen Lagen der Gesellschaft regiert die Unsicherheit und dieser wird – so meine These – entweder offensiv und egozentrisch oder defensiv und ethnozentrisch begegnet. Eine gelungene Selbstorganisation meint undurchschaubaren Entwicklungen in Krisenzeiten produktiv, flexibel und selbstbestimmt gegenüberzutreten. In einer Gesellschaft der rutschenden Abhänge (Rosa 2005), wo die Gewinner von heute vielleicht die Verlierer von morgen sind und die Angst vor dem Abstieg allgegenwärtig ist, scheinen wenige Ressourcen für zwischenstaatliche und innergesellschaftliche Solidarität gegeben zu sein. Es entwickelt sich eine neue Form der rohen Bürgerlichkeit (Heitmeyer 2012), verbunden mit einer Unterordnung unter die gesellschaftliche Marktund Leistungslogik und zunehmenden Abgrenzungsmechanismen „nach unten“. Die Verschärfung sozialer Ungleichheiten trägt zur Wahrnehmung einer gespaltenen Gesellschaft (vgl. Lessenich und Nullmeier 2006) bei.

Gleichzeitig hat die Dominanz der Marktlogik und die damit verbundene Durchsetzung von Deregulierungsund Flexibilisierungsstrategien nicht nur innereuropäisch, sondern auch in den einzelnen Mitgliedsstaaten Verteilungskämpfe verstärkt, und soziale Ungleichheiten haben in einzelnen Staaten beträchtlich zugenommen. Es werden auf allen Ebenen der gesellschaftlichen Stufenleiter Entsolidarisierungstendenzen sichtbar:

• Die erfolgreichen SpielerInnen im System folgen der Strategie der Selbstdarstellung und Selbstdurchsetzung (z. B. Heitmeyer 1994) und kämpfen gegen Gefühle der Sättigung (z. B. Gergen 1996) und Erschöpfungstendenzen (z. B. Ehrenberg 2004) an. Die Strategie der Selbstdurchsetzung kann nach Heitmeyer (1994) als eine Mischung zwischen nach außen gekehrter Souveränität und nach innen gelebter beinharter Dominanzorientierung betrachtet werden (vgl. Heitmeyer 1994, S. 387). Für die Erfolgsorientierten gewinnt die individuelle Durchsetzungsstrategie auf der Karriereleiter an Relevanz, wodurch man sich der gelebten Ellbogenmentalität schwer entziehen kann. Es geht um die Stärkung von Eigenverantwortlichkeit statt kollektiver Verpflichtung, um die Ersetzung von Prinzipien der Fürsorge durch Wettbewerb, um die Abwertung überbordender Sozialstaatlichkeit und um die Gratifikation eines unternehmerischen und flexiblen Selbst (vgl. Voß und Pongratz 1998; Bröckling 2007; Sennett 1998). All diese Prozesse stärken die Profiteure des gegenwärtigen Systems und schwächen die Verlierer dieser Marktlogik weiter. Stephan Lessenich (2009) beschreibt diesen Zwang zur Mobilität bei gleichzeitiger Kontrolle als Dialektik der Aktivgesellschaft.

• Für die breiten Bevölkerungsschichten funktioniert die strukturelle Integration über den Arbeitsmarkt in Zeiten zunehmender Arbeitslosigkeit und Prekarisierung nur noch begrenzt und trägt maßgeblich zur gesellschaftlichen Verunsicherung bei. Dabei sind immer breitere Schichten der Bevölkerung mit Vulnerabilität konfrontiert. Die Mitte der Gesellschaft, die lange Zeit als Hort der Stabilität galt, gerät immer mehr in die Defensive, weil sich fehlende Aufstiegschancen, Verunsicherungen, Abstiegsängste und Anerkennungskonflikte prekär miteinander verbinden. Bei den vulnerablen Schichten wird das Ideal der freien Lebensführung zunehmend zur Illusion. Eine stark wachsende Zahl von Individuen und insbesondere auch junge Menschen werden vom TurboKapitalismus der letzten Jahre zunehmend überrollt und sind mit fehlenden Perspektiven konfrontiert. Aus der Vorgabe der ständigen Anpassung an eine Welt, die in sich sehr instabil und unvorhersehbar geworden ist, entsteht das Gefühl einer fehlenden Einflussmöglichkeit und einer fehlenden Bestimmbarkeit des eigenen Handelns. Für die mittleren sozialen Lagen sind neue Diskurse rund um Prekarisierung, Unterschichtung und die Zunahme von Armut höchst bedrohliche Schlagworte, die Abgrenzungsmechanismen nach „unten“ verstärken.

• Bei den Abgestiegenen schlägt schließlich der Zwang zur Selbstorganisation und Selbsttätigkeit in Verzweiflung um, die sich in Resignation, Apathie, Frustration und Wut äußern kann. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass neue Formen der Modernisierungsverweigerung gerade bei benachteiligten Gruppierungen auftreten, die von der Überkomplexität und Widersprüchlichkeit gesellschaftlicher Wandlungsprozesse überfordert sind. Es handelt sich also häufig um regressive, defensive und ethnozentrische Bewältigungsmechanismen der eigenen Situation. Denn die Rückbesinnung auf traditionelle Werte, die Einbettung in imaginierte Gemeinschaften, die Suche nach stabilen Fundamenten der Gesellschaft ist zwar im Kontext der breiten Verunsicherung verständlich, jedoch handelt es sich um eine hilflose Forderung, weil das Rad der Zeit nicht zurückgedreht werden kann. Um das strapazierte Selbst zu entlasten, fungieren Vorurteile quasi als Ventil, die aufgestauten Aggressionen werden durch die Verschiebung auf Sündenböcke kanalisiert. Die neuen ethnischen, religiösen und kulturellen Reibungsflächen zwischen der Mehrheitsgesellschaft und Zuwanderern bilden den Nährboden für fremdenfeindliche Strömungen. Stets bildet der Ethnozentrismus die Basis für die Aufwertung der eigenen (nationalen) Identität unter Abwertung der anderen.

Während sich die Aufstiegsorientierten also auf die eigenen Errungenschaften zentrieren, ohne den Blick abwärts zu richten und oft völlig in einer egozentrischutilitaristischen Leistungslogik verstrickt sind, bleiben den Abgestiegenen auf mehreren Ebenen Teilnahmemöglichkeiten versperrt. Diese weitreichenden Exklusionsmechanismen lösen notgedrungen Anerkennungsdefizite und Stabilisierungsdynamiken aus. Die Krise in Europa und die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich bewirkt also zweierlei Gefahren für die Solidarität. Der utilitaristische Individualismus der Mitspieler in der kapitalistischen Leistungslogik bringt die innergesellschaftliche Solidarität ins Wanken und der rückwärtsgewandte neokonservative und neonationalistische Bewältigungsstil birgt den Nährboden für Ethnozentrismus und Rechtspopulismus. Es muss betont werden, dass beide Handlungsmodi – die egozentrische und ethnozentrische Identitätsausrichtung – eine große gesellschaftliche Sprengkraft entfalten können. Denn diese beiden Handlungslogiken sind der Kern der Entsolidarisierung – einerseits indem der soziale Kitt der Gesellschaft (zwischen den Schichten) aufgelöst wird und andererseits, indem Differenzen zu Außengruppen erzeugt werden, die einem der Grundgedanken Europas, eine Einheit in Vielfalt herzustellen, deutlich zuwiderlaufen.

 
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