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4.6 Fazit

Die Ausführungen zu den kulturellen Folgen haben gezeigt, dass Entkoppelung und Entsicherung individuelle Verunsicherungen bewirken. Diese manifestieren sich in Wahrnehmungen von Kontrollverlust, Ohnmachtserfahrungen gegenüber gesellschaftlichen Wirkmechanismen und Erfahrungen einer politischen und kulturellen Richtungslosigkeit (Anomie) (vgl. Heitmeyer 2012, S. 18 f.). Wenn der gesellschaftliche Aufstieg trotz individueller Entscheidungsfreiräume häufig versperrt ist, wenn gesellschaftliche Werte und Normen nicht länger als tragfähig gelten, wenn die Bindekraft von gemeinsamen Milieus und gesellschaftlichen Integrationsinstanzen geschwächt ist, entstehen Unzufriedenheit, Orientierungslosigkeit und Entfremdungsgefühle. Das Unbehagen der BürgerInnen in Europa ist also vielfach auch dadurch erklärbar, dass sich Europa zwar stetig verändert aber nicht weiterentwickelt. Die Wahrnehmung dieses rasenden Stillstands, wie ihn Hartmut Rosa (z. B. 2013) treffend bezeichnet, ist das Resultat des Erlebens von Wandel als ziellos, zufällig, unzusammenhängend und unkontrollierbar. Für Hartmut Rosa ist der Wandel vom Fortschrittsglauben und den Versprechungen der Moderne hin zur Wahrnehmung zielloser Beschleunigung der zentrale Übergang von der klassischen Moderne zur derzeitigen Spätmoderne (vgl. Rosa 2013, S. 57 f.). Auf individueller Ebene zeigt sich dieser rasante Wandel, indem traditionelle Quellen einer stabilen Identitätsbildung und einer optimistischen Grundhaltung durch die Pluralisierung der Lebensstile (Rückgang des Klassenbewusstseins), zunehmende transnationale Verdichtungen (Rückgang des Zugehörigkeitsgefühls) und pessimistische Wirtschaftsprognosen (Rückgang des Fortschrittsglaubens) immer mehr aufgelöst werden. Obwohl die Bielefelder Forschergruppe (z. B. Heitmeyer 2002–2012) beinahe seit zwei Jahrzehnten die genannten Kernelemente gesellschaftlicher Desintegration in den Blick nimmt, ist eine fundierte Krisendiagnose für einzelne europäische Länder schwer zu treffen und bedarf differenzierter europaweiter Untersuchungen (z. B. Aschauer 2010, 2014). Zudem sollte der Beitrag die Notwendigkeit aufzeigen, zwischen der gesellschaftlichen Integration auf der Makroebene (Systemintegration) und den Integrationsbestrebungen der Individuen (Sozialintegration) zu unterscheiden. In vielen westeuropäischen Gesellschaften scheinen die Defizite auf der Mikroebene noch nicht so weit fortgeschritten zu sein, dass sie die Makrostabilität gefährden. Zudem könnte eine gesellschaftliche Systemkrise bei betroffenen Gruppen durchaus den Gemeinschaftsgedanken stärker aufleben lassen und integrationsfördernde Handlungsstrategien verstärken.

Giddens (1999) glaubt beispielsweise an das Veränderungspotential „von unten“ und behält nicht zuletzt deshalb seine vorsichtig optimistische Sichtweise bei. Er thematisiert jedoch unterschiedliche Anpassungsreaktionen, die von einem radikalen Engagement (soziale Bewegungen) bis hin zu einem durchgehaltenen Optimismus (Fortschrittsglauben) und von einer pragmatischen Hinnahme (Überleben im Alltag) bis hin zu einem zynischen Pessimismus (zur Bewältigung von Unsicherheit) reichen. Giddens (2001) sieht diese Spaltungstendenzen innerhalb der Gesellschaft als wesentliche Herausforderung der Gegenwart, denn „auf den Schlachtfeldern des einundzwanzigsten Jahrhunderts werden sich Fundamentalismus und kosmopolitische Toleranz gegenüberstehen“ (Giddens 2001, S. 14 f.). Eine Atmosphäre der Toleranz kann nur durch Mittel eines öffentlichen Dialogs entstehen, wobei dieser auf die Anerkennung unterschiedlicher Interessenslagen abzielt. Divergierende Ansichten sollen in einem gleichberechtigten Austausch zur Diskussion gestellt werden (vgl. Giddens 1996, S. 193). Die gesellschaftliche Funktionsfähigkeit wird nach Giddens (1999) also primär über eine Politik verwirklicht, die eine Balance zwischen Sozialund Systemintegration leistet und die BürgerInnen aktiv in Entscheidungen einbindet.

Das Konzept der deliberativen Demokratie (Habermas 1992) meint ebenfalls eine intensive Einbindung der Öffentlichkeit in politische Entscheidungsprozesse. Solange sich die Meinungsbildung an der diskursiven Praxis einer zivilgesellschaftlich aktiven Öffentlichkeit orientiert, kann über den demokratischen Rechtsstaat Sozialintegration gewährleistet und gesellschaftliche Kohäsion hergestellt werden. Das Rechtssystem nimmt im dritten Hauptwerk von Habermas „Faktizität und Geltung“ (1992) eine Schlüsselrolle in der Sozialintegration ein, weil hier gesellschaftliche Ordnung ausgehandelt und zentrale Normen und Werte festgeschrieben werden können (vgl. Imbusch und Rucht 2005, S. 39).

Die Forderungen an die Politik von Habermas (1992) und Giddens (1999) klingen im Kontext aktueller gesellschaftlicher Spaltungstendenzen eher als „schöne Worte“, die mit der harten Realität des Auseinanderdriftens verschiedener Wertesphären kaum mehr verbunden werden können. Konflikttheoretische Zugänge, wie beispielsweise jener von Dubiel (z. B. 1997) scheinen der aktuellen Beschreibung der Realität näher zu kommen. Helmut Dubiel wendet sich in seinen Ausführungen klar gegen strukturfunktionalistische Ansätze einer gemeinsamen Wertebasis sowie gegen kommunitaristische Integrationsvorstellungen einer Wiederbelebung des Gemeinschaftsgedankens. Ein Hauptcharakteristikum der Gegenwart ist nämlich die deutliche Pluralisierung spätmoderner Gesellschaften, wodurch aus seiner Sicht Integration durch Konsens verunmöglicht wird. Die Stärke von (prosperierenden) westlichen Demokratien liegt in ihrer Fähigkeit des „öffentlich inszenierten Dissenses“ (Dubiel 1997, S. 427). Die Auseinandersetzungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen und rund um polarisierende Wertvorstellungen müssen im Rahmen „gehegter Konflikte“ stattfinden. Dubiel beruft sich dabei auf Dahrendorfs Konzeption der „geregelten Konflikte“ (Dahrendorf 1972, S. 43). Konflikte, die mit Bezug auf geltende Regeln ausgefochten werden, haben in mehrerer Hinsicht integrationsfördernde Wirkung. Das Regelwerk bedingt Respekt zwischen den Parteien und somit ein übergeordnetes moralisches Band, und die Konflikte selbst befördern den sozialen Wandel und schaffen Diskursräume einer politischen Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft. Trotz der sozialstrukturellen Polarisierung und des damit verbundenen Wertepluralismus bedingt gerade die Verschiedenheit der Weltanschauungen eine gemeinsame öffentliche Bühne der Kommunikation, die schließlich (im Idealfall) einen gemeinsamen Rahmen an Normen und Regeln erkennen lässt (vgl. Imbusch und Rucht 2005, S. 54 ff.). Wie auch Imbusch und Heitmeyer (2012) anerkennen, sollte somit Integration nicht mit Harmonie und Desintegration mit Konflikt gleichgesetzt werden. So manche Desintegrationserscheinungen des heutigen Europa könnten mittelfristig auch produktive Wirkungen entfalten, weil sie – in Anlehnung an Habermas – nach wie vor das Potential enthalten, „bottom up“ gesellschaftliche Debatten zu initiieren und somit auch auf der Systemebene produktive Lösungen erzwingen zu können.

 
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