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5.1 Zur Basis solidarischen Handelns und dessen Verknüpfung mit individuellen Lebenslagen in Zeiten der Krise

Solidarität, als ein Gradmesser der sozialen Kohäsion in einer Gemeinschaft, hat seit jeher die Sozialwissenschaften interessiert. Besonders in Phasen gesellschaftlicher Umbrüche, und den damit oftmals einhergehenden Verunsicherungstendenzen, werden Fragen der Solidarität und der gesellschaftlichen Integration virulent. Der Wandel von Gemeinschaften zu Gesellschaften wurde dabei von den frühen Soziologen wie Durkheim (1988) hinreichend in seinen verunsichernden Auswirkungen beschrieben. Der Zusammenbruch traditioneller Formen des Zusammenhalts führt jedoch nicht notwendigerweise zu einer unlösbaren Systemkrise, sondern neue Formen – beispielsweise eine organische Solidarität – können hervorgebracht werden (Hondrich und Koch-Arzberger 1994). Besonders aus der Perspektive des Kommunitarismus wird die andauernde Individualisierung als großer Gegenspieler zu Solidarität wahrgenommen (Dallinger 2009).

Funktionale und emotionale Aspekte von Solidarität scheinen in jeder Gesellschaft in einem Wechselspiel zu stehen, und es bleibt fraglich, wie viel emotionale Nähe Solidarität tatsächlich braucht bzw. ob Solidarität auch zu distanten Personen oder Gruppen möglich ist. Solidarisches Verhalten wird zweifelsohne zumindest durch ein basales Gefühl von Zusammengehörigkeit genährt, woraus sich auch die damit verbundenen Reziprozitätserwartungen, also die Antizipation einer wechselseitigen Hilfe im umgekehrten Bedarfsfall, speisen. Wenn die wertrationale und emotionale Basis für solidarisches Verhalten (zu) schwach ist, oder wenn Reziprozitätserwartungen nicht erfüllt werden können, kann es zur Aufkündigung von Solidarität und damit zu Solidaritätsbrüchen kommen. Versuche der Absicherung von reziprokem Verhalten können in Form von Bedingungen vorliegen, die mit einer Hilfeleistung verbunden sind. Diese Bedingungen können unterschiedlich stark institutionalisiert (verrechtlicht) werden, und so solidarisches Handeln auf die Ebene von Verpflichtungen heben. Solidaritätsleistungen sind deshalb keineswegs altruistischer Natur, sondern oftmals mit Forderungen und Annahmen verknüpft, die besonders dann sichtbar werde, wenn es zu Solidaritätskonflikten kommt. Offe (2004) verweist dabei auf die Geschichte des Armenwesens, in der Arme als EmpfängerInnen von Solidarleistungen grundsätzlich immer (orts-)ansässig, würdig und bescheiden sein mussten. Umgekehrt sind mit diesen (An-)Forderungen Ängste verbunden, Nicht-Würdige und Nicht-Zugehörige anzulocken, sowie die Befürchtung Eigenverantwortlichkeit für die Lage zu unterminieren. Die Furcht vor Trittbrettfahrern bestimmt dabei die öffentliche Diskussion umso mehr, als Krisenerscheinungen wie zur Zeit der Wirtschaftsund Finanzkrise im öffentlichen Diskurs zur Sprache kommen.

Nach Franz-Xaver Kaufmann (2004, S. 55) wird Solidarität verstanden als „… eine typische Form von Handlungskoordination, welche eine Nachrangigkeit der Verfolgung von Eigeninteressen mit Bezug auf kollektive Interessen bewirkt“. Solidarisches Verhalten erfordert deshalb mehr als eine unmittelbare Kosten-Nutzen-Kalkulation, und benötigt aufgrund der (vorübergehenden) Zurückstellung der Eigeninteressen offenbar eine besonders starke motivationale Basis. Während traditionelle Gesellschaften Kooperationsprobleme vorwiegend durch affektuelles und traditionelles Handeln lösen konnten, bedingt die sinkende Unmittelbarkeit des Verhaltens in der Moderne eine stärkere wertrationale Basis. Solidarappelle (Kaufmann 2004) sind jedoch nur dann besonders wirksam, wenn sie von relevanten Bezugspersonen und -gruppen ausgesprochen werden. In Zeiten zunehmender Politikmüdigkeit und fortwährender Legitimationskrisen der politischen Sphäre (Haller 2001), bleibt fraglich, in wie weit nationale und europäische PolitikerInnen diese Funktion noch übernehmen können.

Solidarisches Handeln setzt zumindest die Anerkennung des Gegenübers als

„bedürftig“ in seiner Existenz voraus, und wird umso stärker ausgeprägt sein, je mehr Anerkennungsdimensionen bedient werden. Die Beurteilung welche Attribute Anerkennung finden, unterliegt immer normativen Prozessen in einer Gemeinschaft, von denen aber auch eine kritische (Rollen-)Distanz eingenommen werden kann (Honneth 1992). Honneth fasste das Prinzip der Anerkennung in drei wesentliche Sinnstiftungsdimensionen: Liebe/emotionale Zuwendung, also dem Annehmen als Person oder Entität; rechtliche Anerkennung, also die Achtung aller Menschen als gleiche und verantwortliche Subjekte; soziale „Wertschätzung“ also der Beitrag zur Realisierung geteilter Werte und Ziele. Letzteres – also die Wertschätzung gesellschaftlicher Leistungen und Beiträge – erfolgt in der modernen Gesellschaft überwiegend über das Leistungsprinzip. Leistung – vormals ein Attribut verbunden mit den untersten sozialen Schichten – erfuhr in der Moderne eine Aufwertung hin zu einem omnipräsenten Ausdruck von Status und gesellschaftlicher Anerkennung. Ausgedrückt werden Leistungserfolge in Statusparametern wie Konsum (Bauman 2009) oder auch durch sich verändernde Wertestrukturen wie Selbstverwirklichung und Hedonismus (als Genuss des Erfolges, des Geschaffenen), die sich nicht mehr länger diametral gegenüber stehen (Gensicke und Klages 2006). Die vermeintliche Rationalität, die dieses Leistungsparadigma mit sich bringt, bietet eine einfache Formel, um gesellschaftlichen Erfolg oder Misserfolg zu beurteilen und wird, wie im Falle der Europäischen Union, sogar auf ganze Staaten angewendet, und so als Prinzip der Anerkennung kollektiviert.

Während soziale Integration in der Durkheim'schen Soziologie bekannterweise über gemeinschaftsbildende Werte und deren Vermittlung in Institutionen erfolgt, beschäftigen sich stärker ökonomisch ausgerichtete Ansätze mit der wahrgenommenen Reziprozität solidarischen Verhaltens. Die Bereitschaft für Solidarität bemisst sich dabei nach der Größe der „Solidaropfer“ (Tranov 2012), die zu entrichten sind. Diese Transferleistungen sind jedoch umso schwieriger zu beziffern, je mehr auch ideele Werte mit der Unterstützungsleistung verbunden sind, bzw. umso größer die beteiligten Kollektive sind. Kaufmann (2004, S. 52) spricht in diesem Zusammenhang von Solidarzusammenhängen, die eben auch schwer bezifferbare Aufgaben wie den sozialund kulturstaatlichen Schutz von Schwächeren, die Kollektivierung elementarer Lebensrisiken und die Förderung menschlicher und gesellschaftlicher Entwicklung inkludieren. Umgelegt auf die europäische Ebene erfordern diese Aufgaben ein noch höheres Abstraktionsvermögen. Die Wahrnehmungen von Transferleistungen als „Solidaropfer“ steigt also mit der zunehmenden Schwierigkeit, Reziprozität im Verhalten zu erkennen, einer zunehmenden Langfristigkeit der zu erwartenden Auswirkungen und mit steigender Entfernung bzw. Größe des zu bedenkenden Kollektivs (Kaufmann 2004; Offe 2004). Somit ist fraglich, ob in diesem Zusammenhang Theorien rationaler Wahl überhaupt erklärungswirksam angewendet werden können, wenn einige Parameter der Situation bzw. des Handelns kaum oder nur schwer beziffert werden können bzw. bei den beteiligten AkteurInnen eine große Übersicht (kognitive Kapazitäten) über die Situation abverlangen. Anhand der bisherigen Ausführungen wird auch deutlich, dass Solidarität ein fragiles Gebilde darstellt, das mit hohen Vertrauensvorschüs- sen verbunden ist. Das Dilemma der Kooperation, das in ökonomischen Theorien als Trittbrettfahrerproblem beschrieben wird, ist auch für solidarische Handlungen höchst relevant.

Die Macht des Solidarismus ist, besonders in Zeiten der Krise, labiler als die Macht der Ausschließung. Solidarität erfordert höhere Kosten der Organisation und der sozialen Kontrolle als Schließung. Als liberal-bürgerliches Kriterium des Vergleichs von Erfolg gilt die erbrachte bzw. wahrgenommene Leistung, sowohl auf individueller Ebene, als auch auf Ebene ganzer Staaten, um Solidaritätszuwendungen zu kontrollieren (Parkin 2004). Schließungsprozesse umfassen dabei nach Therborn (2006) vier Stufen: Distanzierung (Betonung von Unterschieden) – Exklusion (Formulierung von Eintrittsbarrieren) – Hierarchisierung (Schaffung von Zentrum-Peripherie-Relationen) – Verfestigung oder „Ausnutzung“ (langfristige Abhängigkeitsstrukturen). Mit diesen vier Mechanismen sind erkennbar auch Rechtfertigungssemantiken verbunden, die Ausund Abgrenzung legitimieren sollen. Diese Argumente der Grenzziehung sind in der Vergangenheit im Zuge der Erweiterung der Europäischen Union weniger zum Tragen gekommen als jetzt, in Zeiten der Krise, wo Diskussionen um eine „(v)erträgliche“ Größe der Union sowohl in der Wissenschaft als auch im öffentlichen Diskurs aufflammen.

Die Größe, die die Europäische Union mittlerweile erreicht hat, erscheint vielen BürgerInnen als wenig steuerund kontrollierbar. Die Raumsoziologie spricht hier nach Martina Löw (2001) von einer Syntheseleistung, die vollbracht werden muss, damit Raum tatsächlich auch Gestalt annehmen und handlungswirksam werden kann. Die Syntheseleistung umfasst dabei die Prozesse der Vorstellung, Wahrnehmung und Erinnerung, die eine Verknüpfung von Materie zu einem bestimmten Raum ausmachen. Die Fähigkeit solche Syntheseleistungen zu vollbringen wird unter anderem in der Sozialisation gelegt, und nicht zuletzt auch durch Bildungskapital beeinflusst (Löw 2001). Bereits Simmel konstatierte in seinem Essay zum Raum und der räumlichen Ordnung (1923): „Je primitiver die Geistesverfassung ist, desto weniger kann für sie Zugehörigkeit ohne lokale Gegenwärtigkeit bestehen und desto mehr sind dementsprechend auch die realen Verhältnisse auf diese persönliche Anwesenheit der Gruppenmitglieder angelegt“. Während in traditionellen Gesellschaften Solidarität primär noch auf persönlichen Sympathiegefühlen fußte, erfordern moderne Gesellschaften Solidaritätsbeziehungen, die oftmals über unpersönliche Institutionen und Systemintegration sowohl auf nationalstaatlicher als auch auf europäischer Ebene vermittelt werden.

Der vorliegende Beitrag schlägt eine Brücke zwischen individuellen Biographien und der Wahrnehmung der europäischen Integration in Zeiten der Wirtschaftsund Finanzkrise durch die BürgerInnen. Erstaunliche Parallelen der Semantiken auf individueller Ebene, bei der Beschreibung der eigenen Biographie,

und den Semantiken zur Beschreibung der Lage der Europäischen Gemeinschaft, lassen sich dabei anhand des empirischen Materials abbilden. Die Konstruktion von Erfolgsund Misserfolgsgeschichten auf individueller Ebene liefert wertvolle Einsichten in die Wahrnehmung der Gemeinschaft der Europäischen Union zu Zeiten der Krise. Eine Gleichsetzung europäischer Länder mit tatsächlichen, personifizierten Akteuren ist über weite Strecken im Interviewmaterial zu beobachten. Trotz normativer Umbrüche, wie sie beispielsweise durch die Emanzipation und Frauenerwerbstätigkeit oder Veränderungen in der Generationensolidarität im letzten Jahrhundert stattgefunden haben, existieren weiterhin verbreitete, geteilte Vorstellungen von Institutionen des Lebenslaufs wie und mit welcher Gewichtung zentrale Lebensbereiche – Bildung, Beschäftigung, Intimbeziehungen – im Zeitablauf zu einer konstanten Abfolge verknüpft werden sollen (Wohlrab-Sahr 1992). Durch die zunehmende Individualisierung treten persönliche Vergleiche vor sozialen Wettbewerb, und Parameter wie Schicksal, Risiko und Erfolg scheinen nicht zuletzt durch entsprechende Medienformate zu bestimmenden Kriterien in der Beurteilung von Biographien zu werden. Die frühere Klarheit von sozialem Aufund Abstieg wird nun durch eine Vielzahl möglicher Positionen ersetzt, die auf horizontale soziale Ungleichheiten hinweisen. Dabei sind ganz zentrale Bereiche sozialer Anerkennung wie (Intim-)Beziehungen, die Arbeitswelt, Generationenbeziehungen uvm. von diesen Umbrüchen betroffen (Honneth et al. 2013). Ein Revival konservativer Werte (Koppetsch 2013), sowie ein Rückgriff auf askriptive Merkmale wie nationale Zugehörigkeit oder eben berechenbare Merkmale wie Leistung können beobachtet werden. Befürchtungen, dass der gesellschaftliche Wertewandel der 1980er Jahre zu einem ungezügelten Hedonismus führen könnte und Werte wie Pflichterfüllung und Leistungsorientierung in den Hintergrund treten könnten, haben sich nicht bewahrheitet (Neckel und Dröge 2010). Der Unterschied zu Durkheims damaliger Zeitdiagnose der Anomie besteht wohl in einer vermeintlich kontrollierbaren Situation, in der jeder sein Schicksal in der Hand hat, wenn er denn nur richtig „wolle“.

Dennoch weisen zahlreiche Befunde auf eine Zunahme von Abstiegsängsten in breiten gesellschaftlichen Schichten von der Jahrtausendwende bis heute hin (vgl. Burzan und Kohrs 2014). Klaus Dörre (2010) spricht in diesem Zusammenhang bereits von sozialer Unsicherheit als „Schlüsselerfahrung“ in Lebensentwürfen und Biographien. Krämer et al. (2006) haben die Diffusion von Unsicherheiten in eine umfassende Typologie für arbeitsweltliche Zusammenhänge gekleidet, jedoch ist davon auszugehen, dass die „Verunsicherungsgesellschaft“ weitaus größere Bahnen zieht, und sich auch abseits von Erwerbstätigkeit und Berufsleben niederschlägt. Nicht erst die Erfahrung von Prekarität in der eigenen Biographie löst Unsicherheitsgefühle aus. Bereits die Wahrnehmung, dass Grenzen zwischen brüchigen und vermeintlich stabilen Biographien verschwimmen, kann zu Unsicherheiten führen. Soziale Vergleiche werden dabei unter „Gleichen“ oder zumindest „Ähnlichen“, also unter relevanten Bezugsgruppen, angestellt (Merton 1995). So folgert Neckel (1999, S. 130), dass „… große soziale Distanz Neid ebensowenig entstehen lässt, wie die legitime Zuordnung verschiedener Personen und Klassen zu unterschiedlichen Anspruchskategorien“.

Die Fähigkeit Kohärenzsinn in Krisenlagen entwickeln zu können, ist in den nachfolgenden Interviews unterschiedlich verteilt. Objektive Lebenslagen korrespondieren oder konterkarieren mit subjektiven Wahrnehmungen, die ein komplexes Bild des Umgangs mit Wandel und Krisen entstehen lassen. Kohärenzgefühl entsteht an jenen biographischen Orten, wo die Prozesshaftigkeit des Wandels begriffen und (mitunter geduldig) ausgehalten werden kann. Korrespondierend zu den Entwicklungen im Bereich individueller Biographien und Lebensläufe, also der Herausforderung Kohärenzgefühl in Krisen und „Ausdauer“ in deren Bewältigung herzustellen, konstatiert Münkler (2004), dass solidarisches Verhalten nicht per se im Abnehmen begriffen ist, sondern dass es heute vermehrt durch Kurzfristigkeit und Punktualisierung gekennzeichnet ist. Damit einhergehend ist das Bedürfnis an „Kündigungsoptionen“ solcher „Verträge“ gegeben, sowie der Wunsch (unmittelbare) Effekte des Engagements oder Einsatzes zu sehen. Inwieweit nun Krisenwahrnehmungen auf individueller Ebene Solidaritätsbekundungen auf gemeinschaftlicher Ebene beeinflussen, soll im folgenden Abschnitt anhand von 18 qualitativen Interviews näher beleuchtet werden.

 
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