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5.2 Transnationale Solidarität auf dem Prüfstein – Erkenntnisse aus dem Interviewmaterial

Das Interviewmaterial, auf das im Folgenden Bezug genommen wird, besteht aus einem Korpus von 18 narrativen Interviews, die im Herbst 2012 in Salzburg von eigens geschulten InterviewerInnen erhoben wurden. Die Interviews folgten dabei einer Logik von einem sehr offenen, freien Beginn (biographisches Interview) hin zu einem stärker problemzentrierten Abschluss (photo elicited Interview). Den InterviewpartnerInnen wurden nach Überleitung von ihrer Biographie hin zu ihrem Leben in der Europäischen Union und der Wahrnehmung der aktuellen Wirtschaftsund Finanzkrise, acht ausgewählte Bilder vorgelegt, die sich mit Aspekten europäischer Integration und Desintegration befassten, und zu denen die Befragten abschließend frei assoziieren konnten. Dabei wurde bewusst auch auf bekannte mediale Darstellungen zurückgegriffen, um Wirkungen des öffentlichen Diskurses bei den InterviewpartnerInnen zu beleuchten. Ein besonderes Element dieses pro- blemzentrierten Abschnitts stellte eine geographische Karte Europas dar, auf der die Befragten die ideale Größe der Europäischen Union aus ihrer Sicht bestimmen konnten, bzw. „erwünschte“ Länder markieren und „unerwünschte“ Länder bzw. Beitrittskandidaten ausstreichen konnten [1]. Ein Beispiel für die Konstruktion von Abgrenzungsvorstellungen – in diesem Fall anhand pauschaler Sympathieund Antipathiebekundungen – zeigt folgende Passage aus einem Interview mit einer 77jährigen Frau mit Lehrabschluss:

Ukraine… das scheidet für mich aus. Türkei ist ein heißer Punkt. Ähm. Die sind noch nicht reif für meinen Geschmack für die EU. Die sind noch nicht reif. Ein Aspirant für die Zukunft, aber sind noch nicht reif. Würde ich sagen. (…) Also Türkei schließe ich noch aus. Griechenland ist ja sowieso dabei, das ist ein Aspirant zum Austreten… wäre auch nicht fein. Zypern ist auch heiß… Griechenland ist sowieso dabei, Türkei schließe ich aus. Bulgarien? Nein! Rumänien? Ja, die könnten wir mitnehmen. Ukraine? Nein! Russland ist mir zu… So. Italien haben wir sowieso. Slowenien, Andorra, Spanien, Frankreich, ja da geht es ja sowieso weiter. Dänemark ist nicht dabei. Großbritannien will raus. Irland, Niederlande, Lettland, Estland, Finnland, Schweden. Die sind ja auch nicht… Weißrussland, Polen, Weißrussland… also die Russen würde ich ausschließen. Schweden, das ist sowieso… ja. Schweden, Finnland, die Finnen sind ja auch so komische Käuze. Norwegen, Dänemark, machen wir das jetzt groß. Das ist sowieso dabei. Ok? Frankreich, Spanien. Da unten müssen wir das auch noch ziehen. Griechenland. (Z575–592)

Die Auswahl der Interviewpersonen erfolgte – in Hinblick auf eine später geplante quantitative Repräsentativerhebung – einem theoretischen Sampling, das möglichst breit in verschiedenen Bevölkerungsgruppen streuen sollte, und deshalb die Merkmale Alter, Geschlecht, Bildung und Erwerbsstatus berücksichtigte. Die Auswertung des Materials wurde sowohl mittels qualitativer Inhaltsanalyse (Mayring 2000) als auch mittels Narrationsanalyse (Lucius-Hoene und Deppermann 2004) vorgenommen. Die beiden Verfahren ergänzten sich in ihrer recht unterschiedlichen Schwerpunktsetzung. Während: während die Vorteile der qualitativen Inhaltsanalyse ganz klar in der Möglichkeit liegen, sich Überblick über das Material zu verschaffen, liegen die Stärken der Narrationsanalyse in ihrem detailgetreuen Wesen. Die Analyse von Deutungsmustern sowie (inferioren und superioren) Positionierungsstrategien, wie sie das Herzstück der Narrationsanalyse darstellen, ermöglichen eine Herleitung jenes sozialen Horizonts, vor dem Identitäten, Werte, Normen und reziproke Verantwortungen entwickelt werden. Die abschließende Typenbildung soll eine Verschränkung von individuellen Biographien und (Krisen-)Wahrnehmungen auf Ebene der Europäischen Union ermöglichen.

Solidaritätsbrüche finden sich im Interviewmaterial besonders an jenen Stellen, an denen sich Befürchtungen manifestieren, die Europäische Union und ihre Stellung in der Welt(politik) könnten durch sogenannte „Krisenländer“ abgewertet werden. Diese Befürchtungen wurden vor allem durch fortlaufende Veröffentlichungen der Ergebnisse von Ratingagenturen zur Wirtschaftslage in der Hochzeit der Krise genährt, die vermutlich nur für geringe Teile der Bevölkerung in ihrem tatsächlichen Ausmaß und Hintergrund verständlich waren. Bei den InterviewpartnerInnen kann nicht generell von einer EU-Skepsis oder gar Austrittswünschen gesprochen werden – die Mitgliedschaft in der Europäischen Union wird nicht generell negativ gesehen – man möchte viel mehr einer Gemeinschaft der „Besten“ angehören, deren Reputation sich auch auf die individuelle Identität überträgt. Die Mitgliedschaft soll mit Stolz erfüllen und eine exquisite „Visitenkarte“ im Inund Ausland darstellen. Zentral scheint dabei auch die Vorstellung einer Einzigartigkeit dieser Gemeinschaft zu sein: hier – so die InterviewpartnerInnen – sollen nicht die „Vereinigten Staaten von Europa“ geschaffen werden, sondern eine ganz spezifische Gemeinschaft am europäischen Kontinent verankert werden, für die es kein bestehendes Vorbild am Globus gibt. In den Aussagen der Befragten finden sich immer wieder Metaphern, die auf einen hohen Lebensstandard in dieser einzigartigen Gemeinschaft hinweisen: das Land in dem Milch und Honig fließen, das Paradies, jemanden durchfüttern, Butterberge, Speck, Sauce Hollandaise, Weinfässer uvm. Mitgliedschaften sollen nur jene Länder beantragen können, die diesem hohen Lebensstandard bereits vor dem Beitritt gerecht werden können. Innerhalb der Europäischen Union wünschen sich einige InterviewpartnerInnen, so kann vorab zusammenfassend gesagt werden, ein striktes Vorgehen und Durchgreifen, um auch die Gemeinschaft gegen Bedrohungen von „außen“ (genannt werden die USA, China, Indien und andere Schwellenländer) zu schützen:

Ich bin der Meinung, dass wir eine starke Europäische Union brauchen, auch als Gegengewicht zu den Amerikanern oder den Chinesen. Denn sonst fressen die uns wieder total. (männlich, Matura, 64 Jahre; Z555–557)

Vielleicht ist es auch zu blauäugig, aber ich denke wir haben mehr Macht international, weil man eine größere Verhandlungsbasis hat. Wenn man jetzt gegen China oder mit China oder wem auch immer verhandelt. (weiblich, Universität, 23 Jahre; Z377–379)

Im Anschluss an diese erste Skizze von Argumentationsstrategien im Interviewmaterial sollen nun erste Typologisierungen erfolgen, die die Bandbreite in Hinblick auf mögliche Solidaritätsbrüche im Material wiedergeben. So weit wie möglich soll dabei rekonstruiert werden, welchen Einfluss geänderte „Rahmenbedingungen“ wie die Wirtschaftsund Finanzkrise auf Solidaritätsbekundungen von ÖsterreicherInnen im Kontext der Europäischen Union haben. Um solche Dynamiken aufzuzeigen bzw. die These eines „exklusiven Klubs“ zu festigen, macht es Sinn auf drei Ebenen zu analysieren: die Darstellung von gesellschaftlichem und individuellen Wandel durch die InterviewpartnerInnen; die Darstellung bzw. Entwicklung von Handlungsstrategien im Umgang mit „Misserfolgen“; die Darstellung von Erfolgen bzw. die Attribuierung selbiger zu wahrgenommenen „GewinnerInnen“ der Situation.

  • [1] Um Simmels (1923) berühmter Darstellung zu folgen: „Die Grenze ist nicht eine räumliche Tatsache mit soziologischen Wirkungen, sondern eine soziologische Tatsache, die sich räumlich formt.“
 
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